Eine der grössten Naturkatastrophen in der Schweiz: 1806 löste ein Bergsturz eine Flutwelle im Lauerzersee aus.
Eine der grössten Naturkatastrophen in der Schweiz: 1806 löste ein Bergsturz eine Flutwelle im Lauerzersee aus. © The Trustees of the British Museum

Tsunamis auf dem Vierwaldstättersee

Seit 2015 hat der Kanton Nidwalden die erste Tsunami-Gefahrenkarte der Schweiz. Wie kam es dazu?

Noah Businger

Noah Businger

Noah Businger ist Historiker und doktoriert in älterer Schweizer Geschichte an der Universität Bern.

In Nidwalden bereiten sich die Behörden auf einen Tsunami vor. Gemeinsam mit Forschenden der Universität Bern und der ETH Zürich ergänzte der Kanton die Gefahrenkarte Wasser mit dem Gefahrenpotential von Flutwellen. In aufwändiger Arbeit modellierten Spezialistinnen und Spezialisten mögliche Tsunamiwellen und quantifizierten das Zerstörungspotential und die Gefahr, die von Tsunamis auf dem Vierwaldstättersee für die Menschen ausgeht.
 
Dieser grosse Aufwand ist berechtigt. Die Ergebnisse der Berechnungen und Analysen zeigen: Die Gefahr ist real. In einem plausiblen Szenario dringt eine Tsunamiwelle an den Nidwaldner Ufern bis zu mehrere hundert Meter weit ins Landesinnere ein und verursacht erhebliche Schäden.
Bei einem Tsunami steht Buochs unter Wasser. Je dunkler das Grün, desto grösser die Intensität der Flutwelle.
Bei einem Tsunami steht Buochs unter Wasser. Je dunkler das Grün, desto grösser die Intensität der Flutwelle. Kanton Nidwalden, Intensitätskarte Flutwellen
Aber wie kommt der Kanton überhaupt auf die Idee, solche Berechnungen zu machen? Tsunamis werden landläufig mit den Weltmeeren und mit stark erdbebengefährdeten Gebieten in Verbindung gebracht und nicht mit voralpinen Seen. Der Ursprung liegt wie so oft in der Geschichte: Vor 500 Jahren kam es auf dem Vierwaldstättersee zu einem verheerenden Tsunami.

Renward Cysat ist erschüttert

Um 01 Uhr nachts des 18. Septembers 1601 bebte die Erde. Das Epizentrum lag unweit des Stanserhorns und mit einer gewaltigen, wissenschaftlich rekonstruierten Magnitude von 5,9 brachte das Beben die ganze Zentralschweiz zum Zittern. Bäume und Häuser standen schief, Bergflanken bröckelten.

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Beschreibung des Erdbebens von 1601 durch Renward Cysat
Aufgezeichnet wurde das Erdbeben von Renward Cysat (1545–1614). Der Luzerner Stadtschreiber und Chronist hielt sich zum Zeitpunkt des Bebens in Goldau auf. Tags darauf reitete er dem Vierwaldstättersee entlang nach Luzern. Bei Küssnacht sah er Schiffe, die «ussgeworffen am gestad, by 50 guotter schritten wyt hindersich von dem ordenlichen uffer dannen und jn die höhe by zweyen hallenbarthen hoch oder meer obsich geschlagen befunden». Die Schiffe lagen auf Land und zwar ganze zwei Hellebarden – also etwa vier Meter – über dem normalen Seespiegel.
 
Als Cysat Luzern erreichte, wurde ihm geschildert, wie sich das Wasser in der Reuss mehrmals ganz in den See zurückgezogen habe, nur um dann flutartig wieder ins Flussbett zurückzukehren. Heute weiss man, dass es sich dabei um sogenannte Seiches handelte. Dabei oszilliert das ganze Wasser des Sees von einer Seite auf die andere: Die Seeoberfläche steht schief und schwappt hin und her. Vom Ufer aus betrachtet zieht sich der See für einige Stunden zurück, nur um dann als meterhohe Flutwelle wieder zurückzukehren.
Nach einem Erdbeben können unterseeische Hangrutschungen Seiches auslösen. Dies war 1601 auf dem Vierwaldstättersee der Fall. Die grossen Flutwellen direkt nach dem Beben entwickeln sich zu einer hin und her schwappenden Schieflage des Sees.
Nach einem Erdbeben können unterseeische Hangrutschungen Seiches auslösen. Dies war 1601 auf dem Vierwaldstättersee der Fall. Die grossen Flutwellen direkt nach dem Beben entwickeln sich zu einer hin und her schwappenden Schieflage des Sees. Modifizierte Darstellung von Zaveer et al. 2025
1601 führte das zu Wellen, die in Ennetbürgen 500 bis 1000 Meter ins Landesinnere eindrangen. Und diese Wellen waren verheerend: Mindestens zehn Menschen starben in den Wassern.
 
Diese grossen Flutwellen wurden nicht direkt vom Erdbeben ausgelöst. Die Ursache des Tsunamis waren sogenannte subaquatische Sedimentlawinen. Durch das Erdbeben lösten sich an den unter Wasser liegenden Hängen riesige Massen an abgelagertem Schlamm und Gestein. Ähnlich wie bei einem Schneebrett glitt diese Sedimentlawine auf einer Schwachschicht kompakt nach unten in Richtung Seegrund. Dabei drückte das fallende Material das Wasser nach oben und die steigende Wassersäule löste an der Wasseroberfläche eine Tsunamiwelle aus. 1601 entstanden so Wellen von bis zu zehn Metern Höhe, die während ihrer Ausbreitung kaum an Mächtigkeit verloren und so die Seiches entstehen liessen.

Konsequen­zen damals und heute

Das Beben und die Flutwellen waren eine Katastrophe. Sie forderten Menschenleben, zerstörten Infrastruktur und verunsicherten die Gesellschaft. Die Luzerner Obrigkeit sah im Beben eine Strafe Gottes. Als Konsequenz verbot der Rat zwei Tage nach den furchtbaren Ereignissen jegliche ausufernde Feste und Fröhlichkeiten für mehrere Monate.

Unnd diewyl dann von der schwäre unnd vile unser sünden wegen Gott der allmech­tig uns verschi­nen montags znacht mit einem erschröck­li­chen erdbidem heimge­su­ocht. So habent miner gnädigen herren inn statt unnd land alles tantzen, spilen unnd überflüs­si­ges prassen, dessgly­chen alles geschrei, getümel, gesang und seittenspil, bis uff die fassnacht by schwärer straff abstri­cken und verbieten lassen.

Protokoll des Luzerner Kleinen Rates, 20. September 1601
Heute ist der Umgang mit den Tsunamis auf dem Vierwaldstättersee profaner. Im Vordergrund steht die Versicherung möglicher Schäden. Der Schweizerische Pool für Erdbebenversicherung hat berechnet, dass ein Ereignis wie das von 1601 heute allein Gebäudeschäden in der Höhe von bis zu neun Milliarden Franken verursachen würde.
Visualisierung der Flut von 1601 in der heutigen Umgebung im Raum Ennetbürgen/Buochs.
Visualisierung der Flut von 1601 in der heutigen Umgebung im Raum Ennetbürgen/Buochs. Anselmetti/Hilbe 2016
Dabei ist gerade Nidwalden besonders gefährdet. Im Buochser Seebecken bestehen nämlich ideale geologische Voraussetzungen, damit hohe Flutwellen entstehen können. Am flachen Flussdelta der Engelberger Aa können sich Tsunamiwellen auftürmen und weit in das Land hineindrängen. Zudem gibt es rund um das Seebecken viele Hänge, die 200 Meter tief unter Wasser reichen und wo sich viel Material für eine mächtige Sedimentlawine ansammeln kann. Wie überall am Vierwaldstättersee kommt auch am Buochser Seebecken hinzu, dass ein anhaltender Bauboom in Ufernähe das Schadenspotential eines Tsunamis stark gesteigert hat.

Doch die wissenschaftlichen Untersuchungen geben teilweise Entwarnung. Ein Ereignis wie 1601 wird es so schnell nicht mehr geben. Damals glitt so viel Material von den unterseeischen Hängen, dass es noch Jahrhunderte dauern wird, bis sich dort wieder die gleichen Massen aufgebaut haben.
 
Dennoch sind Tsunamis auf dem Vierwaldstättersee weiterhin möglich. Zwei Beispiele aus der Region zeigen, dass es an möglichen Auslösern nicht mangelt.

Bergstür­ze als Tsunami-Trigger

1806 kam es am Rossberg oberhalb von Goldau zu einem grossen Bergsturz. Über 30 Millionen Kubikmeter Gestein donnerten in die Tiefe und zerstörten das Dorf. Der Bergsturz löste dabei auf dem nahe gelegenen Lauerzersee einen Tsunami aus. Das Sturzmaterial fiel auf ein Moor, das an den See angrenzte. Diese Landmasse wurde durch die Energie des Bergsturzes ruckartig in den See hinein verschoben. Durch diese Bewegung entstand eine mehrere Meter hohe Flutwelle.
Der 16-jährige David Alois Schmid war Augenzeuge vom Goldauer Bergsturz und hielt es im Nachhinein bildlich fest. Auf der gegenüberliegenden Seite des Sees, zwischen Bergsturzgebiet und Ufer, lag das Gebiet Sägel. Schmid hielt fest, wie sich dort das Land haushoch auftürmte und in Richtung See verschoben wurde.
Der 16-jährige David Alois Schmid war Augenzeuge vom Goldauer Bergsturz und hielt es im Nachhinein bildlich fest. Auf der gegenüberliegenden Seite des Sees, zwischen Bergsturzgebiet und Ufer, lag das Gebiet Sägel. Schmid hielt fest, wie sich dort das Land haushoch auftürmte und in Richtung See verschoben wurde. © Foto: SKKG 2025, CC BY 4.0
Der Vierwaldstättersee ist eingerahmt von steilen Bergflanken. Auch hier kann ein Bergsturz auftreten und eine Flutwelle wie auf dem Lauerzersee auslösen. Damit sich aber unterseeische Sedimentlawinen lösen und es zu einem ähnlichen Ereignis wie 1601 kommt, ist ein starkes Erdbeben nötig. Und diese gibt es in der Zentralschweiz immer wieder.

Die nächste Flutwelle kommt

Das letzte grosse Zentralschweizer Erdbeben ereignete sich 1964 in Obwalden. Ein Erdbebenschwarm im Februar und März kulminierte in einem Beben mit einer Magnitude von 5,3. Vor allem Sarnen und Kerns waren von diesem Ereignis betroffen, kaum ein Haus blieb verschont. Obwohl keine Todesfälle oder Schwerverletzte zu beklagen waren, war die Angst vor einem noch stärkeren Erdbeben omnipräsent.
Ein beschädigtes Haus in Kerns und die beschädigte St.-Antonia-Kapelle in Sarnen, März 1964.
Ein beschädigtes Haus in Kerns und die beschädigte St.-Antonia-Kapelle in Sarnen, März 1964.
Ein beschädigtes Haus in Kerns und die beschädigte St.-Antonia-Kapelle in Sarnen, März 1964. Keystone / Keystone
Das Beben fand an einer ähnlichen Stelle und mit ähnlich viel Energie statt wie das Ereignis von 1601. Statt Sedimentlawinen und Flutwellen löste es aber nur Risse in Gebäuden und Angst in der Bevölkerung aus. Doch die Geschichte und die Geologie zeigen: Ein weiterer Tsunami auf dem Vierwaldstättersee ist möglich – die Frage ist nur, wann.

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