Mit Stoffen wie diesem machten Abolitionisten, Gegner der Sklaverei, auf das menschenunwürdige Schicksal der Sklaven aufmerksam. Stoff «La traite des nègres», um 1820, wohl Manufacture Girard Déville-lès-Rouen (Ausschnitt).
Schweizerisches Nationalmuseum

Der transatlantische Sklavenhandel

Bis zur endgültigen Abschaffung der Sklaverei im 19. Jahrhundert verschleppten europäische Händler Millionen von Menschen aus Afrika in die Neue Welt. Auch Schweizer Familien und Unternehmen verdienten am transatlantischen Sklavenhandel mit.

«Ich sah viele meiner unglücklichen Landsleute zu zweien zusammengekettet», erinnerte sich der ehemalige Sklave Ottobah Cugoano 1787 an die Verschleppung aus seiner Heimat im heutigen Ghana. «Man hörte nur noch das Rasseln der Ketten, das Klatschen der Peitschen und das Stöhnen und Schreien unserer Mitmenschen». Hier traf buchstäblich zu, was Jean-Jacques Rousseau mehr als ein Vierteljahrhundert zuvor im übertragenen Sinne angeprangert hatte: Dass die Menschen frei geboren seien und doch überall in Ketten lägen. Aber als die Gedanken des Aufklärers, für den «die Worte ‹Sklave› und ‹Recht› im Widerspruche» standen, im Zuge der französischen Revolution 1789 Eingang in die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte fanden, brachten sie den aus Afrika deportierten Menschen weder Freiheit noch Rechte. Im Gegenteil: Allein im Revolutionsjahr liefen aus französischen Atlantikhäfen über 130 Sklavenschiffe aus – der bisherige Höhepunkt eines rechtlich legitimierten Geschäfts, das im folgenden Jahrzehnt einen weiteren Aufschwung erleben sollte.

Einen Sklavenhandel darstellende Porzellanfigur, um 1775.
Schweizerisches Nationalmuseum

Sklaven auf einer Baumwollplantage in den USA Mitte 19. Jahrhundert.
Keystone

Menschen als Handelsware

Im sogenannten transatlantischen Sklavenhandel, der mit der Besiedlung der Kolonien in Übersee eingesetzt hatte, wurden Menschen vom afrikanischen auf den amerikanischen Kontinent zwangsverschleppt und dort als gratis Arbeitskräfte auf den Plantagen – anfangs insbesondere von Zuckerrohr, später von Baumwolle – eingesetzt. Die ökonomisch kalkulierenden Plantagenbesitzer gaben kaum Geld für Ernährung und Gesundheit der Sklaven aus – starben sie früh, konnte man sie leicht ersetzen. So überlebte ein Mensch die Strapazen im Schnitt etwa sieben Jahre lang, wenn er im 18. Jahrhundert angefangen hatte, als Sklave auf einer Zuckerrohrplantage in Barbados zu arbeiten.

Der Handel mit den versklavten Menschen wurde Teil eines Dreiecksgeschäfts quer über den Atlantik: Europäische Händler beluden ihre Schiffe an den Atlantikhäfen mit Rum, Waffen und Textilien – insbesondere mit den an afrikanischen Fürstenhöfen beliebten Indiennes-Stoffen aus der Schweiz und Frankreich. In den Häfen Westafrikas tauschte man sie gegen Menschen ein, die afrikanische und arabische Sklavenhändler zur Küste gebracht hatten. Auf engstem Raum im Schiffsbauch zusammengepfercht und aneinandergebunden – damit sie sich nicht ins Meer stürzen und ihren Qualen so ein Ende setzen konnten – wurden die Menschen in die Neue Welt verfrachtet. Insgesamt sollen es ab dem 16. Jahrhundert elf bis zwölf Millionen gewesen sein. Zehn bis fünfzehn Prozent überlebten die Überfahrt nicht. In den Kolonien verkaufte man die Menschen und erwarb mit dem Gewinn Zucker, Kakao, Tabak, Reis oder Gewürze. Die exotischen Güter fanden in Europa reissenden Absatz.

Die Sklaven wurden auf engstem Raum im Schiffsbauch zusammengepfercht und aneinandergebunden. Beladungsplan eines britischen Sklavenschiffs, 1788.
Library of Congress

Kolonialreiche wie Grossbritannien oder Frankreich waren führend im Sklavenhandel. Zahlreiche Schweizer Familien und Unternehmen investierten ebenfalls in das boomende Geschäft und erwirtschafteten nicht selten hohe Gewinne. Die Basler Welthandelsfirma Christoph Burckhardt & Cie. beispielsweise war durch Anteilscheine an Sklavenfahrten in den menschenverachtenden Wirtschaftszweig involviert. Führend im Handel von Indiennes-Stoffen, sahen ihre Inhaber hier neben dem direkten Gewinn auch die Möglichkeit, durch die Belieferung der Schiffsausrüster mit ihren Stoffen die afrikanischen Märkte zu erobern. Geldinstitute, beispielsweise die Zinskommission Leu (die spätere Bank Leu), hielten hohe Anteile an der französischen Compagnie des Indes, die in grossem Umfang Sklavenhandel betrieb. Zeitweise waren 30 Prozent ihrer Aktien in Schweizer Händen.

Einziger erhaltener für den Sklavenhandel hergestellter Stoff. Er stammt aus Nantes, wo 45 Prozent aller französischen Sklavenschiffe ausliefen.
Schweizerisches Nationalmuseum

«Ihr könnt euch entscheiden wegzuschauen, aber ihr könnt nie mehr sagen, ihr hättet es nicht gewusst!»

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts verloren die finanziellen gegenüber den humanistischen Argumenten langsam an Gewicht. Dazu trug massgeblich die 1789 erschienene Autobiographie des ehemaligen Sklaven Olaudah Equiano bei. Innert Kürze avancierte sie zum Bestseller, bis zum Tod des Autors 1797 erschien sie in acht Auflagen. Mit dem Bericht der brutalen Entführung als Kind und der qualvollen Überfahrt in die Neue Welt gab Equiano der «Handelsware Mensch» ein Gesicht. Fadenscheinige Rechtfertigungsargumente wie jenes, die Sklaven hätten in der Neuen Welt ein glücklicheres Leben als in Afrika, verloren definitiv jegliche Glaubwürdigkeit. Der eklatante Widerspruch zwischen den Werten der Aufklärung und der Unfreiheit der Sklavinnen und Sklaven, auf deren Buckel Europa seinen Reichtum vermehrte, konnte nicht länger ignoriert werden. Im Mai 1789 präsentierte der britische Parlamentarier William Wilberforce in einer brillanten Rede den ersten Gesetzesentwurf für ein Verbot des Sklavenhandels. «So viel Elend zusammengepfercht auf so wenig Raum ist mehr als die menschliche Einbildungskraft sich je hätte vorstellen können», rief er ins Parlament und stellte damit die menschliche Tragödie klar über die ökonomischen Argumente. Noch wogen diese aber schwerer – nur wenige wollten sich für das Verbot eines Wirtschaftszweigs einsetzen, der trotz Risiken bis zu fünfzehn Prozent Rendite versprach. Auch in Frankreich blieb es bei Lippenbekenntnissen zur Gleichberechtigung aller Menschen: Die versklavten Menschen lagen in Ketten, während die Sklavenhändler in Nantes wie Fürsten lebten.

William Wilberforce (1759 – 1833), porträtiert von Anton Hickel, 1794.
Wikimedia

Wilberforce liess nicht locker und reichte fast jährlich neue Gesetzesentwürfe ein. Mit Erfolg: das Verbot des Sklavenhandels kam 1807 in Grossbritannien und seinen Kolonien und 1815 in Frankreich durch; jenes der Sklavenhaltung 1834 respektive 1848. Sklaven in den unabhängigen Staaten mussten länger darauf warten: Nach den USA 1865 schaffte 1888 auch Brasilien als letzter Staat auf dem amerikanischen Doppelkontinent die Sklaverei ab.

Die versklavten Menschen hatten damit endlich die in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte proklamierte und ihnen aufgrund der Hautfarbe so brutal verweigerte Freiheit erlangt. Die Ausbeutung von Arbeitskräften ging jedoch weiter: Bald ersetzten Menschen aus Indien und China die Sklavinnen und Sklaven. Ihre Verpflichtung regelte man zwar vertraglich, doch Täuschungen bei der Rekrutierung, Einschüchterung und Gewalt waren an der Tagesordnung. Diese Form von «Vertragsknechtschaft» (man sprach von «indentured labour») liess manch ein Schicksal dem von vormals aus Afrika verschleppten Menschen ähneln.

Indiennes. Stoff für tausend Geschichten

Landesmuseum Zürich

30.08.2019 – 19.01.2020

Die Ausstellung im Landesmuseum erzählt die Geschichte rund um die Textilproduktion, thematisiert das koloniale Erbe und wandelt auf den Handelswegen zwischen Indien, Europa und der Schweiz. Äusserst sehenswert sind die vielen prachtvollen Stoffe, darunter hochkarätige Leihgaben aus dem In- und Ausland.

Noëmi Crain Merz
Dr. Noëmi Crain Merz, Historikerin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Schweizerischen Nationalmuseum und Dozentin an der Universität Basel.

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Ein Kommentar

werner locher sagt:

Ich glaube nicht, dass die Sklaverei wirklich abgeschafft ist. Nur , heute bezahlt niemand für Sklaven. In Drittweltländern arbeiten viele Menschen auch heute noch unter unwürdigen Bedingungen. Wenn sie krank werden, müssen sie selber schauen, ob sie Geld für einen Arzt haben. Den Arbeitgeber interessiert seine Gesundheit nicht. Fällt er aus, dann stellt er einen neuen ein.
Ich denke, der frühere Sklavenbesitzer liess einen Arzt holen, denn er hatte ja für den Sklaven bezahlt. Also hatte er ein Interesse, dass dieser nicht stirbt. Oder waren die Kosten für einen neuen Sklaven tiefer als die Kosten für einen Arztbesuch?