Bild «Survivor», Fishel Rabinowicz 1994 (Ausschnitt)
Bild «Survivor», Fishel Rabinowicz 1994, Ausschnitt. © Gamaraal Stiftung

Stimmen von Holocaust-Überle­ben­den in der Schweiz

Fishel Rabinowicz (*1924) ist einer der letzten lebenden Zeitzeugen des Holocaust. Dass die Schweiz ihn und andere Holocaust-Überlebende aufgenommen hat, war keineswegs selbstverständlich.

Erika Hebeisen

Erika Hebeisen

Historikerin und Kuratorin beim Schweizerischen Nationalmuseum.

Auf vielen Kanälen wird gegenwärtig mit Blick auf den Holocaust «Das Ende der Zeitzeugenschaft» eingeläutet. Den erinnerungspolitischen Verlust hat das jüdische Museum in Hohenems eben in einer Ausstellung thematisiert. Diese Ausstellung führte uns all diejenigen Fragen vor Augen, die sich mit dem Tod der letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen stellen: Inwiefern sind die Stimmen der Überlebenden entscheidend für eine Gesellschaft, in der das «Nie wieder» kein sicherer Wert ist? Was bedeutet es politisch, wenn niemand mehr berichten kann über seine grauenvolle Erfahrung mit dem nationalsozialistischen Terror? Heute leben gemäss Gamaraal-Stiftung in der Schweiz noch einige Hundert jüdische Überlebende des Holocaust. Die 2014 gegründete Stiftung kümmert sich um diese hochbetagten Opfer des Nationalsozialismus und zielt darauf ab, sie weiterhin zu Wort kommen zu lassen. Sie hat zwischenzeitlich mehrere Schweizer Regisseure mit Aufzeichnung von Zeitzeugengesprächen betraut, die weiterhin präsentiert werden in der Wanderausstellung «The Last Swiss Holocaust Survivors». Dank solcher Zeitzeugen-Gespräche können auch künftige Generatio­nen diese Stimmen hören, von Überlebenden erfahren, was Menschen während dem Zweiten Weltkrieg anderen angetan haben. Ihr Zeugnis gilt es wach zu halten, denn: «Der Holocaust ist nicht unbeschreiblich oder unvorstellbar», wie Gregor Spuhler bei der Eröffnung von «The Last Swiss Holocaust Survivors» im Frühjahr 2017 betonte. Lange Jahre wollte diesen Überlebenden kaum jemand zuhören, heute können wir nicht mehr lange mit ihnen reden. Viele von ihnen haben in den letzten Jahren ihre Leidensgeschichte oft und eindringlich erzählt. Dabei sprechen sie, wie Spuhler konstatierte, «nicht von Barbaren und Bestien, sondern von anderen Menschen – Menschen, die sie grausam quälten, die ‘nur ihre Pflicht’ taten, die zu- oder wegschauten oder die zu helfen versuchten.»
Zeichnung Kalman Landau, der im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert war.
Zeichnung Kalman Landau, der im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert war.
Nach dem Krieg kamen Kinder und Jugendliche aus dem Konzentrationslager Buchenwald, wo auch Fishel Rabinowicz war, zur Erholung in die Schweiz. Einige von ihnen wagten es, sich zeichnend an den Horror des Lageralltags zu erinnern. Diese Zeichnungen stammen von Kalman Landau. Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich, Biografien Sachthemen / 78
Erst mit der intensiven Aufarbeitung der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg in den 1990er-Jahren, realisierte eine breitere Öffentlichkeit, dass Holocaust-Überlebende auch in der Schweiz wohnen und Schweizerinnen und Schweizer geworden sind. Einer von ihnen ist Fishel Rabinowicz (*1924). Er reiste in der unmittelbaren Nachkriegszeit ein. Andere wie Gabor Hirsch (1930 – 2020) zum Beispiel fanden nach dem Ungarn-Aufstand 1956 oder Nina Weil (*1932) und Ivan Levkovits (*1937) nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 Zuflucht in der Schweiz. Als Flüchtlinge aus kommunistischen Staaten hiess man sie im Kalten Krieg willkommen, während sie zur Zeit des NS-Regimes als verfolgte Jüdinnen und Juden hier auf Ablehnung gestossen wären.
Fishel Rabinowicz
Zeitzeuge Fishel Rabinowicz, der im polnischen Sosnowiec aufgewachsen ist. Seine Mutter und sämtliche Geschwister wurden in NS-Konzentrationslagern ermordet. © Gamaraal Stiftung
Fishel Rabinowicz, der nun seit 74 Jahren in der Schweiz lebt, wog bei der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald noch knapp 29 kg. An diesem 11. April 1945 verschlang der damals 21-jährige Fishel eine erste richtige Suppe mit Gemüse und Speck. Was das physisch auslöste, beschreibt er in seinen Erinnerungen gnadenlos konkret mit einem Schalk, der immer wieder aufblitzt in Gesprächen mit ihm. Überlebt hat er auch diese physische Tortur, um sich dann in den folgenden vier Jahren mit medizinischer Hilfe zurück ins Leben zu kämpfen. Zur Genesung verbrachte er ab 1947 zwei Jahre in einem Davoser Sanatorium. Versorgt wurde er nicht etwa auf Kosten der Schweiz, sondern, so erzählt es Rabinowicz vor Kurzem: «All meine Spitalaufenthalte wurden von einer amerikanisch jüdischen Organisation bezahlt. Das leistete die Schweiz nicht gratis.»
Videogespräch mit Fishel Rabinowicz, im Auftrag der Gamaraal Stiftung aufgezeichnet von Eric Berkraut, Kurzversion, 2017. Gamaraal Stiftung
Nach seiner Genesung konnte und wollte er in der Schweiz bleiben. Er wurde Dekorateur und zog mit seiner Frau Henny Better ins Tessin, wo ihr Sohn zur Welt kam. Die Familie konnte sich 1964 noch vor dem Einsetzen der politischen «Überfremdungsinitiativen» einbürgern lassen. Seither sei er, sagt Fishel Rabinowicz diesen Frühling, ein «Papierlischwiizer». Das hält der zwischenzeitlich 97-jährige mit leiser Ironie fest, während er sich ansonsten mit grosser Ernsthaftigkeit erinnert und um Präzision ringt, wenn er von seinen grauenvollen vier Jahren in Arbeitslagern, vom Todesmarsch und seiner Befreiung im KZ Buchenwald berichtet.
Bild «Survivor», Fishel Rabinowicz 1994.
Bild «Survivor», Fishel Rabinowicz 1994. Der Holocaust zerstörte die Ordnung der Schriftzeichen, während das Zeichen Aleph oben rechts im Bild, den Künstler als Überlebenden gefangen im Chaos symbolisiert. © Gamaraal Stiftung
Über seine mündlichen Erinnerungen hinaus bringt er mit Bildern, die er seit seiner Pensionierung geschaffen hat, ein zusätzliches Medium des Gedenkens ins Gespräch. Diese Bilder thematisieren unter anderem den Holocaust, vor allem aber transformieren sie sein Weiterleben mit den grauenvollen Erinnerungen und den unermesslichen Verlusten. Zwar sei er physisch mehr oder weniger geheilt, psychisch aber nach wie vor gefangen in seinen leidvollen Erfahrungen. Die rund 50 Bilder von Fishel Rabinowicz bezeugen also auch einen kunstvollen Akt der Selbsttherapie. Damit sind diese Bilder neben den aufgezeichneten Gesprächen ein weiteres wertvolles Medium des Holocaust-Gedenkens.

Geschich­te Schweiz

In der Dauerausstellung zur Schweizer Geschichte vermittelt das Landesmuseum Zürich vier Video-Gespräche mit Schweizerinnen und Schweizern, die den Holocaust überlebt haben.

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