«Das Innere der Hütte eines Mandan Häuptlings». Illustration aus Karl Bodmers Publikation Reise in das innere Nord-America, um 1841.
«Das Innere der Hütte eines Mandan Häuptlings». Illustration von Karl Bodmer aus der Publikation Reise in das innere Nord-America, um 1841. Library of Congress

Karl Bodmer und die Indianer

Karl Bodmer (1809–1893) war ein Schweizer Künstler, der vor allem durch seine Teilnahme an der Expedition des Prinzen Maximilian zu Wied-Neuwied zum Missouri River (1832–1834) und seine eindrucksvollen Zeichnungen und Porträts der amerikanischen Ureinwohner berühmt wurde. Die von Bodmer angefertigten Abbildungen sind als völkerkundliche Aufzeichnungen des 19. Jahrhunderts zur Lebensweise und zu den Traditionen nordamerikanischer Ureinwohner vor der Massenbesiedlung von unschätzbarem Wert.

James Blake Wiener

James Blake Wiener

James Blake Wiener ist Autor, PR-Spezialist, Historiker und Mitbegründer der World History Encyclopedia.

Johann Carl Bodmer wurde am 11. Februar 1809 an der Oberdorfstrasse 15 im Haus zum Till in Zürich in eine vielseitig talentierte Familie hineingeboren. Der Vater Heinrich Bodmer war ein angesehener Baumwollhändler – die Mutter Elisabeth Meier stammte aus einer wohlhabenden Meilener Seidenfabrikantenfamilie. Bodmers frühe Jahre waren durch die von den Napoleonischen Kriegen (1800–1815) verursachte schwierige politische und wirtschaftliche Lage geprägt. Trotzdem erwies er sich, wie auch sein älterer Bruder Rudolf Bodmer (1805–1841), schon in jungen Jahren als äusserst geschickt im Zeichnen und Malen. Als 13-Jähriger begann er deshalb eine Lehre bei seinem Onkel Johann Jakob Meyer (1787–1858). Dieser war ein angesehener Kupferstecher und Künstler, der bei Heinrich Füssli (1741–1825) und Franz Hegi (1774–1850) gelernt hatte. Unter Meyers Anleitung erblühte Bodmers künstlerisches Talent und er eignete sich rasch die neusten Techniken für Radierungen, Lithografien und Stiche an. Der Onkel stellte ihn auch Künstlern aus der Schweiz und dem Ausland vor und ermöglichte ihm so den Zugang zu Zürichs Künstlerkreisen.
Die feindlichen Brüder bei Bornhofen am Rhein mit Kloster und Dorfansicht
Mit 21 Jahren malte Karl Bodmer dieses Ölgemälde Die feindlichen Brüder bei Bornhofen am Rhein mit Kloster und Dorfansicht, um 1830. Wikimedia
Mit 16 Jahren hatte sich Bodmer ein kleines, aber gutgehendes Geschäft aufgebaut, indem er Veduten und Vignetten von Stadtansichten und Landschaften an den Verlag F. S. Füssli und an europäische Touristen verkaufte. Von den Touristen, die in seinen Laden kamen, hatte Bodmer viel von Koblenz gehört und stattete deshalb der deutschen Stadt 1828 einen Besuch ab, um die malerischen Aussichten in den Tälern des Rheins und der Mosel zu skizzieren. Das würde sich als gute Entscheidung erweisen, denn die Ausdruckskraft von Bodmers Aquarellen und Veduten zog sogleich die Aufmerksamkeit des wohlhabenden Verlegers und Buchhändlers Jakob Hölscher (1798–1862) auf sich. Bodmer arbeitete drei Jahre lang in Koblenz. Dabei fertigte er Zeichnungen und Skizzen an, die anschliessend von seinem Bruder Rudolf als Kupferstiche gefertigt und dann in von Hölscher herausgegebenen Reisealben an Touristen verkauft wurden. Diese Alben und Kataloge erwiesen sich als äusserst beliebt. Besonders bewundert wurden sie von Prinz Maximilian Alexander zu Wied-Neuwied (1782–1867). In Bodmer fand der Prinz einen talentierten Künstler, dessen nuanciertes Wahrnehmungsvermögen weit über elegante Landschaftsbilder hinaus reichte und ihm bei seinen wissenschaftlichen Studien nützlich sein konnte.
Karl Bodmer um 1877.
Karl Bodmer um 1877. Wikimedia
Prinz Maximilian zu Wied-Neuwied, um 1820.
Prinz Maximilian zu Wied-Neuwied, um 1820. Wikimedia

Missouri-River-Expedi­ti­on von 1832 bis 1834

Prinz Maximilian zu Wied-Neuwied war ein rastloser, exzentrischer Geist – Soldat, Entdecker, Naturwissenschaftler und Ethnologe in einem. In seiner Jugend wurde er von Alexander von Humboldt (1769–1859) gefördert und entwickelte unter dessen Einfluss ein lebenslanges Interesse für die Ureinwohner des amerikanischen Kontinents, für die er grossen Respekt hatte. Von 1815 bis 1817 hatte er eine ethnologische Expedition ins brasilianische Hinterland geleitet, war aber mit den Illustrationen, die er auf dieser Reise angefertigt hatte, nicht zufrieden. Er wollte sein Glück erneut versuchen und fragte deshalb im Januar 1832 Karl Bodmer, ob er Interesse an einer Reise nach Nordamerika hätte. Bodmer liess sich die Gelegenheit nicht entgehen und übernahm den Posten des ersten Zeichners der Expedition. Es war Bodmers Chance, sich nicht bloss als Landschaftsmaler, sondern auch als Porträtzeichner zu beweisen. Er erhielt den Auftrag, neben den Landschaften im Inneren Nordamerikas, auch die indigenen Völker der Prärien sowie Flora und Fauna zu zeichnen. Im Gegenzug würde der Prinz die Kosten für Bodmers Unterkunft und Reise übernehmen und ihm zusätzlich ein monatliches Gehalt zahlen. Der Prinz wollte zudem wichtige ethnologische Informationen der Krieger und Ältesten der Stämme, denen sie begegneten, erheben und transkribieren. David Dreidoppel, ein erfahrener Jäger und Tierpräparator, der bereits bei der Expedition in Brasilien dabei gewesen war, sollte die beiden begleiten, um das Sammeln und Einpacken von Pflanzenproben und kulturellen Artefakten zu überwachen.
Hundeschlitten bei Fort Clark. Zeichnung von Maximilian zu Wied-Neuwied, 1833.
Hundeschlitten bei Fort Clark. Zeichnung von Maximilian zu Wied-Neuwied, 1833. Wikimedia
«Hundeschlitten der Mandan-Indianer». Illustration aus Karl Bodmers Publikation Reise in das innere Nord-America, um 1841.
«Hundeschlitten der Mandan-Indianer». Illustration von Karl Bodmer aus der Publikation Reise in das innere Nord-America, um 1841. Library of Congress
Am 17. Mai 1832 verliessen Bodmer und die Expeditionsmannschaft Rotterdam. Am 4. Juli 1832 erreichten sie Boston. Leider erkrankte Maximilian zu Wied-Neuwied an Cholera, was die Weiterreise um mehrere Monate verzögerte. Während der Prinz gegen die Krankheit ankämpfte, reiste Bodmer den Ohio River hinunter und traf den berühmten amerikanischen Insektenkundler Thomas Say (1787–1834) und den französischen Naturforscher Charles-Alexandre Lesueur (1778–1846), um von ihnen mehr über die Tierwelt und die Landschaft der Great Plains und der Rocky Mountains zu erfahren. Zudem unternahm er im Januar 1833 allein eine Reise nach New Orleans, um Skizzen anzufertigen und einige wissenschaftliche Proben zurück nach Deutschland zu schicken.
«Leuchtürme von Boston». Illustration aus Karl Bodmers Publikation Reise in das innere Nord-America, um 1841.
«Leuchtürme von Boston». Illustration von Karl Bodmer aus der Publikation Reise in das innere Nord-America, um 1841. Library of Congress
Im Frühling 1833 konnten Bodmer und die Expeditionsmannschaft endlich zur wichtigsten Etappe ihrer Reise aufbrechen. Nachdem sie sich in St. Louis Passierscheine für den amerikanischen Westen hatten ausstellen lassen, reisten sie am 10. April 1822 ab. Zur Orientierung nutzten Bodmer und seine Kameraden eine alte Karte der Lewis-and-Clark-Expedition (1803–1806). Auf den Dampfern der American Fur Company, der Yellow-Stone und der Assiniboine, fuhren sie den Missouri River hinauf. Im Juli 1833 gelangten sie nach Fort Union im heutigen North Dakota. Dort stieg die Expeditionsmannschaft auf ein Kielboot um und fuhr weitere 800 Kilometer stromaufwärts in Richtung Fort McKenzie, nahe dem heutigen Great Falls, wo sie im September 1833 ankam. Zwei Monate verbrachten die Männer mit dem Erkunden der Region. Im November 1833 entschied die Truppe, flussabwärts in Fort Clark im heutigen North Dakota zu überwintern. Das würde die Kontaktaufnahme mit den Mandan und den Hidatsa – Völker, an denen Bodmer sehr interessiert war – erleichtern.

Hier in Europa habe ich Bekannte, in Amerika hatte ich Freunde.

Karl Bodmer über die herzliche Beziehung zu den Mandan und den Hidatsa in den Great Plains
Karte der Route der Expedition von Maximilian zu Wied-Neuwied und Karl Bodmer. Aus Karl Bodmers Publikation Reise in das innere Nord-America, um 1841.
Karte der Route der Expedition von Maximilian zu Wied-Neuwied und Karl Bodmer. Aus Karl Bodmers Publikation Reise in das innere Nord-America, um 1841. Library of Congress
Die siebenmonatige, 4000 Kilometer lange Reise war beschwerlich und hindernisreich gewesen – der Missouri River war voller gefährlicher Strömungen und die Yellow-Stone lief mehrmals auf Grund, wodurch der Proviant verdarb und Sammelgut zerstört wurde. Trotz der schwierigen Umstände arbeiteten Bodmer, der Prinz und David Dreidoppel unermüdlich daran, die indigenen Völker, denen sie auf ihrer Reise ins Herzen Nordamerikas begegneten, zu dokumentieren. Bodmer wollte mit seinen Aquarellen und Porträts den Alltag der verschiedenen Stämme – darunter die Hidatsa, die Mandan, die Sioux, die Omaha, die Assiniboine und die Piegan Blackfeet – auf ehrliche und wirkungsvolle Art abbilden. Weil er bemüht war, die Nuancen ihrer Kunst, Bräuche und religiösen Rituale sorgfältig und einfühlsam aufzuzeichnen, gewann er das Vertrauen und den tiefen Respekt der Mandan und der Hidatsa. Sie luden Bodmer als Ehrengast zu besonderen Zeremonien und Tänzen ein und er erhielt häufig Geschenke von Stammesältesten. Die Expeditionsmannschaft verbrachte den bitterkalten Winter von 1833/34 in Fort Clark, wo sie in einer zugigen Hütte mit nur zwei Räumen Hunger und eisige Kälte aushalten mussten. Der Prinz wurde erneut krank, diesmal war es Skorbut. Trotzdem setzten die drei Männer ihre Arbeit mit viele Energie fort.
Winterdorf der Mönnitarris
«Winterdorf der Mönnitarris». Die Minnataree sind ein Unterstamm der Sioux. Illustration von Karl Bodmer aus der Publikation Reise in das innere Nord-America, um 1841. Library of Congress

Spätere Jahre und künstle­ri­scher Nachlass

Am 18. April 1834 verliess Bodmer mit der Gruppe Fort Clark in der Absicht, auf dem Missouri River zurück nach St. Louis zu fahren. Dort kamen sie am 27. Mai 1834 an. Nach einem kurzen Aufenthalt in St. Louis, wo Bodmer eine Sammlung von Indianerporträts seines Rivalen, dem amerikanischen Maler George Catlin, besichtigte und die Mounds von Cahokia besuchte, reisten er und seine Truppe über den Ohio River, die Great Lakes und den Erie Canal weiter nach New York. Die Männer führten eine riesige Fracht aus Sammelgut und Proben mit sich, darunter zwei in Käfige gesperrte Bären. Bodmer brachte persönlich 400 Zeichnungen und Aquarelle nach Deutschland. Nach seiner Rückkehr nach Europa reiste Bodmer zwischen Zürich, Koblenz und Paris hin und her, um die Herstellung der Skizzen und Zeichnungen für das geplante Buch des Prinzen zu überwachen.
Wald-Ansicht am Lecha
«Wald-Ansicht am Lecha (Pensylvanien)». Der Lehigh River ist ein Seitenarm des Delaware im Osten Pennsylvanias. Illustration von Karl Bodmer aus der Publikation Reise in das innere Nord-America, um 1841. Library of Congress
Hölscher brachte das Werk der beiden 1841 in zwei Bänden unter dem Titel Reise in das innere Nord-America in den Jahren 1832 bis 1834 heraus. Darin waren 81 von Bodmers Aquatinta-Abbildungen abgedruckt. Das Buch wurde übersetzt und ab 1843 auf Englisch und Französisch veröffentlicht, wobei die Reaktionen darauf gelinde gesagt verhalten waren. Während Bodmers Zeichnungen heute geschätzt und als Meisterwerke betrachtet werden, reagierte das Publikum anfangs geringschätzig auf sein künstlerisches Schaffen. Nach einem Jahrzehnt harter Arbeit war Bodmer am Ende und überschrieb die gewerblichen Rechte an den Prinzen. In den 1850er-Jahren übergab er viele seiner Skizzen der preussischen Botschaft in Paris. Bodmer liess sich in Barbizon unweit von Paris im Wald von Fontainebleau nieder, um so seine Künstlerkarriere wiederzubeleben. Das gelang ihm auch. In den darauffolgenden Jahrzehnten wurde er zum führenden Kopf in der Künstlerkolonie von Barbizon. Zudem malte er weiterhin Landschaften und arbeitete als Illustrator für mehrere Publikationen in Europa und Nordamerika. Er heiratete Anna Maria Magdalena Pfeiffer (1828–1903), mit der er drei Kinder hatte. 1876 verlieh ihm die französische Regierung den prestigeträchtigen Orden des Chevalier de la Légion d'Honneur. Im Alter war Bodmer einsam. Er war blind und taub, von Rheuma geplagt und vollkommen verarmt. 1893 starb er in Paris nach schmerzvoller Krankheit. Später wurde Bodmers künstlerischer Nachlass 1894 im Pariser Hôtel Drouot versteigert.

Diese Bilder haben die Trennschär­fe und Selekti­vi­tät medizi­ni­scher Zeichnun­gen, die anatomi­sche oder chirur­gi­sche Gegeben­hei­ten festhal­ten: Hier ermöglicht der Zeichen­stift Klarheit, Nachdruck und Trennung von Teilen und Ebenen, welche die Kamera­lin­se zu leisten ausser­stan­de ist.

Der amerikanische Kunsthistoriker Bernard Augustine DeVoto (1897–1955) in seinem Buch «Across the Wide Missouri» (1947) über Karl Bodmers Leistung.
«Mandeh-Pahchu. Junger Mandan Indianer». Illustration von Karl Bodmer aus der Publikation Reise in das innere Nord-America, um 1841.
«Mandeh-Pahchu. Junger Mandan Indianer». Illustration von Karl Bodmer aus der Publikation Reise in das innere Nord-America, um 1841. Library of Congress
«Indianische Gerätschaften und Waffen». Illustration von Karl Bodmer aus der Publikation Reise in das innere Nord-America, um 1841.
«Indianische Gerätschaften und Waffen». Illustration von Karl Bodmer aus der Publikation Reise in das innere Nord-America, um 1841. Library of Congress
In den 1950er-Jahren wurde Bodmers Schaffen von Kunsthistorikern in den USA und in der Schweiz wiederentdeckt und neu eingeschätzt. Bodmer war in erster Linie ein präzise arbeitender Künstler, der den Menschen und Motiven, die er darstellte, mit grossem Respekt und Einfühlungsvermögen begegnete. Mit eleganten, aber selbstbewussten Pinselstrichen hielt er die Schönheit der American Plains und seiner Bewohner mit grosser Detailtreue fest. Beim Betrachten seiner Porträts fällt auf, wie individuell er die indigenen Menschen abbildet – ihre Gesichtszüge, Kleidung und Körperhaltung. Viele zählen Bodmers Aquarelle und Skizzen zum Besten, was europäische Künstler des 19. Jahrhunderts hervorbrachten. Obwohl die Expedition des Prinzen Maximilian zu Wied-Neuwied in die Great Plains nicht die erste ihrer Art war, war es doch das erste Mal, dass so vielseitige Talente aus Naturwissenschaft und Kunst vereint waren. Bodmer spielte bei dieser Unternehmung eine tragende Rolle, die in einem Werk von historischer, wissenschaftlicher und künstlerischer Bedeutung resultierte.
Bodmers Illustrationen sind in vielen kulturellen Einrichtungen zu sehen, z.B. im Nordamerika Native Museum NONAM in Zürich, in der Whitney Gallery of Western Art in Cody, Wyoming (USA), im Joslyn Art Museum in Omaha, Nebraska (USA), in der Newberry Library of Chicago (USA) oder im Deutschen Ledermuseum in Offenbach (DE).
Ein Prinz unter Indianern. Doku zur Expedition von Maximilian zu Wied-Neuwied. Terra X / ZDF / YouTube

Weitere Beiträge

Adresse & Kontakt
Schweizerisches Nationalmuseum
Landesmuseum Zürich
Museumstrasse 2
Postfach
8021 Zürich
info@nationalmuseum.ch

Design: dreipol   |   Realisation: whatwedo
Schweizerisches Nationalmuseum

Unter dem Dach des Schweizerischen Nationalmuseums sind die drei Museen – Landesmuseum Zürich, Château de Prangins und das Forum Schweizer Geschichte Schwyz – sowie das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis vereint.