Als ein Waadtländer auszog, um Nordamerika mit seinen Weinkenntnissen zu beglücken... Illustration von Marco Heer.
Als ein Waadtländer auszog, um Nordamerika mit seinen Weinkenntnissen zu beglücken... Illustration von Marco Heer.

Schweizer begründet den ersten kommer­zi­el­len Weinbe­trieb in den USA

1796 wanderte Jean-Jacques Dufour aus der Genferseeregion aus, um im fernen Amerika ein erfolgreicher Weinbauer zu werden. Der Schweizer gründete die Kolonie Vevay, Indiana, in der erfolgreich Wein produziert wurde.

Petra Koci

Petra Koci

Petra Koci ist freie Journalistin und Autorin. In ihrem Buch «Weltatlas der Schweizer Orte» porträtiert sie von Schweizern gegründete Siedlungen auf fünf Kontinenten.

Kein einziger Rebstock wächst heute mehr in Vevay (ausgesprochen: Wiiiwiii), im Switzerland County in Indiana, USA. Dennoch wird hier jedes letzte Wochenende im August das Swiss Wine Festival gefeiert. Und es gibt sogar einen einzelnen Weinproduzenten: Tom Demaree von der Ridge Winery stellt lokale Weine her – Trauben, Traubensaft und Früchte dafür kauft er in anderen Regionen ein. Von der Terrasse seines ehemaligen Tastingrooms aus blickt man über den Ohio River. Grünbraun und träge wälzt sich der Fluss am Ort vorbei. Das südliche Flussufer gehört bereits zum Bundesstaat Kentucky. Dort gründete vor über 220 Jahren der Schweizer Jean-Jacques Dufour, ein Winzersohn aus Châtelard bei Vevey, seinen ersten Weinberg.
Blick in die Ferry Street in Vevay.
Vevay im Bundesstaat Indiana hat knapp 2000 Einwohner. Wein wird hier schon lange nicht mehr produziert. Wikimedia
Der Westschweizer hatte schon als Jüngling in der Zeitung über den Siebenjährigen Krieg zwischen Engländern und Franzosen in Amerika gelesen. Laut Bericht beklagten sich französische Soldaten über den Mangel an Wein auf dem Neuen Kontinent. Als sich der junge Jean-Jacques die Weltkarte anschaute, bemerkte er, dass Teile von Amerika auf denselben Breitengraden wie einige der besten weinproduzierenden Länder wie Frankreich, Spanien und Italien lagen. Damals fasste er den Entscheid, im fernen Amerika ein erfolgreicher Weinbauer zu werden. Im Jahre 1796 brach Jean-Jacques Dufour dann vom Genfersee aus nach New York auf, um seinen Traum vom erfolgreichen Weinbau zu verwirklichen. Der 33-Jährige mit seiner verkrüppelten linken Hand entsprach zwar nicht dem typischen Bild eines kräftigen Weinbauern. Dafür brachte er 15 Jahre Erfahrung aus dem väterlichen Rebberg mit.
Französisch-englische Verhandlungen in Nordamerika, 1757. Vielleicht hätte ein Schluck guter Wein mehr Konsens gebracht...
Französisch-englische Verhandlungen in Nordamerika, 1757. Vielleicht hätte ein Schluck guter Wein mehr Konsens gebracht... Wikimedia
Von New York reiste er zuerst nach Philadelphia und Pittsburgh und besuchte bereits kultivierte Weinberge, die aber allesamt eingegangen sind. «Bisher habe ich hier im Osten nur entmutigende Weinanbau-Versuche gesehen», notierte er. «Jetzt bin ich begierig zu wissen, ob weiter westlich mehr Potenzial steckt.» Mit Kutsche, hoch zu Pferd oder auf Booten reiste er landeinwärts, bis in den neu gegründeten Bundesstaat Kentucky. Bei den Bürgern von Lexington, damals ein aufstrebendes Städtchen an der westlichen Grenze der besiedelten Staaten, wurde der Schweizer mit seiner Idee vom Weinbau begeistert aufgenommen. Das Geschäftsmodell, einen Weinberg mit Hilfe der Zeichnung von Aktien zu finanzieren, hatte er einem der glücklosen Winzer in Philadelphia abgeguckt. So schrieb Jean-Jacques Dufour – der sich nun John James nannte – am 17. Januar 1798 in der Kentucky Gazette den Verkauf von 200 Aktien im Wert von je 50 Dollar aus. Ein paar Wochen später wurde die Kentucky Vineyard Society gegründet. Noch bevor alle Aktien gezeichnet waren, legte der enthusiastische Pionier los: Er kaufte Land am Kentucky River, etwa 40 Kilometer von Lexington entfernt, pflanzte Rebenstecklinge und benannte das Weingut optimistisch «First Vineyard». Aus Pennsylvania bezog er nochmals eine grosse Menge Stecklinge von 35 verschiedenen Traubensorten und auch Obstbaum-Setzlinge. Seine Brüder und Schwestern und weitere Schweizer Aussiedler, die ihm 1801 nach Amerika folgen, brachten weitere Sorten mit.
Anteilsschein am ersten Weinberg «First Vineyard» von John James Dufour uns seiner «Kentucky Vineyard Society».
Anteilsschein am ersten Weinberg «First Vineyard» von John James Dufour uns seiner «Kentucky Vineyard Society». University of California Press

Kostprobe für den Präsidenten

Kaum war der erste Jahrgang produziert, wurde der jüngere Bruder, John Francis Dufour, 1805 losgeschickt, um eine Kostprobe des gekelterten Weins an US-Präsident Thomas Jefferson zu liefern. Hoch zu Pferd und mit einem zweiten Packross, das mit zwei 5-Gallonen-Fässern – je etwa 19 Litern – Wein beladen war, ritt der 20-Jährige durch die Prärie nach Washington. Wein-Connaisseur Jefferson soll den Wein im Weissen Haus genossen und diesem durchaus Potenzial zugesprochen haben: «Der junge Wein ist vielversprechend, muss aber länger reifen.» Trotz der erfolgreichen Anfänge war dem First Vineyard kein Erfolg beschieden. Die Reben gingen aufgrund von Rebläusen, Mehltau und anderen Seuchen ein. Einzig zwei Sorten – John James ging damals davon aus, dass es sich um Madeira- und Cape-Trauben handelte – überlebten. Auch war die Zahlungsmoral der First Vineyard-Aktionäre nicht die beste. Dennoch gilt das Weingut in Kentucky als der erste kommerziell geführte Weinbau-Betrieb in den Staaten. Auch wenn es etliche Probleme gab und das Experiment scheiterte.
Soll Potenzial in Dufours Wein gesehen haben: Thomas Jefferson, dritter Präsident der USA.
Soll Potenzial in Dufours Wein gesehen haben: Thomas Jefferson, dritter Präsident der USA. Wikimedia
John James war aber zuvor schon klar geworden, dass für die Ansiedlung der neuen Kolonie von Schweizer Weinbauern mehr Land benötigt wurde. Er hatte gehört, dass die Regierung Land am Nordufer des Ohio Rivers, im heutigen Bundesstaat Indiana, zum Verkauf ausgeschrieben hatte, und schrieb 1802 dem Präsidenten Thomas Jefferson. Für den Kongress legte er einen handgeschriebenen Antrag auf Kredit für die neue Schweizer Weinbauern-Kolonie bei. Darin prophezeite er den Herren im Kongress eine Zukunft, in welcher der Ohio mit Rhein und Rhône punkto Weinbau konkurrieren würde. Da sein Antrag aber für die laufende Regierungssession zu spät eintraf, kaufte John James an den nördlichen Gestaden des Ohio River 795 Hektar Land aus eigenem Geld. Erst nach einer zweiten Petition wurden den Schweizer Siedlern zusätzlich 2000 Hektaren vom Staat auf Kredit übertragen, zinslos rückzahlbar in zehn Jahren. Ihr Land nannten sie «New Switzerland», später gaben sie der Siedlung den Namen «Vevay».
Antrag von John James Dufour an den US-Senat zum Kauf von Land nordwestlich des Ohiorivers, 1802.
Antrag von John James Dufour an den US-Senat zum Kauf von Land nordwestlich des Ohiorivers, 1802. Library of Congress
Im Jahre 1802 war dort nur wilde Natur. Ein Buschwerk aus Buchen, Fichten, Eichen, Linden, Rosskastanien und Walnussbäumen. Durchs dichte Unterholz streiften Hirsche und Wölfe, ja sogar Bären. Das zum Fluss sanft abfallende Terrain musste zuerst gerodet und urbar gemacht werden. John James Dufour selbst reiste 1806 zurück in die Heimat, um Geld zu verdienen, weil er sich mit dem Landkauf verschuldet hatte, und konnte erst zehn Jahre später zurückkehren. Die Pflege der Weinberge überliess er in der Zwischenzeit seinen Brüdern und anderen Schweizer Siedlern. Wein wurde in Vevay, im «Second Vineyard», ab 1806 oder 1807 produziert, vorwiegend aus den Madeira- und «Cape Grape»-Sorten, die in Kentucky überlebt hatten. John Francis Dufour schrieb damals: «Die blauen Trauben kommen ursprünglich vom Kap in Südafrika. Der weisse Wein ist aus Madeira-Trauben. Wenn die Weine erst einmal ein gewisses Alter haben und gelagert werden, wird auch die Qualität noch besser werden und später wird Amerika sogar einmal ohne importierten Wein auskommen können.» Tatsächlich nahm die Weinproduktion in Vevay stetig zu: 1808 wurden im Weinberg 800 Gallonen Wein produziert, 1809 1200 Gallonen und zwei Jahre später bereits das Doppelte. Im Jahre 1818 kelterten die Winzerfamilien 7000 und in Spitzenzeiten sogar bis zu 12’000 Gallonen Wein. Damit gelang in Vevay, Indiana, die erste erfolgreiche Weinproduktion in Amerika.
Interessanterweise war es eigentlich ein Versehen, das den Schweizer Winzern zum Durchbruch verhalf: Sie gingen davon aus, aus Übersee eingeführte Rebsorten gepflanzt zu haben, insbesondere die «Cape Grape». Unter diesem Namen wurden ihnen die Setzlinge verkauft. Später sollte sich herausstellen, dass es sich bei dieser um die erste hybride amerikanische Sorte Alexander handelte – eine zufällige Kreuzung aus einer eingeführten (Vitis vinifera) und einer einheimischen Sorte (Vitis labrusca), die resistenter war. Die Weinindustrie in Vevay konnte dennoch nicht vor dem Niedergang bewahrt werden: Als 1820 in den USA die Spekulationsblase mit Landbesitz platzte, liess eine schwere Finanzkrise die Märkte einbrechen. Weinanbau rentierte nicht mehr, Whisky wurde billiger.
Titelblatt von Dufours Buch American Vine-Dresser's Guide.
Weinbauer Dufour wurde kurz vor seinem Tod auch noch Buchautor und hielt sein Wissen für die Nachwelt fest. Google Books
Übrig geblieben von der einst blühenden Weinkultur in Vevay ist heute ein kaputtes Weinfass. Im restaurierten Wohnhaus von Jean-Daniel Morerod, einem Siedler und Winzer der ersten Stunde, lagert das 200-jährige Holzfass, halbseitig eingebrochen. Die Hausbesitzer lassen es – sozusagen als Andenken an den ersten erfolgreichen Weinkeller – stehen. Geblieben ist auch das Buch «The American Vine-Dresser’s Guide. Cultivation of the Vine and the Process of Wine Making in the United States», das John James ein Jahr vor seinem Tod publiziert hatte. Und, irgendwo im Dickicht oberhalb des Ohio Rivers, auf dem 1802 erworbenen Landstück, soll sich ein Grabstein verbergen. Der Grabstein von John James Dufour, gestorben am 9. Februar 1827.

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