Raoul Dufys «La Fée électricité» im Musée d’art moderne de la Ville de Paris.
Raoul Dufys «La Fée électricité» im Musée d'Art Moderne de Paris. Wikimedia / Guillaume Baviere

Eine fabelhaf­te Fee namens Elektrizität

Das monumentale Wandgemälde «La Fée électricité» des französischen Künstlers Raoul Dufy (1877-1953) für den Pavillon der Elektrizität an der Pariser Weltausstellung 1937 ist eine Feier des technologischen Fortschritts.

Barbara Basting

Barbara Basting

Barbara Basting war als Kulturredaktorin tätig und leitet derzeit das Ressort Bildende Kunst in der Kulturabteilung der Stadt Zürich.

Beim Stichwort «Propagandakunst» denkt man zumeist an bunte, flache Darstellungen von Heldinnen und Helden der Arbeit aus den ehemals kommunistischen Ländern. Ob Bäuerin, Handwerker oder Fabrikarbeiter, alle strotzen auf den entsprechenden Malereien vor Glück und Begeisterung, mag ihre Arbeit noch so anstrengend, öde oder schmutzig sein. Jenseits solcher Klischees findet sich Kunst mit Schlagseite allerdings auch in freien Gesellschaften. Nur dass sie dort eher unter dem Titel der Werbe- und Auftragsmalerei läuft und etwas feinere Register zieht. Ein herausragendes Beispiel dafür ist das monumentale Wandgemälde «La Fée électricité». Der französische Künstler Raoul Dufy (1877-1953) hat es im Auftrag der Pariser Elektrizitätswerke für den Pavillon der Elektrizität an der Pariser Weltausstellung 1937 entworfen und ausgeführt.
Die Weltausstellung in Paris von 1937, Blick zum Eiffelturm.
Die Weltausstellung in Paris von 1937, Blick zum Eiffelturm. Links im Bild der deutsche und gegenüber der sowjetische Pavillon. Ville de Paris / BHdV
Dieser Pavillon diente wie die gesamte Weltausstellung der Feier des technologischen Fortschritts. Die Elektrizitätswerke setzten auf eine für damalige Verhältnisse erfrischend avantgardistische Architektur. Gerade im Vergleich mit den bombastischen, auftrumpfenden Bauten Deutschlands und der Sowjetunion, die das Pariser Marsfeld dominierten, gehörte der elegante, strenge Entwurf von Robert Mallet-Stevens zu den wirklich zukunftsweisenden Modellen. Superlative bediente auch er: Den Turm krönte das Leuchtfeuer von Ouessant, der damals brandneuen hellsten Leuchtturm-Laterne der Welt. Für weitere Showeffekte sorgte ein funkendsprühender Lichtbogen auf der Esplanade. Die Botschaft dieser Lichtorgie war unmissverständlich: Das ist die Zukunft, und dafür braucht es Strom.
Pavillon der Elektrizität mit dem Modell des Leuchtturms von Ouessant.
Pavillon der Elektrizität mit dem Leuchtfeuer von Ouessant. OpenEdition Journals

Vom Seiden­fou­lard zum Monumentalgemälde

Um diese Botschaft auszumalen, standen Dufy drinnen rund 600 Quadratmeter Wandfläche zur Verfügung. Für die respekteinflössende Aufgabe hatte er gerade einmal zehn Monate Zeit. Es galt, vor den Besuchern die Geschichte der Elektrizität seit den Anfängen der Naturwissenschaft in der Antike aufzurollen. Will heissen, all die Vorstufen, kleinen Schritte und auch grossen Erfindungen darzustellen, die in einer elektrifizierten Gegenwart kulminierten.
Raoul Dufy um 1920.
Raoul Dufy um 1920. Bibliothèque nationale de France
Die Wahl fiel nicht von ungefähr auf Dufy. Denn Dufy hatte sich zunächst einen Namen als Künstler im Umkreis der Maler des Fauvismus wie Henri Matisse gemacht und zudem reichlich Erfahrung mit Auftragsarbeiten gesammelt. Für eine Lyoner Firma hatte er jahrelang Seidenfoulards entworfen. Sein gefälliger, verspielter und dekorativer Stil kannte keinerlei Berührungsängste mit der damaligen Werbeästhetik. Neben dem Pavillon der Elektrizität malte er auch gleich noch eine Bar im Theater des benachbarten Palais Chaillot aus.
Bedrucktes Seidentuch «Die Alliierten 1914-1915» von Raoul Dufy.
Bedrucktes Seidentuch «Die Alliierten 1914-1915» von Raoul Dufy. Bibliothèque Forney
Freilich war das Gemälde für den Elektrizitäts-Pavillon ein anderes Kaliber. Dufys Schlüssel zum Erfolg lag in seinem systematischen Vorgehen und einer umfassenden Dokumentation. Für das Bildprogramm zog er neben der antiken Naturgeschichte des Lukrez Kenner der Technikgeschichte bei, las Biografien wichtiger Erfinder und verschaffte sich rasch einen Überblick über die Geschichte der Elektrizität. Für die im Gemälde enthaltenen Szenen aus der Arbeitswelt orientierte er sich an den Aufnahmen von Arbeitern, die der Fotograf François Kollar auf seinen Reisen durch Frankreich gemacht hatte. Dufy besuchte Elektrizitätswerke und Fabriken. Zudem beauftragte er den Chemiker Jacques Maroger, Chemiker und damaligen Direktor der Konservierungsabteilung des Louvre, besondere Wandfarben zu entwickeln, die leuchtkräftig waren und es ihm erlaubten, skizzenhaft und flüssig zu arbeiten. Schliesslich fertigte er zahlreiche Skizzen an, die er auf den Malgrund aus 250 gleichgrossen Holztafeln projizierte. Das erleichterte eine zügige Ausführung mit Assistentinnen und Assistenten.
Raoul Dufy und Thérèse Bonney bei der Arbeit am Wandgemälde «La Fée Electricité», 1937.
Raoul Dufy und die Fotografin Thérèse Bonney bei der Arbeit am Wandgemälde «La Fée Electricité», 1937. Bibliothèque Historique de la Ville de Paris

Eine naive Geschich­te der Welt unter Strom

Nach dem Ende der Weltausstellung war Dufys Werk, dessen etwas kitschiger Titel «La fée électricité» übrigens nicht von ihm stammt, lange eingelagert. Erst 1964 wurde es dem übrigens ebenfalls 1937 eingeweihten Musée d'Art Moderne de Paris im Palais de Tokyo übergeben und zählt heute zu dessen Hauptattraktionen. Man betritt den kathedralartigen Raum und ist überwältigt von der Farbenpracht einer panoramaartig aufgefächerten, detailreichen Bilderzählung, die seit der Restaurierung 2021 noch an Frische und Leuchtkraft gewonnen hat. Die malerische Lockerheit, mit der Dufy das wahrlich einschüchternde Thema umgesetzt hat, macht das Werk ansprechend und zugänglich zugleich. Bemerkenswert ist Dufys raffinierte Trennung von Zeichnung und grosszügigen Farbzonen, die den Gesamteindruck prägen. Dufy verliert sich auch nicht in pedantischer Didaktik, obwohl er fast alle seine Helden der Elektrizität namentlich anschreibt. Für didaktische Zwecke eignet sich sein Panorama ohnehin nur bedingt.
Stirnseite des Gemäldes mit der Pariser Elektrizitätszentrale von Ivry, darüber der griechische Gott Zeus.
Stirnseite des Gemäldes mit der Pariser Elektrizitätszentrale von Ivry, darüber der griechische Gott Zeus. Musée d’Art Moderne de Paris, © ADAGP
Die ganze Szenerie hat in ihrer demonstrativen Naivität etwas Nonchalantes, vielleicht auch leise Ironisches. So empfängt die damals neue Pariser Elektrizitätszentrale von Ivry, die den Scheitel des Gemäldes bildet, die Energie scheinbar direkt aus der antiken Götterwelt, sprich vom Blitze schleudernden Gott Zeus. Im unteren Teil des Gemäldes gibt sich eine illustre Gesellschaft aus sage und schreibe einhundertzehn Wissenschaftlern und Erfindern ein Stelldichein. Von Gauss über Watt, Volta, Ampère und Ohm bis zu Edison, Röntgen oder Siemens – alle, die auf die eine oder andere Weise beigetragen haben zur Nutzbarmachung der Elektrizität, haben ihr Plätzchen gefunden. Auch einige Forschungsapparaturen sind zu sehen und übrigens auch Goethe, den Dufy wegen seiner Farbtheorie schätzte. Im oberen Teil schlägt Dufy den Bogen von einer landwirtschaftlich geprägten Welt bis zur elektrifizierten Industriegesellschaft. Schliesslich verbreitet die pausbäckige Götterbotin Iris das Licht des Fortschritts über die Kapitalen rund um den Globus. Die abschliessende Neuerung ist das Radio, das jeden Haushalt erreicht.
Im oberen Teil des Freskos malt Dufy die Geschichte der Arbeit von der Landwirtschaft…
Im oberen Teil des Freskos malt Dufy die Geschichte der Arbeit von der Landwirtschaft… Musée d’Art Moderne de Paris, © ADAGP
…bis zur modernen Industriegesellschaft.
…bis zur modernen Industriegesellschaft. Musée d’Art Moderne de Paris, © ADAGP
Man staunt angesichts solcher Bildformeln über die Unbefangenheit des Künstlers und auch seiner Auftraggeber. Dabei muss man ihnen zugutehalten, dass die negativen Folgen der fortschreitenden Elektrifizierung, insbesondere die zunehmende Verwundbarkeit der Gesellschaft infolge der Abhängigkeit vom Stromnetz, damals noch nicht so sichtbar waren wie heute. Zwar prägte die Elektrizität schon länger das Erscheinungsbild der westlichen Metropolen, angeführt von Paris. Dort löste die elektrische Strassenbeleuchtung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend die Gaslampen ab. Die erste Metrolinie war pünktlich zur Weltausstellung 1900 in Betrieb genommen worden. Auch Leuchtreklamen, wie Dufy sie in seinem Gemälde skizziert, zählten neben hell erleuchteten Passagen und Schaufenstern zur Signatur der Modernität, wie sie etwa der Kulturtheoretiker Walter Benjamin in seinem «Passagenwerk» eindrücklich beschrieben hat.

Radio als Höhepunkt der Elektrifizierung

Doch bis die Elektrizität in der Industrie und später in den privaten Haushalten völlig unverzichtbar wurde, sollte noch einige Zeit vergehen. Wenn Dufy als Beispiel für die Segnungen der Elektrizität ein komplettes Orchester malt, das dank Elektrizität die Radiohörer erreicht, illustriert er damit vor allem, welche Versprechungen der Elektrizität damals noch neu und verlockend wirkten. Hingegen spielte die zunehmende, auf der fortschreitenden Elektrifizierung beruhende Vernetzung der Welt kaum eine Rolle. Mit Eisenbahn, Telegraf und Flugzeug wird sie nur angedeutet. Die kleinen Helfer im Haushalt, deren massenhafte Verbreitung zur Emanzipation der Frauen beitrug, kommen in Dufys Gemälde nicht ansatzweise vor. Kein Wunder, denn in Europa waren elektrische Kochherde bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg keineswegs Standard. Sie galten noch in den 1950er-Jahren als Luxusgüter, ähnlich wie die ersten Waschautomaten.
Dank der Elektrizität erreicht das Spiel eines Orchesters die Radiohörerinne und Radiohörer
Dank der Elektrizität erreicht das Spiel eines Orchesters die Radiohörerinnen und Radiohörer: In den 1930er-Jahren sind diese Möglichkeiten noch brandneu. Musée d’Art Moderne de Paris, © ADAGP
Natürlich fällt es heute leicht, milde über die «Fée électricité» zu lächeln. Man kann das Gemälde allerdings auch auf einer anderen Ebene interpretieren: Als Hinweis darauf, dass jede Zeit ihre Bildformen und -formeln erfindet, um den Menschen Geschichten zu erzählen und sie damit zu beeinflussen, aber auch als Aufforderung, solche Bilder immer im jeweiligen Kontext zu betrachten und zu vergleichen. Die Weltausstellung 1937, für die noch einige andere Künstler wie Robert Delaunay und Fernand Léger Aufträge erhielten, bot dazu die Möglichkeit mit einem komplett anderen Werk der Auftragskunst. Es war Pablo Picassos Gemälde «Guernica» im spanischen Pavillons. Dieses zeigte die Schrecken der Bombardierung des gleichnamigen Ortes im spanischen Bürgerkrieg, die einen Monat vor Eröffnung der Weltausstellung stattgefunden hatte. Damit nicht genug: Die grausige Szenerie, die eine Ikone des 20. Jahrhunderts werden sollte, wird ausgerechnet von einer Glühbirne überstrahlt. Hier bringt die Elektrizität auf eine etwas andere Weise Licht ins Dunkel als bei Dufy. Und erinnert vor allem daran, dass es in Europa bald nach den Lichtorgien der Weltausstellung zappenduster wurde.

Die virtuelle «Fée électricité»

Das Musée d'Art Moderne de Paris bietet seit kurzem eine virtuelle Präsentation der «Fée électricité» an, mit ausführlichen Erläuterungen zu den dargestellten Personen und Erfindungen auf Französisch und Englisch.
Der Physiker und Wissenschaftsphilosoph Etienne Klein erläutert das Werk Fée Électricité (auf Französisch). YouTube / Musée d'Art Moderne de Paris

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