Volle Fahrt voraus nach Strassburg! Darstellung der Hirsebreifahrt, 1797.
Volle Fahrt voraus nach Strassburg! Darstellung der Hirsebreifahrt, 1797. Wikimedia

Achtung, heiss! Die Geschich­te der Hirsebreifahrt

1456 wurde ein Topf Hirsebrei an einem Tag auf dem Wasserweg von Zürich nach Strassburg transportiert. Bei der Ankunft war der Brei immer noch warm. Die Reise wurde im Jahr 1576 wiederholt und als Meisterleistung gefeiert, unterstrich aber vor allem das Bündnis zwischen den beiden Städten in einer politisch und religiös angespannten Zeit.

Christophe Droesch

Christophe Droesch

Christophe Droesch ist im Elsass geboren und aufgewachsen. Er arbeitet als Übersetzer und hat zahlreiche Beiträge des Blogs aus dem Deutschen ins Französische übersetzt.

Vom 13. bis 17. Jahrhundert war Strassburg ein Stadtstaat im Heiligen Römischen Reich. Wie andere freie Reichsstädte veranstaltete die Stadt Schützenfeste, die in der Tradition der mittelalterlichen Turniere standen. Diese gross angelegten Feste hatten auch eine diplomatische Dimension: Sie unterstrichen das Ansehen und die Macht der Stadt und ehrten gleichzeitig die Gäste und verbündeten Städte.

Zürich und Strassburg pflegen spätestens seit dem 13. Jahrhundert Beziehungen. Beide Städte waren Mitglieder des ersten Rheinisches Städtebunds von 1254, einem Selbstverteidigungsbündnis zwischen Reichsstädten. Noch enger wurden ihre Beziehungen 1455, als eine Freischar, der auch Zürcher Truppen angehörten, Strassburger Kaufleute befreite, die von Adligen aus dem schwäbischen Hegau in Eglisau festgehalten wurden.
Ansicht der Stadt Strassburg in einer Chronik aus dem Jahr 1493.
Ansicht der Stadt Strassburg in einer Chronik aus dem Jahr 1493. Wikimedia
Im folgenden Jahr veranstaltete die Strassburger Schützengesellschaft ein grosses Schützenfest und lud selbstverständlich auch die Zürcher ein. Die Zürcher Delegation bestand aus jungen Mitgliedern der Schifferzunft und der Schützengesellschaft. Sie wetteten, Strassburg in einem Ruderboot innerhalb eines einzigen Tages zu erreichen – mit einem Topf Hirsebrei an Bord, der bei der Ankunft noch warm sein sollte.

Hirsebrei war im mittelalterlichen Europa ein weitverbreitetes Nahrungsmittel und gab dem Vorhaben seinen Namen. Für die Strecke benötigte man auf dem Wasserweg über Limmat, Aare und Rhein üblicherweise drei bis vier Tage, auf dem Land sogar doppelt so lange. Die wagemutigen Zürcher wollten jedoch auf die üblichen Zwischenhalte verzichten und die gesamte Strecke an einem Stück zurücklegen.

Das Vorhaben gelang. Die Männer, die von den Chronisten fortan als «Argonauten» bezeichnet wurden, erreichten ihr Ziel nach nur 22 Stunden. Damit bewiesen sie ihren Verbündeten, dass Zürich ihnen im Fall einer Bedrohung rasch zu Hilfe eilen konnte. Der Brei soll bei der Ankunft sogar noch so heiss gewesen sein, dass sich ein Strassburger beim Probieren die Lippen verbrannte.

Neuauf­la­ge in unsiche­ren Zeiten

Im 16. Jahrhundert waren die beiden Städte noch enger miteinander verbunden. Vorübergehend hatten ihre Beziehungen während des Schwabenkriegs gelitten, als sich Strassburg auf die Seite der Habsburger und gegen die Eidgenossenschaft stellte. In den folgenden Jahrzehnten nahmen jedoch sowohl Zürich als auch Strassburg offiziell den Protestantismus an und verbündeten sich gegen römisch-deutschen Kaiser Karl V.

1576 veranstaltete Strassburg erneut ein grosses Schützenfest. Es war eine Zeit religiöser Spannungen in Europa. Dies galt insbesondere für Strassburg und seine Umgebung, wo rund 15 Jahre später ein Religionskrieg ausbrechen sollte. Die Stadt nutzte daher die Gelegenheit, die Vielzahl der Verbündeten der Stadt zu demonstrieren – und das zudem am hundertjährigen Jubiläum der Schlacht bei Murten, bei der Strassburg und andere elsässische Städte die Eidgenossen im Kampf gegen den Herzog von Burgund unterstützt hatten.

Strassburg scheute keine Kosten und stellte ein Festprogramm zusammen, das sich über mehr als zweieinhalb Monate erstreckte. Das eigentliche Schützenfest fand vor den Toren der Stadt auf dem Schiessrain statt, an der Stelle des heutigen Parc du Contades. Es umfasste ein Armbrustschiessen am 28. Mai und ein Schiessen mit der Arkebuse am 10. Juni. Den Abschluss bildete eine grosse, von der Stadtregierung organisierte Lotterie, deren Ziehung am 13. Juli begann.
Das grosse Schützenfest auf dem Schiessrain.
Das grosse Schützenfest auf dem Schiessrain. Wikimedia
Mehr als 340 Armbrustschützen und über 600 Arkebusenschützen reisten aus dem Heiligen Römischen Reich, seinen freien Reichsstädten und der Alten Eidgenossenschaft an. Auf eidgenössischer Seite nahmen die Orte Bern, Zürich, Uri, Schwyz, Unterwalden, Glarus, Zug, Freiburg, Luzern, Basel und St. Gallen teil. Zürich, dessen Schützen bei solchen Wettkämpfen regelmässig brillierten, entsandte Armbrust- und Arkebusenschützen. Eine dritte Delegation bestand aus rund 50 Bürgern unter der Leitung von Kaspar Thomann, einem äusserst wohlhabenden Eisenhändler und späteren Zürcher Bürgermeister. Der Gruppe gehörten Männer unterschiedlichen Alters und aus verschiedenen Berufsgruppen an, darunter Mitglieder des Kleinen Rats und sogar ein Geistlicher. Sie waren es, die am 20. Juni die Hirsebreifahrt ihrer Vorfahren wiederholten. Am Schützenfest selbst wollten sie allerdings nicht teilnehmen. Ihr Ziel war es, dem verbündeten Strassburg mit ihrem Besuch die Ehre zu erweisen.

Anders als 1456 war die Fahrt nicht improvisiert und für Zürich von strategischer Bedeutung. In einer Zeit, in der sich in der Eidgenossenschaft katholische Länderorte und protestantische Städteorte gegenüberstanden und im Heiligen Römischen Reich die Gegenreformation voranschritt, wollte Zürich seine guten Beziehungen zu seinen protestantischen Verbündeten hervorheben. Anfang Juni schickte die Stadt deshalb ein offizielles Schreiben an die Strassburger Regierung. Darin kündigte sie die Fahrt an und bat darum, Unterkünfte für die Teilnehmer vorzubereiten. Der Zürcher Rat informierte zudem mehrere grössere Städte, darunter Basel, über die bevorstehende Durchfahrt des Schiffs.
Die Zürcher schiffen sich am 20. Juni 1576 nach Strassburg ein. Radierung von Johann Konrad Werdmüller, um 1850.
Die Zürcher schiffen sich am 20. Juni 1576 nach Strassburg ein. Radierung von Johann Konrad Werdmüller, um 1850. Schweizerisches Nationalmuseum

Die Fahrt der Zürcher

Gegen ein Uhr morgens brachen die Zürcher auf. Mit an Bord befand sich der warme Hirsebrei in einem 120 Pfund schweren gusseisernen Topf, der von zuvor erhitztem Sand umgeben war. Nebst dem notwendigen Proviant führte die Delegation auch 300 Brötchen für die Strassburger Kinder mit.
Für das Vorankommen sorgten abwechselnd 18 Ruderer und 6 Steuerleute. Bei Laufenburg, wo der Rhein durch eine gefährliche Engstelle fliesst, wurde die Ladung auf ein neues Schiff weiter flussabwärts umgeladen und die Zürcher setzten ihre Reise fort.

Um zehn Uhr passierten sie Basel. Am späten Nachmittag erblickten sie in der Ferne die Spitze des Strassburger Münsters – Zeit, um die besten Kleider anzuziehen und die Banner der Stadt Zürich am Schiff zu befestigen. Am frühen Abend erreichten sie Strassburg. Nach rund 20 Stunden und etwa 200 zurückgelegten Kilometern gingen die Zürcher am Quai des Bateliers an Land. Auf beiden Seiten des Kanals jubelte ihnen eine riesige Menschenmenge zu. Begeistert fingen die Schaulustigen die Brötchen auf, welche die Ankömmlinge ihnen zuwarfen.

Nachdem das Schiff vor Anker gegangen war, empfing eine städtische Delegation die Zürcher. Kaspar Thomann wandte sich an die Strassburger Verbündeten und verkündete, sollte «Strassburg jemals in Not geraten, habe es Freunde, die ihm zu Hilfe eilen würden, ehe ein Teller Hirsebrei abgekühlt sei».
Rund 20 Stunden später ist die Herausforderung gemeistert: Der Hirsebrei ist noch warm angekommen.
Rund 20 Stunden später ist die Herausforderung gemeistert: Der Hirsebrei ist noch warm angekommen. Schweizerisches Nationalmuseum
Anschliessend wurde der Topf unter dem Jubel der Bevölkerung durch die Strassen bis zum Zunfthaus der Maurer getragen, wo die Strassburger Stadtregierung die Zürcher empfing. Nachdem alle Gäste im Festsaal Platz genommen hatten, wurde der Brei den staunenden Anwesenden serviert.

In den folgenden Tagen besuchte die Zürcher Delegation unter anderem das Schützenfest, besichtigte die Stadt und ihr Münster und bestaunte die Fahnen, die den Burgundern bei Murten abgenommen worden waren. Gut verpflegt und voller Erinnerungen machten sie sich schliesslich auf den Heimweg. Zuvor überreichten sie ihren Verbündeten jedoch noch ein letztes Geschenk: den berühmten Hirsebreitopf.
Hat schon einiges erlebt: Der Hirsebreitopf aus dem Jahr 1576. Für die Feierlichkeiten 1975 wurde er aus dem Museum geholt.
Hat schon einiges erlebt: Der Hirsebreitopf aus dem Jahr 1576. Für die Feierlichkeiten 1975 wurde er aus dem Museum geholt. Staatsarchiv Basel-Stadt, BSL 1013 1-6773 1, Foto: Hans Bertolf

Ein viel gefeier­tes Ereignis

Strassburg und Zürich sorgten dafür, dass das Ereignis im Heiligen Römischen Reich und in der Eidgenossenschaft grosse Beachtung fand. Auch wenn die Zürcher mit ihrer Fahrt letztlich nichts Übermenschliches vollbracht hatten, wurde sie auf zahlreichen Stichen, Medaillen, Pokalen und Lebkuchenformen verewigt.

Auch Gedichte wurden ihr gewidmet, darunter «Argo Tigurina» des Zürchers Rudolf Gwalther und «Das Glückhafft Schiff von Zürich» des aus Strassburg stammenden Johann Fischart. Der Hirsebreitopf, der 1870 bei den Bombardierungen durch deutsche Truppen beschädigt wurde, ist noch heute im Historischen Museum in Strassburg ausgestellt.

1884 wurde in Strassburg der Zürcher Brunnen errichtet. Das Denkmal erinnert nicht nur an die Hirsebreifahrt von 1576, sondern auch an ein Ereignis während des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870, als deutsche Truppen die Stadt belagerten. Vertreter aus Basel, Zürich und Bern hatten damals die Evakuierung von mehr als 2000 Zivilpersonen in die Schweiz ausgehandelt.
Der Zürcher Brunnen erinnert an den Anlegeplatz der Hirsebreifahrt von 1576. Der Rheinarm wurde im 19. Jahrhundert zugeschüttet. Auf der Vorderseite sind die Büste des Dichters Johann Fischart sowie eine Bronzetafel zu sehen, die den Topf auf dem Boot zeigt.
Der Zürcher Brunnen erinnert an den Anlegeplatz der Hirsebreifahrt von 1576. Der Rheinarm wurde im 19. Jahrhundert zugeschüttet. Auf der Vorderseite sind die Büste des Dichters Johann Fischart sowie eine Bronzetafel zu sehen, die den Topf auf dem Boot zeigt. Foto: Christophe Droesch
Nachdem in den vorangegangenen Jahrzehnten vereinzelt Fahrten stattgefunden hatten, wird die Hirsebreifahrt seit 1946 offiziell alle zehn Jahre vom Zürcher Limmat-Club wiederholt. In einem farbenprächtigen Konvoi rudern die Teilnehmenden in traditionellen langen Holzbooten, sogenannten Langschiffen, und in Übersetzbooten bis nach Strassburg. Gelegentlich begleiten auch Mitglieder der Zürcher Behörden die Fahrt.

Seit der ersten Hirsebreifahrt wurden die befahrenen Flüsse durch Staudämme, Schleusen und andere Bauwerke jedoch stark verändert. Deshalb dauert die Reise heute zweieinhalb Tage und umfasst mehrere festliche Zwischenhalte in Schweizer, französischen und deutschen Städten. Die Boote sind zudem mit Motoren ausgestattet, die sie auf Abschnitten ohne Strömung voranbringen.

Der Hirsebreitopf wird erst in Kehl am gegenüberliegenden Rheinufer an Bord genommen. Sein Inhalt wird jedoch nach wie vor an die Strassburgerinnen und Strassburger verteilt. Die Ankunft in Strassburg wird mit einem grossen Volksfest gefeiert, an dem auch die städtischen Behörden teilnehmen. Der Tradition entsprechend finden am folgenden Tag ein Schützenfest und ein Turnier im Wasserstechen statt.

Die nächste Fahrt findet in diesem Jahr statt. Am 19. August werden die Mitglieder des Limmat-Clubs erneut in traditionellen Kostümen und von Musik begleitet auf der Limmat aufbrechen. Am Nachmittag des 22. August werden sie Strassburg erreichen.
Video zur nächsten Hirsebreifahrt des Limmat-Club Zürich. Youtube
Die Hirsebreifahrt hat die Jahrhunderte überdauert. Einst sollte sie in einer Zeit religiöser Spannungen die Verlässlichkeit des Bündnisses zwischen Strassburg und Zürich demonstrieren. Heute steht sie im Zeichen der Freundschaft und der länderübergreifenden Verbundenheit.

Weitere Beiträge