
Uhren, Seide und Gute Dienste: Die Schweizer Diaspora in Japan
Nach der erzwungenen wirtschaftlichen Öffnung Japans wollte auch die Schweiz im ostasiatischen Land wirtschaftlich Fuss fassen. Bald wurde Yokohama, einer der für den internationalen Handel geöffneten Häfen, zum Zentrum der Schweizer Diaspora in Japan.
Im Vergleich zu anderen Abkommen galt der schweizerisch-japanische Handelsvertrag als ausgewogener. Mit dem Vertrag wurde eine offizielle Schweizer Präsenz mit Konsulaten in Yokohama und später in Tokio eingeleitet.
Die letzten Jahre der Edo-Zeit (1853 – 1868)

Edo-Zeit und Tokugawa-Shogunat
Japan wird vom Tokugawa-Shogunat regiert, einer militärischen Regierung unter einem Shogun. Der Kaiser bleibt formell Staatsoberhaupt, hat jedoch kaum politische Macht. Um politische Stabilität zu sichern, beschränkt das Regime den Kontakt zum Ausland stark und kontrolliert den Handel.

Ankunft der Flotte von Matthew Perry
Der amerikanische Marineoffizier Matthew Perry erscheint mit Kriegsschiffen vor Japan. Die USA und andere westliche Mächte, darunter die Niederlande, Russland, England und Frankreich, wollen Japan für Handel und Schifffahrt öffnen. Das Land soll damit unter anderem als Versorgungsstation für Walfang- und Handelsschiffe im Pazifik dienen. Unter militärischem Druck beginnt Japan, seine Abschottung aufzugeben.

«Ungleiche Verträge» und offene Häfen
Japan schliesst unter Druck Verträge mit mehreren westlichen Staaten. Diese gewähren ausländischen Mächten Handelsprivilegien und öffnen bestimmte Hafenstädte für den internationalen Handel, darunter Yokohama, Nagasaki, Niigata, Hakodate und Kobe. Diese sogenannten «offenen Häfen» werden zu Zentren ausländischer Handelsgemeinschaften.

Ende des Tokugawa-Shogunats
Politische Konflikte über den Umgang mit den westlichen Mächten führen zum Sturz der Militärregierung. Mit der sogenannten Meiji-Restauration übernimmt der Kaiser wieder die politische Macht und Japan beginnt eine Phase rascher Modernisierung und Industrialisierung.
Handel und Technologietransfer
Firmen wie Siber-Hegner oder Favre-Brandt prägten den schweizerisch-japanischen Handel. Der Uhrmacher Alberto Favre-Zanotti wirkte als sogenannter «ausländischer Experte» und vermittelte japanischen Partnern die notwendige Expertise. Der Wissenstransfer durch den Uhrenexport sowie vor Ort tätigen Uhrmachern wie Favre-Zanotti trug wesentlich zum Aufbau einer eigenen japanischen Uhrenindustrie bei. Der Bedarf an Uhren nahm ab 1873 zu, nachdem Japan vom traditionellen Mondkalender auf den gregorianischen Kalender umgestellt hatte. Die Schweizer Diaspora konnte dabei eine wichtige Rolle auf dem Importmarkt einnehmen und sich als Vermittler zur schweizerischen Uhrenindustrie positionieren. 1896 berichtete die Zeitung La Suisse libérale, dass eine neue Uhrenfabrik mit dem Namen Japan Pocket Watch Co. gegründet worden sei: «Diese Firma hat einige Maschinen und die notwendigen Werkzeuge aus der Schweiz kommen lassen und wird von einem jungen Japaner geleitet, der einige Jahre an der Uhrmacherschule in Le Locle verbracht hat.» Auch Hattori Kintarō, Gründer der Marke Seiko, wurde von Schweizer Uhrmachern in Japan ausgebildet. Die Marke Citizen entstand ebenfalls aus einer schweizerisch-japanischen Kooperation.


Gemeinschaft in der Fremde
Auch andere Schützenfeste gehörten zum Gemeinschaftsleben in Yokohama. Überliefert ist ein jährliches Schützenfest im Juni, das auch Angehörige anderer westlicher Gemeinschaften anzog. Das Fest sei «eine alte Erinnerung an die Heimat, die das Herz vieler Schweizer höher schlagen liess», wie die Zeitung Le Confédéré 1868 meldete.


Neutralität im Krieg
Mit der Kapitulation Japans im August 1945 und der amerikanischen Besatzung endete das System der offenen Häfen. Mehrere Faktoren trugen zu diesem Wandel bei: Die europäischen Mächte waren wirtschaftlich geschwächt, während Japan nach dem Krieg rasch wieder zu wachsen begann. Gleichzeitig wurde das Land in die geopolitische Ordnung des Kalten Krieges eingebunden.
Eine Geschichte globaler Verflechtungen
Die Geschichte der Schweizer Diaspora in Yokohama zeigt, wie Handel, Technologietransfer und diplomatische Dienste die bilateralen Beziehungen prägten. Zwischen Seide und Uhren entstand so ein wenig bekanntes Kapitel der Beziehungen zwischen der Schweiz und Japan.


