Franziska Dosenbach gründete Mitte des 19. Jahrhunderts ein Schweizer Schuhimperium.
Franziska Dosenbach gründete Mitte des 19. Jahrhunderts ein Schweizer Schuhimperium. Firmenfestschrift 1965

Ein Schuhim­pe­ri­um und 13 Kinder

Franziska Dosenbach aus dem Aargau war eine Pionierin des Schuhhandels und widersetzte sich dem klassischen Sattler- und Schuhmachergewerbe. Stattdessen bot sie einfache «Fabrikschuhe» an und hatte durchschlagenden Erfolg.

Michael van Orsouw

Michael van Orsouw

Michael van Orsouw ist promovierter Historiker, Bühnenpoet und Schriftsteller. Er veröffentlicht regelmässig historische Bücher.

Die grösste Schuhhandelskette der Schweiz trägt noch immer ihren Namen: Dosenbach. Rund 280 Filialen heissen wie die Gründerin: Dosenbach. 1800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verdienen ihr Geld bei: Dosenbach. Weniger bekannt als die vielen Schuhmodelle in den Läden ist die aussergewöhnliche Gründungsgeschichte von Dosenbach. Diese führt uns tief ins 19. Jahrhundert zurück. Die Luzernerin Anna Maria Francisca Buchmann war 21-jährig, als sie 1853 im aargauischen Bremgarten Kaspar Dosenbach heiratete. Dieser war Sattler und soeben aus Paris zurückgekehrt. Miteinander hatten sie 13 Kinder und einen florierenden Sattlerbetrieb im Städtchen an der Reuss. Trotz ihrer zahlreichen Schwangerschaften führte Franziska Dosenbach das Geschäft, wenn ihr Mann auf Stör ging.

Zauber­mit­tel Standardisierung

Auf der Ledermesse in Zürich sah sie viele Schuhe von süddeutschen Fabrikanten, die sich von den massgefertigten Schuhen der Schweizer Schuhmacher unterschieden, die sehr teuer waren und deren Herstellung zuweilen Wochen dauerte. Franziska Dosenbach erkannte das Potential dieser standardisierten Fertigschuhe und kaufte 1865 ein paar Dutzend Schuhe zusammen. Sie bot diese probehalber in der Sattlerei in Bremgarten an. Die Dosenbach-Chronik berichtet von viel Skepsis diesen «Fabrikschuhen» gegenüber. Dennoch fanden sie rasch ihre Abnehmer und die Geschäftsfrau realisierte, dass das industrielle Zeitalter für sie arbeitete. Die Kundschaft wollte nicht wochenlang auf Schuhe warten und dafür erst noch exorbitante Preise bezahlen.
Gemäldeporträt der jungen Franziska Dosenbach.
Gemäldeporträt der jungen Franziska Dosenbach. Firmenfestschrift 1965
Deshalb investierte Franziska Dosenbach als schlaue Unternehmerin in den neuen Geschäftszweig. Als ihr 1867 zwei deutschen Schuhfabrikanten ihre Restposten anboten, schlug sie zu. Von da an ging es Schlag auf Schlag oder besser Schritt für Schritt. Trotz der anhaltenden Skepsis des traditionellen Schuhgewerbes besuchte sie ab 1870 als selbstständige Schuhhändlerin die Messe am Hirschengraben in Zürich. Das Geschäft lief so gut, dass sich der Messebesuch rechnete und die Firmengründerin bald nur noch «Finke-Fränzi» genannt wurde. Messen in Luzern, später in Bern und Basel kamen hinzu. «Finke-Fränzi» bot ihre Schuhe auch auf Märkten in Brugg, Wohlen, Muri, Baden, Lenzburg, Reinach, Mellingen, Aarau, Villmergen, Affoltern am Albis und in Zug an. Der Grundstein des späteren Schuhimperiums war gelegt.
Dosenbachwerbung von Emil Cardinaux aus dem Jahr 1927.
Dosenbachwerbung von Emil Cardinaux aus dem Jahr 1927. Wikimedia / Plakatsammlung der Schule für Gestaltung Basel
Mitten in der Expansion ihres Geschäfts erkrankte 1877 ihr Ehegatte Kaspar an einer Lungenentzündung und starb. Franziska Dosenbach, 45-jährig, stand alleine mit 13 Kindern und einem Geschäft im Aufbruch da. Doch sie liess nicht unterkriegen: Sie gab die traditionelle Sattlerei auf und konzentrierte sich auf das Geschäft mit den Schuhen – seriell hergestellt und preiswert. Schon ein Jahr nach dem Tod ihres ersten Ehemannes eröffnete sie in Baden eine weitere Filiale ihres Schuhhauses, geleitet von Tochter Johanna. 1881 folgte die Stadtzürcher Filiale am Rennweg.

Zweite Ehe mit dem Jugendfreund

1883, im Jahr der Schweizerischen Landesausstellung in Zürich, heiratete sie zum zweiten Mal, nämlich ihren Jugendfreund Louis Wohler aus Wohlen (AG), einen verwitweten Schweizergardisten und Hotelier, der seine Frau in der Buchhaltung unterstützte. Die Expansion von Bremgarten aus ging weiter; Franziska Dosenbach baute ein eigenes Imperium auf, und dies in einer Zeit, als Frauen wohl als Arbeiterinnen, Hausfrauen und Mütter geduldet waren, aber nicht in wirtschaftlichen Führungspositionen. Sie war mit ihrem Unternehmen komplett eine Ausnahmeerscheinung. Obwohl «Finke-Fränzi» ein verblüffend selbstbestimmtes Leben führte, hielt sie nichts vom Frauenstimmrecht. Das sei etwas für Intellektuelle, nicht aber für Geschäftsfrauen wie sie, liess sie verlauten.
Während der Belle Epoque wandelte sich das Verhältnis der Menschen zu den Schuhen: Waren diese zuvor bloss Gebrauchsartikel gewesen, stiegen die Ansprüche an Form, Aussehen und Komfort; ab 1905 sprach man von «Schuhmode», die Schuhe waren Teil der Selbstdarstellung geworden. Dosenbach reagierte darauf mit einem breiteren Angebot und importierte sogar Modelle aus Amerika.
Dosenbachinserat aus der Zürcherischen Freitagszeitung, März 1896.
Dosenbachinserat aus der Zürcherischen Freitagszeitung, März 1896. e-newspaperarchives
Franziska Dosenbach hatte mehr als 100 Angestellte und besass bald 17 Liegenschaften, dennoch nahm sie sich Zeit für Musik, in dem sie zuhause in der Stube Klavier spielte. 1917 starb sie im 85. Lebensjahr nach längerer Krankheit. Die tüchtige Geschäftsfrau wurde in Bremgarten beigesetzt. In der Lokalzeitung Bremgarter Volksfreund hiess es, Franziska Dosenbach habe sich eine geschäftliche Selbständigkeit geschaffen, «nach der mancher gebildete Kaufmann umsonst streben wird».

In der Folge trotzte das Unternehmen zwei Weltkriegen und den Wirtschaftskrisen im 20. Jahrhundert – erst als die Dosenbachs in der Familie keinen Nachfolger für die Geschäftsführung mehr fanden, musste Carl Dosenbach, ein Enkel von «Finke-Fränzi», das Unternehmen verkaufen. Den Zuschlag erhielt 1973 das deutsche Schuhhandelshaus Deichmann – auch ein Unternehmen mit langer Tradition und bis heute in der Hand einer einzigen Familie. Seither ist der heute grösste Schuhverkäufer der Schweiz in deutschem Besitz. Aber die Schweizer Filialen tragen alle noch den Namen ihrer Gründerin: Dosenbach.
Die Dosenbachfiliale am Zürcher Rennweg, aufgenommen 1955.
Die Dosenbachfiliale am Zürcher Rennweg, aufgenommen 1955. e-pics

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