Bis heute ranken sich Mythen um die Case dei Pagani, die vor allem im Tessiner Bleniotal stehen.
Bis heute ranken sich Mythen um die Case dei Pagani, die vor allem im Tessiner Bleniotal stehen. Wikimedia

Von Hexen und Heiden: Die «Case dei Pagani»

Im Tessiner Bleniotal gibt es eine Reihe von Felsburgen, die «Case dei Pagani», «Heidenhäuser». Diese kaum zugänglichen Ruinen sind der Schauplatz vieler schauriger Geschichten, und sie geben der Forschung bis heute Rätsel auf.

Thomas Weibel

Thomas Weibel

Thomas Weibel ist Journalist und emeritierter Professor für Media Engineering.

«Eine Pagana, eine Heidin, kam ins Tal. Wie immer wollte sie Kinder stehlen, um sie zu essen, wenn sie fett genug waren. Sie raubte einen Bub und sperrte ihn in einen Holzkäfig in einer Höhle. Sie fütterte ihn und sah immer wieder nach, ob der Finger schon fett genug sei, denn sie war sehr kurzsichtig. Eines Tages liess sie das Kind heraus und befahl ihm, nachzusehen, ob das Wasser schon koche. Der Bub aber gab der Frau einen Stoss, und sie fiel ins kochende Wasser. So ist die letzte Pagana umgekommen.»
Im 300-Seelen-Dorf Dongio erzählt man sich seit Generationen schaurige Geschichten über Heiden, Hexen und Räuber. Alle spielen sie in den Case dei Pagani, jenen schwer zugänglichen «Heidenhäusern» hoch über dem Tal, die wie Schwalbennester an den Felswänden kleben. Sie sind vor allem im Bleniotal zu finden (Aquila, Dongio, Malvaglia, Marolta und Torre), vereinzelt aber auch in der Leventina (Chiggiogna), im Maggiatal (Losone) und im Sottoceneri (Mendrisio). Alle wurden sie an schwer erreichbaren Stellen in steile Talwände hinein gebaut, gut geschützt von überhängenden Felsen oder natürlichen Höhlen. Obwohl die Burgen nur über hölzerne Leitern und Galerien zugänglich waren, stehen sie allesamt in der Nähe von Dörfern. Von vielen dieser Case sind nur noch Mauerreste erhalten geblieben, die kaum mehr auf die einstigen Bauten schliessen lassen.
Der Zugang zu Dongio I erfolgt zu Fuss über einen schmalen Weg. Links fällt der Hang steil ins Tal hinab. Das Haus konnte deshalb sehr gut gegen mögliche Feinde verteidigt werden.
Der Zugang zu Dongio I erfolgt zu Fuss über einen schmalen Weg. Links fällt der Hang steil ins Tal hinab. Das Haus konnte deshalb sehr gut gegen mögliche Feinde verteidigt werden. Wikimedia / Adrian Michael
Dongio I ist eine weithin sichtbare Burgruine, die in einen Hohlraum in der Felswand oberhalb von Dongio hineingebaut wurde. Die Felsenburg lässt sich nur zu Fuss erreichen, über einen steilen Waldweg, an den Überresten des 1758 verschütteten Dorfs Dongio vorbei. Der Bergsturz zerstörte Häuser und Ställe und brachte 34 Einwohnerinnen und Einwohnern den Tod. Später wurde das Dorf etwas weiter nördlich wieder aufgebaut. Die Eingangstür zu Dongio I (es gibt in der Nähe noch zwei weitere Häuser mit den Namen Dongio II und Dongio III) ist nur über drei vorspringende Steinstufen zu erreichen, die über keinerlei Geländer verfügten – ein Schubs der Verteidiger, und ein ungebetener Gast wäre in die Tiefe gestürzt.
Kupferstich des Dorfs Dongio, nach einer Zeichnung von Ludwig Hess, um 1817.
Kupferstich des Dorfs Dongio, nach einer Zeichnung von Ludwig Hess, um 1817. Schweizerisches Nationalmuseum
Dass Menschen tatsächlich hier gelebt haben, ist gewiss: Der Bau verfügte einst über vier Stockwerke und bot Platz für mindestens ein Dutzend Menschen. Es gab einen Herd und ein stilles Örtchen, eine sogenannte «Abtrittnische» – «richtig bequem, geradezu ein Thron, da fehlt bloss noch die Zeitung», scherzt Fabrizio Conceprio von der Bürgergemeinde des seit 2004 zu Acquarossa gehörigen Dorfs Dongio.
Wer genau die Burg einst erbaute und zu welchem Zweck, bleibt bis heute ein Rätsel. War es ein Rückzugsort für Ausgestossene und Geächtete? Ein sicheres Lager für Saatgut? Ein Signalposten, ein Stützpunkt der Sarazenen, die im 10. Jahrhundert über die Alpen zogen, eine Zuflucht für verfolgte Heiden, ein Hexengefängnis, ein Siechenhaus, ein Räubernest? Schriftliche Überlieferungen gibt es keine. Doch die Forschung geht davon aus, dass es sich um eine Fluchtburg handelte, eine Art Festung für eine örtliche Fürstenfamilie, die in Notzeiten in den einfach zu verteidigenden Mauern Zuflucht suchte. Ein Prunkbau war Dongio I nicht: Die Mauern bestehen aus aufeinandergeschichteten, grob mit Kalkmörtel verbundenen Platten aus lokalem Granit. Die uneinnehmbare Lage machte dicke Wehrmauern überflüssig; die Mauerstärke beträgt nur zwischen 50 und 90 Zentimetern.
Ende der 1970er-Jahre erforschte der Zürcher Architekt Lukas Högl die rätselhaften Heidenhäuser, und 2022 stellte der Historiker und Psychologe Massimo Delorenzi neue Untersuchungen an. Er liess Proben von Stellen entnehmen, die bisher noch nicht untersucht worden waren. Die C14-Datierung von Gerüstholz aus Dongio I lässt auf eine Bauzeit zwischen 970 und 1200 schliessen. Eine der Case, jene von Malvaglia, stammt gar aus dem 3. bis 7. Jahrhundert. Ein Hufeisen und ein Tiergehege lassen darauf schliessen, dass für Nahrung gesorgt gewesen wäre. Auf die Dauer aber wäre es für die Bewohner dennoch ungemütlich geworden: Die Case dei Pagani verfügten nicht über Zisternen.
Die Casa von Malvaglia ist wohl die älteste der seltsamen Bauten.
Die Casa von Malvaglia ist wohl die älteste der seltsamen Bauten. Wikimedia / Adrian Michael
Die Menschen, die diese Burgen gebaut hätten, sagt Delorenzi, hätten sich einen geschützten Platz gesucht, an dem zu leben im Grunde völlig unvorstellbar gewesen sei. Der Grund dafür müsse die blanke Angst gewesen sein, denn die Case zu erreichen, geschweige denn sie zu bauen, sei schwierig und gefährlich gewesen. Es habe sich um Zufluchtsstätten, um eine Art Notunterkünfte gehandelt. Und Fluchtgründe gab es zuhauf: Das Bleniotal war eine wichtige Nord-Süd-Verbindung und wurde immer wieder von Räubern und Truppen durchquert. Abgebrochene, verbogene Pfeilspitzen zeugen davon, dass Burgen feindlichen Angriffen ausgesetzt waren.
Einige Häuser wurden im selben Zeitraum gebaut, in dem die erste Burganlage von Serravalle Ende der 1170er-Jahre von den Mailändern zerstört worden war. Die Festung diente als wichtiger Stützpunkt für die Route über den Lukmanierpass, und nach der Niederlage von Kaiser Barbarossa gegen die Lombardische Liga kam das Bleniotal wieder unter den Einfluss Mailands. Möglicherweise hat dies zum Bau der Case dei Pagani geführt. Massimo Delorenzi ist allerdings eher der Ansicht, dass die Häuser zwar durchaus vor drohenden militärischen Gefahren hätten schützen können. Da ihre Lage jedoch nicht unbedingt an geeigneten Stellen lag, um ein Alarmsystem für die Talbevölkerung zu installieren, muss auch die Möglichkeit einer Nutzung als echte Wohnhäuser in Betracht gezogen werden.
In einer der Case dei Pagani fanden die Forscher mittelalterliche Münzen, eine Feinwaage sowie ein Stück Pergament, auf dem noch der Name «Martino» und das Datum des 1. September 1308 zu entziffern war. Ihr Besitzer muss die kostbaren Besitztümer in seinem Felsennest versteckt haben. Er kehrte nie zurück.

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