
Achtung, heiss! Die Geschichte der Hirsebreifahrt
1456 wurde ein Topf Hirsebrei an einem Tag auf dem Wasserweg von Zürich nach Strassburg transportiert. Bei der Ankunft war der Brei immer noch warm. Die Reise wurde im Jahr 1576 wiederholt und als Meisterleistung gefeiert, unterstrich aber vor allem das Bündnis zwischen den beiden Städten in einer politisch und religiös angespannten Zeit.
Zürich und Strassburg pflegen spätestens seit dem 13. Jahrhundert Beziehungen. Beide Städte waren Mitglieder des ersten Rheinisches Städtebunds von 1254, einem Selbstverteidigungsbündnis zwischen Reichsstädten. Noch enger wurden ihre Beziehungen 1455, als eine Freischar, der auch Zürcher Truppen angehörten, Strassburger Kaufleute befreite, die von Adligen aus dem schwäbischen Hegau in Eglisau festgehalten wurden.
Hirsebrei war im mittelalterlichen Europa ein weitverbreitetes Nahrungsmittel und gab dem Vorhaben seinen Namen. Für die Strecke benötigte man auf dem Wasserweg über Limmat, Aare und Rhein üblicherweise drei bis vier Tage, auf dem Land sogar doppelt so lange. Die wagemutigen Zürcher wollten jedoch auf die üblichen Zwischenhalte verzichten und die gesamte Strecke an einem Stück zurücklegen.
Das Vorhaben gelang. Die Männer, die von den Chronisten fortan als «Argonauten» bezeichnet wurden, erreichten ihr Ziel nach nur 22 Stunden. Damit bewiesen sie ihren Verbündeten, dass Zürich ihnen im Fall einer Bedrohung rasch zu Hilfe eilen konnte. Der Brei soll bei der Ankunft sogar noch so heiss gewesen sein, dass sich ein Strassburger beim Probieren die Lippen verbrannte.
Neuauflage in unsicheren Zeiten
1576 veranstaltete Strassburg erneut ein grosses Schützenfest. Es war eine Zeit religiöser Spannungen in Europa. Dies galt insbesondere für Strassburg und seine Umgebung, wo rund 15 Jahre später ein Religionskrieg ausbrechen sollte. Die Stadt nutzte daher die Gelegenheit, die Vielzahl der Verbündeten der Stadt zu demonstrieren – und das zudem am hundertjährigen Jubiläum der Schlacht bei Murten, bei der Strassburg und andere elsässische Städte die Eidgenossen im Kampf gegen den Herzog von Burgund unterstützt hatten.
Strassburg scheute keine Kosten und stellte ein Festprogramm zusammen, das sich über mehr als zweieinhalb Monate erstreckte. Das eigentliche Schützenfest fand vor den Toren der Stadt auf dem Schiessrain statt, an der Stelle des heutigen Parc du Contades. Es umfasste ein Armbrustschiessen am 28. Mai und ein Schiessen mit der Arkebuse am 10. Juni. Den Abschluss bildete eine grosse, von der Stadtregierung organisierte Lotterie, deren Ziehung am 13. Juli begann.
Anders als 1456 war die Fahrt nicht improvisiert und für Zürich von strategischer Bedeutung. In einer Zeit, in der sich in der Eidgenossenschaft katholische Länderorte und protestantische Städteorte gegenüberstanden und im Heiligen Römischen Reich die Gegenreformation voranschritt, wollte Zürich seine guten Beziehungen zu seinen protestantischen Verbündeten hervorheben. Anfang Juni schickte die Stadt deshalb ein offizielles Schreiben an die Strassburger Regierung. Darin kündigte sie die Fahrt an und bat darum, Unterkünfte für die Teilnehmer vorzubereiten. Der Zürcher Rat informierte zudem mehrere grössere Städte, darunter Basel, über die bevorstehende Durchfahrt des Schiffs.
Die Fahrt der Zürcher
Für das Vorankommen sorgten abwechselnd 18 Ruderer und 6 Steuerleute. Bei Laufenburg, wo der Rhein durch eine gefährliche Engstelle fliesst, wurde die Ladung auf ein neues Schiff weiter flussabwärts umgeladen und die Zürcher setzten ihre Reise fort.
Um zehn Uhr passierten sie Basel. Am späten Nachmittag erblickten sie in der Ferne die Spitze des Strassburger Münsters – Zeit, um die besten Kleider anzuziehen und die Banner der Stadt Zürich am Schiff zu befestigen. Am frühen Abend erreichten sie Strassburg. Nach rund 20 Stunden und etwa 200 zurückgelegten Kilometern gingen die Zürcher am Quai des Bateliers an Land. Auf beiden Seiten des Kanals jubelte ihnen eine riesige Menschenmenge zu. Begeistert fingen die Schaulustigen die Brötchen auf, welche die Ankömmlinge ihnen zuwarfen.
Nachdem das Schiff vor Anker gegangen war, empfing eine städtische Delegation die Zürcher. Kaspar Thomann wandte sich an die Strassburger Verbündeten und verkündete, sollte «Strassburg jemals in Not geraten, habe es Freunde, die ihm zu Hilfe eilen würden, ehe ein Teller Hirsebrei abgekühlt sei».
In den folgenden Tagen besuchte die Zürcher Delegation unter anderem das Schützenfest, besichtigte die Stadt und ihr Münster und bestaunte die Fahnen, die den Burgundern bei Murten abgenommen worden waren. Gut verpflegt und voller Erinnerungen machten sie sich schliesslich auf den Heimweg. Zuvor überreichten sie ihren Verbündeten jedoch noch ein letztes Geschenk: den berühmten Hirsebreitopf.
Ein viel gefeiertes Ereignis
Auch Gedichte wurden ihr gewidmet, darunter «Argo Tigurina» des Zürchers Rudolf Gwalther und «Das Glückhafft Schiff von Zürich» des aus Strassburg stammenden Johann Fischart. Der Hirsebreitopf, der 1870 bei den Bombardierungen durch deutsche Truppen beschädigt wurde, ist noch heute im Historischen Museum in Strassburg ausgestellt.
1884 wurde in Strassburg der Zürcher Brunnen errichtet. Das Denkmal erinnert nicht nur an die Hirsebreifahrt von 1576, sondern auch an ein Ereignis während des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870, als deutsche Truppen die Stadt belagerten. Vertreter aus Basel, Zürich und Bern hatten damals die Evakuierung von mehr als 2000 Zivilpersonen in die Schweiz ausgehandelt.
Seit der ersten Hirsebreifahrt wurden die befahrenen Flüsse durch Staudämme, Schleusen und andere Bauwerke jedoch stark verändert. Deshalb dauert die Reise heute zweieinhalb Tage und umfasst mehrere festliche Zwischenhalte in Schweizer, französischen und deutschen Städten. Die Boote sind zudem mit Motoren ausgestattet, die sie auf Abschnitten ohne Strömung voranbringen.
Der Hirsebreitopf wird erst in Kehl am gegenüberliegenden Rheinufer an Bord genommen. Sein Inhalt wird jedoch nach wie vor an die Strassburgerinnen und Strassburger verteilt. Die Ankunft in Strassburg wird mit einem grossen Volksfest gefeiert, an dem auch die städtischen Behörden teilnehmen. Der Tradition entsprechend finden am folgenden Tag ein Schützenfest und ein Turnier im Wasserstechen statt.
Die nächste Fahrt findet in diesem Jahr statt. Am 19. August werden die Mitglieder des Limmat-Clubs erneut in traditionellen Kostümen und von Musik begleitet auf der Limmat aufbrechen. Am Nachmittag des 22. August werden sie Strassburg erreichen.


