Stefan Lux versuchte, den Völkerbund mit seinem Suizid aufzurütteln. Illustration von Marco Heer.
Stefan Lux versuchte, den Völkerbund mit seinem Suizid aufzurütteln. Illustration von Marco Heer.

Ein Schuss in Genf 

1936 begeht Stefan Lux vor dem versammelten Plenum des Völkerbunds Suizid. Er will die Staatengemeinschaft dazu bewegen, der Politik des nationalsozialistischen Regimes entgegenzutreten.

Noëmi Crain Merz

Noëmi Crain Merz

Noëmi Crain Merz ist Historikerin, Universitätsdozentin und Kuratorin.

Genf, 3. Juli 1936. Ein kühler und regnerischer Vormittag. Im Sitzungssaal des Völkerbunds zieht sich die Rede des spanischen Delegierten in die Länge. Viele Sitze bleiben leer, die Mittagspause rückt näher, die Aufmerksamkeit schwindet.

Bis ein Schuss die Monotonie zerreisst. Für einen Augenblick scheint die Zeit stillzustehen. Der Redner und der Dolmetscher brechen mitten im Satz ab, kurz herrscht Panik im Saal. Unterhalb der Rednertribüne liegt ein Mann in einer Blutlache, neben ihm eine Pistole. Wenige Sekunden zuvor hatte er noch den Arm erhoben und etwas Unverständliches gerufen. Ein Mitglied der kanadischen Delegation eilt nach vorne, um erste Hilfe zu leisten. Schwer verletzt wird der Mann ins Spital gebracht, wo er in derselben Nacht an inneren Blutungen stirbt.
Der schwerverletzte Stefan Lux wird aus dem Gebäude getragen.
Der schwerverletzte Stefan Lux wird aus dem Gebäude getragen. e-newspaperarchives.ch
Sein Name ist Stefan Lux. Geboren in eine jüdische Familie im Habsburgerreich, lebte er in den Jahren vor 1933 in Deutschland, wo er als Journalist für die Weltbühne arbeitete und sich als Filmregisseur versuchte. Nach Hitlers Machtergreifung floh er mit seiner Frau und dem neunjährigen Sohn aus Deutschland und kehrte in die mittlerweile tschechoslowakische Stadt Malacky zurück, wo er aufgewachsen war. Dort arbeitete Lux als Fotojournalist für die Prager Presse.
 
Warum der Suizid? Eine junge Amerikanerin, die sich während der Tat in der Nähe befindet, gibt zu Protokoll, der Schwerverletzte habe immer wieder auf seine Mappe gedeutet. Darin liegt sein Vermächtnis in Form von Abschiedsbriefen und Artikeln. Mit seinem Suizid will Lux die Weltöffentlichkeit aufrütteln. Sie soll erkennen, was mit Juden und Jüdinnen in Deutschland passiert und wie nah am Abgrund Europa steht. Die Regierungen müssen begreifen, wohin ihre Untätigkeit führt.

Ein öffent­li­cher Tod als Warnung

Wenige Tage vor seiner Tat reist Stefan Lux nach Genf. Er checkt in einem Hotel ein und beschafft sich eine Akkreditierung als Fotojournalist, die ihm Zugang zum Völkerbund verschafft. Dort spricht am 30. Juni der äthiopische Kaiser Haile Selassie vor der Vollversammlung. Im Vorjahr 1935 war Äthiopien vom faschistischen Italien unter Benito Mussolini überfallen worden. Obwohl Italien und Äthiopien beide Mitglieder des Völkerbunds waren, hatte die Staatengemeinschaft nur halbherzig mit begrenzten Wirtschaftssanktionen gegen Italien reagiert. Dabei war bekannt, dass die italienische Armee Giftgas gegen Soldaten und Zivilisten einsetzte und in den besetzten Gebieten ein koloniales Apartheidsystem errichtete.
 
Selassie appelliert in seiner Rede eindringlich an die Grundsätze des Völkerbunds und mahnt mit Nachdruck, Untätigkeit werde weitreichende Folgen haben. Bleibe der Angriff Mussolinis ohne ernsthafte Konsequenzen, werde dies die gesamte internationale Ordnung untergraben. Stefan Lux kommt zum selben Schluss, allerdings mit Blick auf Hitler und Europa. Reagiere die Staatengemeinschaft gegenüber dem Nationalsozialismus nicht entschlossen, seien nicht nur die Jüdinnen und Juden verloren, sondern der ganze Kontinent.
 
Der Journalist setzt seine grössten Hoffnungen auf Grossbritannien. Dorthin richtet er seine Abschiedsworte, die ihre Empfänger erst nach seinem Tod erreichen sollen. Lux hofft, dass sein öffentlicher Suizid weltweit Schlagzeilen macht und die Menschen zwingt, sich mit seiner Botschaft auseinanderzusetzen.
Blick in den Sitzungssaal des Völkerbunds, 1930.
Blick in den Sitzungssaal des Völkerbunds, 1930. Wikimedia / Bibliothèque nationale de France

Erschre­ckend prophetisch

Nur sein Land könne die Katastrophe noch verhindern, schreibt Lux an den britischen Aussenminister Sir Anthony Eden. Und zwar dann, wenn seine Regierung die anderen Staaten dazu bewege, Deutschland entgegenzutreten, statt weiter mit dessen Führung zu verhandeln. Dass Deutschland «unter eklatanter Missachtung aller internationaler Verträge und Usançen» rüste, wie noch nie ein Staat gerüstet habe, wisse man in allen europäischen Staatskanzleien. Doch, wirft er Eden vor, klammere man sich an die Friedensbeteuerungen der Nationalsozialisten, weil man eines nicht erkennen wolle: «Die deutsche Regierung, die Gruppe, die heute das Schicksal des einst so grossen deutschen Volkes willkürlich und ohne jede Hemmung lenkt, die besteht ausnahmslos aus nackten Verbrechern.»

Weshalb sich diese Verbrechergruppe durch einen «in der Weltgeschichte beispiellosen Massenbetrug» die Macht über ein ganzes Volk erschleichen konnte, werde wohl dereinst die Geschichtsschreibung erklären können. Kaum eine Antwort werde man aber finden auf die alles entscheidende Frage: «Warum eine ganze Welt drei-einhalb Jahre lang sich das wahnsinnige Treiben in unmenschlicher Apathie angesehen hat, aus der sie sich auch durch den qualvollen, blutenden Jammer hunderttausender lebender, fühlender Menschen nicht herausschrecken liess.» Lux' Warnungen werden sich auf grausame Weise bewahrheiten. Aus Hunderttausenden werden Millionen Opfer.
Lux’ Hoffnungen lagen auf ihm: Der britische Aussenminister Anthony Eden, fotografiert bei einem früheren Besuch in Genf, 1934.
Lux’ Hoffnungen lagen auf ihm: Der britische Aussenminister Anthony Eden, fotografiert bei einem früheren Besuch in Genf, 1934. Bibliothèque nationale de France

Vergeb­li­che Hoffnung

Der tödliche Schuss führt zu einem kurzen Unterbruch, dann setzt der Völkerbund seine Sitzung fort, als wäre nichts geschehen. Der Vorfall wird mit keinem Wort erwähnt und findet auch im offiziellen Bulletin keinen Niederschlag. Am Tag nach Lux’ Selbstmord beschliesst die Versammlung die Aufhebung der wegen des Kriegs in Äthiopien verhängten Sanktionen gegen Italien. Als wenige Tage später der Spanische Bürgerkrieg ausbricht, erklärt der Völkerbund den Konflikt zur inneren Angelegenheit Spaniens. Dies ändert sich selbst nach der Bombardierung der baskischen Stadt Guernica durch die deutsche Legion Condor mit Unterstützung von italienischen Fliegerverbänden im April 1937 nicht. Die faschistischen Regime erkennen, dass sie bei Völkerrechtsverletzungen keinen ernsthaften Widerstand befürchten müssen.
«Ich will inbrünstig daran glauben, dass das Wunder geschieht und der Tod eines kaum bekannten, kleinen Schriftstellers […] etwas Klarheit und Wahrheit verbreitet», schrieb Stefan Lux in seinem Abschiedsbrief.
«Ich will inbrünstig daran glauben, dass das Wunder geschieht und der Tod eines kaum bekannten, kleinen Schriftstellers […] etwas Klarheit und Wahrheit verbreitet», schrieb Stefan Lux in seinem Abschiedsbrief. Wikimedia
Lux' Hoffnung, mit seinem Suizid die Weltöffentlichkeit aufzurütteln, erfüllt sich nicht. Seine Botschaft wird immerhin von der New York Times aufgegriffen. Diese schreibt, die Tragödie im Sitzungssaal habe die Verzweiflung eines grossen Teils der Menschheit über das Versagen des Völkerbunds zum Ausdruck gebracht. Der Guardian anerkennt ebenfalls, dass sich Lux für das Ideal von menschlicher Solidarität geopfert hat. Doch publiziert weder die Zeitung aus Manchester noch die Londoner Times die ganze Argumentation, die Lux den beiden Zeitungen vor seinem Suizid geschickt hat.

Die meisten Artikel reduzieren Lux’ Botschaft auf die Anklage gegen die Judenverfolgung. Damit weisen sie im Grunde in dieselbe Richtung wie die deutsche Presse, die ihn als jüdischen Fanatiker diskreditiert. Arthur Haller, ein Freund von Lux aus Prag, formuliert es in einem Telegramm ans Sekretariat des Völkerbunds hingegen so: Lux sei nicht gestorben, weil er Jude sei, sondern für das Ideal der Menschlichkeit und nicht zuletzt für den Völkerbund. Er hoffe, so Haller, dass die heroische Tat seines Freundes nicht folgenlos bleibe.

[Seine letzten Worte] lauteten: «Ich bin der letzte», und vielleicht wollte er damit sagen, dass er der letzte ist, der mit dem Einsatz seines Lebens gegen die Genfer Methoden, alles mit Glacéhand­schu­hen anzufas­sen, protes­tiert. Aber vielleicht lauteten sie auch: «Ich bin nicht der letzte», und dann sollte dieser Schuss mitten im Sitzungs­saal von Genf symbolisch zum Ausdruck bringen, dass die tödliche Waffe der Gewalt nun auch Genf beherrscht.

Die Thurgauer Zeitung spekulierte über Lux’ Abschiedsworte, 7. Juli 1936.
Vier Wochen nach Lux’ Tod eröffnet Hitler in Berlin die Olympischen Spiele. Das nationalsozialistische Regime inszeniert sich als friedlicher Gastgeber, antijüdische Hetzparolen verschwinden vorübergehend aus dem Strassenbild, die Verfolgung wird für die Dauer der Spiele weniger sichtbar. Das macht es der internationalen Politik leichter, die Warnungen des tschechischen Journalisten zu ignorieren – bis es zu spät ist.

Der Völkerbund, nach dem Ersten Weltkrieg als erste internationale Organisation zur Sicherung des Friedens gegründet, blieb weitgehend wirkungslos. Erst nach den Katastrophen des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts schufen die Vereinten Nationen mit der UN-Charta und dem internationalen Menschenrechtsschutz eine deutlich stärkere völkerrechtliche Ordnung. Doch auch sie konnten Kriege und Völkerrechtsverletzungen oft nicht verhindern. Die Kultur des Wegschauens, die Lux anprangerte, ist bis heute nicht verschwunden.

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