Das Bergell vom Piz Salacina aus: Das Tal wurde im 16. Jahrhundert zu einem einzigartigen Zentrum der italienischen Reformation in den Alpen.
Das Bergell vom Piz Salacina aus: Das Tal wurde im 16. Jahrhundert zu einem einzigartigen Zentrum der italienischen Reformation in den Alpen. Wikimedia

Die Reforma­ti­on im Bergell

Das Bergell war lange die geografische und kulturelle Verbindung zwischen dem italienischen, rätoromanischen und germanischen Europa. Das durch Handelsrouten, eine traditionell lokale Selbstbestimmung und religiöse Aufbruchsstimmung geprägte Tal wurde im 16. Jahrhundert zu einem einzigartigen Zufluchtsort für italienische Protestanten.

James Blake Wiener

James Blake Wiener

James Blake Wiener ist Historiker, Mitbegründer der World History Encyclopedia, Autor und PR-Spezialist, der in Europa und Nordamerika als Dozent tätig ist.

Webseite: worldhistory.org
Aufgrund seiner Lage zum Septimer-, Julier- und Splügenpass liegt das entlegene Bündner Tal an einem wichtigen Knotenpunkt zwischen Süd- und Mitteleuropa. Im Mittelalter füllten der Handel und lukrative Zölle auf den Strassen im und rund ums Bergell die Kassen des Bischofs von Chur, ebenso wie jene der lokalen Oberschicht: der Familien Salis, Torriani, Castelmur und Prevosti. Gegen Ende des Mittelalters strebten die Bewohnerinnen und Bewohner des Bergells immer stärker nach Unabhängigkeit vom Churer Bischof. An der Schwelle zum 15. Jahrhunderts begannen die Landschaften, ihre politischen Rechte durch die Wahl eines Podestà – dem Träger der richterlichen und öffentlichen Gewalt – auszuüben. In den Jahrzehnten vor der Reformation spaltete sich das Bergell, das lange als eine Verwaltungseinheit des Gotteshausbunds funktionierte, in zwei Gemeinden: Sopraporta («oberhalb des Tors») und Sottoporta («unter dem Tor»).
 
Ennet der Grenze in Italien lösten die Lehren Luthers und Zwinglis in den 1520er- und 1530er-Jahren ein breites Interesse und Debatten aus, insbesondere in den Städten der Lombardei, des Piemonts, des Veneto und der Toskana. Als Antwort auf das steigende Interesse an seiner Arbeit bei seinen italienischen Lesern wandte sich Zwingli im Vorwort seines Werks «Commentarius de vera et falsa religione» (1525) an die italienischen Evangelikalen.
Zwinglis «Commentarius de vera et falsa religione» fand in Italien grossen Anklang.
Zwinglis «Commentarius de vera et falsa religione» fand in Italien grossen Anklang. e-rara
Für viele italienische Gelehrte und Reformatoren wurden Zwinglis Schriften zur Grundlage ihres christlichen Glaubens und dessen Praxis. Überzeugt von den Grundsätzen der sola scriptura und sola fide – Allein die Schrift und Allein der Glaube –, hielten diese italienischen Protestanten auch Zwinglis Forderungen nach Schrifttreue und sein Verständnis des Abendmahls hoch. Bartolomeo Maturo, ein ehemaliger Prior des Dominikanerklosters von Cremona, war der erste italienische Reformator, der im Bergell reformierte Predigten hielt. Er kam 1532 ins Sopraporta. Trotz bescheidener Erfolge erwies sich Maturos Entschlossenheit und seine Hingabe als Vorbote für den kommenden italienisch-protestantischen Einfluss im Tal.
 
1541 gründete Papst Paul III. in Rom die Kongregation der Römischen und Universalen Inquisition, die später als Heiliges Offizium bekannt wurde. Einige Jahre später wurde 1547 das Heilige Offizium in Venedig gegründet, ein verlängerter Arm der Römischen Inquisition.
Dieses Video zeigt die Geschichte der Inquisition. Youtube
Tausende protestantische Flüchtlinge – Handwerker, Kaufmänner, ehemalige Geistliche und Humanisten – flohen aus Angst vor der Verfolgung durch die Inquisition aus Italien. Viele fanden Zuflucht in der nahen Schweiz, andere zogen nach England, Frankreich, in die deutschen Herzogtümer, nach Mähren, Polen-Litauen und Transsilvanien.
 
Nicht wenige der Flüchtlinge, die sich in der Alten Eidgenossenschaft und in den Drei Bünden niederliessen, waren gebildet und weltgewandt. Ihre Bekehrung zum Protestantismus rührte oft von ihrer Beschäftigung mit der Schrift, Handelsbeziehungen mit Schweizer und deutschen Reformierten und Protestanten oder Konflikten mit katholischen Obrigkeiten, einschliesslich jener in den Ordensgemeinschaften. Andere waren bekannte Theologen, die sich schlussendlich in hitzigen theologischen Debatten verfingen: Bernardino Ochino (1487–1564) aus Siena, Peter Martyr Vermigli (1499–1562) aus Florenz, Celio Secondo Curione (1503–1569) aus Cirié und Lelio Sozzini (1525–1562) aus Padua.

In Italien wird die Verfol­gung von Tag zu Tag grausamer, und das Üble daran ist, dass etliche widerru­fen und Christus verleug­nen; gleich­wohl verbrei­tet sich die Erkennt­nis in grossem Masse.

Pietro Paolo Vergerio in einem Brief von März 1551 über die Lage der Reformation in Italien
Die Anziehungskraft des Bergells für italienische Glaubensflüchtlinge war nicht zuletzt den Ilanzer Artikeln von 1524 und 1526 zu verdanken, die den Gemeinden in Graubünden bei der Konfessionswahl freie Hand liessen. Die Kirchenbücher zeigen, dass ab den 1540er-Jahren hauptsächlich Italiener die pfarramtliche Leitung inne hatten.
Vergleich der Konfessionen in Graubünden zwischen 1530 (links) und 1570 (rechts). Viele Gemeinden wechselten von katholisch (blau) zu reformiert (grün) oder wurden dank des Wirkens der italienischen Glaubensflüchtlinge wie Pietro Paolo Vergerio und Michelangelo Florio bikonfessionell (violett).
Vergleich der Konfessionen in Graubünden zwischen 1530 (links) und 1570 (rechts). Viele Gemeinden wechselten von katholisch (blau) zu reformiert (grün) oder wurden dank des Wirkens der italienischen Glaubensflüchtlinge wie Pietro Paolo Vergerio und Michelangelo Florio bikonfessionell (violett).
Vergleich der Konfessionen in Graubünden zwischen 1530 (links) und 1570 (rechts). Viele Gemeinden wechselten von katholisch (blau) zu reformiert (grün) oder wurden dank des Wirkens der italienischen Glaubensflüchtlinge wie Pietro Paolo Vergerio und Michelangelo Florio bikonfessionell (violett). Kulturforschung Graubünden / Kulturforschung Graubünden
Pietro Paolo Vergerio (ca. 1498–1565), der im von Venedig kontrollierten Istria geboren wurde, ist wohl der nennenswerteste der Flüchtlinge, die unmittelbar nach Beginn der Inquisition ins Bergell kamen. Vergerios aussergewöhnlicher Lebensweg entspricht dem eines Mannes der Renaissance. Der Absolvent der Universität Padua war Poet, Staatsanwalt und Richter, bevor er zum päpstlichen Nuntius des Erzherzogs Franz Ferdinand von Österreich in Wien und Prag ernannt wurde. Vergerio glaubte zwar anfänglich, dass Reformierte und Katholiken versöhnt werden können; sein Kontakt mit Luther und anderen deutschen Reformatoren veranlasste ihn aber schlussendlich dazu, zum reformierten Bekenntnis überzutreten. Fortan trat er vehement gegen die Korruption in der katholischen Kirche ein. Vergerios Überzeugungen und seine umfangreiche Korrespondenz zog zwischen 1544 und 1546 die Aufmerksamkeit der venezianischen Inquisition auf sich. Anstatt vor Gericht zu erscheinen floh Vergerio 1549 über Chiavenna ins Bergell.
 
Nach seiner Aufnahme in die Bündner Synode wurde Vergerio 1550 Pfarrer von Vicosoprano, wo er drei Jahre lang blieb. Seine Predigten fanden bei der freidenkerischen Talbevölkerung solch grossen Anklang, dass es ihm in weniger als zwei Jahren gelang, die Dörfer Soglio, Stampa und Bondo zu reformieren. Castasegna konvertierte 1555 vollständig. Obwohl sich die Reformation im Bergell dank Vergerio friedlich ausbreitete, war er ein überzeugter Bilderstürmer. 1551 entweihte ein Mob mit seiner Ermunterung die Kirche San Gaudenzio in Casaccio und warf Kultgegenstände in die Orlegna. Neben seiner Arbeit im Bergell spielte Vergerio eine aktive Rolle in Dolfino Landolfis Druckerei im Puschlav, die reformierte Schriften für italienische und rätoromanische Leser veröffentlichte. Sein persönlicher Eifer und seine Beaufsichtigung der Veröffentlichung antikatholischer Streitschriften festigten die reformierte Präsenz im Bergell, im Puschlav und im Oberengadin.
Reformierte mehrere Dörfer im Bergell: Pietro Paolo Vergerio (ca. 1498–1565).
Reformierte mehrere Dörfer im Bergell: Pietro Paolo Vergerio (ca. 1498–1565). Wikimedia
Während seines Pfarramts in Vicosoprano korrespondierte Vergerio zudem weiter aktiv mit den führenden reformierten Theologen in Zürich, Basel, Bern und Genf, wobei Heinrich Bullinger Vergerios Verständnis des Abendmahls für zu «lutherisch» hielt. In der Alten Eidgenossenschaft und den Drei Bünden sahen sich italienische Prediger, die als ketzerisch galten, Vergeltung, Verbannung und sogar dem Tod ausgesetzt. Auf keinerlei Sympathie stiessen jene, die täuferischen oder antitrinitarischen Überzeugungen verdächtigt wurden. Aus Angst vor Verfolgung und Repressalien verliess Vergerio das Bergell 1553 und nahm fortan in Osteuropa diplomatische Aufgaben für den Herzog Christoph von Württemberg wahr. Während seines ganzen Lebens verfasste Vergerio reformationsfreundliche Traktate; er unterstützte zudem den slowenischen Reformator Primož Trubar bei der Übersetzung des Neuen Testaments auf Slowenisch. Er starb 1568 in Tübingen, Deutschland.

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John Florio (ca. 1552–1618), Sohn des Gelehrten und Predigers Michelangelo Florio (1518–1566)
In den 1550er-, 1560er- und 1570er-Jahren wanderten die italienischen Protestanten weiter über das Bergell aus oder liessen sich dort nieder. Viele der späteren Ankömmlinge stammten aus Lucca und anderen toskanischen Städten und lebten zuvor bereits an anderen Orten in Europa, bevor sie sich im Tal niederliessen. Sie hatten beeindruckende, weitreichende Kontakte aus dem ganzen protestantischen Europa im Gepäck. Einer davon war der Humanist Michelangelo Florio (1518–1566). Der in der toskanischen Stadt Figline Valdarno geborene Florio hatte jüdische Vorfahren. Er verlor seine Eltern früh und wurde von entfernten Verwandten im Trentino aufgezogen. Florio schlug eine geistliche Laufbahn als Franziskanermönch ein und war ein strenggläubiger Katholik, bevor er verbotene lutherische Texte entdeckte und las. Überzeugt von der Klarheit und Rhetorik der Reformatoren bekannte sich Florio trotz der damit einhergehenden Gefahren leidenschaftlich zum Protestantismus. Sein offenes Predigen protestantischer Ideen führte zu seiner Festnahme wegen Ketzerei; er wurde 1548 in Rom inhaftiert.
 
Der findige Florio aber entkam aus der Gefangenschaft, bevor er zum Tode verurteilt wurde. Er floh zunächst nach Venedig, wo er sich an den englischen Botschafter wandte, der Florio Ende 1550 half, sich in London niederzulassen. Dank seiner Kontakte, unter anderem zum Erzbischof von Canterbury Thomas Cranmer und zum Staatsmann William Cecil, wurde Florio zum Prediger der italienischen Fremdenkirche in London berufen und erhielt eine grosszügige Jahresrente von 20 Pfund (entspricht 2025 etwa £9102) von Eduard VI. In England war Florio zudem der Italienischtutor von Lady Jane Grey, schrieb ein italienisch Grammatikbuch und machte Bekanntschaft mit der künftigen Königin Elisabeth I. Obwohl Florio ein hervorragender Redner war, fanden seine leidenschaftlichen Predigten bei den Mitglieder der italienischen Fremdenkirche keinen Anklang. Er wurde sogar von mehreren Mitgliedern des unziemlichen Umgangs mit der Mutter seines Sohnes – dem namhaften Humanisten John Florio (ca. 1552–1618) – bezichtigt.
 
Als 1553 die katholische Mary I. den englischen Thron bestieg, sah sich Florio ebenso wie andere Marianische Exulanten gezwungen, zu fliehen. Durch blossen Zufall traf Florio im April 1555 in Strassburg den aus Graubünden stammenden Adligen Friedrich von Salis. Trotz grossem Widerstand seiner Familie war Friedrich an Weihnachten 1552 zum reformierten Glauben übergetreten und benötigte nun neue Verbündete, um seinen Einfluss im Bergell zu halten. Friedrich bot Florio deshalb die freie Stelle als Pfarrer von Soglio in der Kirche San Lorenzo an, die zuvor von einem anderen italienischen Flüchtling, Michele Lattanzio, bekleidet worden war. Obwohl Soglio im Sottoporta mit seinen 400 Einwohnerinnen und Einwohnern ein krasser Gegensatz zu Londen war, nahm Florio Friedrichs Angebot an. Florio und sein kleiner Sohn John kamen am 27. Mai 1555 in Soglio an.
Blick auf die Kirche San Lorenzo und das Dorf Soglio.
Blick auf die Kirche San Lorenzo und das Dorf Soglio. Wikimedia
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In dieser Kirche predigte der Reformator Michelangelo Florio.
In dieser Kirche predigte der Reformator Michelangelo Florio. Wikimedia
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Das einfache Innere der Kirche widerspiegelt das dauerhafte Vermächtnis der italienischen Glaubensflüchtlinge in der Region.
Das einfache Innere der Kirche widerspiegelt das dauerhafte Vermächtnis der italienischen Glaubensflüchtlinge in der Region. Wikimedia
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Neben seinen sonntäglichen Pflichten, zu denen eine dreistündige Predigt gehörte, war Florio im nahen Piuro als Notar tätig und arbeitete als Privatlehrer. Er führte seine gelehrten Tätigkeiten weiter und übersetzte 1563 das bekannteste Werk über den Bergbau, «De re metallica» (1556) von Georgius Agricola, aus dem Lateinischen ins Italienische. Florio widmete die Übersetzung seiner einstigen Freundin Elisabeth I. von England. Er fuhr oft nach Chiavenna zu seinem ehemaligen Kollegen, dem berühmten Neoklassizist und Dramatiker Lodovico Castelvetro, und nach Castasegna, um den sizilianischen Prediger Girolamo Ferlito zu besuchen, der später den früheren Posten von Florio in der italienischen Fremdenkirche in London übernehmen würde. Während dem letzten Jahrzehnt seines Lebens führte Florio ein relatives ruhiges Leben im Bergell, bis sein lebenslanges philosophisches Liebäugeln mit dem Antitrinitarismus überhandnahm. 1561 verhörte die Bündner Synode Florio zum Antitrinitarismus, woraufhin er seine frühere Unterstützung widerrufen musste.
 
Im 16. Jahrhundert wurde das Bergell durch den ausgeprägten Kosmopolitismus der italienischen Reformation geprägt. Prediger wie Pietro Paolo Vergerio und Michelangelo Florio brachten protestantische Ideen aus Italien nach Norden und machten das Tal zu einem der wenigen Gebiete in Europa, in denen sich die reformierte Lehre von Süden nach Norden ausbreitete. Die Ankunft dieser Reformatoren und ihrer Anhänger verwandelte die ethnische, religiöse und sprachliche Zusammensetzung des Tals. Heute ist das Bergell weiter überwiegend reformiert und italienischsprachig. Das schmucklose Innere seiner Kirchen zeugt weiter vom fortbestehenden kulturellen, spirituellen und intellektuellen Vermächtnis dieser italienischen Glaubensflüchtlinge.

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