Nachdem 2010 das Hotel auf dem Berg abgerutscht war, baute Stararchitekt Mario Botta einen spektakulären Bau auf den Tessiner Hausberg.
Monte Generoso Bahn

Als Dutti eine Bergbahn kaufte

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erlebte die Schweiz einen Boom beim Bau von Bergbahnen. Eine davon war die 1890 eröffnete Monte Generoso Bahn. Überleben konnte sie aber nur mit der Hilfe eines bekannten Mäzens.

Dominik Landwehr

Dominik Landwehr ist Kultur- und Medienwissenschafter und lebt in Zürich.

Langsam kämpft sich die kleine Bahn von der Talstation Capolago Richtung Monte Generoso. Rechts unten glitzert der Lago di Lugano, die farbigen Häuser werden immer kleiner. Der Lärm ist ohrenbetäubend und verunmöglicht vernünftige Gespräche. Doch die sind eigentlich gar nicht nötig, denn die Aussicht ist atemberaubend. Darüber muss man nicht diskutieren.

Hinauf in die Berge mit der Kraft der Dampfbahn – das war die Vision der Pioniere im 19. Jahrhundert. Die Schweiz war ganz vorne mit dabei: 1871 konnte die erste Bergbahn Europas den Betrieb aufnehmen – die Rigibahn. Es war eine Normalspurbahn mit 1435 mm Spurweite – andere Spurweiten erhielten noch kein Konzession – und dem mechanischen System, das der Schweizer Ingenieur Niklaus Riggenbach (1817 – 1899) im Jahr 1863 hatte patentieren lassen. Die Rigibahn inspirierte zahlreiche Projekte in der ganzen Schweiz. Die Schweiz erlebte einen wahrhaften Bergbahn-Boom: Bis 1913 entstanden 51 Bergbahnen, darunter auch die vom Zürcher Oberländer Unternehmen und Ingenieur Guyer-Zeller (1839 – 1899) konzipierte Jungfrau-Bahn, die zwischen 1898 und 1912 stufenweise eröffnet wurde. Der Tourismus erlebte eine erste Blütezeit und beschäftigte 80'000 Menschen.

Weltweit gibt es heute nur noch 30 reine Zahnradbahnen – 17 davon sind in der Schweiz und die Monte Generoso Bahn ist eine davon!

Eine Ansichtskarte aus dem Jahr 1909 zeigt die pompösen Bauten auf dem Berg.
Archiv MGB

Ein Hotel auf halber Höhe

Ein Kind dieses Booms war auch die Bahn auf den 1701 Meter über Meer liegenden Monte Generoso. Schon 1870 liess Carlo Pasta – ein lokaler Arzt – auf halber Höhe des Berges das Hotel Monte Generoso Bellavista bauen. Das Haus liegt nahe der heutigen Mittelstation und konnte nur zu Fuss erreicht werden. Pasta hatte aber grössere Pläne und reichte 1874 ein Konzessionsgesuch für eine Eisenbahn ein – sie sollte Gäste bereits in Mendrisio am Luganersee abholen und in sein Hotel bringen. Das Projekt erwies sich aber als zu teuer und wurde nicht realisiert.

Ein zweiter Anlauf war dann erfolgreich: 1886 erhielt die Bahn vom Bundesrat die nötige Konzession. Unter der Leitung des Ingenieurs Roman Abt (1850 – 1933) begannen die Bauarbeiten. Die Bahn konnte am 4.Juni 1890 eröffnet werden. Alles war Made in Switzerland. Die Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik in Winterthur liefert sechs Zahnrad-Dampflokomotiven, die SIG in Neuhausen (SH) die Waggons. Elektrifiziert wurde die Bahn erst 1982. Vorher trieb man die Loks mit Kohle und später mit Diesel an.

Die eingleisige Bahnstrecke ist 8,9 Kilometer lang. Anders als die Rigibahn nutzt sie eine Spurweite von 800 mm und ist damit eine Schmalspurbahn. Sie benutzt das Zahnstangen-System, das Roman Abt – einem Zeitgenossen und Konkurrenten von Riggenbach – erfunden hatte und kann Steigungen von bis zu 22 Prozent überwinden. Die 1899 eröffnete Pilatusbahn schaffte mit 48 Prozent bereits mehr als doppelt so viel.

Gottlieb Duttweiler (rechts) kaufte die bankrotte Bahn 1941.
Archiv MGB

Die Bahn nutzte bis 1954 ausschliesslich Dampfloks wie diese hier. Danach ging es mit Diesel bergauf und 1982 wurde die Bahn elektrifiziert.
Archiv MGB

Es gab glanzvolle Momente: Königin Margarethe von Spanien und der Erbprinz und spätere König von Italien, Vittorio Emanuele III., sollen in den Anfangsjahre Gäste gewesen sein. Nur finanziell klappte es mit der Monte Generoso Bahn nicht so ganz. Die Zahlen blieben von Anfang an deutlich unter den Erwartungen. Das lag einerseits an der geografischen Lage am Rande der Schweiz, andererseits machte der Erste Weltkrieg dem Unternehmen einen Strich durch die Rechnung. 1914 musste es Konkurs anmelden. Zwei Jahre später folgte die Neugründung, 1921 eine Aufstockung des Kapitals.

Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges wiederholte sich die ganze Geschichte und man überlegte sich sogar, die Schienen abzubauen und als Rohstoff zu verkaufen. Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler hörte davon und kaufte die Bahn 1941. Sie passte in seine Firmenstrategie und half mit, das Image der Migros zu verbessern. Dutti senkte die Fahrpreise und ermöglichte Familien während des Krieges, für wenig Geld ins Tessin zu reisen. In den Läden liess er das erste Migros-Waschmittel Generoso und den dreieckigen Monte-Generoso-Kuchen verkaufen.

Heute ist der Migros-Genossenschafts-Bund Besitzer der Bahn. Er deckt nicht nur das jährliche Defizit in unbekannter Höhe, sondern steht auch für die Investitionen in Gleis und Rollmaterial gerade. Abgerechnet wird es über das Migros-Kulturprozent. Trotz der grosszügigen Unterstützung erlebte das Unternehmen 2010 einen herben Rückschlag: Aufgrund einer Senkung des Felsbodens, musste das erst 1970 gebaute Hotel Veta geschlossen werden. Für das neue Projekt konnte der Tessiner Architekt Mario Botta gewonnen werden, der nur wenige Kilometer von der Talstation entfernt, zuhause ist. Er schuf mit der 2017 eröffneten «Fiore di Pietra» ein Gebäude, das international zur architektonischen Wegmarke wurde.

Talfahrt einer Dieselbahn, ca. 1960.
Archiv MGB

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