Liess seine Alpenüberquerung verewigen: Napoleon Bonaparte.
Liess seine Alpenüberquerung verewigen: Napoleon Bonaparte. Bilder: Schweizerische Nationalbibliothek, Wikimedia

Napoleon war hier!

Der Grosse St. Bernhard ist seit jeher als wichtiger Alpenübergang bekannt. Napoleon Bonaparte wusste das für seine Propaganda zu nutzen.

Barbara Basting

Barbara Basting

Barbara Basting war als Kulturredaktorin tätig und leitet derzeit das Ressort Bildende Kunst in der Kulturabteilung der Stadt Zürich.

Was für ein prächtiger Schimmel! Noch dazu gibt er alles: Er steigt auf, die Nüstern sind gebläht, das in unsere Richtung glotzende Auge tritt fast aus der Höhle. Ein Sturmwind kämmt seine Mähne und seinen Schweif dramatisch nach vorne und macht den Umhang des Reiters zum Segel. Der Reiter sitzt allerdings sehr entspannt im Sattel und schaut wie sein Pferd zu uns, statt auf den Weg. Sucht da etwa jemand Beifall?

Der Reiter ist unschwer zu erkennen als Napoleon Bonaparte. Der Urheber des monumentalen Gemäldes ist ebenfalls kein Unbekannter. Jacques-Louis David (1748–1825) zählt zu den Schwergewichten der europäischen Kunstgeschichte. Zunächst Hofmaler, vertrat er an vorderer Front bald die Ideale der französischen Revolution und stimmte sogar für die Enthauptung von König Ludwig XVI. Sein im Auftrag des Konvents ausgeführtes Gemälde «Der Tod des Marat» (1793) gehört zu den Ikonen der französischen Revolution. Bald jedoch knüpfte er seine Karriere an den Aufstieg Bonapartes zunächst zum 1. Konsul, schliesslich zum Kaiser (1804) und wurde zu dessen Propagandamaler.

Dieses Gemälde ist eines seiner bedeutendsten Auftragswerke im Dienste Napoleons. Davids Biografie ist von Opportunismus geprägt und verrät einiges über die Abhängigkeiten vormoderner Künstler.
Napoleon Bonaparte auf dem Grossen St. Bernhard, gemalt von Jacques-Louis David. Das Bild ist die erste von fünf Versionen, die der Künstler von diesem Motiv schuf.
Napoleon Bonaparte auf dem Grossen St. Bernhard, gemalt von Jacques-Louis David. Das Bild ist die erste von fünf Versionen, die der Künstler von diesem Motiv schuf. Wikimedia / Château de Malmaison
Der Werktitel ordnet die Szene genauer ein: «Bonaparte franchissant les Alpes au Grand Saint-Bernard 1800» (Bonaparte überquert die Alpen am Grossen St. Bernhard 1800). Das Gemälde entstand 1801. Es gibt sich den Anstrich eines Zeitdokuments. Dabei ist es alles andere als faktentreu.

Zuerst einmal ist der Titel so ziemlich alles, was das Gemälde unmittelbar mit dem Alpenpass verbindet. Kein Wunder, denn David war im Unterschied zu Napoleon Bonaparte nie auf dem Pass. Die Gebirgslandschaft bleibt vage. Auch sonst liess der Künstler seine Fantasie walten. Das verraten zum einen die Steinbrocken links im Bild: Bonaparte – Hannibal – Karolus Magnus, also Karl der Grosse. Die gemeisselten Lettern stammen nicht von einem Steinmetz, sondern vom erfindungsreichen David.

Mit diesen Requisiten rückte der Maler Bonapartes Alpenüberquerung in eine eindrückliche Traditionslinie. Dass Hannibal eher über den flacheren Col de la Traversette zog, wie man heute weiss, spielte für David und sein Publikum keine Rolle. Seine Referenzen waren künstlerischer Natur: So kannte er Francisco Goyas Historienbild von 1771, das Hannibals Alpenüberquerung in barocker Pracht ausmalt. David diente die Anspielung also der Aufladung seines Gemäldes mit dem kulturgeschichtlichen Nimbus des Passes.
Dürfte Jacques-Louis David inspiriert haben: Hannibals Alpenüberquerung von Francisco Goya, 1771.
Dürfte Jacques-Louis David inspiriert haben: Hannibals Alpenüberquerung von Francisco Goya, 1771. Wikimedia
Davids Pferd erzählt gleich mehrere Geschichten. Die damalige Elite, der sein Gemälde erstmals im Rahmen der alljährlichen Kunstausstellung Salon de Paris vorgeführt wurde, erkannte sofort, dass der Schimmel Napoleons Lieblingspferd Marengo war, ein nach seinem Ägyptenfeldzug importiertes Araber-Vollblut. Das gebildete Publikum wusste auch, dass hier eine Figur aus der Hohen Schule des Reitens dargestellt ist. Die dafür nötigen, malerisch locker geschwungenen Zügel und die Haltung des Reiters zeigen: Bonaparte lenkt sein Pferd per Schenkeldruck. So sieht ein souveräner Herrscher in einer Extremsituation aus.

Mit dem Typus des vom Wind getragenen Rosses griff David auf weitere kunsthistorische Vorbilder zurück. Gian Lorenzo Bernini hatte barocke Dynamik in die aus der Antike überlieferten, statischen Reiterstandbilder gebracht. Seine Marmorstatue des absolutistischen Herrschers Ludwig XIV. war ein Auftragswerk, das dem König allerdings sehr missfiel. Etienne Maurice Falconet, der die Kritik teilte, überbot Berninis immer noch recht plumpen Reiter mit seinem kühnen Reiterstandbild Peters des Grossen in St. Petersburg. Dieser «Eherne Reiter» sorgte in Europa für Furore. Von ihm kursierten zahlreiche Repliken und Grafiken, die auch David kannte.
Die Statue von Peter dem Grossen in St. Petersburg.
Die Statue von Peter dem Grossen in St. Petersburg. Wikimedia / Heidas
Neben der inszenierten Dynamik bekräftigen auch die mehrfachen Verweise auf die französischen Nationalfarben, dass es dank diesem Herrscher für die von der französischen Revolution gebeutelte Nation aufwärts geht. Den propagandistischen Zweck des Gemäldes bestätigt, dass David davon innerhalb kürzester Zeit noch drei weitere Versionen für Repräsentationszwecke malte.

Aber warum eignete sich diese Überquerung des Grossen St. Bernhard überhaupt für Napoleons Propaganda? Der Schlüssel liegt in der Schlacht von Marengo bei Alessandria in der oberitalienischen Poebene. Denn hier konnte Bonaparte im zweiten der sogenannten Koalitionskriege, die er gegen die verbliebenen Monarchien in Europa führte, die habsburgischen Österreicher knapp schlagen und bald zur Aufgabe Oberitaliens zwingen.

Entscheidend für den Sieg war letztlich, dass General Louis-Charles-Antoine Desaix Napoleon mit der «Rheinarmee» von Basel her via Gotthard entgegengekommen war.

Napoleon hatte mit der Wahl des Grossen St. Bernhard für den Übergang einen strategischen Vorteil dieser Route ausgenutzt. Er verwarf etwa die flachere Route über den Mont Cenis, weil die Österreicher damit rechneten. Auch die von Kaspar Stockalper angelegte Strasse über den Simplonpass, die Napoleon nach 1801 weiter befestigen liess, verwarf er. Denn für einen Überraschungsgriff war die Route von Martigny via Simplon schlicht zu lang. Der Weg über den Grossen St. Bernhard ermöglichte zudem eine kurzfristige Routenänderung via Turin oder Alessandria.
 
Zurück zur Passhöhe: Dort gab es, anders als von David gemalt, nie einen Stein mit der Gravur «Bonaparte». Im dortigen Hospiz findet sich aber immerhin ein 1806 entstandenes Denkmal von Jean-Guillaume Moitte für den in der Schlacht von Marengo gefallenen General Desaix. Auf diesem Denkmal hatte Napoleon bestanden, obwohl Desaix den Pass nie gesehen hat. Das zeigt, dass es Napoleon vor allem darum ging, den Pass mit seinen Ruhmestaten zu verknüpfen.
Das Denkmal für den gefallenen General Desaix.
Das Denkmal für den gefallenen General Desaix. Wikimedia / Campiana
Davids rasch bekanntes Gemälde provozierte Künstler wie William Turner. Dieser dekonstruierte 1810/12, also noch zu Napoleons Lebzeiten, elegant den von David im Gefolge Goyas zitierten Hannibal-Mythos: Er lässt Hannibal in einem gigantischen gemalten Schneegestöber untergehen.
Nicht heroisch: Hannibals Alpenüberquerung, dargestellt von William Turner.
Nicht heroisch: Hannibals Alpenüberquerung, dargestellt von William Turner. Wikimedia
Der dreisten propagandistischen Schönfärberei von Davids Gemälde kam man mit der Zeit auf die Schliche. So stellte sich heraus, dass Napoleon den Grossen St. Bernhard, wie damals üblich, auf zwar plumpen, aber trittsicheren Maultieren und nicht auf seinem Vollblut überquert hatte. Das wusste die Lokalbevölkerung des Passdorfs Bourg-St-Pierre zu erzählen, die Napoleon schamlos für die Passüberquerung mit seinem Train samt schweren Kanonen einspannte. Die versprochene Entschädigung kam erst 1984 in Form einer Plakette des damaligen Staatspräsidenten François Mitterrand.

Die als Führer für Reisende auf Napoleons Spuren tätigen Bergbauern hielten sich mit bissigen Anekdoten schadlos. Das fand seinen Niederschlag in der Literatur. Kein Geringerer als Alexandre Dumas senior, der Erfolgsschriftsteller der Romane «Die drei Musketiere» und «Der Graf von Monte Christo», schildert in seinen Reisebildern aus der Schweiz von 1832, wie er selbst unter schwierigsten Umständen den fast 2500 Meter hohen Pass überquert hat und die Bauern sich über Napoleon lustig gemacht haben. Napoleon hatte mit seinem Tross die anspruchsvolle Passage offenbar nur knapp bewältigt und wäre fast in einen Abgrund gestürzt.

Alexandre Dumas hatte gute Gründe dafür, an Napoleons Legende zu kratzen: Sein Vater Thomas-Alexandre Dumas, heute gewürdigt als der aus Haiti stammende erste schwarze General in Napoleons Armee, war wegen seines Widerstands gegen dessen Vorgehen in Ägypten ohne Pension entlassen worden. Die Folgen für ihn und seine Familie waren massiv. Er starb früh, und Dumas‘ Jugend war von Armut gezeichnet.

Dumas gefiel es auch nicht, dass der Bonapartismus um 1832 wieder im Aufwind war und die blutigen Schlachten, mit denen Napoleon Europa tyrannisiert hatte, in Vergessenheit gerieten. Zudem unternahm er seine Schweizreise nicht aus Vergnügen, sondern weil er wegen seiner politischen Haltung 1832 zeitweise aus Frankreich fliehen musste.

Neben Dumas lieferte auch Adolphe Thiers, Politiker und ab 1871 französischer Präsident, in einem Geschichtswerk von 1845 eine weit realistischere Schilderung der Passüberquerung durch Napoleon als David. Thiers‘ Bericht inspirierte 1848 den Maler Paul Delaroche zu einer fast karikaturistischen Darstellung von Napoleon bei der Überquerung des Grossen St. Bernhard: Napoleon sitzt hier verhärmt und frierend auf einem Maultier, als hätte er Waterloo schon hinter sich.
Steht im starken Gegensatz zu Davids Werk: Napoleons Alpenüberquerung, gemalt von Paul Delaroche.
Steht im starken Gegensatz zu Davids Werk: Napoleons Alpenüberquerung, gemalt von Paul Delaroche. Musée du Louvre
Zu Napoleons Pferd Marengo gesellte sich später das «Poulet Marengo». Der Klassiker der französischen Küche wurde angeblich von Napoleons Koch nach der Schlacht aus verbliebenen Vorräten zubereitet und war fortan sein Leibgericht. Es ist nicht ohne Ironie, dass die Überlieferung wiederum auf Alexandre Dumas zurückgeht, der das Huhn in seinen 1873 postum veröffentlichten «Grand dictionnaire de cuisine» erwähnt.

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