
Raus aus dem Korsett, rein ins Reformkleid
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wuchs die Kritik an dem Korsett: Es galt als gesundheitsgefährdend und einschränkend. Die Frauenbewegung kämpfte auch in der Schweiz für das Reformkleid – für Bewegungsfreiheit, Emanzipation und einen Schnitt, der dem Körper diente, anstatt einem Modediktat zu folgen.


Emanzipation durch Bewegung
Als offizielles Organ der Union wurde die Zeitschrift Frauenbestrebungen publiziert, welche aktuelle Themen rund um die Frauenbewegung aufgriff, die soziale Notwendigkeit dieser aufzeigte und das Gemeinschaftsgefühl der Aktivistinnen fördern sollte. Ebenfalls 1896 wurde in Berlin als Teil der emanzipatorischen Bewegung der Frauen die Freie Vereinigung zur Verbesserung der Frauenkleidung in Berlin gegründet. Die Vereinigung setzte sich für eine gesunde, bequeme und schöne Kleidung ohne Korsett und unabhängig von der wechselhaften Pariser Mode ein. Mit Blick nach Deutschland wurde auch in den Frauenbestrebungen das einschränkende und der Emanzipation der Frau widersprechende Korsett diskutiert.
In der Rubrik «Bücherschau» wurden dazu Publikationen rezensiert wie «Das Eigenkleid der Frau» (1903), welche von der deutschen Innenarchitektin und Modedesignerin Anna Muthesius (1870–1961) verfasst und sehr populär wurde. Darin kritisiert Muthesius, dass mit dem «Korsettpanzer» Kleidung nicht auf den menschlichen Körper zugeschnitten sei, sondern sich dieser nach der Mode richten müsse. Das neue Reformkleid sollte sich durch seinen weiten Schnitt der natürlichen Körperform anpassen und die Bewegungsfreiheit ermöglichen. Anstelle von einem Korsett wurde ein Leibchen als Unterkleidung vorgeschlagen.
Doch obschon viele den gesundheitlichen Vorteilen zustimmten, gab es ein verbreitetes Problem dieser Kleiderreform: Viele Frauen wünschten sich zwar eine Verbesserung, wollten die Kleider aber nicht tragen, weil die herabhängenden «Säcke» nicht schön seien und die Bewegung «von Berlin und nicht von Paris aus in die Schweiz» kam. Zudem war ein Wechsel der Garderobe, die bis anhin auf das Korsett ausgerichtet war, eine teure Angelegenheit.
Die Verbreitung des Eigenkleides
Ihre männlichen Kollegen wie der Künstler Henry van de Velde (1863–1957) hingegen, konzentrierten sich auf rein dekorative Aspekte. Als Teil seines Interieurs als Gesamtkunstwerk, entwarf er Reformkleider für seine Frau Maria Sèthe, welche sich so als «Objekt» perfekt in das Hausinnere einfügte. Das Problem bei den Versuchen der Künstler, das Reformkleid in ihr Werk einzubinden, war das fehlende Wissen im Umgang mit Stoffen. So gaben sie ihre Entwurfszeichnungen an externe Werkstätten ab, welche mit traditionellen Methoden arbeiteten und somit keine praktischen Verbesserungen in der Kleidung erzielen konnten. Die langen, mit Ornamenten dekorierten Schleppengewänder ermöglichten der Frau nicht den gewünschten Bewegungsfreiraum, sondern reduzierte diesen wiederum auf den Aufenthalt im Innenraum.
Um dem realen Bedürfnis der Frauen nachzugehen – ein Kleid zu haben, welches sich für die Arbeit im Beruf oder zu Hause eignete – entstanden in deutschen Städten Ateliers von Reformschneiderinnen, die ihre eigenen Entwürfe anboten. Denn obwohl Frauen von den Reformerinnen aufgerufen wurden, selbst ein Kleid zu fertigen, welches auf den individuellen Körper passt, fehlten einigen die Kenntnisse dazu. Das selbst genähte «Eigenkleid» sollte Ausdruck der Befreiung sein: Als Akt der Selbstermächtigung löse sich die Frau damit von dem ihr zugedachten Raum und würde dadurch handlungsfähig. Damit diese Möglichkeit möglichst vielen Frauen offenstand, wurden Schnittmuster in Publikationen verbreitet. Beliebt war beispielsweise die «Thierbach-Methode» (nach Marie Thierbach) – eine Technik für Abformungskleider, die einfach, schnell und günstig herstellbar sein sollten.
Vom Reformkleid wurde der lockere Schnitt und die Fussfreiheit in die «Garçonne»-Mode der 1920er übernommen und weiterentwickelt. Die mit dem Reformkleid erlangte Bewegungsfreiheit ist heute so selbstverständlich und allgegenwärtig, dass wir deren revolutionäre Herkunft kaum noch wahrnehmen.


