Ein Lichtputzer im Narrenkostüm schnäuzt die mit Blendvorrichtungen versehenen Kerzen des Rampenlichts. Holzschnitt «Candle-Snuffer», eines unbekannter Künstlers , publiziert in «The Illustrated Sporting and Dramatic News», 1876.
Ein Lichtputzer im Narrenkostüm schnäuzt die mit Blendvorrichtungen versehenen Kerzen des Rampenlichts. Holzschnitt «Candle-Snuffer», eines unbekannter Künstlers , publiziert in «The Illustrated Sporting and Dramatic News», 1876. Wikimedia

Als man Kerzen noch schnäuzen musste…

Bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein war die Lichtputzschere ein unentbehrliches Werkzeug in jedem Haushalt und der Lichtputzer der Beleuchtungstechniker in jedem grösseren Theater.

Murielle Schlup

Murielle Schlup

Kunsthistorikerin

Haben Sie Ihre Nase heute schon durch kräftiges Luftausstossen von störenden Schleimbildungen befreit oder mit anderen Worten: geschnäuzt? Falls ja, ist Ihnen Vorgang wie Ausdruck im wahrsten Sinne des Wortes «geläufig». Denn ob Heuschnupfen oder Erkältung: Läuft unsere Nase, wird sie geschnäuzt. Die Herkunft dieses Begriffs soll gemäss Duden verwandt sein mit dem Wort «Schnauze», weshalb wir seit 1996 nicht mehr «schneuzen» schreiben. Nun, die Sprachwissenschaft ist sich ob dieser Wortherkunftserklärung nicht durchwegs einig. Doch im vorliegenden Text geht es auch nicht ums Naseschnäuzen, sondern – was mit einer «Schnauze» rein gar nichts mehr zu tun hat – ums Kerzenschnäuzen. Brennende Kerzen mussten bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhundert hinein in regelmässigen Abständen geschnäuzt (auch geputzt oder geschnuppt) werden. Nicht mit einem Taschentuch, versteht sich, sondern mit einer Lichtputzschere.
Lichtputzschere aus Silber, 1730-1740.
Während die meisten Lichtputzscheren aus Eisen, Messing oder Stahl gefertigt waren, fanden sich in gehobenen Haushalten auch schmuckvolle Anfertigungen aus Silber mit dazugehörigem Untersatz wie dieses Modell der Herstellermarke Philipp Heinrich Schönling, Leuk-Stadt, um ca. 1730/40. Schweizerisches Nationalmuseum
Hochwertige Kerzenrohstoffe wie Bienenwachs kannte man schon im Alten Ägypten. Doch diese waren kostspielig und aufgrund des grossen Rohstoffbedarfs auch in vermögenderen Gesellschaftskreisen fast schon ein Luxusgut. Kerzen für den täglichen Gebrauch und die breite Bevölkerungsschicht wurden deshalb früher aus minderwertigem Talg und Unschlitt gefertigt: aus Schlachtabfällen und Eingeweidefetten, vorwiegend vom Hammel und vom Rind. Durch Schmelzen dieser tierischen Rohstoffe entstand eine Masse, die zu Kerzen (und zu Seifen) weiterverarbeitet werden konnte. Abgesehen davon, dass diesen Kerzen ein ranziger, unangenehmer Geruch anhaftete, hatten sie einen weiteren Nachteil: Sie brannten unregelmässig und unsauber ab. Hinzu kam, dass sich der Docht noch nicht selbst verbrannte und deshalb während des Brennvorgangs immer länger wurde. Die Kerze begann in der Folge verstärkt zu russen und zu rauchen, zu triefen und zu tropfen. Sie gab vermehrt üble Gerüche ab und brachte gleichzeitig immer weniger Licht hervor, bis die kleiner und kleiner werdende Flamme endgültig erlosch.
Damit die Flamme weiterbrennt und die Familie nicht im Dunkeln sitzt: Ein Mann beschneidet den Kerzendocht mit einer Lichtschere. Radierung von Jan Luyken, Amsterdam 1711.
Damit die Flamme weiterbrennt und die Familie nicht im Dunkeln sitzt: Ein Mann beschneidet den Kerzendocht mit einer Lichtschere. Radierung von Jan Luyken, Amsterdam 1711. Rijksmuseum Amsterdam
Wer verhindern wollte, plötzlich im Dunkeln zu sitzen, musste den Kerzendocht mit der Lichtschere laufend auf 10 bis 15 Millimeter Länge zurückschneiden. Dieser Vorgang musste, je nach Qualität der Kerze und des Dochts, alle 5 bis 20 Minuten wiederholt werden. Der an der Schere montierte «Auslöscher», ein kleines Kästchen, das manchmal mit einem Schnappverschluss versehen ist, öffnete und schloss sich beim Schneiden, so dass das abgeschnittene und zunächst noch brennende Dochtstück, die sogenannte Schnuppe, direkt darin aufgenommen wurde und dort mangels Sauerstoffs sofort verglimmte. So konnte vermieden werden, dass der Dochtrest in die Brennmasse fiel, Brand- und Russflecken auf Möbeln, Tischtüchern und Teppichen hinterliess oder sogar ein Feuer entfachte. Lichtputzscheren (auch Schnäuzscheren oder Dochtscheren) waren täglich genutzte, unentbehrliche Instrumente in jedem Haushalt. Oft gehörten sie zu einem Set an Kerzenwerkzeug, das teilweise mit Kettchen oder Halterungen direkt an den Leuchtern befestigt war oder von Bediensteten mit sich getragen wurde, um es jederzeit überall einsetzen zu können.
Dienstmädchen mit Kerzenpflegewerkzeug, das sie an einem Gürtel um ihre Taille befestigt hat. Gemälde von Cornelis Troost, Amsterdam, 1737. Mauritshuis, Den Haag
Der engste Verwandte der Lichtputzschere ist das Löschhütchen (auch Löschhörnchen oder Dämpfer). Es dient, wie der Name schon sagt, zum Löschen der Flamme, dies auf eine dezentere und hygienischere Art und Weise als durch das Ausblasen, da durch das sofortige Ersticken der Flamme Wachsspritzer sowie Rauch- und Russemissionen weitgehend vermieden werden. Das Löschhütchen war im 19. Jahrhunderts ein beliebtes Sinnbild in der Druckgrafik und der Karikatur, um symbolische «Flammen» zu ersticken, so zum Beispiel aufkeimende Unzufriedenheit in Teilen der Bevölkerung, Streben nach Macht und Vorherrschaft sowie Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit. Vom Löschvorgang mit dem Hütchen leitet sich zudem die noch heutig geläufige Redewendung «jemandem einen Dämpfer verpassen» ab.
König George III. verpasst Napoleon einen Dämpfer. Karikatur von William Holland, 1803.
König George III. verpasst Napoleon einen Dämpfer. Karikatur von William Holland, 1803. The British Museum
Wo ein grosser Beleuchtungsbedarf bestand, vor allem an Fürstenhöfen oder Theaterhäusern, gab es entsprechend viele Kerzen zu pflegen. Nahezu ausufernd war der Beleuchtungsaufwand in grossen Theatern im 18. Jahrhundert. Der mit Kronleuchtern, Kandelabern und Tischleuchtern ausgestattete Zuschauerbereich glich einem Festsaal und musste gleichermassen mit genügend Licht versorgt werden wie die Bühne. Während im alten Wiener Hofburgtheater im Eröffnungsjahr 1741 über 800 Kerzen pro Vorstellung gebrannt haben sollen, waren es 1776 im Residenztheater in München rund 1300 Kerzen während einer einzigen Aufführung. Spitzenreiter beim Kerzenverschleiss war jedoch das Schlosstheater von Versailles: 1770 verbrauchen es um die 3000 Kerzen – bei jeder einzelnen Aufführung. Man kann sich die dampfende Hitze im Theaterraum leibhaft vorstellen, besonders vorne am Bühnenrand, der Rampe. Das Rampenlicht aus zahlreichen nebeneinander aufgereihten Kerzen strahlte – die vor Nervosität ohnehin schwitzenden – Schauspielerinnen gnadenlos von unten an. Der Schweiss rann ihnen über die damals oft blass geschminkten Gesichter, was sie kränklich, ja fiebrig aussehen lassen konnte und den Begriff «Rampenfieber» erklärt, der sich später zum heute bekannten «Lampenfieber» entwickelte.
Rampenlicht in einem französischen Theater, 19. Jahrhundert.
Rampenlicht in einem französischen Theater, 19. Jahrhundert. Wikimedia
Vom «Rampenfieber» geplagt war zuweilen bestimmt auch derjenige, der sich intensiv um all die Kerzen im Theater kümmern musste: der Lichtputzer, auch Schnäuzer genannt. Er gehörte zu den Angestellten untersten Ranges. Sein Status war auch deshalb tief, weil er unvermeidlich nach verbranntem, ranzigem Talg stank und als Arbeitskleidung nicht selten ein Narrenkostüm tragen musste. In diesem ging er nicht nur während den Zwischenakten seinen Aufgaben nach, sondern notfalls auch mitten in einer Szene, was ihn ab und an zum gefundenen Fressen für Spott und Häme machte. Versagte er, wurde er beschimpft und ausgebuht. Verrichtete er seine Arbeit jedoch erfolgreich und dezent, konnte er auch mal Lob und Beifall ernten.
Ein Lichtputzer im Narrenkostüm schnäuzt die mit Blendvorrichtungen versehenen Kerzen des Rampenlichts. Holzschnitt «Candle-Snuffer», eines unbekannter Künstlers , publiziert in «The Illustrated Sporting and Dramatic News», 1876.
Ein Lichtputzer bei der Arbeit in einem Theater. Wikimedia
Der Lichtputzer war nicht nur Beleuchtungstechniker und Belustigungssubjekt, sondern quasi auch Brandschutzbeauftragter. Er trug somit grosse Verantwortung, zumal Brände in Theater früher keine Seltenheit waren. Manchmal wurde der Lichtputzer der Einfachheit halber mit einer passenden Rolle in die Stücke integriert. Es soll auch vorgekommen sein, dass der Lichtputzer für einen unpässlichen Schauspieler einspringen musste.

«Kerzen­re­vo­lu­ti­on» dank Stearin und Paraffin

Goethe, der 1779 in einem Brief an seine enge Freundin Charlotte von Stein seinen Verdruss über das Kerzenschnäuzen erwähnte, hat den entscheidenden Schritt zur Weiterentwicklung der Kerze nicht mehr miterlebt, der fast schon als «Revolution des Kerzenmarktes» beschrieben werden darf.

Wüsste nicht, was sie Bessers erfinden könnten, als wenn die Lichter ohne Putzen brennten.

Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)
Während Experimenten entdeckten Chemiker im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts qualitativ hochwertige Rohstoffe für die zukünftige Kerzenherstellung: Stearin (1818) und Paraffin (1830). Stearin wird aus tierischen oder pflanzlichen Stoffen gewonnen (aus Palmitin- und Stearinsäureestern des Glycerins), während Paraffin ein Nebenprodukt der Erdölindustrie ist. Stearin- und Paraffinkerzen brennen hell, sauber, gleichmässig und nahezu geruchsfrei ab. In vielen Kerzen wurden in Laufe der Zeit beide Rohstoffe kombiniert, da das härtere Stearin über den höheren Schmelzpunkt verfügt, Paraffin jedoch deutlich günstiger ist.
Karikatur in der «Wiener Theaterzeitung», um 1848.
Apollo und Milli – die Namen verweisen auf zwei der ersten Stearinkerzenfabriken in Wien – repräsentieren die klar und sauber brennende, aber kostspielige Stearinkerze. Die beiden kommen elegant und selbstbewusst daher. Sie posieren stolz zwischen der alten, griesgrämigen Wachskerze und der russenden, arg triefenden Unschlittkerze. Karikatur in der «Wiener Theaterzeitung», um 1848. Metropolitan Museum of Art Libraries
Zeitlich parallel zur Entwicklung neuer Kerzenbrennstoffe wurde auch die entscheidende Verbesserung des Dochts erzielt. Dieser transportiert die Brennmasse in die Flamme und wird auch als «Seele» der Kerze bezeichnet. Lange bestand der Docht aus einem einzelnen Strang Leinen oder Binsen. Mit dem Flechten einzelner Dochtstränge war man einem optimalen Brennvorgang bereits ein Stück nähergekommen, ehe man ab den 1820er-Jahren Dochte aus gebeizter oder imprägnierter Baumwolle herstellte. Bahnbrechend war jedoch vor allem die neuartige asymmetrische Flechttechnik, die dafür sorgt, dass sich der länger werdende Docht während des Brennens mit seiner Spitze zum Rand der Flamme krümmt, wo am meisten Sauerstoff vorhanden ist. Sobald die Dochtspitze zu lang ist und der Flamme kein Wachs mehr liefert, verbrennt sie sich vollständig von selbst. Die optimierten Dochte in Kombinationen mit den neuen Kerzenbrennstoffen machte das manuelle Kürzen des Dochts schlicht nicht mehr nötig.

Von Duftker­zen und Sternschnuppen

Auch im Elektrizitätszeitalter sind Kerzen aus unserem Alltag nicht wegzudenken. In allen Formen, Farben und Grössen erhältlich, werden sie nicht nur als funktionale Lichtstifter, sondern auch als romantische «Stimmungsaufheller» geschätzt. Der Kerzenmarkt hat sich laufend weiterentwickelt und dabei stets neue, nochmals verbesserte Brennmassen hervorgebracht. Auch Spezialanfertigungen wie die Duft- oder Insektenkerzen stehen heute im Angebot. Zwar sind auch Dochtscheren im Handel nach wie vor erhältlich, aber man fragt sich doch: Wer kauft so etwas und warum? Nostalgie, Retrochic, Dekoration? Wer weiss, aber letztlich kann uns dies ja auch völlig «Schnuppe» sein. Apropos Schnuppe: Das Wort «Sternschnuppe» leitet sich vom Kerzenschnäuzen ab. Die Gebrüder Grimm erklärten dies im Deutschen Wörterbuch mit der «[…] volkstümlichen vorstellung, dasz es sich beim sternschnuppenfall um eine säuberung des gestirnes handele, vergleichbar dem reinigen des lichtes mit der lichtschere oder der nase durch räuspern». Und so sind wir wieder beim Naseschnäuzen...

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