Bodensee-Plakat von Joseph Ruep, erschienen 1930.
Bern, Staatsarchiv des Kantons Bern/ Berner Design Stiftung

Das emblematische Bodensee und Rhein-Plakat

Das 1897 bei Orell Füssli erschienene Bodensee und Rhein-Plakat zeigt den gesamten Bodensee bis zum Rheinfall, im Hintergrund die schneebedeckten Alpen. Nach Süden ausgerichtet, definiert es den touristischen Blick auf den Bodensee – bis heute.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts macht Plakatwerbung Furore. Sie gilt als bestes Mittel, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu packen. Am Anfang der Tourismuswerbung stehen die Fahrplanplakate. Auch die Vereinigten Dampfschiffahrtsbetriebe am Bodensee und Rhein geben ein solches Plakat, ein «Vogelperspectivbild des Bodensees mit Dampfboot und Möven» bei Orell Füssli in Auftrag. Es kombiniert eine Ansicht von Bodensee (klicken um zu vergrössern) und Rhein mit den Fahrplänen für Dampfschiffe und Eisenbahnen und erscheint von 1886 bei 1896, insgesamt elfmal zur Sommersaison. Seine Absicht ist es, Touristen, «Fremde» im Jargon der damaligen Zeit, für eine Ausflugsfahrt mit einem Dampfschiff zu gewinnen, wie die Vignette mit dem Dampfschiff Bodan zeigt. Bis dahin waren die Dampfschiffe vor allem Transportmittel für Menschen, Waren und Vieh gewesen. Jetzt, im neuen Zeitalter der Eisenbahn, die Menschen schneller zum Ziel bringt, gibt es Konkurrenz für die Dampfschiffe. Mit dem Aufkommen des modernen Tourismus versuchte man daher, neue Kunden zu gewinnen.

Tourismuswerbung wird bald ein eigenes, wichtiges Thema. Am Bodensee und Rhein werden um 1900 gleich mehrere grenzüberschreitende Vereinigungen gegründet, die sich die Förderung des Fremdenverkehrs zur Aufgabe machen. 1893 wird in Bregenz der Verband der Gasthofbesitzer am Bodensee und Rhein gegründet, 1902 der Bodensee-Verkehrsverein in Lindau, 1907 der Verein Untersee, Rhein und Umgebung. Ihre Zielsetzungen sind ähnlich: durch eine Verbesserung der Verkehrsverhältnisse, vor allem aber durch gezielte, qualitativ hochwertige und das heisst um 1900 künstlerische Reklame wollen sie Bodensee und Rhein als Tourismusgebiet bekannt und attraktiv machen.

Bodensee-Fahrplan-Plakat vom 1. Juni 1887.
SBB Historic

Bereits im Gründungsjahr 1893 führte das «Reclame-Comité» des Gasthofbesitzerverbandes Verhandlungen mit der «bekannten Reklame-Firma Orell-Füssli in Zürich», mit dem Ziel, «ein hübsches Plakat zu ausgedehntester Verbreitung» herzustellen. Der erste Anlauf, der eine Sammelvedute mit den wichtigsten Attraktionen rund den Bodensee vorsah, scheiterte an den Finanzen. Im zweiten Anlauf wird im Dezember 1895 «eine von Hrn. Wegenstein vom Hotel „Schweizerhof“ in Neuhausen entworfene und vom Artistischen Institut Orell Füssli & Cie in Zürich ausgearbeitete landschaftliche Szenerie vom Bodensee und Rhein mit Umgebung, im Hintergrunde bekränzt von den Alpen» als Plakatmotiv ausgewählt.

Bodensee- und Rhein-Plakat von Orell Füssli von 1909.
Archiv Orell Füssli

Das Anfang 1897 schliesslich in einer Auflage von 3000 Exemplaren erschienene Bodensee und Rhein-Plakat war nach wenigen Jahren vergriffen. 1909 wurde es – leicht verändert – nachgedruckt. Links unten ist ligiert die Signatur MZ erkennbar, möglicherweise handelt es sich dabei um M. Zimmermann, einen Mitarbeiter der Lithographischen Anstalt von Orell Füssli, der auch andere Plakate so signiert hat – über seine Biographie ist jedoch nichts bekannt. Und die Korrespondenz von Orell Füssli für den Akzidenzdruck ist erst ab 1942 überliefert.

Bald nach seinem Erscheinen 1897 wurde das neue Bodensee und Rhein-Plakat nicht nur im Bodenseeraum verbreitet, sondern auch auf internationale Ausstellungen, so zum Beispiel nach London geschickt. In verkleinerter Form wurde es bei Orell Füssli 1903 nachgedruckt und unter anderem dem «Guide through Europe», einem über 900 Seiten umfassenden Europa-Reiseführer beigefügt, den alle Reisenden der Hamburg-Amerika-Linie als Geschenk ausgehändigt bekamen. Dort konnte das Bodensee-Kleinplakat nicht übersehen werden, schliesslich war es nur eine von drei doppelseitigen Farbabbildungen. Weitere Verbreitung fand es unter anderem als Titelblatt des Albums «Bodensee und Rhein» der Edition Photoglob, erschienen 1911. Die nach Süden ausgerichtete Perspektive des Bodensee und Rhein-Plakats mit den schneebedeckten Alpen wurde in der Folge von zahlreichen Malern, Grafikern und Fotografen aufgenommen und auf zahlreichen Gemälden, in Alben, aber vor allem auf Postkarten reproduziert und fand weiteste Verbreitung. Auch das Bodensee-Plakat von Joseph Ruep, das 1930 erschien, griff diese Perspektive wieder auf. Es wurde in sehr hohen Auflagen gedruckt, da es auch als Rückseite von Bodensee – Prospekten genutzt wurde. 1950 wurde es zudem noch einmal nachgedruckt.

Titelblatt des Albums «Bodensee und Rhein» der Edition Photoglob, erschienen 1911.
Stein am Rhein, Jakob und Emma Windler – Stiftung, Kultureinrichtungen

Das Bodenseeplakat von 1896/97 existierte als Werbemittel nur bis zum ersten Weltkrieg. Seine Darstellung des Bodensees und Rhein-Gebietes, mit dem See im Zentrum, dahinter die schneebedeckten Alpen, also nach Süden statt nach Norden ausgerichtet, setzte die Vorzüge des Bodenseegebietes, See und Berge, so attraktiv in Szene, dass es bis heute die präferierte Perspektive auf das Tourismusgebiet Bodensee und Rhein geblieben ist. Noch heute wird eine touristische Reliefkarte aus diesem Blickwinkel zum Beispiel im Pocketguide 2019 von St. Gallen – Bodensee genutzt, das Motiv auf Plastiktaschen und Pillendöschen reproduziert. Das Plakat des Verbandes der Gasthofbesitzer am Bodensee und Rhein, 1897 bei Orell Füssli erschienen, hat die Sicht auf den Bodensee kanonisiert und den touristischen Blick definiert – bis heute.

Bodensee und Rhein. Tourismuswerbung über Grenzen 1890 – 1950

Museum Lindwurm, Stein am Rhein

bis 31.10.2019

Erstmals stehen die Werbemittel: Plakate, Prospekte, kostenlose Reise- und Hotelführer, Fremdenblätter für den internationalen Bodensee im Mittelpunkt. Viele davon sind zum ersten Mal in einer Ausstellung zu sehen. Einen Höhepunkt bilden neben dem emblematischen Bodensee und Rhein-Plakat die bislang unveröffentlichten Bodensee und Rhein-Prospekte von 1929 – 1938/39 mit dem 1927 von «Bö», dem bekannten Redaktor des «Nebelspalters» und Karikaturisten Carl Böckli entworfenen Titelmotiv. Zur Ausstellung ist eine Begleitpublikation erschienen: Elisabeth Schraut, Bodensee und Rhein. Tourismuswerbung über Grenzen 1890 - 1950. 52 Seiten, 98 Abbildungen. ISBN 978-3-033-06983-1, für 12 Franken im Museum Lindwurm erhältlich.

www.museum-lindwurm.ch

Elisabeth Schraut
Elisabeth Schraut ist Historikerin und seit 2014 Gesamtleiterin der Kultureinrichtungen der Jakob und Emma Windler-Stiftung in Stein am Rhein.

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Ein Kommentar

Vielen Dank — sehr interessant. Wir kommen seit 1955 fast jedes Jahr an den Bodensee (Radolfzell) — für uns eine zweite Heimat.