Schweizer Soldaten im Tarnanzug mit Helmüberzug im charakteristischen Muster der Alpenflage, 1979.
Schweizer Soldaten im Tarnanzug mit Helmüberzug im charakteristischen Muster der Alpenflage, 1979. e-pics

Vom Kampfan­zug zum Kultobjekt

Als die Schweiz im Kalten Krieg ihre Verteidigung neu ausrichtete, entstand ein Tarnmuster, das alles andere tat, als sich zu verstecken. Die Alpenflage wurde zum sichtbarsten Versuch, Unsichtbarkeit neu zu erfinden.

Christoph Kummer

Christoph Kummer

Christoph Kummer ist Historiker und freier Journalist und interessiert sich für Personen und Ereignisse abseits des allgemeinen Geschichtsbewusstseins.

Die «Alpenflage» ist die heute gebräuchliche Bezeichnung für das markante Mehrfarbenmuster der Schweizer Kampf- und Tarnanzüge. Kennzeichnend sind die unregelmässigen, kontrastreichen Flecken mit ihren auffälligen roten und orangefarbenen Akzenten. Tarnmuster sollen Menschen und Ausrüstung mit ihrer Umgebung verschmelzen lassen. Die Alpenflage wirkt dabei auf den ersten Blick geradezu widersprüchlich: Ihre starken Kontraste machen sie unverwechselbar. Über Jahrzehnte prägte das Muster das Erscheinungsbild der Schweizer Armee und wurde zu einem ihrer bekanntesten Symbole. Doch ihre Geschichte endete nicht mit dem Militärdienst.

Tarnung neu gedacht

Ihr Ursprung lag nicht in den Alpen, sondern in Deutschland. Noch kurz vor Kriegsende, im Jahr 1945, beschäftigte sich die Wehrmacht trotz der bereits absehbaren Niederlage weiterhin mit neuen Tarnkonzepten. Aus diesen Überlegungen entstand das sogenannte Leibermuster, ein frühes Tarnmuster aus unregelmässigen, sich überlagernden Flecken. Es sollte die menschliche Silhouette optisch aufbrechen.
Das Leibermuster: ein 1945 entwickeltes Tarnmuster der deutschen Wehrmacht.
Das Leibermuster: ein 1945 entwickeltes Tarnmuster der deutschen Wehrmacht. Wikimedia / Julianmuhle
Das Leibermuster war zudem eines der frühen Beispiele für Tarnstoffe, bei denen auch die technische Beobachtung berücksichtigt wurde. Moderne Aufklärung beschränkte sich nicht auf das sichtbare Licht: Bestimmte Geräte wie die aktiven Infrarot-Nachtsichtgeräte können Unterschiede in der Reflexion im Infrarotbereich erfassen. Beim Leibermuster experimentierte man deshalb mit Farbstoffen, die Infrarotstrahlung weniger stark reflektieren sollten. Die Träger sollten damit auch für entsprechende optische Geräte schwerer auszumachen sein.
Nach dem Zweiten Weltkrieg griffen verschiedene Staaten solche Überlegungen auf. In der Schweiz fiel diese Entwicklung in die Spannungen zwischen Ost und West. Die Armee ging davon aus, dass ein grosser europäischer Konflikt, etwa im Rahmen einer möglichen sowjetischen Invasion, auch das neutrale Land bedrohen könnte. Die Landesverteidigung sollte deshalb auf einen Angriff vorbereitet sein und sich im eigenen, topografisch anspruchsvollen Raum behaupten können. Dafür brauchte es Ausrüstung, die nicht nur funktional und robust war, sondern auch in Wald, Fels und Gebirgslandschaften möglichst wenig auffiel.
Die Schweiz im Spannungsfeld des Kalten Krieges: TV-Beitrag von 1999. SRF

Farbstu­di­en im Alpenraum

Nach ersten Tragproben entschied sich die Armee Anfang 1957 für einen bestimmten Typ, aus dem der Kampfanzug 57 hervorging. Er prägte die weitere Entwicklung jener Schweizer Tarnbekleidung, die heute als Alpenflage bezeichnet wird. In den folgenden Jahren wurde der Anzug unter anderem in Rekrutenschulen der Infanterie und an der Schiessschule Walenstadt erprobt. Die Erfahrungen aus diesen Versuchen flossen laufend in seine Weiterentwicklung ein: Ende 1961 waren Schnitt, Taschen, Verschlüsse und weitere wesentliche Details festgelegt.
Soldaten an einer 20-mm-Fliegerabwehrkanone im Gebirge, 1966. Sie tragen den Kampfanzug 57. Tarnstoffe und natürliche Vegetation helfen, Stellung und Ausrüstung im Gelände zu verbergen.
Soldaten an einer 20-mm-Fliegerabwehrkanone im Gebirge, 1966. Sie tragen den Kampfanzug 57. Tarnstoffe und natürliche Vegetation helfen, Stellung und Ausrüstung im Gelände zu verbergen. e-pics
Auf den Kampfanzug 57 folgten weitere Varianten der Schweizer Tarnbekleidung. Das Muster wurde mehrfach überarbeitet und erhielt mit dem Tarnanzug 83 in den 1980er-Jahren seine bekannteste Ausprägung. Charakteristisch blieb die Farbwahl aus Grün, Braun und Schwarz, ergänzt durch Rot und Orange. Was heute oft als ungewöhnlich oder gar widersprüchlich erscheint, hatte einen praktischen Hintergrund: In alpinem Gelände und in Mischlandschaften traten neben Grün- und Brauntönen auch rötliche Farben auf, etwa in Erde, Laub, Gestein oder im Licht der tief stehenden Sonne.
Entscheidend war jedoch nicht allein die Farbwahl. Ein Tarnmuster wirkt aus der Nähe anders als auf Distanz. Die grossflächigen, unregelmässigen Formen der Alpenflage sollten Konturen auflösen und verhindern, dass das Auge rasch eine menschliche Gestalt erkannte. In felsigem Gelände mit scharfen Schatten, wechselndem Licht und unruhigen Oberflächen konnte dieser Effekt besonders wirksam sein. Tarnung bedeutete dabei nicht, vollständig zu verschwinden, sondern die sichere Einordnung dessen zu erschweren, was man vor sich sah. Die Alpenflage war damit ein Kompromiss aus Tarnforschung, Materialtechnik und militärischer Praxis. Sie musste für eine Milizarmee geeignet sein, deren Soldaten sich im Ernstfall rasch ausrüsten, bewegen und im Gelände einrichten sollten. Das Muster sollte deshalb nicht nur in einer einzigen Landschaft funktionieren, sondern in den unterschiedlichen Geländeformen der Schweiz eine ausreichende Tarnwirkung bieten.
Reportage über die Einführung der neuen Militäruniform, 1982.
Reportage über die Einführung der weiterentwickelten Militäruniform, 1982. e-pics
Beobachtung im Grenzraum: Soldaten im Einsatz an der grünen Grenze, 1991. Zwischen Sträuchern und kahlen Ästen zeigt sich, wie die Alpenflage die Konturen der Uniform im Gelände aufbrechen sollte.
Beobachtung im Grenzraum: Soldaten im Einsatz an der grünen Grenze, 1991. Zwischen Sträuchern und kahlen Ästen zeigt sich, wie die Alpenflage die Konturen der Uniform im Gelände aufbrechen sollte. e-pics

Neue Ansprüche für eine neue Zeit

Über mehr als drei Jahrzehnte blieb die Alpenflage in der Schweizer Armee Standard. Mit dem Ende des Kalten Krieges um 1991 setzte jedoch ein Wandel ein: Die politische und militärische Lage war nicht mehr von derselben klaren und langfristig erwarteten Bedrohung geprägt. Dadurch veränderten sich Ausbildung, Planung und Einsatzvorstellungen. Wo zuvor stark die Frage «Tarnung für einen sehr konkreten, erwarteten Raum» im Vordergrund stand, rückte nun stärker die Notwendigkeit in den Mittelpunkt, flexibel in unterschiedlichen Umgebungen zu funktionieren und sich auch an internationale Übungs- und Vergleichsszenarien anzupassen.
In den 1990er-Jahren wurde die Alpenflage deshalb schrittweise durch den Tarnanzug 90 ersetzt. Dieser basiert auf einem Flecktarnmuster aus Grün, Braun und Schwarz, jedoch ohne die Rotanteile. Das war nicht nur eine Stilentscheidung, sondern Teil der neuen Ausrichtung: Materialien und Färbetechniken hatten sich weiterentwickelt, sodass sich das Reflexionsverhalten der Stoffe im sichtbaren und im nahen Infrarotbereich genauer steuern liess. Der Anzug sollte daher nicht nur bei Tageslicht, sondern auch unter lichtverstärkenden Nachtsichtgeräten möglichst wenig vom jeweiligen Hintergrund abweichen. Gegen Wärmebildgeräte blieb die Wirkung textiler Tarnung allerdings begrenzt, da diese vor allem Temperaturunterschiede sichtbar machen. Zudem war ein weniger auffälliges Muster in unterschiedlichen Landschaften, etwa in Waldgebieten oder ausserhalb des alpinen Raums, vielseitiger einsetzbar. Damit verschwand die Alpenflage aus dem militärischen Alltag. Kulturell begann jedoch eine neue Phase.
Die neue tarnfarbige Kampfkleidung folgt dem «Zwiebelschalenprinzip»: Mehrere aufeinander abgestimmte Schichten lassen sich je nach Witterung und Einsatzbedarf kombinieren oder ablegen.
Der Tarnanzug 90 folgt dem «Zwiebelschalenprinzip»: Mehrere aufeinander abgestimmte Schichten lassen sich je nach Witterung und Einsatzbedarf kombinieren oder ablegen. Das Foto wurde 1991 aufgenommen. e-pics

Vom Armeestoff zum Stilcode

Mit der Ausmusterung grosser Bestände gelangten die Stücke in den zivilen Umlauf. Zunächst wurden sie aus pragmatischen Gründen getragen, weil sie robust, günstig und leicht verfügbar waren. Doch ihre Bedeutung veränderte sich. Secondhand-Läden, Brockenhäuser und Armeeverkäufe trugen zur Verbreitung bei. Subkulturen griffen das Muster auf und trugen es bewusst im urbanen Raum, etwa in der Skater- oder Punk-Szene, wo ehemalige Tarnanzüge zu Alltagsjacken und Hosen umfunktioniert und so vom Funktions- zum Stilobjekt wurden. Seit den 2000er-Jahren sind Upcycling-Projekte entstanden, bei denen originale Stoffe zu Jacken, Taschen oder Einzelstücken verarbeitet wurden. Kleinserien von Schweizer Designerinnen und Designern tauchten in Modenschauen auf. Seither lebt die Alpenflage weiter in unzähligen Foren-Threads, Reddit-Diskussionen und Etsy-Shops, wo Fans das Muster diskutieren, neu interpretieren und ihre Eigenkreationen teilen.
Camouflage als Streetwear: Was im militärischen Kontext der Tarnung dient, wird im urbanen Alltag zum auffälligen Stilmittel.
Camouflage als Streetwear: Was im militärischen Kontext der Tarnung dient, wird im urbanen Alltag zum auffälligen Stilmittel. Wikimedia / Thomon
Camouflage als Haute Couture: Chitose Abe verarbeitet in ihrer Herbst/Winter-Kollektion 2017 für Sacai ein Tarnmuster zu einem plissierten zweiteiligen Kleid.
Camouflage als Haute Couture: Chitose Abe verarbeitete in ihrer Herbst/Winter-Kollektion 2017 für Sacai ein Tarnmuster zu einem plissierten zweiteiligen Kleid. Wikimedia / Rhode Island School of Design Museum of Art

Wir und der Krieg

17.04.2026 17.01.2027 / Landesmuseum Zürich
Krieg ist ein prägendes Element der Schweizer Geschichte. Die Ausstellung zeigt aus unterschiedlichen Perspektiven, wie Kriege vom Spätmittelalter bis heute politische Strukturen, wirtschaftliche Interessen und gesellschaftliche Ordnungen in der Schweiz beeinflusst haben und lädt dazu ein, verbreitete Vorstellungen vom Verhältnis der Schweiz zum Krieg zu hinterfragen – einem Krieg, der oft als fern gilt, aber tief im kollektiven Gedächtnis verankert ist.

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