Jakob Leonhard war offiziell ein Nazispion. Inoffiziell arbeitete er für die Schweiz. Illustration von Marco Heer.

Doppel­agent Leo

Jakob Leonhard spioniert für die Nazis. Als diese merken, dass die Infos von der Schweiz abgesegnet werden, hängt sein Leben an einem seidenen Faden.

Gabriel Heim

Gabriel Heim

Gabriel Heim ist Buch- und Filmautor sowie Ausstellungsmacher. Er befasst sich vor allem mit Recherchen zu Themen der Neueren Zeitgeschichte und lebt in Basel.

Die Monate der Haft haben Jakob Leonhard keine Ruhe, und schon gar keine Einsicht gebracht. Es muss in ihm genagt haben, denn in seinen Erinnerungen hält er fest: «Ich brannte darauf, zu beweisen, dass ein Spanienfahrer kein schlechter Schweizer zu sein braucht: im Gegenteil!» Doch wie soll er das angehen, jetzt wo er nach Ausbruch des Krieges aus der Armee ausgeschlossen ist? Leonhard scheint bereit dazu, jede sich bietende Möglichkeit zu ergreifen, und sei es bloss ein weiteres Abenteuer mit unsicherem Ausgang. 1941 ist es dann soweit. Es meldet sich – unter mysteriösen Umständen – der «schöne Emil», ein alter Arbeitskollege, der nach Deutschland gezogen war und zwischenzeitlich dort als strammer Nazi Karriere gemacht hat. Emil ist in geheimer Mission unterwegs. Er soll Agenten anwerben, um das Deutsche Spionagenetz in der Schweiz zu stärken. Der ziellose und von seiner Heimat verschmähte Leonhard scheint Emil eine leichte Beute zu sein. Und so werden sich die beiden Männer an einem lauschigen Sommerabend, trotz Leonhards anfänglicher Bedenken, Landesverrat zu üben bei viel Wein und Schnaps handelseinig.  Kurz darauf hält Leonhard ein Visum für Deutschland und 500 Franken in der Hand.

Eintritt in die SS

Der «Pakt mit dem Teufel», führt Leonhard Anfang 1942 nach Strassburg, wo er im Luxushotel Graf Zeppelin erwartet wird, wo ihm  «reichlich Geld und Lebensmittelkarten» überreicht werden. Von dort geht die Fahrt mit einem gewissen Dr. Martin – seinem Führungsoffizier – weiter nach Stuttgart, wo in Anwesenheit höherer Chargen die Bedingungen: Aufgabenbereich, Gehalt und die Vereidigung auf die SS vereinbart werden. Leonhards Fazit: «Damit stand ich unter deutschem Militärgesetz. Einen anderen Sinn konnte mein Eintritt in die SS nicht haben.» Mit Aufträgen und Basler Deckadressen eingedeckt, tritt Jakob Leonhard die Rückfahrt in die Schweiz an. Wie damals üblich, wird er nach der Einreise in ein Militärbüro geführt, um Mitteilung über seine Deutschlandreise zu machen. Leonhard, der sich der Schweiz beweisen will, ergreift die Gelegenheit beim Schopf und offenbart dem anwesenden Hauptmann seine «Mission».
Die Schweizer Grenze 1943.
Die Schweizer Grenze 1943. Keystone
Noch am selben Tag wird in Zürich mit ihm vereinbart, dass er ab sofort als Informant des Nachrichtendienstes die deutschen Spionage-Aktivitäten in der Schweiz auskundschaften soll. Jakob Leonhard ist nun Doppelagent. «Ich fühlte mich froh und glücklich wie lange nicht mehr. Es war kein Leichtes gewesen all die Jahre, da die Schweiz in Gefahr stand, abseits stehen zu müssen. Jetzt hatte ich wieder eine Pflicht, eine gefährliche, aber entscheidend wichtige Aufgabe zu erfüllen.» Von nun an laviert Leonhard zwischen seinem Schweizer Führungsoffizier und den Aufträgen, die er zunächst über einen toten Briefkasten, und bald schon auch durch seinen Mittelsmann Emil Bernauer – einen Deutschen Eisenbahner mit Dienstort Badischer Bahnhof Basel – weiter zu leiten hat. In Stuttgart schätzt man seine Arbeit und ahnt nicht, dass die Militärgeheimnisse von Agent Leo in Zürich abgesegnet werden. Zu seinem Auftrag gehört auch, die Deutschen Spione, die in anderen Schweizer-Linien geführt werden, zu beschatten. Rasch durchschaut der gewandte Leo das Agenten-Netzwerk. Er findet Mittel und Wege seine verborgene Schweizer Seite diskret auf dem Laufenden zu halten. Delikat, denn er selbst muss im System des gegenseitigen Misstrauens unter den Deutschen Agenten jederzeit damit rechnen «hochzugehen».
Treffpunkt der Spione: Der Badische Bahnof in Basel.
Treffpunkt der Spione: Der Badische Bahnof in Basel. Schweizerisches Nationalmuseum
Im September 1943 wird sein Deutscher Mittelsmann und dessen Linie in Basel verhaftet. Leonhard muss zum Rapport nach Strassburg. Einen ersten Verdacht, er hätte «gepfiffen», kann er entkräften. Doch er ist angezählt. Seine nächste Fahrt über die Grenze im Januar 1944 wird ihm zum Verhängnis. Wie üblich wird seine Ankunft im «engen Kreis der Gestapo mit Wein und Austern aus Paris» gefeiert. «Doch mitten in der Nacht» – schreibt er - «fielen sie wie Bestien über mich her. Ich blutete aus Mund und Nase, mein Gesicht schwoll unförmig auf. Ich konnte kein Glied mehr rühren.» Leonhard wird in Strassburg zur Gestapo geschleppt. «Wir beschuldigen sie des Verrats. Wir haben auf unerklärliche Weise unsere besten Leute in der Schweiz verloren – und Sie laufen noch auf freiem Fuss herum. Wie können sie das erklären?». Dann, erinnert sich der Doppelagent, «traten vier SS-Männer, kräftige, brutale Burschen in Reithosen und schweren Stiefeln ein. In rasender Fahrt ging es nach Kehl. Der offizielle Empfang fand auf Zelle 29 statt. Als der Gefängniswärter vernahm, dass ich Schweizer sei, fiel er brüllend über mich her: Dreckschweizer! Judenhund! Verfluchter Kommunistengauner!» Die Tortur nimmt kein Ende. «Ein leibhaftiger Gorilla mit dichtbehaarten Riesenpranken, wie ich sie im Leben nie gesehen hatte hieb mit Füssen und Fäusten auf mich ein. Du bist nicht der erste Ausländer, den wir hier zu Tode schinden, wie es sich gehört!» In den folgenden Tagen wird Leonhard immer wieder zum Verhör vorgeführt. «Gesicht und Körper waren aufgeschwollen, wahnsinnige Schmerzen quälten mich. Meine Unterwäsche war nach dieser Prozedur ein einziger roter Fetzen.»
Bild von Jakob Leonhard kurz nach seiner Rückkehr in die Schweiz, 1945.
Bild von Jakob Leonhard kurz nach seiner Rückkehr in die Schweiz, 1945. zVg

Zum Tod durch das Beil verurteilt

Am 22. August 1944 wird Leonhard vor die Richter des Volksgerichtshofs gestellt. Die Verhandlung ist knapp. Sein «Verteidiger» schweigt. Das Urteil steht von vornherein fest: Tod durch das Beil – sofort zu vollstrecken!  Leonhard versucht Zeit zu gewinnen. Zwei Mal schneidet er sich die Pulsadern auf, wird halbtot in der Zelle aufgefunden und von da an «zu seiner Sicherheit» in eine Zwangsjacke gesteckt. «In der Zelle fesselte man meine Hände und Füsse in am Boden eingelassenen Ringen, sodass ich wie ein Fakir in der Mitte des Raumes sass. Das Essen, das man mir reichte, war eine Abwasserbrühe. Der Wärter schüttete sie mir einfach in die Zelle: Ich hatte sie vom verschmutzten, blutverkrusteten Boden aufzulecken…. Eine volle Woche musste ich meine Notdurft an Ort und Stelle verrichten. ‹Mut Schweizer!› hörte ich eines Tages einen Mitgefangenen sagen, Mut! Metz ist gefallen – die Amerikaner kommen!  Diese Botschaft machte mich halb verrückt. Ich träumte von Camels, Corned Beef und erstklassigen Biskuits...»
Vorladung zur Gerichtsverhandlung 1944.
Im August 1944 findet in Zweibrücken die Gerichtsverhandlung gegen den «Handlungsreisenden» Jakob Leonhard statt. Schweizerisches Bundesarchiv
Täglich ist Leonhard Ohrenzeuge der «Liquidierung» von Gefangenen. Sein Leben hängt an einem seidenen Faden. Weshalb sein Todesurteil nicht vollstreckt wurde, erfahren wir aus einer Note des Berliner Auswärtigen Amts an die Schweizerische Gesandtschaft vom 9. November 1944. Offensichtlich hatte sich Bern einige Wochen zuvor für Leonhard eingesetzt, vermutlich im Zug eines geplanten Agentenaustauschs an dem auch die deutsche Seite ein Interesse gehabt haben muss, denn die Aufhebung des Todesurteils erfolgt innert weniger Tage. Der Doppelagent ist ein «Pfand» von Wert.
Deutsches Schreiben an die Schweizerische Gesandtschaft, November 1944.
Deutsches Schreiben an die Schweizerische Gesandtschaft, November 1944. Schweizerisches Bundesarchiv
Von da an beginnt Jakob Leonhards beschwerliche Fahrt durch das in Auflösung begriffene Deutschland. Zwei Wochen ist er ungeschützt unter Fliegerangriffen unterwegs bis der Bodensee in Sicht kommt. «In Bregenz erlebte ich ein letztes Mal die Bestialität und grenzenlose Willkür der nazideutschen Zuchthauswärter. Bei dieser ‹Berufsklasse› war auch eine halbe Minute vor zwölf noch kein Hauch von Resignation zu spüren. Ich fragte mich auf meinem Bündel stinkendem Stroh – ein paar Kilometer von der Grenze entfernt – zum tausendsten Mal, wie diese verfluchte Geschichte enden sollte.» Nach weiteren qualvollen Tagen im Bregenzer Verliess, wird Agent Leo abgeholt und ein Büro des Gefängnisbaus geführt. «Sie sind wohl Herr Leonhard», wird er dort auf Schweizerdeutsch empfangen. «Sie wissen doch, dass sie frei sind? Kommen sie mit, draussen steht mein Wagen. Ich führe sie zur Grenze.»
Die Erinnerungen an seine Zeit als Spion hat Jakob Leonhard 1945 auch als Buch veröffentlicht.
Die Erinnerungen an seine Zeit als Spion hat Jakob Leonhard 1945 auch als Buch veröffentlicht. zVg
Jakob Leonhard hat seine Erlebnisse unter dem Titel Als Gestapo-Agent im Dienste der Schweizer Gegenspionage publiziert. Das Buch wurde ein Bestseller, denn unmittelbar nach dem Krieg ist das Interesse für Tatsachenberichte aus dem «Reich» enorm. Auch seine Ehre wird wiederhergestellt indem seine militärische Degradierung durch Entscheid des Bundesrats rückgängig gemacht wird. Ein halbes Jahr darauf genehmigt ihm der Generalstab eine «Entschädigung  von Fr. 6000.- für die in Deutschland erlittene Haft». Ohne Zutun der Geheim-Diplomatie hätte Jakob Leonhard sein Va-Banque-Spiel mit dem Leben bezahlt. Dass er dennoch nicht zur Ruhe kommt indem er mit dem Bund um eine verbesserte Entschädigung feilscht, lässt ahnen, dass Leo auch in Friedenszeiten doppelt lebte, was nur geht, wenn man mehrere Wahrheiten sein eigen nennt.
Das Eidgenössische Militärdepartement empfahl dem Bundesrat die Auszahlung einer Entschädigung.
Das Eidgenössische Militärdepartement empfahl dem Bundesrat die Auszahlung einer Entschädigung. Schweizerisches Bundesarchiv
Nachtrag: Leonhards Mittelsmann am Badischen Bahnhof, der Deutsche Emil Bernauer wurde zu 20 Jahren Zuchthaus mit anschliessender Landesverweisung verurteilt. Dessen «fleissigster Informant», der Schweizer Samuel Plüss wurde vor Militärgericht gestellt und wegen Landesverrats zum Tod durch Erschiessen verurteilt. Das Urteil wurde vollstreckt. Verpfiffen wurde Agent Leo übrigens von der Ehefrau Bernauers. Die fuhr 1943 zur Gestapo nach Strassburg und hat ihn aus Rache für die angebliche Denunzierung ihres Ehemanns ans Messer geliefert. Alma Gysin wurde deswegen 1945 in Basel zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Trotz ihrer Schweizer Herkunft durfte sie nach Verbüssung der Haftstrafe erst nach zwölf Jahren Landesverweisung in ihre Heimatstadt zurückkehren.
Vor seiner «Karriere» als Doppelagent war Jakob Leonhard ein Hochstapler. Er gab sich als antifaschistischer Kämpfer aus und behauptete, im Spanischen Bürgerkrieg an der Front gewesen zu sein. Dafür musste er ins Schweizer Gefängnis. Lesen Sie den ersten Teil der Geschichte hier.

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