Der Hafen von Yokohama von Sadahide Hashimoto, 1868.
Der Hafen von Yokohama, gezeichnet von Sadahide Hashimoto, 1868. Wikimedia

Uhren, Seide und Gute Dienste: Die Schweizer Diaspora in Japan

Nach der erzwungenen wirtschaftlichen Öffnung Japans wollte auch die Schweiz im ostasiatischen Land wirtschaftlich Fuss fassen. Bald wurde Yokohama, einer der für den internationalen Handel geöffneten Häfen, zum Zentrum der Schweizer Diaspora in Japan.

William Favre

William Favre

William Favre ist Historiker und Museologe und derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Genf.

Während der Edo-Zeit (1603-1868) hatte Japan seine Aussenbeziehungen stark eingeschränkt und den Handel weitgehend kontrolliert. Nachdem die Grossmächte dem geschwächten Shogunat sogenannte «Ungleiche Verträge» aufzwangen, wollte auch die Schweiz den sich neu eröffnenden Absatzmarkt in Ostasien erschliessen. Nach einem gescheiterten Versuch 1859 führte der Neuenburger Aimé Humbert-Droz 1862–1864 eine diplomatische Mission, die in einen Handelsvertrag mündete.

Im Vergleich zu anderen Abkommen galt der schweizerisch-japanische Handelsvertrag als ausgewogener. Mit dem Vertrag wurde eine offizielle Schweizer Präsenz mit Konsulaten in Yokohama und später in Tokio eingeleitet.

Die letzten Jahre der Edo-Zeit (1853 – 1868)

Japan wird vom Tokugawa-Shogunat regiert, einer militärischen Regierung unter einem Shogun. Der Kaiser bleibt formell Staatsoberhaupt, hat jedoch kaum politische Macht. Um politische Stabilität zu sichern, beschränkt das Regime den Kontakt zum Ausland stark und kontrolliert den Handel.
Der amerikanische Marineoffizier Matthew Perry erscheint mit Kriegsschiffen vor Japan. Die USA und andere westliche Mächte, darunter die Niederlande, Russland, England und Frankreich, wollen Japan für Handel und Schifffahrt öffnen. Das Land soll damit unter anderem als Versorgungsstation für Walfang- und Handelsschiffe im Pazifik dienen. Unter militärischem Druck beginnt Japan, seine Abschottung aufzugeben.
Japan schliesst unter Druck Verträge mit mehreren westlichen Staaten. Diese gewähren ausländischen Mächten Handelsprivilegien und öffnen bestimmte Hafenstädte für den internationalen Handel, darunter Yokohama, Nagasaki, Niigata, Hakodate und Kobe. Diese sogenannten «offenen Häfen» werden zu Zentren ausländischer Handelsgemeinschaften.
Politische Konflikte über den Umgang mit den westlichen Mächten führen zum Sturz der Militärregierung. Mit der sogenannten Meiji-Restauration übernimmt der Kaiser wieder die politische Macht und Japan beginnt eine Phase rascher Modernisierung und Industrialisierung.

Handel und Technologietransfer

Bereits vor dem Vertragsabschluss lebten einzelne Schweizer – oft mit doppelter Staatsbürgerschaft – in Japan. Dazu gehörten François Perregaux, ein französisch-schweizerischer Uhrmacher, und Pierre Rossier, ein Fotograf aus Freiburg, der in den 1850er-Jahren für die britische Firma Negretti & Zambra arbeitete. Ab 1864 gründeten mehrere Schweizer Firmen Niederlassungen im Land. Viele dieser Firmen waren im Import und Export tätig. Neben Tee und Seide, zwei zentralen Exportgütern der japanischen Wirtschaft, spielten auch Maschinen und Uhren eine wichtige Rolle im Handel mit der Schweiz.

Firmen wie Siber-Hegner oder Favre-Brandt prägten den schweizerisch-japanischen Handel. Der Uhrmacher Alberto Favre-Zanotti wirkte als sogenannter «ausländischer Experte» und vermittelte japanischen Partnern die notwendige Expertise. Der Wissenstransfer durch den Uhrenexport sowie vor Ort tätigen Uhrmachern wie Favre-Zanotti trug wesentlich zum Aufbau einer eigenen japanischen Uhrenindustrie bei. Der Bedarf an Uhren nahm ab 1873 zu, nachdem Japan vom traditionellen Mondkalender auf den gregorianischen Kalender umgestellt hatte. Die Schweizer Diaspora konnte dabei eine wichtige Rolle auf dem Importmarkt einnehmen und sich als Vermittler zur schweizerischen Uhrenindustrie positionieren. 1896 berichtete die Zeitung La Suisse libérale, dass eine neue Uhrenfabrik mit dem Namen Japan Pocket Watch Co. gegründet worden sei: «Diese Firma hat einige Maschinen und die notwendigen Werkzeuge aus der Schweiz kommen lassen und wird von einem jungen Japaner geleitet, der einige Jahre an der Uhrmacherschule in Le Locle verbracht hat.» Auch Hattori Kintarō, Gründer der Marke Seiko, wurde von Schweizer Uhrmachern in Japan ausgebildet. Die Marke Citizen entstand ebenfalls aus einer schweizerisch-japanischen Kooperation.
Aimé Humbert-Droz, alt Ständerat und Präsident des Uhrenverbands, leitete die Delegation, welche den ersten schweizerisch-japanischen Handelsvertrag aushandelte.
Aimé Humbert-Droz, alt Ständerat und Präsident des Uhrenverbands, leitete die Delegation, welche den ersten schweizerisch-japanischen Handelsvertrag aushandelte. Wikimedia
Im Jahr 1913 produzierte Seiko mit dem Modell «Laurel» die erste Armbanduhr.
Im Jahr 1913 produzierte Seiko mit dem Modell «Laurel» die erste Armbanduhr. Seiko

Gemein­schaft in der Fremde

Die Schweizer Diaspora in Yokohama stammte meist aus wohlhabenden Gesellschaftsschichten und war überwiegend männlich. Diplomaten, Kaufleute, Missionare und Ingenieure übernahmen oft mehrere Funktionen gleichzeitig. Die weibliche Minderheit bestand aus Ehefrauen, Missionarinnen und Reisenden. Viele Schweizerinnen und Schweizer blieben jedoch nur vorübergehend in Japan. Nur eine Minderheit liess sich dauerhaft nieder. Trotz sprachlicher und konfessioneller Unterschiede entwickelte sich eine starke gemeinsame Identität. Ein Höhepunkt des Gemeinschaftslebens war die Feier des 1. August mit Schiesswettbewerben.

Auch andere Schützenfeste gehörten zum Gemeinschaftsleben in Yokohama. Überliefert ist ein jährliches Schützenfest im Juni, das auch Angehörige anderer westlicher Gemeinschaften anzog. Das Fest sei «eine alte Erinnerung an die Heimat, die das Herz vieler Schweizer höher schlagen liess», wie die Zeitung Le Confédéré 1868 meldete.
Auch in Yokohama wurde der Schlacht bei Sempach gedacht: Die Schweizer Diaspora traf sich am 9. Juli 1886 bei der geschmückten Villa Basilea, wo eine Festwirtschaft eingerichtet wurde.
Auch in Yokohama wurde der Schlacht bei Sempach gedacht: Die Schweizer Diaspora traf sich am 9. Juli 1886 bei der geschmückten Villa Basilea, wo eine Festwirtschaft eingerichtet wurde.
Auch in Yokohama wurde der Schlacht bei Sempach gedacht: Die Schweizer Diaspora traf sich am 9. Juli 1886 bei der geschmückten Villa Basilea, wo eine Festwirtschaft eingerichtet wurde. Schweizerisches Nationalmuseum / Schweizerisches Nationalmuseum

Neutra­li­tät im Krieg

Mit dem Fortschreiten des Zweiten Weltkriegs in der Pazifikregion geriet Japan zunehmend in internationale Isolation. Gleichzeitig wuchs im Land das Misstrauen gegenüber westlichen Ausländerinnen und Ausländern. Die japanischen Behörden betrachteten europäische Gemeinschaften als potenzielle «fünfte Kolonne», die die Kriegsanstrengungen des Landes gefährden könnte. Die schweizerische Neutralität erhielt dadurch eine besondere Bedeutung. Die Schweiz bot Japan ihre Guten Dienste an und vertrat in dieser Zeit die Interessen von 16 Staaten in Japan und jene Japans in 19 Ländern. Trotzdem schrumpfte die Schweizer Diaspora in Japan während des Zweiten Weltkriegs. Nach den alliierten Bombardierungen der Hafenstädte zogen sich die Verbliebenen ins Landesinnere zurück, etwa nach Onomichi oder Karuizawa.

Mit der Kapitulation Japans im August 1945 und der amerikanischen Besatzung endete das System der offenen Häfen. Mehrere Faktoren trugen zu diesem Wandel bei: Die europäischen Mächte waren wirtschaftlich geschwächt, während Japan nach dem Krieg rasch wieder zu wachsen begann. Gleichzeitig wurde das Land in die geopolitische Ordnung des Kalten Krieges eingebunden.

Eine Geschich­te globaler Verflechtungen

Heute leben rund 10’000 Schweizerinnen und Schweizer in Japan, vor allem in den grossen Städten. Gleichzeitig gehört Japan zu den beliebtesten Reisezielen aus der Schweiz. Von den ehemaligen internationalen Vierteln der offenen Häfen sind heute nur noch wenige sichtbare Spuren geblieben. Sie gingen im Laufe der Zeit im städtischen Gefüge auf und wurden zu normalen Stadtteilen.

Die Geschichte der Schweizer Diaspora in Yokohama zeigt, wie Handel, Technologietransfer und diplomatische Dienste die bilateralen Beziehungen prägten. Zwischen Seide und Uhren entstand so ein wenig bekanntes Kapitel der Beziehungen zwischen der Schweiz und Japan.

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