«Schweizer» posieren im ostpreussischen Königsberg für eine Fotografie.
«Schweizer» posieren im ostpreussischen Königsberg für eine Fotografie. allerleischweiz.de

Gesucht: Tüchtige Stallschweizer

Melker und Molkereiarbeiter aus der Schweiz waren ab Mitte des 19. Jahrhunderts auf deutschen Gutsbetrieben so begehrt, dass sich für einen Milchbetrieb die Bezeichnung «Schweizerei» und für einen Melker die Benennung «Schweizer» oder «Stallschweizer» durchsetzte.

Gabriel Heim

Gabriel Heim

Gabriel Heim ist Buch- und Filmautor sowie Ausstellungsmacher. Er befasst sich vor allem mit Recherchen zu Themen der Neueren Zeitgeschichte und lebt in Basel.

«Schweizer oder tüchtige Viehmagd gesucht». Per Zeitungsannonce sucht 1873 ein deutscher Gutsbesitzer keinen Eidgenossen, sondern einen Melker für seinen Kuhstall. Im Ursprung eng am Bild der Kuhherden auf satten Schweizer Alpweiden und Käselaiben aus dem Emmental angelehnt, hatte sich die Berufsbezeichnung «Schweizer», «Stallschweizer» oder «Oberschweizer» und die Benennung einer Milchwirtschaft mit «Schweizerei» – dieser Begriff, lässt sich seit etwa 1750 nachweisen ‒ im platten deutschen Land als Berufsbenennung für Melker und deren Arbeitsort etabliert. Nicht so in der Schweiz, von wo aus ab Mitte des 19. Jahrhunderts immer mehr junge Männer als Melker in den grossflächigen Gutsbetrieben östlich der Elbe Arbeit fanden.  
Postkarte des «Stallschweizer-Vereins» Braunschweig, Anfang des 20. Jahrhunderts.
Postkarte des Stallschweizer-Vereins Braunschweig, Anfang des 20. Jahrhunderts. allerleischweiz.de
Wie attraktiv dies damals war, liest sich in einem Bericht des für Ostpreussen zuständigen Schweizer Konsuls. Er meldete von Königsberg nach Bern: «Bezüglich der Berufe verweise ich auf meinen Bericht vom Oktober 1921, nach welchem der Käserei etwa 60%, dem Melkerberufe etwa 30% obliegen.» Die restlichen zehn Prozent setzten sich aus Berufen wie Landwirten, Ingenieuren, Elektrotechniker und Predigern zusammen. Viele kehrten nicht mehr dauerhaft in die Schweiz zurück. Sie gründeten am neuen Ort Familien und manch einer kam mit einer eigenen Käserei nach Schweizer Art zu Wohlstand. Arbeitsam und anpassungsfähig waren die zugewanderten Schweizer weitherum geachtet.
Rund 90 Prozent der in Ostpreussen ansässigen Schweizerinnen und Schweizer waren 1921 in der Milch und Käsewirtschaft tätig.
Rund 90 Prozent der in Ostpreussen ansässigen Schweizerinnen und Schweizer waren 1921 in der Milch und Käsewirtschaft tätig. Schweizerisches Bundesarchiv
Aber nicht nur sie, auch das Schweizer Vieh trug nachhaltig dazu bei, dass durch gezielten Zukauf der schwarzbunten Berner Schecken so manche «Holländerey», also ein Gutsbetrieb mit holländischen Kuhrassen, sich in nur wenigen Jahren in eine «Schweizerey» verwandelte.
Nicht nur Arbeitskräfte, auch Kühe wurden gerne aus der Schweiz importiert. Auf diesem Schulwandbild ist im Hintergrund auch eine Melkerin zu erkennen.
Nicht nur Arbeitskräfte, auch Kühe wurden gerne aus der Schweiz importiert. Auf diesem Schulwandbild ist im Hintergrund auch eine Melkerin zu erkennen. Schweizerisches Nationalmuseum
1897 wurde in Berlin der Verband der Schweizer Sennen gegründet, der 1909 in den Allgemeinen Schweizerbund überging. Vorsitzender war ein schweizerischer «Schweizer» namens Thomas Camenzind. Für die etwa 40'000 im «Melkerstand» beschäftigten Männer wurden «Stallschweizer-Prüfungen» und Tarifordnungen eingeführt, sowie das Verbandsorgan, der Schweizer-Bund herausgegeben. Auf den vielen herrschaftlichen Gutshöfen gehörten «Schweizer» damals zu den bestbezahlten Arbeitern, denn ein gut geführter Kuh- und Kälberstall trug wesentlich zum Gesamtertrag des Betriebs bei.
«Schweizer» oder «Stallschweizer» gehörten Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zu gesuchten Leuten in Deutschland. Wie hier in der Allgäuer Molkereizeitung von 1898.
«Schweizer» oder «Stallschweizer» gehörten Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zu gesuchten Leuten in Deutschland. Wie hier in der Allgäuer Molkereizeitung von 1898. Münchener DigitalisierungsZentrum
Ab 1912 regt sich in der Bundesverwaltung in Bern allerdings Unmut über die in Deutschland und auch in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie geläufige Berufsbezeichnung «Schweizer». Der Bundesrat möge dahin wirken, schreiben Ministerialbeamte, «dass der missbräuchliche Ausdruck ‹Schweizer› für Stallpersonal in der Amtssprache durch andere, unser Nationalgefühl nicht verletzende Ausdrücke ersetzt werde.»

«Schweizer» wollen nicht Melker werden

Diesem drohenden Traditionsbruch widersetzt sich der Allgemeine Schweizerbund mit einer Protestnote an den Bundesrat energisch: «Die Schweiz ist die Wiege des Schweizerberufs. Wenn er ihr seinen Namen entlehnte, geschah das also nicht unberechtigt. Die Schweizer betrachten ihren Beruf für ihr Heimatland als ein Denkmal in Deutschland – dauernder als Erz, welches kommenden Geschlechtern verkünden wird, dass die Schweiz in der Viehzucht und Milchwirtschaft bahnbrechend war. […] Der Allgemeine Schweizerbund bittet in Auftrag und in Vollmacht von mehreren Hundert Berufsangehörigen schweizerischer Herkunft: Die hohe Bundesregierung wolle den, der deutschen Regierung geäusserten Wunsch nach Vermeidung des Namens Schweizer, rückgängig machen.» Die Angelegenheit blieb 20 Jahre liegen. Erst ein Erlass des Reichsarbeitsministers verfügte 1931, dass die hergebrachte Berufsbezeichnung «Schweizer» von Amts wegen durch «Melker» zu ersetzen sei.
Eine Namensänderung von «Schweizer» in Melker kam für die meisten Betroffenen in Deutschland nicht in Frage. Im Gegenteil, die Forderung aus der Schweiz verletzte sie in ihrem Berufsstolz.
Eine Namensänderung von «Schweizer» in Melker kam für die meisten Betroffenen in Deutschland nicht in Frage. Im Gegenteil, die Forderung aus der Schweiz verletzte sie in ihrem Berufsstolz. allerleischweiz.de
Das Ende der Schweizer Melker auf deutschen Gutshöfen kündigt sich Mitte der 1930er-Jahre an. Obwohl Mangel im Beruf herrscht, verlangt die NS-Ideologie deutsche Männer auf deutschem Boden. 1936 schreibt der Königsberger Konsul nach Bern: «Im Melkerberuf fehlen fünfzig ledige Melker. Dennoch konnte sich die hiesige Bauernkammer nicht zur Hereinnahme von Schweizern entschliessen, obwohl das Konsulat sich anerbot in der Schweiz nach geeigneten Umschau zu halten.»
Die letzten Indizien der fast 100-jährigen Ära schweizerischer «Schweizer» und Käser im Osten des Deutschen Reichs sind ab 1946 in den Nachkriegs-Suchmeldungen ihrer Verwandtschaft erhalten. Gesucht wurden dort etwa die Berner Brüder Albert und Johannes Friedli, beide Melker, zuletzt wohnhaft auf Rittergut Gauten im Samland. Oder Fritz Aeschlimann von Langnau (BE), der als Melker auf Gut Raulitt im Kreis Königsberg gearbeitet hatte. Die Behörden wussten oft nichts Genaues und drückten sich, wie im Fall von Fritz Aeschlimann, vage aus: «Ich vermute, dass er von den Russen verschleppt wurde.» Ähnlich klang es bei Ludwig Grossrieder aus dem freiburgischen Alterswil, der «auf der Flucht verlorengegangen» war. Damit ging eine Ära zu Ende.
Vermisstenmeldung von Fritz Aeschlimann aus dem Jahr 1949. Er wurde mit anderen Personen im Februar 1945 von russischen Truppen verschleppt.
Vermisstenmeldung von Fritz Aeschlimann aus dem Jahr 1949. Er wurde mit anderen Personen im Februar 1945 von russischen Truppen verschleppt. Schweizerisches Bundesarchiv
Besser erging es den auf deutschen Landkarten als «Schweizen» bezeichneten Regionen: die Fränkische Schweiz, die Kassubische Schweiz oder die Sächsische Schweiz existieren bis heute und sind auch im 21. Jahrhundert Sehnsuchtsorte geblieben. Auch die Gastronomie unseres Nachbarlands baute und baut immer noch auf den Begriff «Schweiz» und lockt damit tausende von Gästen in den Schweizerhof, die Schweizer Stube oder ins Schweizerhaus. In den meisten Lokalen wird sicher auch Milch ausgeschenkt, wodurch sich der Kreis schliessen würde.

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