Die Flaschen aus dem Katzensee lassen tief (in die Vergangenheit) blicken.
Illustration: Marco Heer

Flaschen­post aus dem Katzensee

Der Katzensee bei Zürich wurde Jahrzehnte lang als Entsorgungsstelle für Glas genutzt. Ein Blick in die Flaschen vergangener Tage.

Katrin Brunner

Katrin Brunner ist Chronistin von Nieder- und Oberweningen und freischaffende Journalistin.

Eigentlich war es als Fischerausflug zweier Freunde gedacht. Was da aber am frühen Morgen an einem Tag im Mai 1990 durchs klare Wasser schimmerte, waren keine Fischschuppen, sondern jede Menge Glasflaschen. Neugierig geworden, schnorchelten die Hobbyfischer vor dem Bootshaus der Villa Katzensee herum und hoben so die eine oder andere gläserne Zeugin vergangener Tage zurück ans Tageslicht.

1863 liess Albert Rordorf am westlichen Ufer des Sees das «Châlet Bernoise» bauen. Ein Hotel, welches eine sogenannte «Molkenkur» anbot. Die illustre Gästeschar fand durchaus gefallen daran und so entwickelte sich das Haus bald zum Treffpunkt der Freunde von Molkenkuren. Diese kamen in grosser Schar aus dem In- und Ausland. Dass dabei aber nicht nur Molke konsumiert wurde, beweisen die zahlreich im See versenkten Flaschen, die ganz offensichtlich einen hochprozentigen und vor allem teuren Inhalt hatten. Rordorf veranstaltete gegen Ende des 19. Jahrhunderts regelmässig Gondelfahrten mit Musikbegleitung. Im Winter liess er seine Gäste auf dem gefrorenen See Schlittschuh laufen.

Für eine Molkenkur kam die illustre Gästeschar aus dem In- und Ausland ins «Châlet Bernoise». Druckgrafik, um 1870.
Schweizerisches Nationalmuseum

1875 starb Albert Rordorf und das Hotel wechselte den Besitzer. Kurze Zeit nannte Immobilienspekulant Isaak B. Weil das hübsche Haus sein eigen. 1884 übernahm Baron Emil August Hermann Wernecke die Liegenschaft. Auch er und seine Gäste schienen nicht nur heimisches Brunnenwasser getrunken zu haben. Die in der Neuzeit gefundenen Flaschen, die mit Doppeladler und einem K.K.-Stempel (für königlich-kaiserlich) versehen waren, lassen dies vermuten, denn sie waren mit edlem Maraschino-Likör gefüllt. 1901 brannte der Holzbau am Katzensee bis auf die Grundmauern ab. Die heute noch stehende Jugendstilvilla stammt aus dem Jahr 1908. Vier Jahre später zog Franz Josef Weck mit seiner Familie ein. Er vertrieb die von seinem Vater weiterentwickelten Einmachgläser in der Schweiz und war damit äusserst erfolgreich. Als grosser Naturfreund setzte er ein Verbot durch, welches Blumen pflücken rund um den See untersagte. Gleichzeitig war Weck aber auch einer der ersten Autobesitzer in der Region und gerne und ausgiebig mit seinem Mercedes unterwegs.

Familie Weck unterwegs mit ihrem Automobil. Es war für lange Zeit das einzige im Furttal.
Gemeindemuseum Regensdorf

Die originellsten Flaschen, die aus dem See geborgen wurden, sind Schweppesflaschen aus der Zeit um 1880. Diese in der Form an altertümliche Amphoren erinnernde Gefässe konnten nur liegend gelagert werden. Nur so blieb der Zapfen immer feucht und ein Entweichen von Wasser und Kohlensäure konnte verhindert werden. Erfunden hatte das Getränk Jean Jacob Schweppe. Der Deutsche fand eine Möglichkeit, aus Tonic Water und Limettensaft ein Getränk herzustellen, dem Chinin beigefügt werden konnte, ohne dass der Geschmack Übelkeit provozierte. Chinin war für die Malariaprofilaxe ein wichtiger Stoff und wurde vor allem von den britischen Truppen in Indien verwendet. Die Schweppesflaschen schienen wegen ihrer Form herumzutorkeln und erhielten schon bald den Übernahmen «Drunken Bottles».

Bevor Sie jemanden nächstes Mal als «Flasche» bezeichnen, sollten Sie sich das vielleicht überlegen, schliesslich sind sie mehr als nur Glasgefässe. Flaschen sind immer auch Zeugen aus der Vergangenheit, die an die Kulturgeschichte der Menschheit erinnern.

Die Spitzboden-Flaschen aus Industrieglas wurden von Schweppes im 19. Jahrhundert produziert und in die ganze Welt exportiert.
Wikimedia

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