In der Pension Beau Séjour findet die Zimmerwalder Konferenz statt. Postkarte, undatiert. Archiv André Roullier, Zimmerwald.

Touristen, Schwindsüchtige, Studentinnen und Soldaten

Nach dem Sturz des Zarenregimes in der Februarrevolution reisten 1917 zahlreiche Politemigranten nach Russland zurück – so auch Wladimir Lenin, der Anführer der bolschewistischen Frak­tion der russischen Sozialdemokratie. Lenin hatte während des Weltkriegs im Schweizer Exil sein politisches Programm geschärft. Auf den internationalen sozialistischen Konferenzen von Zimmerwald (1915) und Kiental (1916) war er energisch für die proletarische Weltrevolution und einen Bürgerkrieg gegen die eigenen Regierungen ein­getreten. Er unterlag aber mit seinen radikalen Forderungen der grundsätzlich pazifistisch eingestellten Mehrheit, zu der auch der führende Schweizer Sozialdemokrat Robert Grimm tendierte. Immerhin schlug sich mit Fritz Platten ein anderer prominenter Schweizer Linker auf die Seite Lenins. Im April 1917 war Platten massgeblich an der Organisation von Lenins Heimreise im sogenannten plombierten Eisenbahnwagen beteiligt.

Innerhalb der russischen Kolonie der Schweiz führten die scharfen Positionen der Bolschewiki zu einer Intensivierung der Frontenbildung – und nach der Oktoberrevolution zu einem erbitterten Verdrängungskampf. Im Mai/Juni 1918 gelang es einer bolschewistischen Delegation unter Jan Berzin, die bisherige russische Gesandtschaft zu vertreiben, sich selber als einzige massgebliche Vertretung des neuen Russlands in Bern zu etablieren und eine rege Propagandatätigkeit aufzu­nehmen. Im November 1918, am Vorabend des Landesstreiks, wurde die Sowjetmission aus der Schweiz ausgewiesen.

Es waren aber bei weitem nicht nur politische Flüchtlinge, die aus dem Zarenreich in die Schweiz kamen. Die landschaftliche Schönheit der Alpen hatte schon im 18. Jahrhundert adlige Touristen angelockt, zumal die russische Literatur den Mythos einer idyllischen und glücklichen schweizerischen Bergwelt kolportierte. Die Reiseberichte des Schriftstellers und Historikers Nikolai Karamsin sind ein bekanntes Beispiel dafür. Später bevölkerten Tausende von kranken, meist an Tuberkulose leidenden Untertanen des Zaren die Gaststätten und Sanatorien der Schweizer Berggemeinden. 1911 errichtete die russische Regierung sogar eine eigene konsularische Vertretung in Davos.

Zahlreich waren auch die bildungshungrigen Russen und vor allem Russinnen, die es seit den 1860er-Jahren an die Schweizer Universitäten zog. Während den Frauen im Zarenreich bis ins 20. Jahrhundert der Zugang zum ordentlichen universitären Studium verwehrt blieb, wurde 1867 die Russin Nadeschda Suslowa als erste Frau an der Universität Zürich promoviert. In Zürich studierten unter anderem die spätere Revolutionärin Wera Figner und die aus Polen stammende Sozialdemokratin Rosa Luxemburg. Angesichts der offensichtlichen Verflechtungen zwischen studentischer und revolutionärer Exilgemeinde verbot der Zar seinen weiblichen Untertanen 1873 das Studium in Zürich; darauf wich ein Teil der Studentinnen an andere Schweizer Universitäten aus. Nach der Jahrhundertwende folgte eine zweite «Russenwelle»: Im Wintersemester 1906/07 studierten in der Schweiz mehr als 2300 Personen aus dem Zarenreich, davon rund 1500 Frauen; das entsprach 36 Prozent aller Studierenden. Betrachtet man nur die Frauen, so machten die Russinnen in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts etwa drei Viertel aller Studentinnen aus. Die meisten von ihnen entschieden sich für das Studium der Medizin.

Gemäss Volkszählung lebten 1910 knapp 8500 Personen aus dem europäischen Russland in der Schweiz, die Hälfte davon in Zürich und Genf. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs bemühten sich viele dieser Leute um eine Repatriierungsmöglichkeit. Gleichzeitig strömten jetzt aber neue Russinnen und Russen in die neutrale Eidgenossenschaft: Personen, die im nunmehrigen deutschen oder österreichischen Feindesland gelebt hatten, sowie rund 3000 Soldaten, die als Deserteure oder entflohene Kriegsgefangene eine schützende Bleibe suchten. Wie die Studierenden sahen auch sie sich alsbald von politischen Aktivisten aller Lager umworben. Sie wurden damit unweigerlich Teil einer politisierten Kolonie, die gebannt auf die sich anbahnenden Umbrüche in der russischen Heimat blickte.

Robert Grimm, circa 1920. Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich.

Fritz Platten, circa 1925. Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich.

Nadeschda Suslowa, undatiert.
Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich.

Peter Collmer
Historiker an der Universität Zürich mit Schwerpunkt Osteuropa.

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