
Die Reformation im Bergell
Das Bergell war lange die geografische und kulturelle Verbindung zwischen dem italienischen, rätoromanischen und germanischen Europa. Das durch Handelsrouten, eine traditionell lokale Selbstbestimmung und religiöse Aufbruchsstimmung geprägte Tal wurde im 16. Jahrhundert zu einem einzigartigen Zufluchtsort für italienische Protestanten.
Ennet der Grenze in Italien lösten die Lehren Luthers und Zwinglis in den 1520er- und 1530er-Jahren ein breites Interesse und Debatten aus, insbesondere in den Städten der Lombardei, des Piemonts, des Veneto und der Toskana. Als Antwort auf das steigende Interesse an seiner Arbeit bei seinen italienischen Lesern wandte sich Zwingli im Vorwort seines Werks «Commentarius de vera et falsa religione» (1525) an die italienischen Evangelikalen.
1541 gründete Papst Paul III. in Rom die Kongregation der Römischen und Universalen Inquisition, die später als Heiliges Offizium bekannt wurde. Einige Jahre später wurde 1547 das Heilige Offizium in Venedig gegründet, ein verlängerter Arm der Römischen Inquisition.
Nicht wenige der Flüchtlinge, die sich in der Alten Eidgenossenschaft und in den Drei Bünden niederliessen, waren gebildet und weltgewandt. Ihre Bekehrung zum Protestantismus rührte oft von ihrer Beschäftigung mit der Schrift, Handelsbeziehungen mit Schweizer und deutschen Reformierten und Protestanten oder Konflikten mit katholischen Obrigkeiten, einschliesslich jener in den Ordensgemeinschaften. Andere waren bekannte Theologen, die sich schlussendlich in hitzigen theologischen Debatten verfingen: Bernardino Ochino (1487–1564) aus Siena, Peter Martyr Vermigli (1499–1562) aus Florenz, Celio Secondo Curione (1503–1569) aus Cirié und Lelio Sozzini (1525–1562) aus Padua.
In Italien wird die Verfolgung von Tag zu Tag grausamer, und das Üble daran ist, dass etliche widerrufen und Christus verleugnen; gleichwohl verbreitet sich die Erkenntnis in grossem Masse.

Nach seiner Aufnahme in die Bündner Synode wurde Vergerio 1550 Pfarrer von Vicosoprano, wo er drei Jahre lang blieb. Seine Predigten fanden bei der freidenkerischen Talbevölkerung solch grossen Anklang, dass es ihm in weniger als zwei Jahren gelang, die Dörfer Soglio, Stampa und Bondo zu reformieren. Castasegna konvertierte 1555 vollständig. Obwohl sich die Reformation im Bergell dank Vergerio friedlich ausbreitete, war er ein überzeugter Bilderstürmer. 1551 entweihte ein Mob mit seiner Ermunterung die Kirche San Gaudenzio in Casaccio und warf Kultgegenstände in die Orlegna. Neben seiner Arbeit im Bergell spielte Vergerio eine aktive Rolle in Dolfino Landolfis Druckerei im Puschlav, die reformierte Schriften für italienische und rätoromanische Leser veröffentlichte. Sein persönlicher Eifer und seine Beaufsichtigung der Veröffentlichung antikatholischer Streitschriften festigten die reformierte Präsenz im Bergell, im Puschlav und im Oberengadin.
Wer auf Reisen gehen will, der nehme stets zwei gut gefüllte Beutel mit. Den einen voll Geduld und den anderen voll Geld.
Der findige Florio aber entkam aus der Gefangenschaft, bevor er zum Tode verurteilt wurde. Er floh zunächst nach Venedig, wo er sich an den englischen Botschafter wandte, der Florio Ende 1550 half, sich in London niederzulassen. Dank seiner Kontakte, unter anderem zum Erzbischof von Canterbury Thomas Cranmer und zum Staatsmann William Cecil, wurde Florio zum Prediger der italienischen Fremdenkirche in London berufen und erhielt eine grosszügige Jahresrente von 20 Pfund (entspricht 2025 etwa £9102) von Eduard VI. In England war Florio zudem der Italienischtutor von Lady Jane Grey, schrieb ein italienisch Grammatikbuch und machte Bekanntschaft mit der künftigen Königin Elisabeth I. Obwohl Florio ein hervorragender Redner war, fanden seine leidenschaftlichen Predigten bei den Mitglieder der italienischen Fremdenkirche keinen Anklang. Er wurde sogar von mehreren Mitgliedern des unziemlichen Umgangs mit der Mutter seines Sohnes – dem namhaften Humanisten John Florio (ca. 1552–1618) – bezichtigt.
Als 1553 die katholische Mary I. den englischen Thron bestieg, sah sich Florio ebenso wie andere Marianische Exulanten gezwungen, zu fliehen. Durch blossen Zufall traf Florio im April 1555 in Strassburg den aus Graubünden stammenden Adligen Friedrich von Salis. Trotz grossem Widerstand seiner Familie war Friedrich an Weihnachten 1552 zum reformierten Glauben übergetreten und benötigte nun neue Verbündete, um seinen Einfluss im Bergell zu halten. Friedrich bot Florio deshalb die freie Stelle als Pfarrer von Soglio in der Kirche San Lorenzo an, die zuvor von einem anderen italienischen Flüchtling, Michele Lattanzio, bekleidet worden war. Obwohl Soglio im Sottoporta mit seinen 400 Einwohnerinnen und Einwohnern ein krasser Gegensatz zu Londen war, nahm Florio Friedrichs Angebot an. Florio und sein kleiner Sohn John kamen am 27. Mai 1555 in Soglio an.
Im 16. Jahrhundert wurde das Bergell durch den ausgeprägten Kosmopolitismus der italienischen Reformation geprägt. Prediger wie Pietro Paolo Vergerio und Michelangelo Florio brachten protestantische Ideen aus Italien nach Norden und machten das Tal zu einem der wenigen Gebiete in Europa, in denen sich die reformierte Lehre von Süden nach Norden ausbreitete. Die Ankunft dieser Reformatoren und ihrer Anhänger verwandelte die ethnische, religiöse und sprachliche Zusammensetzung des Tals. Heute ist das Bergell weiter überwiegend reformiert und italienischsprachig. Das schmucklose Innere seiner Kirchen zeugt weiter vom fortbestehenden kulturellen, spirituellen und intellektuellen Vermächtnis dieser italienischen Glaubensflüchtlinge.





