Tarnungsvorschlag von Hans Erni für das Munitionsmagazin MM5 Rynächt, 1940.
Tarnungsvorschlag von Hans Erni für das Munitionsmagazin MM5 Rynächt, 1940. Schweizerisches Bundesarchiv

Hans Erni und die Kunst der Tarnung

Hans Erni malte 1939 das Wandbild «Die Schweiz, das Ferienland der Völker», das die Schweiz für die ganze Welt sichtbar machen sollte. Ein Jahr später half er während des Zweiten Weltkriegs, militärische Anlagen in den Bergen vor dem Gegner zu verstecken. Zwei Aufträge, ein künstlerisches Auge.

Jose Cáceres

Jose Cáceres

Jose Cáceres ist Historiker und Kurator am Schweizerischen Nationalmuseums

Am 14. März 1940 erhält Hans Erni (1909-2015) einen ungewöhnlichen Brief. Oberst Mezener vom eidgenössischen Militärdepartement schreibt ihm aus Bern: Man habe in Altdorf (UR) die Felsenmagazine besichtigt und mögliche Tarnungsarbeiten, also das Bemalen von militärischen Bauten mit Tarnmustern, geprüft. Es handle sich um einen speziellen Fall, «bei dem das Auge des Künstlers mitwirken sollte». Oberst Mezener fragt Erni, ob dieser ihn bei einer weiteren Prüfung in Altdorf begleiten könne.
Was für ein Auftrag für einen Maler, der wenige Jahre zuvor noch in London mitten in der abstrakten und avantgardistischen Kunstbewegung Europas stand – als Kosmopolit der ungegenständlichen Kunst.
Doch die Zeitumstände waren, wie es in einem zeitgenössischen Bericht heisst, «frostig für progressive Ideen». Schon Mitte der 1930er-Jahre entstand in der Schweiz ein Klima, in dem avantgardistische Kunst mit Misstrauen beäugt und gelegentlich des «Kulturbolschewismus» bezichtigt wurde. Ausgerechnet in diesem Umfeld erhält Erni 1937 die Anfrage für einen der grössten Aufträge der Landesausstellung in Zürich. Ein Jahr später verdichtet sich diese Stimmung: Ende 1938 fordert Bundesrat Philipp Etter in einer vielbeachteten Botschaft die Geistige Landesverteidigung: Die Schweiz solle sich auf ihre eigene demokratische Tradition und kulturelle Eigenart besinnen. Die Landesausstellung im Jahr 1939 wird zu ihrem Symbol.
Obwohl ihm London in jenen Jahren ausgezeichnete berufliche und künstlerische Nahrung bot, entschied sich Erni 1938, in die Schweiz zu ziehen. Es ist der Abschied von der Abstraktion und Anfang der bildlichen Vermittlung gesellschaftlicher Inhalte – und mittendrin einige Tarnungsarbeiten.
Hans Erni, 1997.
Hans Erni, 1997. Schweizerisches Nationalmuseum

Das «Landibild»

Zusammen mit dem befreundeten Kunstwissenschaftler Konrad Farner entwickelt Hans Erni das Bildprogramm für die Landesausstellung: ein hundert Meter langes Wandbild, das die Schweiz in ihren Landschaften – Mittelland, Voralpen, Alpen, eine südliche Gegend – durch die vier Jahreszeiten führt. Geschichte, Landleben, Brauchtum, Technik, Wissenschaft, alles zu einer einzigen, erzählerischen Bildfläche verwoben. Erni wollte, wie er später schrieb, das Verhältnis des Menschen zur bleibenden Natur sichtbar machen und «die Vergangenheit mit der Gegenwart bildlich verbinden».
Das Publikum ist begeistert. Der Kritiker Manuel Gasser schreibt in der Weltwoche, hier erzähle «ein junger Schweizer die Schönheiten seiner Heimat in einer ganz neuen Art», was die identitätsstiftende Relevanz der Landesausstellung unterstrich. Wie bewusst Erni auf diese Wirkung hinarbeitete, zeigt seine eigene Vorbemerkung zum «Landibild» von 1938: Er wollte eine Bildfolge schaffen, die einem kausalen Ablauf zu folgen schien. Dafür bot sich einzig die historische Abfolge der Schweizer Geschichte an. Historische Gegensätze wie die Reformationskriege oder der Sonderbundskrieg müssten dafür bewusst «ausgemerzt» werden, denn das Ziel der Landesausstellung bestehe «nicht in einer Trennung, sondern in einer Einigung». Mit dem «Landibild» wird der Künstler Hans Erni über Nacht berühmt. Der Avantgardist von gestern ist nun Erzähler der Nation.
Ausschnitt aus dem Wandgemälde «Die Schweiz das Ferienland der Völker» von Hans Erni, entstanden 1939.
Ausschnitte aus dem Wandgemälde «Die Schweiz das Ferienland der Völker» von Hans Erni, entstanden 1939. Schweizerisches Nationalmuseum / Hans Erni-Stiftung Luzern
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Ausschnitt aus dem Wandgemälde «Die Schweiz das Ferienland der Völker» von Hans Erni, entstanden 1939.
Ausschnitte aus dem Wandgemälde «Die Schweiz das Ferienland der Völker» von Hans Erni, entstanden 1939. Schweizerisches Nationalmuseum / Hans Erni-Stiftung Luzern
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Ausschnitt aus dem Wandgemälde «Die Schweiz das Ferienland der Völker» von Hans Erni, entstanden 1939.
Ausschnitte aus dem Wandgemälde «Die Schweiz das Ferienland der Völker» von Hans Erni, entstanden 1939. Schweizerisches Nationalmuseum / Hans Erni-Stiftung Luzern
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Ausschnitt aus dem Wandgemälde «Die Schweiz das Ferienland der Völker» von Hans Erni, entstanden 1939.
Ausschnitte aus dem Wandgemälde «Die Schweiz das Ferienland der Völker» von Hans Erni, entstanden 1939. Schweizerisches Nationalmuseum / Hans Erni-Stiftung Luzern
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Ausschnitt aus dem Wandgemälde «Die Schweiz das Ferienland der Völker» von Hans Erni, entstanden 1939.
Ausschnitte aus dem Wandgemälde «Die Schweiz das Ferienland der Völker» von Hans Erni, entstanden 1939. Schweizerisches Nationalmuseum / Hans Erni-Stiftung Luzern
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Während der Landesausstellung in Zürich bricht am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg aus. Am gleichen Tag ordnet General Guisan die allgemeine Mobilmachung an, 430'000 Mann rücken in den folgenden Tagen in den Aktivdienst. Auch Hans Erni wird zum Militärdienst eingezogen. Zwar war er zunächst dem intellektuellen Hilfsdienst zugeteilt worden, doch davon wollte die Militärverwaltung nichts wissen: Er soll als Motorfahrer im Urnerland Munition transportieren – ungelernt, mit schweren, alten Lastwagen. Eine spätere Anfrage, ihn doch zum intellektuellen Hilfsdienst umzuteilen, wird abschlägig beschieden: Man glaube nicht, «dass er als Kunstmaler beim intellektuellen HD grosse Dienste leisten kann». Sein Auge als Kunstmaler wird dennoch bald gefragt sein – allerdings von der Kriegsmaterialverwaltung.
Lastwagen-Detachement Munitionsmagazin 5, 1939
Lastwagen-Detachement Munitionsmagazin 5, 1939. Hans-Erni-Stiftung Luzern

Erni, Tarnungs­ma­ler

Bereits im Oktober 1939 beauftragte das Militärdepartement Oberst Mezener, die Tarnung «militärischer Gebäude lebenswichtigen Charakters» zu prüfen. Angesichts der wachsenden Zerstörungskraft der Luftwaffen im europäischen Krieg gewann die Tarnung militärischer Bauten neue Dringlichkeit. Auch die Schweiz musste ihre eigenen Schwachstellen nun rasch beheben.
Ein Bericht des Kommandos der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen vom Februar 1940 erklärt es unumwunden: Grössere Gebäude vollständig unsichtbar zu machen, sei praktisch ausgeschlossen. Man könne nur das bestmögliche Ergebnis anstreben. Entscheidend sei die Farbe. Beim Sturzbombenanflug verliere der Pilot sein Ziel für einen Moment aus den Augen, wenn er die Maschine überdrücke; in dieser kurzen Zeit falle es ihm bei einem dunklen, matten Objekt deutlich schwerer, es wiederzufinden, als bei einem hellen. Selbst beim Anflug mit Zielfernrohr aus zehn bis fünfzehn Kilometern Distanz gehe ein dunkler Punkt in der Landschaft eher verloren. Deshalb die Vorgabe, matte, dunkle, unregelmässig gebrochene Flächen zu schaffen – keine bunten Muster, sondern schwarzgrüne Zurückhaltung.
Was auf dem Papier nach nüchterner Vorschrift klingt, wird im Frühling 1940 für Erni zur konkreten Aufgabe: Er reist nach Altdorf. Munitionsfabrik und Munitionslager im Ort standen von Anfang an auf der Liste der wichtigen Gebäude, die dringlich getarnt werden mussten. Das Lager war in den Berg hineingebaut, ein Felsenmagazin. Gerade deshalb kam es nicht nur auf die Farbe an: Auch die Form der Tarnbemalung war entscheidend, denn Stollenportale und Rampen bildeten eine bauliche Regelmässigkeit, die dem Auge der Flieger auffallen konnte. Oberst Mezener war von Ernis Vorschlag angetan: Er solle die Eingänge regelrecht in die Landschaft «verschwinden» lassen.
Munitionsmagazine mit und ohne Tarnbemalung.
Munitionsmagazine mit und ohne Tarnbemalung. Schweizerisches Bundesarchiv
In den folgenden Monaten arbeitet Erni weitere Tarnprogramme für verschiedene militärische Objekte aus: 1942 die Hochgebirgsunterkünfte ob Realp sowie die Stellungen auf den Festungskuppen San Carlo. In einem Exposé an die «Bauleitung Teufelswand» wird er ganz konkret: Die Geschützstellungen am Hang seien mit zu hellen Farben getarnt, dazu komme die Spiegelung des glatten Anstrichs. Erni schrieb, es empfehle sich «ein dunklerer, pastoser, rauher, getupfter Farbauftrag». Die Kuppen San Carlo sollten mit flachen Steinblöcken in natürlicher Art teilweise überdeckt, Sträucher aus der Umgebung gepflanzt werden.
Pastos, getupft, rauh – das ist nicht die Sprache eines Verwaltungsbeamten, das ist die Sprache eines Malers. Bleiben diese Arbeiten also ein reiner Dienstauftrag, getrennt vom eigentlichen künstlerischen Schaffen? Oder findet sich in ihnen doch schon der Weg zurück in Ernis Bilder?
Hans Erni als Bunkermaler, Schweiz Aktuell vom 25.6.2009. SRF

Muni mag 5

1944 malt Erni ein Fresko für die Soldatenstube im Rynächt bei Schattdorf: ein «Uristier» nach Vorbild des antiken Minotaurus, der eine Übermacht von fünf Angreifern in die Flucht schlägt. Der Titel, «Muni mag fünf», ist ein doppeltes Wortspiel: einerseits die Truppenbezeichnung Munitionsmagazin 5, anderseits das Mundartliche: der Muni als Stier, «mag» im Sinne von «überwältigen».
Diese Verschmelzung von Militärdienst und Sage kommt nicht von ungefähr. Im Dienst lernt Erni den Arzt und Volkskundler Eduard Renner kennen; als Fahrer begleitet er ihn manchmal auf Visiten in die Urner Bergtäler. Unterwegs sprechen die beiden über Renners Buch «Goldener Ring über Uri», das die Sagen und Bräuche der Bergbauern als Ausdruck eines magischen Weltbildes deutet. Diese Erzählungen fliessen in Ernis Uristier ein – der Minotaurus der Antike trifft auf den Sagenschatz des Urnerlandes.
So verbindet sich in diesem kleinen Werk, was sich eigentlich nicht verbinden lassen sollte: militärischer Alltag und alte Sage, dienstliche Pflicht und künstlerische Freiheit. Wieder steht der Kunstmaler im Dienst der Gesellschaft, wieder verknüpft er Gegenwart und Vergangenheit. Nicht anders als im «Landibild», fünf Jahre zuvor.
Hans Erni, «Muni mag fünf», 1944.
Hans Erni, «Muni mag fünf», 1944. Staatsarchiv Uri

Erfreuen und nützen

Jahrzehnte später, in seinen Anmerkungen zur eigenen Biografie, blickt Erni selbst auf dieses Verhältnis zwischen Künstler und Gesellschaft zurück. Ein öffentlicher Auftrag, schreibt er, müsse die Öffentlichkeit ansprechen. Eine Aufgabe mit klar umschriebenem Programm liess sich für ihn ebenso gut bewältigen wie eine, die allein der Intuition folgte.
War also das «Landibild» eine solche Aufgabe? War es die Tarnung auch? Sein Lebensziel fasste Erni einmal in zwei Worte: «erfreuen – nützen». Das Wandbild von 1939 wollte erfreuen. Die Bergflanken von 1940 sollten nützen. Zwischen beiden liegt vielleicht kein Widerspruch, nur eine Verschiebung des Gewichts – vom Sichtbaren zum Unsichtbaren, vom Fest zum Ernstfall. Das Auge blieb dasselbe.

Wir und der Krieg

17.04.2026 17.01.2027 / Landesmuseum Zürich
Krieg ist ein prägendes Element der Schweizer Geschichte. Die Ausstellung zeigt aus unterschiedlichen Perspektiven, wie Kriege vom Spätmittelalter bis heute politische Strukturen, wirtschaftliche Interessen und gesellschaftliche Ordnungen in der Schweiz beeinflusst haben und lädt dazu ein, verbreitete Vorstellungen vom Verhältnis der Schweiz zum Krieg zu hinterfragen – einem Krieg, der oft als fern gilt, aber tief im kollektiven Gedächtnis verankert ist.

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