
Ein Schuss in Genf
1936 begeht Stefan Lux vor dem versammelten Plenum des Völkerbunds Suizid. Er will die Staatengemeinschaft dazu bewegen, der Politik des nationalsozialistischen Regimes entgegenzutreten.
Bis ein Schuss die Monotonie zerreisst. Für einen Augenblick scheint die Zeit stillzustehen. Der Redner und der Dolmetscher brechen mitten im Satz ab, kurz herrscht Panik im Saal. Unterhalb der Rednertribüne liegt ein Mann in einer Blutlache, neben ihm eine Pistole. Wenige Sekunden zuvor hatte er noch den Arm erhoben und etwas Unverständliches gerufen. Ein Mitglied der kanadischen Delegation eilt nach vorne, um erste Hilfe zu leisten. Schwer verletzt wird der Mann ins Spital gebracht, wo er in derselben Nacht an inneren Blutungen stirbt.
Warum der Suizid? Eine junge Amerikanerin, die sich während der Tat in der Nähe befindet, gibt zu Protokoll, der Schwerverletzte habe immer wieder auf seine Mappe gedeutet. Darin liegt sein Vermächtnis in Form von Abschiedsbriefen und Artikeln. Mit seinem Suizid will Lux die Weltöffentlichkeit aufrütteln. Sie soll erkennen, was mit Juden und Jüdinnen in Deutschland passiert und wie nah am Abgrund Europa steht. Die Regierungen müssen begreifen, wohin ihre Untätigkeit führt.
Ein öffentlicher Tod als Warnung
Selassie appelliert in seiner Rede eindringlich an die Grundsätze des Völkerbunds und mahnt mit Nachdruck, Untätigkeit werde weitreichende Folgen haben. Bleibe der Angriff Mussolinis ohne ernsthafte Konsequenzen, werde dies die gesamte internationale Ordnung untergraben. Stefan Lux kommt zum selben Schluss, allerdings mit Blick auf Hitler und Europa. Reagiere die Staatengemeinschaft gegenüber dem Nationalsozialismus nicht entschlossen, seien nicht nur die Jüdinnen und Juden verloren, sondern der ganze Kontinent.
Der Journalist setzt seine grössten Hoffnungen auf Grossbritannien. Dorthin richtet er seine Abschiedsworte, die ihre Empfänger erst nach seinem Tod erreichen sollen. Lux hofft, dass sein öffentlicher Suizid weltweit Schlagzeilen macht und die Menschen zwingt, sich mit seiner Botschaft auseinanderzusetzen.
Erschreckend prophetisch
Weshalb sich diese Verbrechergruppe durch einen «in der Weltgeschichte beispiellosen Massenbetrug» die Macht über ein ganzes Volk erschleichen konnte, werde wohl dereinst die Geschichtsschreibung erklären können. Kaum eine Antwort werde man aber finden auf die alles entscheidende Frage: «Warum eine ganze Welt drei-einhalb Jahre lang sich das wahnsinnige Treiben in unmenschlicher Apathie angesehen hat, aus der sie sich auch durch den qualvollen, blutenden Jammer hunderttausender lebender, fühlender Menschen nicht herausschrecken liess.» Lux' Warnungen werden sich auf grausame Weise bewahrheiten. Aus Hunderttausenden werden Millionen Opfer.
Vergebliche Hoffnung
Die meisten Artikel reduzieren Lux’ Botschaft auf die Anklage gegen die Judenverfolgung. Damit weisen sie im Grunde in dieselbe Richtung wie die deutsche Presse, die ihn als jüdischen Fanatiker diskreditiert. Arthur Haller, ein Freund von Lux aus Prag, formuliert es in einem Telegramm ans Sekretariat des Völkerbunds hingegen so: Lux sei nicht gestorben, weil er Jude sei, sondern für das Ideal der Menschlichkeit und nicht zuletzt für den Völkerbund. Er hoffe, so Haller, dass die heroische Tat seines Freundes nicht folgenlos bleibe.
[Seine letzten Worte] lauteten: «Ich bin der letzte», und vielleicht wollte er damit sagen, dass er der letzte ist, der mit dem Einsatz seines Lebens gegen die Genfer Methoden, alles mit Glacéhandschuhen anzufassen, protestiert. Aber vielleicht lauteten sie auch: «Ich bin nicht der letzte», und dann sollte dieser Schuss mitten im Sitzungssaal von Genf symbolisch zum Ausdruck bringen, dass die tödliche Waffe der Gewalt nun auch Genf beherrscht.
Der Völkerbund, nach dem Ersten Weltkrieg als erste internationale Organisation zur Sicherung des Friedens gegründet, blieb weitgehend wirkungslos. Erst nach den Katastrophen des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts schufen die Vereinten Nationen mit der UN-Charta und dem internationalen Menschenrechtsschutz eine deutlich stärkere völkerrechtliche Ordnung. Doch auch sie konnten Kriege und Völkerrechtsverletzungen oft nicht verhindern. Die Kultur des Wegschauens, die Lux anprangerte, ist bis heute nicht verschwunden.


