Im September 1890 am Achensee: Bertha und Wilhelm Conrad Röntgen in Emanuel Schmids Landauer.
Im September 1890 am Achensee in Österreich: Bertha und Wilhelm Conrad Röntgen in Emanuel Schmids Landauer. Deutsches Röntgen-Museum & Wilhelm Conrad Röntgen

«…mit Kutscher, Wagen und Pferden ausgezeich­net zufrieden.»

Im Fin de Siècle in den Alpen unterwegs: der Bündner Lohnkutscher Emanuel Schmid und sein weltberühmter Fahrgast Wilhelm Conrad Röntgen.

Peter Egloff

Peter Egloff

Der Volkskundler Peter Egloff ist Publizist in Zürich.

«Lohnkutscher-Tarif CHUR 1879» steht lapidar auf der Titelseite, und unscheinbarer kann ein Büchlein gar nicht sein: kaum handgross, von unbestimmtem Graubraun, mit abgewetztem Lederrücken, bestossenen Ecken und speckigen Seiten. Beim Durchblättern jedoch entpuppt es sich als veritabler Zeitreise-Führer durch die Belle Epoque. Nebst den Tariftabellen für die verschiedenen Fahrstrecken im Kanton Graubünden und zu angrenzenden Destinationen umfasst das Bändchen nämlich 80 unbedruckte Seiten mit handschriftlichen Empfehlungen für den Kutscher Emanuel Schmid aus Surrein-Sumvitg in der Surselva.
Mit Emanuel Schmid von Thusis nach Bozen und von Meran nach St. Moritz
«An entirely trustworthy driver», «empfohlen an Jedermann, der in Gebirgen reisen will»: Mit Emanuel Schmid von Thusis nach Bozen und von Meran nach St. Moritz. Peter Egloff / Privatarchiv Montagne-de-Courtelary
Von etwa 1880 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs importierte Emanuel Schmid im Winter Weine aus dem Veltlin. Im Sommer aber tauschte er die schweren Lastschlitten mit einem eleganten Landauer und war als Lohnkutscher unterwegs auf den Gebirgsstrassen und Pässen der Schweiz, Italiens und Österreichs. Und sein Tarif- und Empfehlungsbüchlein führt auf die Spuren der gesellschaftlichen Eliten Europas und der USA: Hier schreibt eine Baronin, dort ein Freiherr, ein paar Seiten weiter fällt ein Fahrgast aus London durch sein perfektes Deutsch auf oder einer aus Frankfurt am Main, indem er seiner deutschen Eloge eine elegante englische Kurzfassung anfügt. Im 19. Jahrhundert entdeckte die Leisure Class Europas und der USA die Reize der Alpenwelt und begeisterte sich für firnbedeckte Gipfel, rauschende Wasserfälle und unberührte wilde Natur. Was auch zu verstehen ist als frühe Reaktion auf die ökologischen Fatalitäten der Industrialisierung: In prickelnder Champagnerluft liessen sich die rauchenden Fabrikschlote und verschmutzten Flüsse der Niederungen vergessen. Das elegante Leben auf den Boulevards, in den Cafés und Salons der Metropolen verlagerte sich also temporär, vorerst vor allem im Sommer, in die zum Playground of Europe nobilitierten Alpen, in die Hotels der angesagten Destinationen. Anfänglich war diese Art der Sommerfrische den Angehörigen einer sehr schmalen Oberschicht vorbehalten. In der zweiten Jahrhunderthälfte wurden die Touristen aber zusehends zahlreicher, obschon es Ferien im arbeitsrechtlichen Sinn noch nicht gab. Ab 1858 war Chur von Norden her mit der Bahn erschlossen. Die wichtigen Bündner Pässe waren in rascher Folge ausgebaut worden, und während die Kutschen der eidgenössischen Post im Mittelland parallel zum fortschreitenden Eisenbahnbau verschwanden, erlebten sie im schweizerischen Alpenraum eine Blütezeit.
Die Julierpost in Savognin, um 1903.
Die Julierpost in Savognin, um 1903. ETH-Bibliothek
Auf allen wichtigen Strecken gab es in regelmässigen Abständen Postpferdehaltereien, wo die ermüdeten Gespanne gegen frische, getränkte und gefütterte Tiere ausgetauscht wurden. So konnten die Reisezeiten massgeblich verkürzt werden. Aber die Postkurse verkehrten auch in der Dunkelheit, und je nach Sitzplatz war die Aussicht sehr beschränkt. Zudem zwang die Postkutsche während vieler Tages- und Nachtstunden zu enger Tuchfühlung mit Hinz und Kunz und war auch darum nicht nach jedermanns Geschmack. Wer über eine gut gefüllte Börse verfügte, in umfassendem Sinn Herr seiner Zeit war und das vertiefte Erlebnis der Gebirgswelt suchte, der reiste stilvoll als Kutschenprivatier. Und das hiess: langsam.
Im Innern einer Postkutsche. Ausstattung der Gotthard-Postkutsche von 1850, die vor dem Landesmuseum Zürich steht.
Im Innern einer Postkutsche. Ausstattung der Gotthard-Postkutsche von 1850, die vor dem Landesmuseum Zürich steht. Schweizerisches Nationalmuseum
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Gotthard-Postkutsche von 1850 vor dem Landesmuseum Zürich.
Gotthard-Postkutsche von 1850 vor dem Landesmuseum Zürich. Schweizerisches Nationalmuseum
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Engagiert wurde dafür ein Lohnkutscher mit eigenem Gefährt und Gespann. Lohnkutschern war der Pferdewechsel en route durch das Postregal verwehrt, womit sich der Staatsbetrieb hinsichtlich Reisegeschwindigkeit einen Konkurrenzvorteil vorbehielt. Mit dem Lohnkutscher entsprachen Rhythmus der Reise und zurückgelegte Tagesdistanzen der langfristigen Leistungsfähigkeit der Pferde. Diese kontemplativ-geniesserische, exklusive Art von Langsamverkehr war Emanuel Schmids sommerlicher Broterwerb.
Bündner Lohnkutscher-Tarif 1879.
Für Normalsterbliche unbezahlbar: Bündner Lohnkutscher-Tarif 1879. Peter Egloff / Privatarchiv Montagne-de-Courtelary
Von 1880 bis 1906 finden sich im Schmid’schen Tarif- und Empfehlungsbüchlein 91 Einträge, in denen sich Fahrgäste mehr oder minder ausführlich und stets lobend über Kutscher, Wagen und Gespann äussern. Die Tariftabellen wiederum führen eindrücklich vor Augen, dass diese Art der Fortbewegung für die allermeisten Zeitgenossen unbezahlbar war. So kostete 1879 zum Beispiel die Reise von Chur nach St. Moritz für bis zu vier Personen im zweispännigen Landauer via Albula 130 Franken zuzüglich 10 Prozent Trinkgeld. Hinzu kam eine Übernachtung unterwegs. Sie war notwendig, weil die Fahrt, anders als mit der Postkutsche, in einem Tag ohne Pferdewechsel nicht zu schaffen war. Zum Vergleich: Der Taglohn eines kantonalen Wegmachers betrug zwischen 2.10 und 3 Franken. Und selbst der Direktor der Bündner Standeskanzlei hätte für diese gut anderthalbtägige Reise mehr als ein halbes Monatsgehalt hinblättern müssen! Emanuel Schmid bewegte sich also in einem höchst interessanten Geschäftsfeld. Unproblematisch war dieses aber nicht, und zwar am allerwenigsten in Graubünden. Rasch hatten sich die dicken Börsen der internationalen Gäste im ganzen Alpenraum herumgesprochen. Der Konkurrenzkampf um die solvente Kundschaft war heftig und die dabei herrschenden Praktiken rüde. Früh erkannte die Berner Regierung einen Regelungsbedarf und erliess 1856 ein erstes Kutscherreglement für das Berner Oberland. Es ging darum, die Sicherheit der transportierten Gäste zu gewährleisten, sie vor Belästigungen und Betrug zu schützen und damit den guten Ruf der Region als Reiseziel zu wahren. Auch die Regierungen anderer Gebirgskantone mit touristischem Verkehrsaufkommen zogen mit Kutscherverordnungen nach.
Zwischenhalt: Das Hotel Löwe & Post in Mulegns, an der Strasse zum Julierpass, um 1900.
Zwischenhalt: Das Hotel Löwe & Post in Mulegns, an der Strasse zum Julierpass, um 1900. Schweizerisches Nationalmuseum
Nichts davon in Graubünden, dem Kanton mit der sakrosankten Gemeindeautonomie. Hier versandeten sämtliche Bestrebungen, das private Kutschereigewerbe auf Kantonsebene in geordnete Bahnen zu lenken und den «Schutz der Reisenden vor lästiger Zudringlichkeit der Kutscher, vor Prellerei und Übervortheilung» zu gewährleisten. Der Bündner Lohnkutscherverband selbst beklagte «Übelstände» und erachtete eine kantonale Verordnung für dringlich. Umsonst – die Reglementierung der Lohnkutscherei verblieb in Graubünden in der Verantwortung einiger Kreise und Gemeinden. So bestimmt etwa Artikel 6 des «Allgemeinen Kutscher-Reglements für den Kreis Oberengadin» von 1890: «Der Kutscher hat sich stets eines höflichen und anständigen Benehmens zu befleissigen und soll sich ganz besonders vor Trunkenheit hüten.» Vor diesem Hintergrund werden Sinn und Nutzen der Empfehlungsschreiben im Büchlein von Emanuel Schmid unmittelbar einsichtig. Nach Nationalitäten aufgelistet ergibt sich folgendes Bild seiner dokumentierten Kundschaft: Deutsches Kaiserreich 45, Vereinigtes Königreich 25, Frankreich 10, Holland 4, USA 3, Dänemark 1. Mit 9 Einträgen ist Berlin die am häufigsten genannte Herkunftsstadt. Nur drei Schreiben stammen von Schweizer Fahrgästen, darunter eines von Leopold Iklé, einem der damals bekanntesten St. Galler Textilbarone.
Linke Seite: «Emanuel Schmidt hat mich und Familie von Chur nach Biasca geführt und spreche ich meine volle Zufriedenheit aus sowohl betreffs Wagen & Pferde als auch dessen Geschick als Kutscher und dessen artiges und freundliches Benehmen. Biasca 31 Aug 82, L[eopold] Iklé aus St. Gallen».
Linke Seite: «Emanuel Schmidt hat mich und Familie von Chur nach Biasca geführt und spreche ich meine volle Zufriedenheit aus sowohl betreffs Wagen & Pferde als auch dessen Geschick als Kutscher und dessen artiges und freundliches Benehmen. Biasca 31 Aug 82, L[eopold] Iklé aus St. Gallen». Peter Egloff / Privatarchiv Montagne-de-Courtelary
Unter den 91 Einträgen dürfte bei intensiverer Recherche noch allerhand Prominenz jener Jahre zu identifizieren sein. Schmids treuster Fahrgast war jedoch zweifellos auch sein berühmtester: Professor Wilhelm Conrad Röntgen, Träger des 1901 erstmals verliehenen Nobelpreises für Physik.
Linke Seite: In gestochen klarer Schrift hohes Lob vom späteren Nobelpreisträger.
Linke Seite: In gestochen klarer Schrift hohes Lob vom späteren Nobelpreisträger. Peter Egloff / Privatarchiv Montagne-de-Courtelary
Röntgen, Ordinarius für Physik an der Universität Würzburg, entdeckte in der Nacht des 8. November 1895 die nach ihm benannten Strahlen. Das revolutionierte nicht nur die medizinische Diagnostik, sondern führte gleich danach auch zur Entdeckung der Radioaktivität durch Henri Becquerel und Marie und Pierre Curie, was die Physik als Wissenschaft und unser Weltbild grundlegend veränderte.
Gruppenbild mit Damen, 1890 in Finstermünz. Auf dem Bock Lohnkutscher Emanuel Schmid.
«Röntgenbild» mit Damen, 1890 in Finstermünz, Österreich: Im Landauer sitzend Professorengattin Bertha Röntgen-Ludwig, auf dem Bock Lohnkutscher Emanuel Schmid. Deutsches Röntgen-Museum & Wilhelm Conrad Röntgen
Von 1873 bis 1913 verbrachte das Ehepaar Röntgen fast alljährlich einige Ferienwochen in Pontresina. Und noch Jahre nach Eröffnung der Albula-Eisenbahnlinie ins Engadin (1903) reisten Röntgens von Chur, bisweilen auch von Luzern, Lenzerheide, Flims oder anderen Orten aus mit dem Kutscher aus dem Bündner Oberland nach Pontresina. Aber der Kriegsausbruch 1914 stürzte den internationalen Tourismus in eine tiefe Krise und bedeutete das abrupte Ende von Schmids Lohnkutscherei wie auch seines Weinhandels mit dem Veltlin. Fortan kümmerte er sich nur noch um seine Landwirtschaft in Surrein-Sumvitg. Schmid starb 1924. Im Jahr darauf akzeptierten die Bündner Stimmbürger die Aufhebung des seit dem Jahr 1900 geltenden kantonalen Automobilverbots, welches sie zuvor in neun Abstimmungen zäh verteidigt hatten.
Graubünden liess als letzter Kanton den motorisierten Verkehr auf seinen Strassen zu. Abstimmungsflugblatt von Autogegnern, 1925.
Graubünden liess als letzter Kanton den motorisierten Verkehr auf seinen Strassen zu. Abstimmungsflugblatt von Autogegnern, 1925. Wikimedia / Rätisches Museum Chur

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