Gehörte für viele Frauen mit dem Aufkommen des Reformkleids der Vergangenheit an: Das Anziehen des Korsetts.
Gehörte für viele Frauen mit dem Aufkommen des Reformkleids der Vergangenheit an: Das Anziehen des Korsetts. Britannica Imagequest / Alinari Archives

Raus aus dem Korsett, rein ins Reformkleid

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wuchs die Kritik an dem Korsett: Es galt als gesundheitsgefährdend und einschränkend. Die Frauenbewegung kämpfte auch in der Schweiz für das Reformkleid – für Bewegungsfreiheit, Emanzipation und einen Schnitt, der dem Körper diente, anstatt einem Modediktat zu folgen.

Jasmin Mollet

Jasmin Mollet

Jasmin Mollet ist Kunsthistorikerin und arbeitet zurzeit als Assistenzkuratorin am Historischen Museum Basel.

Korsette, beziehungsweise «Mieder», «Schnürbrüste» oder «Leibstücke», wie sie bis ins 19. Jahrhundert bezeichnet wurden, sind schon seit dem Spätmittelalter Teil unserer Kleidung. Je nach Mode und Zeitgeist werden sie enger und einschränkender getragen oder lockerer geschnürt. Das Korsett verhilft dabei zu der gewünschten Körperform der aktuellen Mode: So fand das Korsett ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Europa seinen Höhepunkt mit der «spanischen Mode». Der konische, steife Oberkörper wurde zu einem Indiz, dass man zur oberen Gesellschaftsschicht gehörte. Das dafür benötigte Korsett wurde bei Männern und Frauen beliebt und auch Kinder trugen es zur Nachahmung der Erwachsenenmode.
Bei der «spanischen Mode» trugen Männer, Frauen und Kinder ein Korsett. Porträt von Robert Dudley, Earl of Leicester, um 1575.
Bei der «spanischen Mode» trugen Männer, Frauen und Kinder ein Korsett. Porträt von Robert Dudley, Earl of Leicester, um 1575. Wikimedia
Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn mit ihrer Wespentaille verkörperte das Ideal des 19. Jahrhunderts.
Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn mit ihrer Wespentaille verkörperte das Ideal des 19. Jahrhunderts. Wien Museum
Im 19. Jahrhundert ermöglichte das Kleidungsstück die gewünschte Sanduhr-Form mit möglichst schmaler Taille, für welche Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn (1837–1898) besonders bekannt war. Mit der Industrialisierung und dem Streben nach der Wespentaille wuchs ab den 1860er-Jahren eine Korsettindustrie in Deutschland, welche Korsette für den Export herstellte. Durch die serielle Herstellung und der damit einhergehenden Verbilligung wurden Korsette für alle Stände zugänglich und verbreiteten sich. So waren auch in der Schweiz Korsette für jedes Portemonnaie erhältlich.
Werbeanzeige für Korsette in der Schweizer Frauen-Zeitung, Oktober 1888.
Werbeanzeige für Korsette in der Schweizer Frauen-Zeitung, Oktober 1888. e-periodica
Zeitgleich erhoben sich immer mehr Stimmen aus der Medizin und von Frauen gegen das Korsett, welche das Kleidungsstück als gesundheitsgefährdend und einschränkend verurteilten. Die zunehmende Mobilität und Berufstätigkeit der Frauen erforderten mehr Bewegungsfreiheit und damit eine Umgestaltung der Mode. Das Korsett wurde so zum Symbol der körperlichen und geistigen Einschränkung der Frau und die Kleidung zu einem politischen Statement.
Die Medizin wies auf mögliche Organverlagerungen durch das Tragen eines Korsetts hin. Grafik aus dem Jahr 1887.
Die Medizin wies auf mögliche Organverlagerungen durch das Tragen eines Korsetts hin. Grafik aus dem Jahr 1887. Wikimedia

Emanzi­pa­ti­on durch Bewegung

1896 entstand die Union für Frauenbestrebungen in Zürich durch den Zusammenschluss des Schweizerischen Vereins für Frauenbildungsreform und dem Frauenrechts-Schutzvereins, welche beide drei Jahre zuvor gegründet wurden. Die gemeinsamen Ziele dieses Zusammenschlusses waren die Verbesserung der rechtlichen Stellung der Frauen, das Erlangen des Frauenstimmrechts sowie die Erneuerung der Ausbildung für Mädchen.

Als offizielles Organ der Union wurde die Zeitschrift Frauenbestrebungen publiziert, welche aktuelle Themen rund um die Frauenbewegung aufgriff, die soziale Notwendigkeit dieser aufzeigte und das Gemeinschaftsgefühl der Aktivistinnen fördern sollte. Ebenfalls 1896 wurde in Berlin als Teil der emanzipatorischen Bewegung der Frauen die Freie Vereinigung zur Verbesserung der Frauenkleidung in Berlin gegründet. Die Vereinigung setzte sich für eine gesunde, bequeme und schöne Kleidung ohne Korsett und unabhängig von der wechselhaften Pariser Mode ein. Mit Blick nach Deutschland wurde auch in den Frauenbestrebungen das einschränkende und der Emanzipation der Frau widersprechende Korsett diskutiert.

In der Rubrik «Bücherschau» wurden dazu Publikationen rezensiert wie «Das Eigenkleid der Frau» (1903), welche von der deutschen Innenarchitektin und Modedesignerin Anna Muthesius (1870–1961) verfasst und sehr populär wurde. Darin kritisiert Muthesius, dass mit dem «Korsettpanzer» Kleidung nicht auf den menschlichen Körper zugeschnitten sei, sondern sich dieser nach der Mode richten müsse. Das neue Reformkleid sollte sich durch seinen weiten Schnitt der natürlichen Körperform anpassen und die Bewegungsfreiheit ermöglichen. Anstelle von einem Korsett wurde ein Leibchen als Unterkleidung vorgeschlagen.
Anna Muthesius im Reformkleid, 1903.
Anna Muthesius im Reformkleid, 1903. e-rara
Aus ihren eigenen Erfahrungen erzählt sie, dass jede arbeitstätige Frau die Einschränkungen des Korsetts spüre und auch bei lockerer Schnürung dieses am Abend zuhause ausziehe, um es sich gemütlich zu machen. Weiter erwähnt sie, dass ein weit verbreiteter Irrtum noch immer sei, dass Frauen mit der Brust atmen würden und nur Männer eine Bauchatmung hätten. Für eine freie Atmung und Bewegung sollte das Reformkleid nicht nur ohne Korsett auskommen, sondern auch von den Schultern getragen werden und kürzer sein, damit die Füsse frei sind.

Doch obschon viele den gesundheitlichen Vorteilen zustimmten, gab es ein verbreitetes Problem dieser Kleiderreform: Viele Frauen wünschten sich zwar eine Verbesserung, wollten die Kleider aber nicht tragen, weil die herabhängenden «Säcke» nicht schön seien und die Bewegung «von Berlin und nicht von Paris aus in die Schweiz» kam. Zudem war ein Wechsel der Garderobe, die bis anhin auf das Korsett ausgerichtet war, eine teure Angelegenheit.
Zwei Reformkleider aus den «Frühjahrs- und Sommertoiletten» im Tages-Anzeiger, 26. Mai 1903.
Zwei Reformkleider aus den «Frühjahrs- und Sommertoiletten» im Tages-Anzeiger, 26. Mai 1903. e-newspaperarchives

Die Verbrei­tung des Eigenkleides

Um Lösungen für die Zugänglichkeit und Ästhetik der Reformkleidung zu suchen, bemühten sich weibliche Kunstschaffende um einfache Schnittmuster, die den Traggewohnheiten der Frauen entsprachen, aber die Einschränkungen umgingen.

Ihre männlichen Kollegen wie der Künstler Henry van de Velde (1863–1957) hingegen, konzentrierten sich auf rein dekorative Aspekte. Als Teil seines Interieurs als Gesamtkunstwerk, entwarf er Reformkleider für seine Frau Maria Sèthe, welche sich so als «Objekt» perfekt in das Hausinnere einfügte. Das Problem bei den Versuchen der Künstler, das Reformkleid in ihr Werk einzubinden, war das fehlende Wissen im Umgang mit Stoffen. So gaben sie ihre Entwurfszeichnungen an externe Werkstätten ab, welche mit traditionellen Methoden arbeiteten und somit keine praktischen Verbesserungen in der Kleidung erzielen konnten. Die langen, mit Ornamenten dekorierten Schleppengewänder ermöglichten der Frau nicht den gewünschten Bewegungsfreiraum, sondern reduzierte diesen wiederum auf den Aufenthalt im Innenraum.

Um dem realen Bedürfnis der Frauen nachzugehen – ein Kleid zu haben, welches sich für die Arbeit im Beruf oder zu Hause eignete – entstanden in deutschen Städten Ateliers von Reformschneiderinnen, die ihre eigenen Entwürfe anboten. Denn obwohl Frauen von den Reformerinnen aufgerufen wurden, selbst ein Kleid zu fertigen, welches auf den individuellen Körper passt, fehlten einigen die Kenntnisse dazu. Das selbst genähte «Eigenkleid» sollte Ausdruck der Befreiung sein: Als Akt der Selbstermächtigung löse sich die Frau damit von dem ihr zugedachten Raum und würde dadurch handlungsfähig. Damit diese Möglichkeit möglichst vielen Frauen offenstand, wurden Schnittmuster in Publikationen verbreitet. Beliebt war beispielsweise die «Thierbach-Methode» (nach Marie Thierbach) – eine Technik für Abformungskleider, die einfach, schnell und günstig herstellbar sein sollten.
Mass nehmen für ein Abnehmkleid: Marie Thierstein richtete sich an die «arbeitende Bürgersfrau». Mit einem Schnittmuster und einer Anleitung sollte eine Frau selbständig innert sechs Stunden ein neues, günstiges Kleid herstellen können.
Marie Thierbach richtete sich mit dem Abformungskleid an die «arbeitende Bürgersfrau». Mit einem Schnittmuster und einer Anleitung sollte eine Frau selbständig innert sechs Stunden ein neues, günstiges Kleid herstellen können. Badische Landesbibliothek Karlsruhe
Spätestens ab 1912 war die Thierbach-Methode für Reformkleider ohne Verschluss auch in der Schweiz bekannt. Die Verbreitung von einfach umsetzbaren Schnittmustern und die Lebensreformbewegung um 1900 verhalfen zu einem Wandel in der Mode. Während das Korsett abgelegt wurde und heute als Statement Piece noch ab und zu seinen Weg auf den Laufsteg findet, erlebte die Betonung der Taille oft dann ein Revival, wenn traditionelle Rollenbilder propagiert wurden.

Vom Reformkleid wurde der lockere Schnitt und die Fussfreiheit in die «Garçonne»-Mode der 1920er übernommen und weiterentwickelt. Die mit dem Reformkleid erlangte Bewegungsfreiheit ist heute so selbstverständlich und allgegenwärtig, dass wir deren revolutionäre Herkunft kaum noch wahrnehmen.

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