Der Spitlight in Aktion.
Die Nase der Rakete liess sich drehen – damit konnte der Spitlight sowohl senkrecht als auch waagrechte Projektionen machen. Museum Enter

Ein Lichtspu­cker erobert den Himmel

1955 war er eine Sensation – der Projektor mit dem Namen Spitlight, der Bilder auf Felswände und Wolken projizieren konnte. Das futuristische Gerät brachte seinem Erfinder jedoch kein Glück.

Dominik Landwehr

Dominik Landwehr

Dominik Landwehr ist Kultur- und Medienwissenschafter und lebt in Zürich.

Zu ihrer Eröffnung am 20. Januar 2021 konnten die Solothurner Filmtage eine besondere Attraktion bieten. Zwar fand das Festival pandemiebedingt online statt – aber am Landhausquai, wo sonst das Publikum promeniert, stand ein Gerät, das aussah wie eine Mondrakete. Eine filmwürdige Kulisse, die sogar bei der Eröffnung im Schweizer Fernsehen zu sehen war. Auf einem knallrot lackierten Bedford-Lastwagen war eine drehbarer Aufbau, der deutlich an eine Rakete erinnerte: Der Spitlight des Tessiner Erfinders Gianni Andreoli aus dem Jahr 1955. Spitlight heisst wörtlich übersetzt Licht-Spucker. Dass der Spitlight gerade hier gezeigt wurde, war kein Zufall: Der ungewöhnliche Projektor gehört seit wenigen Jahren dem Museum Enter in Solothurn, das ihn auch hat renovieren lassen und ihm nun eine glanzvolle Premiere ermöglichte. Bei seiner ersten Präsentation Mitte der 1950er-Jahre war der Spitlight in jeder Hinsicht ein Gerät der Superlative: Er konnte über eine Distanz von bis zu sechs Kilometern monochrome Bilder projizieren. Die Seitenlänge des Bildes betrug bis zu 1000 Meter. Damit war eine Projektion auf Wolken oder Felswände möglich. War beides nicht vorhanden, erzeugte man mit Ammoniumchlorid, das mit Raketen in den Himmel geschossen wurde, künstliche Wolken.  Andreolis Erfindung war bis in die 1980er-Jahre der grösste Projektor der Welt und ist so auch im Guinness Buch der Rekorde eingetragen.
Der Spitlight unterwegs.
Der Spitlight unterwegs. Nicht zu sehen ist hier der Generator, der auf einem Anhänger montiert war und immer mitgeführt werden musste. Museum Enter
Projektion während der Winterolympiade 1956 in Cortina d'Ampezzo.
Projektion während der Winterolympiade 1956 in Cortina d'Ampezzo. Museum Enter
Im Herz des Projektors leuchtete eine Super-Ventarc Kohlenbogenlampe der Firma Edgar Gretener AG. Gretener entwickelte diese ultrahelle Lampe ab 1948 in erster Linie für den Eidophor Fernsehprojektor, einer Entwicklung der ETH Zürich. Die Kohlenbogen-Technik erzeugte hochintensives Licht ähnlich wie beim elektrischen Schweissen bei Temperaturen von 5000 bis 6000 Grad und brauchte riesige Mengen an Energie. Deshalb musste der Spitlight für seine Stromversorgung einen eigenen Generator mit 120 PS mitführen, er produziert Wechselstrom für die Drehbewegungen des Projektors und Gleichstrom für die Kohlenbogenlampe. Damit konnte das Gerät maximal acht Stunden betrieben werden. Der Spitlight war zwar der erste Projektor in dieser Grössenordnung – Scheinwerfer mit einer Reichweite von bis zu 12 Kilometern kannte man aber bereits im Zweiten Weltkrieg, wo sie bei der Flak verwendet wurden. Auch sie nutzten leistungsstarke Kohlenbogenlampen.
Gianni Andreoli entwickelte den Spitlight 1954/55 – und realisierte Vorführungen in der Schweiz, in Holland und in Monaco. Seinen spektakulärsten Auftritt hatte das merkwürdige Gerät aber an der Winterolympiade 1956 in Cortina di Ampezzo. Andreoli war mit einer ganzen Equipe vor Ort und machte während 14 Tagen jeden Abend aufwendige Projektionen – zu sehen waren die Resultate der Rennen, Werbesignete und auch die genaue Uhrzeit. Möglich war auch die Projektion von Texten. Das war aufwendig, wegen der enormen Hitze konnten nur Metallschablonen, sogenannte Gobos benutzt werden. Die Projektion von bewegten Bildern wie man sie für Lauftexte, Sportresultate oder die Uhrzeit benötigte, verlange einiges an mechanischen Tricks der Operatoren.
Ein Gobo, eine Metallschablone für die Projektion.
Bei der Projektion entstanden extrem hohe Temperaturen. Als Vorlagen dienten deshalb Metallschablonen, sogenannte Gobos. Museum Enter

Die lange Odysee des Projektors

Die Werbeeinnahmen von Cortina hätten die Herstellungskosten des Spitlights mehr als gedeckt. Leider war der Tessiner Ingenieur aber an einen falschen Financier geraten, der sein Geld in den Spitlight investiert hatte, in der Hoffnung bei einem lukrativen Geschäft mitmachen zu können. Der Investor sackte das Geld ein und wollte sich den Projektor unter den Nagel reissen. Andreoli erfuhr davon und versteckte den Spitlight. Damit begann eine jahrelange Odyssee – es gab zwar noch einzelne Vorführungen, aber dabei blieb es dann. Nach dem Tod des Ingenieurs 1971 geriet der Projektor in Vergessenheit. Mitte der 1980er-Jahren stiess der Technikjournalist Claude Settele auf der Suche nach Flohmarkt-Waren bei einem Kollegen auf die Metallgobos und fand schliesslich den Spitlight in einem Luzerner Vorort – im Freien. Ihm war sofort klar: Dieses Fahrzeug muss erhalten werden. Das Verkehrshaus Luzern winkte ab, das Technorama Winterthur zeigte aber Interesse und übernahm den Spitlight, auch wenn das Geld für eine Restauration fehlte. Eine Gruppe von 22 Ingenieuren der Sektion Winterthur des Schweizerischen Technischen Verbandes um den Ingenieur Bernhard Stickel restaurierte das Gerät in über 4000 Arbeitsstunden und übergab es am 25.Oktober 1986 dem Museum in betriebsbereitem Zustand.
Ein TV-Beitrag aus dem Jahr 1982 mit Archivbildern aus den 1950er-Jahren. YouTube / Schweizer Fernsehen
In den 1990er-Jahren entschied das Technorama, in Zukunft kein Museum für Technikgeschichte mehr zu sein, sondern ein Science Center, das dem Publikum Phänomene der Wissenschaft näher bringt. Für den Spitlight war kein Platz mehr: 2014 übergab man das Gerät dem Winterthurer Elektroniker Mark Ofner – er sollte versuchen, für das Gerät Geld und Ideen zu sammeln. Auch das gelang nicht. 2019 entdeckten Vertreter des Museums Enter in Solothurn den Spitlight. Sie sammelten 2020 mit einem Crowdfunding 30'000 Franken für eine Restauration. Der Unternehmer Felix Kunz, Gründer und Mäzen des Museums, steuerte eine weitere grössere Summe bei. Er möchten den Spitlight ab 2023 als Blickfang beim Neubau des Museums in Derendingen einsetzen. Gleichzeitig steht der Projektor für Events zur Verfügung. Projektionen wie man sie früher machte, sind heute aber nicht möglich: Die Technik mit der Kohlenbogen-Lampe ist zu aufwendig und heikel und die Resultate würde ein Publikum, das von Lasers-Shows verwöhnt ist, nicht mehr überraschen, sagt Violetta Vitacca, Leiterin des Museums.
Der Spitlight im Museum Enter in Solothurn.
Heute ist der Spitlight in einer Halle beim Museum Enter am Bahnhof von Solothurn zu sehen. Dominik Landwehr
Gianni Andreoli war Ingenieur mit Leib und Seele und wusste genau, was er tat. Der Tessiner entwickelte bereits in jungen Jahren Flugmotoren – an der Schweizerischen Landesausstellung 1939 war seine Erfindung zu sehen: Der kleinste funktionsfähige Sternmotor mit 2,3 PS. Nach seinem ETH-Abschluss 1945 arbeitete er im Flugzeugwerk Emmen. Später wandte er sich ganz der Projektionstechnik zu und konstruierte zunächst ein leistungsfähiges Episkop, das 1948 unter dem Namen Epistar patentiert wurde. Für die Weltausstellung der Fotografie in Luzern konstruierte er einen riesigen Projektor, den P300. Er war auf dem Turm der Ausstellung, der gleichzeitig auch das Wahrzeichen war, montiert. Sein Strahl reichte mehrere hundert Meter weit. Beim Einrichten stürzte Gianni Andreoli schwer und musste längere Zeit im Spital verbringen.
Porträt von Gianni Andreoli.
Gianni Andreoli als junger Mann. Er war von der Fliegerei begeistert und diente als Militärpilot bei der Schweizer Flugwaffe. Museum Enter
Der Spitlight-300-Projektor war eine der grossen Attraktionen an der Weltausstellung der Fotografie von Luzern 1952.
Der Spitlight-300-Projektor war eine der grossen Attraktionen an der Weltausstellung der Fotografie von Luzern 1952. Museum Enter
Beim Blick in die Wolken soll er, so will es die Legende, die Idee zum Spitlight gehabt haben, dem er den Namen P300S gab. Gut möglich, dass Gianni Andreoli auch den Text «Tagesarbeit eines Journalisten im Jahr 2890» von Jules Verne kannte. So stellte sich der französische Romancier die Zukunft vor: «Hundert Meter breite Autostrassen werden von dreihundert Meter hohen Wolkenkratzern umsäumt und Lichtreklamen werden auf Wolken projiziert.» Der Buchstabe P steht übrigens für Pininasch – das war der Kosename von Gianni Andreoli. Der Tessiner Ingenieur blieb den Projektoren auch nach dem Spitlight-Abenteuer treu. Unter dem Namen Mitralux entwickelte er einen tragbaren Diaprojektor, das Gerät wurde in den 1950er-Jahren als tragbarer Scheinwerfer von Polizei und Feuerwehr in der Schweiz genutzt. Kurz vor seinem Tod versuchte er es noch einmal mit einem Grossprojektor, dem er den Namen Super Nova gab. Mitten in den Arbeiten verstarb Gianni Andreoli 1971 mit nur 52 Jahren.

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