Gemälde von Jacob Isaacsz. van Swanenburg (Umkreis), um 1630.
Die Ansicht zeigt die Fassade von St. Peter mit den Glockentürmen, wie sie der Tessiner Carlo Maderno ursprünglich vorgesehen hatte. Nach dem Tod Papst Pauls V. werden alternative Projekte entwickelt und die Türme nie ausgeführt. Gemälde von Jacob Isaacsz. van Swanenburg (Umkreis), um 1630. Musei Vaticani, Città del Vaticano

Schweizer Baumeis­ter und die Barocki­sie­rung Europas

Architekten aus dem Tessin und dem Misox trugen den Baustil des Barock in die ganze Welt. Sie sind für das heutige Aussehen einige der wichtigsten Kirchen und Schlösser Europas verantwortlich, darunter der Petersdom in Rom.

Axel Christoph Gampp

Axel Christoph Gampp

Axel Christoph Gampp ist Professor für Allgemeine Kunstgeschichte an der Universität Basel und Professor für Geschichte und Architektur an der Fachhochschule Bern.

Unter «Barock» versteht man den ersten globalen Stil. Zeugnisse des «Barock» gibt es nicht nur in Europa, sondern auch in Asien und in Südamerika. Anfang und Ende der Epoche lassen sich nur ungefähr bezeichnen: der Barock beginnt im ausgehenden 16. Jahrhundert und klingt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus. Den Anstoss zu seiner Entstehung hat die katholische Kirche gegeben. In der wichtigsten Bischofsversammlung des 16. Jahrhunderts, dem Konzil von Trient, das zwischen 1545 und 1563 immer wieder tagte, wurde ganz am Ende auch eine Reform der Bildenden Künste in Aussicht gestellt. Die Umsetzung sollte aber in den einzelnen Bistümern folgen. Die Anregung zur gesamten Bewegung kam im Grunde genommen also vom Papst in Rom. Dort sollte der Barock auch in besonders prominenter Weise auftreten. Durch einen Umstand, der schwer zu ergründen ist, kamen dort drei Tessiner in führende Rollen: Domenico Fontana (1543-1607), sein Neffe Carlo Maderno (um 1556-1629) und dessen entfernter Verwandte Francesco Borromini (1599-1667). Diese drei drückten der Ewigen Stadt den neuen barocken Stempel auf. Domenico Fontana wurde unter Papst Sixtus V. päpstlicher Baumeister. In dieser Funktion hat er in das Gefüge der Stadt eingegriffen. Die grossen Pilgerkirchen, Sankt Peter, San Giovanni in Laterano, Santa Maria Maggiore, San Paolo fuori le Mura und Santa Croce in Gerusalemme wurden durch ein Netz vollkommen gerader Strassen miteinander verbunden. Sie nahmen auf Steigungen und Gefälle im Geländer keinerlei Rücksicht, sondern bildeten eine Art «Autobahn» für die Pilger, die wegen dieser Hauptkirchen die Heilige Stadt besuchen wollten. Vor den wichtigsten Zentren, St. Peter, Lateran und Santa Maria Maggiore, wurden Platzanlagen geschaffen, vor St. Peter und vor San Giovanni in Laterano wurden Obelisken aufgestellt. Fontana hat zudem die wichtigsten Papstpaläste, jenen von St. Peter und jenen vom Lateran, neu errichtet. In den architektonischen Details hielt er sich dabei an das grosse Vorbild jener Tage, den 1564 verstorbenen Michelangelo.
Das Porträt von Domenico Fontana (1543–1607), der einen Obelisken in den Händen hält, verweist auf seine bedeutende städtebauliche Leistung, die Errichtung von Obelisken an wichtigen Punkten und Strassenachsen von Rom.
Das Porträt von Domenico Fontana (1543–1607), der einen Obelisken in den Händen hält, verweist auf seine bedeutende städtebauliche Leistung, die Errichtung von Obelisken an wichtigen Punkten und Strassenachsen von Rom. Zentralbibliothek Zürich
In einem Buch von 1590 dokumentiert Domenico Fontana seine ingenieurmässige Herangehensweise bei der Errichtung des vatikanischen Obelisken. Bemerkenswert ist die grosse Anzahl Menschen, Pferde und Material, die für den Transport nötig ist.
In einem Buch von 1590 dokumentiert Domenico Fontana seine ingenieurmässige Herangehensweise bei der Errichtung des vatikanischen Obelisken. Bemerkenswert ist die grosse Anzahl Menschen, Pferde und Material, die für den Transport nötig ist. ETH-Bibliothek Zürich
Carlo Maderno konnte seinem Onkel als päpstlicher Baumeister nachfolgen. Ihm fiel eine besonders prominente Aufgabe zu. Michelangelo hatte St. Peter als einen Bau über einem griechischen Kreuz mit gleichlangen Kreuzarmen geplant. Doch im frühen 17. Jahrhundert wollte der amtierende Papst Paul V. ein Kirchenschiff. Der östliche Kreuzarm sollte dazu verlängert werden. Die Aufgabe fiel Maderno zu, der damit gleichzeitig für eine neue Fassade von St. Peter verantwortlich wurde. Von der Idee her konnte er auf einen früheren Bau von sich zurückgreifen, Santa Susanna. Wie dort, hat er in St. Peter ein ausgewogenes Spiel mit flachen Pilastern, Halb- und Vollsäulen zur Anwendung gebracht, so dass die Fassade gegen ihre Mitte allmählich an Dreidimensionalität gewinnt. Carlo Maderno hat ebenfalls dem Palastbau wichtige Anregungen verliehen. Im Palazzo Mattei hatte er die eigenwillige Idee, antike Reliefs und moderne Architektur aufs engste in einen Bezug zu setzen, so dass ein heiteres Spiel zwischen alt und neu daraus hervorging.
Kupferstich von Philippus Bonnanni, 1696.
Unter Papst Paul V. (1605–1621) wurde beschlossen, das Schiff des Petersdoms zu verlängern, sodass der Grundriss als lateinisches Kreuz dient. Carlo Maderno verwirklichte diese Idee zwischen 1606 und 1626. Dabei hielt er sich genau an die Architektursprache Michelangelos. Kupferstich von Philippus Bonnanni, 1696. Privatbesitz
Francesco Borromini als dritter wichtiger Tessiner in Rom hatte in Mailand ein Architekturstudium absolviert. Im Zentrum standen dort Kenntnisse von Mathematik, insbesondere von Geometrie. Borromini wird gegen die Mitte des 17. Jahrhunderts in Rom Kirchenbauten errichten, die sich über geometrischen Formen, Kreisen, Ovalen, Dreiecken, erheben. Dadurch entstehen Aussen- und Innenräume, bei denen Teile vor-, andere zurückspringen und wo alles in eine schwingende Bewegung gebracht wird. Damit hat er für zahlreiche Kirchen in ganz Europa einen neuen Trend gesetzt, der sich bis Ende des 18. Jahrhunderts fortsetzen wird.
Die 100er-Note der 6. Banknotenserie von 1976 erinnerte an Francesco Borromini und seinen Bau Sant’Ivo della Sapienza in Rom.
Die 100er-Note der 6. Banknotenserie von 1976 erinnerte an Francesco Borromini und seinen Bau Sant’Ivo della Sapienza in Rom. Schweizerisches Nationalmuseum
Auf der Rückseite der Note ist der Kuppelturm der Kirche Sant’ Ivo in Rom abgebildet.
Auf der Rückseite der Note ist der Kuppelturm der Kirche Sant’Ivo abgebildet. Schweizerisches Nationalmuseum
Wie diese drei Tessiner den Barock in Rom massgeblich zu verantworten hatten, waren auch im Norden, insbesondere im Nordosten von Europa wiederum Schweizer die führenden Baumeister. Sie stammten jedoch aus einem Gebiet in Graubünden, das eine Nahtstelle zwischen dem deutschsprachigen und dem italienischsprachigen Gebiet bildete: das Misox. Von dort kamen ganze Dynastien von Baumeistern, die es verstanden, italienische Architekturvorstellungen in den Norden zu exportieren. Italien und die klassische Architektur eines Michelangelo galten damals auch im Norden als das Höchste der Gefühle. Wer als Auftraggeber etwas auf sich hielt, wollte im italienischen Stil bauen. Die Misoxer Baumeister konnte diese Wünsche befriedigen. Sie traten in der Regel als Bautrupps auf. Gegen die lokalen Handwerker verstanden sie sich durchsetzen, weil sie sich häufig als Generalunternehmer mit Dumpingpreisen anboten. Sie konnten also einen Bau gleichsam schlüsselfertig hinstellen. Besonders präsent waren sie im Donauraum und in Bayern. Ihr Aufstieg lässt sich über verschiedene Persönlichkeiten nachzeichnen. Den Gipfel bildeten Enrico Zuccalli (um 1642-1724) und sein Mitarbeiter und späterer Gegenspieler Giovanni Antonio Viscari (1645-1713). In den Händen von diesen beiden lagen um 1700 die zwei obersten Bauämter am Bayrischen Hof, jenes des Oberarchitekten und jenes des Hofmaurermeisters. Es ist deswegen nicht erstaunlich, dass die grosse barocke Residenz des Kurfürsten von Bayern, Schloss Schleissheim, durch den genannten Zuccalli errichtet wurde. Er hat auch für einen österreichischen Adeligen, den Grafen Kaunitz, gearbeitet und war massgeblich an der Planung von dessen Wiener Palais, dem heutigen Palais Liechtenstein, mitbeteiligt. Von ihm ist die Idee ins Habsburgerreich gekommen, wie am römischen Palazzo Chigi-Odescalchi die Palastfassade in drei Glieder zu unterteilen und den mittleren Teil besonders auszuzeichnen, indem er die seitlichen leicht überragt und mit den grossen Pilastern über zwei Stockwerke geschmückt ist. Das machte in Wien und letztlich im gesamten Habsburgerreich Schule und hat den dortigen Palastbau nachhaltig geprägt.
Zeichnung von Enrico Zuccalli um 1689.
Enrico Zuccalli entwarf das Palais Kaunitz (heute Palais Liechtenstein) in Wien. Die Dreigliederung mit dem durch Kolossalpilaster charakterisierten Mittelrisalit hatte Zuccalli vom Palazzo Chigi-Odescalchi in Rom übernommen. Das durch Domenico Martinelli ausgeführte Palais sollte für den Wiener Palastbau generell zum Vorbild werden. Zeichnung von Enrico Zuccalli um 1689. Privatsammlung Lucca, Foto Lucio Ghilardi
Wien war allerdings bei weitem nicht die letzte Station, an der Schweizer bei der Einführung des Barockstiles das Heft in der Hand hatten. Viel weiter im Osten, in Polen und in Litauen, wirkten andere Misoxer und überaus prominent auch eine Tessiner Familie, die Tencalla. Einer ihrer Mitglieder, Costante Tencalla (um 1590-1646) sollte in Vilnius die Kapelle für den heiliggesprochenen Königssohn Casimir sowie weitere wichtige Kirchen in der Stadt errichten.
Das Innere der St. Kasimir-Kapelle in Vilnius, Litauen, erbaut 1623–36.
Das Innere der St. Kasimir-Kapelle in Vilnius, Litauen, erbaut 1623–36. Wikimedia / Diliff
Die Schweizer, sie seien Tessiner oder Misoxer, erwiesen sich also für die Barockisierung sowohl im Süden (Rom) wie im Norden (Habsburgerreich) als die wesentlichen Akteure. Ihr Stern begann zu sinken, als jener Frankreichs aufstieg. Den französischen Stil beherrschten sie nicht. Aber wo Italien nach wie vor gefragt war, wie bspw. im Russland Zar Peters des Grossen, dort konnten sie sich weit ins 18. Jahrhundert hinein behaupten. Ein barockes Europa ohne Schweizer Baumeister und Architekten wäre unvorstellbar. Sie bildeten in gewisser Hinsicht das Auge jenes Barockorkans, der damals ganz Europa erfasste.

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