
«Lebe wohl, schönes liebes Land!»
Am 17. August 1874 verliessen fünf Klosterschwestern das Benediktinerinnenkloster Maria-Rickenbach (NW) und wanderten in den Mittleren Westen der Vereinigten Staaten aus. Die Schwester Maria Beatrix Renggli (1848-1942) verfasste einen ausführlichen Reisebericht über ihre Emigrationsreise.
Schweizer Benediktinerinnen und Benediktiner in den USA
Das Kloster Maria-Rickenbach kam der Bitte von Conrad und Odermatt mit Freuden nach, insbesondere weil so die Möglichkeit entstand, Tochterklöster in den USA zu eröffnen. Mit der Entsendung der Schwestern wurde Maria-Rickenbach zum ersten katholischen Schweizer Frauenkloster, welches sich auf einem anderen Kontinent betätigte. Insgesamt emigrierten im Zeitraum von 1874 bis 1891 27 Schwestern und rund 50 Kandidatinnen vom Kloster Maria-Rickenbach in die USA. Die Frauen waren im Schulwesen tätig, übernahmen sozial-karitative Aufgaben für die katholische Kirche oder beteiligten sich an der Mission an indigenen Menschen.
Kandidatur in der benediktinischen Gemeinschaft
Die Kandidatur ist die erste Phase des Klostereintritts und dauert ein Jahr. Danach können die Kandidatinnen oder Kandidaten ins Noviziat eintreten und werden im Ordensgewand eingekleidet. Am Ende des einjährigen Noviziats steht die Profess, das Ordensgelübde.
Von Niederrickenbach nach Maryville
In Basel […] nahmen wir sodann Abschied von unserem theuren Vaterlande – vom Lande der Alpen, dem Lande, so reich an heiligen Stätten, an welchen unerschöpfliche heilige Gnadenströme entspringen! Lebe wohl, schönes liebes Land! Lebe wohl, du, unsere Heimath! Lebet wohl, Mutter und Geschwister! Gottes Schutz walte über dem Lande, das wir kaum mehr sehen und über all‘ den Lieben, von denen wir fortan wohl für immer getrennt sein werden!
Neben der Seekrankheit berichtete Renggli auch von weiteren aussergewöhnlichen Erlebnissen auf hoher See, wie beispielsweise von einem in Not geratenem Frachtschiff. Das Segelschiff war aufgrund eines Sturms in Schwierigkeiten geraten und die Besatzung der Oder eilte zu Hilfe.
Trotz diesen Herausforderungen fern jedes Klosteralltages zeichnete Renggli in ihrem Reisebericht ein äusserst positives Bild der Atlantikpassage. Dies zeigte sich einerseits in ihrem Beschrieb der Vorzüge an Bord, andererseits in ihren Ausführungen über den Zeitvertreib der Passagiere, als ab dem 29. August 1874 endlich gute Witterung herrschte. Die Schiffsreisenden gesellten sich in Scharen auf das offene Deck, vertrieben sich mit heiteren Spielen und fröhlichem Geplauder die Zeit, genossen die Weite und Schönheit des tiefblauen Meeres sowie dessen tierischer Vielfalt. Mit ihrer positiven Berichterstattung versuchte sie wohl auch, den zurückgebliebenen Frauen von Maria-Rickenbach die Überfahrt und die Auswanderung schmackhaft zu machen.
Um einiges negativer fiel ihr Bericht über die Weltstadt New York aus: Am 31. August 1874 legte die Oder am Ufer des Hudson Rivers an und die Klosterfrauen betraten erstmals amerikanischen Boden. Unmittelbar sahen sie sich mit den riesigen Dimensionen der Grossstadt konfrontiert. Die laute und hektische Stadt überwältigte Renggli; sie fühlte sich verloren und vermisste die Stille und Vertrautheit von Maria-Rickenbach.
Die Frauen sahen sich in ihrer neuen Heimat mit vielen unbekannten Situationen konfrontiert, der Reisebericht kontrastierte ausführlich die Ausgangs- und Zielkultur, die Heimat und die Fremde. Renggli bezog sich immer wieder auf ihr Mutterkloster und versuchte ihre Erlebnisse, wohl aus Heimweh, aber auch um ihre Erfahrungen greifbarer für das Schweizer Publikum zu machen und mit ihrem Herkunftsgebiet zu verbinden. Eine besonders grosse Herausforderung für die Neuankömmlinge war die Verständigung, da sie die Landessprache nicht verstanden. So mussten sie auch von ihrem eigentlichen Ziel, eine deutsche Schule in Maryville zu eröffnen, absehen. Die Beherrschung der englischen Sprache nahm in den USA einen viel höheren Stellenwert ein als die deutsche Sprache. Einige der Klosterfrauen hatten Mühe, sich an die fremde Kultur und Sprache anzupassen. Nicht so Beatrix Renggli, die schnell Englisch lernte und bald mit dem Unterrichten begann. Aufgrund von Konflikten innerhalb der Emigrationsgruppe zog sie kurz nach ihrer Ankunft mit den Schwestern Adela und Anselma ins nahe gelegene Conception und führte dort eine Schule.


