Die Schlacht bei Grandson dargestellt in der Eidgenössischen Chronik des Luzerners Diebold Schilling (Ausschnitt, ganzes Bild).
Korporation Luzern, e-codices.ch

Die Schlacht bei Grandson

Grandson zählt zu den berühmtesten Schlachten in der Geschichte der Eidgenossenschaft und war eine wegweisend für die Burgunderkriege (1474–1477). Am 2. März 1476 bescherten die Eidgenossen den Burgundern bei Concise im heutigen Nordwesten der Schweiz eine vernichtende Niederlage, von der sie sich nie mehr erholen sollten. Der Sieg war für die Eidgenossenschaft der Beginn ihres Aufstiegs zu einem wichtigen Akteur in der europäischen Politik. Gemeinhin ist die Schlacht als diejenige bekannt, in der die Schweizer die «Burgunderbeute» erlangten, welche den Soldaten Reichtum brachte.

James Blake Wiener

James Blake Wiener ist Autor, PR-Spezialist auf dem Gebiet des kulturellen Erbes, und Mitbegründer der «Ancient History Encyclopedia».

Karl der Kühne träumte von einem Königreich zwischen Nordsee und Mittelmeer, das gegen Frankreich und das Römische Reich bestehen konnte. Er war ein Despot, der Burgund durch politische Reformen und militärische Eroberungen eine strahlende Zukunft bescheren wollte. Der Sohn von Philipp dem Guten und Isabella von Portugal hatte grosses Interesse an der Staats- und Kriegskunst. Er erlebte hautnah mit, wie sein Vater sich um die Stärkung und Konsolidierung seiner Herrschaft über seine heterogenen und ethnisch vielfältigen Gebiete von der Picardie und Holland im Norden bis hin zu den Ufern des Genfersees im Süden bemühte. Ausserhalb von Italien war Burgund die reichste Region Europas und Karl nutzte den Wohlstand seiner Herrschaftsgebiete für den Aufbau einer wirksamen internen Verwaltung und die Anstellung teurer ausländischer Söldner aus England und Italien. Karl nutzte seine neu aufgebaute Macht in den späten 1460er-Jahren für seinen Kampf gegen Ludwig XI. von Frankreich und schlug 1468 die Revolte von Lüttich nieder. Nachdem der Frieden in seinen Herrschaftsgebieten wiederhergestellt war, wandte sich Karl nach Süden gegen die Schweizerische Eidgenossenschaft.

Im mittelalterlichen Europa war die Schweizerische Eidgenossenschaft eine Absonderlichkeit. Sie nahm ihren Anfang im 14. Jahrhundert und war ein Zusammenschluss aus ländlichen und städtischen Kantonen mit dem Status der Reichsunmittelbarkeit, den sie auf Anordnung des Heiligen Römischen Reichs erhalten hatten. Zwischen 1307 und 1470 wuchs die Schweizerische Eidgenossenschaft schnell. Sie besiegte die Armeen des Habsburgerreichs und expandierte von den Alpen ausgehend bis zum Rhein und dem Juragebirge. Mitte der 1460er-Jahre umfasste sie die Kantone Schwyz, Unterwalden, Uri, Glarus, Zug, Zürich, Luzern und Bern. Obwohl sie flächenmässig klein war, besass die Schweizerische Eidgenossenschaft ein unschätzbares Gut, das sie in die aufsteigenden Länder des spätmittelalterlichen Europas exportierte: Söldner. Schweizer Söldner – sogenannte Reisläufer – waren bereits in ganz Europa gefürchtet und bewundert. Sie waren sowohl bekannt für ihren Kampfesmut als auch für den kundigen Umgang mit dem Speer, dem Langspiess und der Hellebarde. Die Schweizer Kantone verliehen ihre Söldner an ausländische Mächte und hielten gleichzeitig eigene lokale Milizen aufrecht. So konnten sie eine defensive Neutralitätspolitik verfolgen.

Karl der Kühne, Porträt um 1460.
Gemäldegalerie Berlin, © bpk-Bildagentur

Die Eidgenossen behielten das Tun und die Übergriffe von Herzog Karl im Auge. Frankreich war ihr traditioneller Verbündeter gegen Österreich und gleichzeitig Arbeitgeber tausender Schweizer Reisläufer. Nach dem Frieden von Péronne (1468) verbreiteten rückkehrende Schweizer Soldaten in den 1460er- und 1470er-Jahren Geschichten über die extreme Grausamkeit und Brutalität der Burgunder Armeen in Frankreich. Der Frankreich zugeneigte Schweizer Adel in Zürich, Bern und Luzern wusste, dass Karl auch seine eigenen Untertanen mit Grausamkeit und Bosheit strafte und dass er auch die Schweizer nicht verschonen würde, sollte er seinen Willen durchsetzen können. Sie wussten auch, dass Karl durch eine Niederlage der Eidgenossenschaft die Vorherrschaft über Savoyen erlangen würde und Frankreich isolieren könnte. Schweizer Handelsleute wiederum wollten verhindern, dass die Burgunder sich auf ihren Handelsrouten breitmachten. Notgedrungen bildete die Schweizerische Eidgenossenschaft eine strategische Allianz mit dem Herzogtum Lothringen, das mitten im Herrschaftsgebiet Burgund lag und dieses zweiteilte. Die Hoffnung war, dadurch Vorbereitungszeit für einen Krieg zu gewinnen. So entsandte die Schweiz heimlich Hilfe an das rebellierende Erzbischoftum Köln sowie zwischen 1472 und 1474 Söldner an René II., den Herzog von Lothringen. Burgund war mit dem Herzogtum von Savoyen und Mailand verbündet, die wiederum geschworene Feinde der Schweizerischen Eidgenossenschaft waren. Die Schweizer wussten deshalb, dass ein Angriff Burgunds eine Schlacht an zwei Fronten bedeutet hätte, da ihr Gebiet nördlich an Burgund und südlich an Savoyen und Mailand grenzte. Deshalb musste der Zwist mit Österreich vorerst beigelegt werden.

Eine Halbarte, neben den Langspiess die typische Waffe der Eidgenossen. Die Schweizer erlangten dank ihrer perfekt ausgebildeten Pikeniere, die zu dieser Zeit als Söldner sehr gefragt waren, internationale Anerkennung.
Schweizerisches Nationalmuseum

Mit der Unterstützung des Erzherzogs von Österreich, Sigismund, handelten Schweizer und österreichische Diplomaten 1474 einen Bündnisvertrag aus. Auch Ludwig XI. liess seine Befürwortung und seinen Segen für dieses Bündnis verlauten. Am 29. Oktober 1474 erklärte die Schweizerische Eidgenossenschaft Burgund den Krieg. Die Schweizer schlugen gemeinsam mit ihren Verbündeten aus Lothringen zuerst zu: Sie rangen den Burgundern in der Schlacht von Héricourt im November 1474 einen kleinen Sieg ab. Es war eine der ersten Schlachten in der Geschichte Europas, in der die Soldaten Handfeuerwaffen einsetzten, was jedoch das Ergebnis wahrscheinlich kaum beeinflusste. Karl kämpfte andernorts seine eigene Schlacht: Er war bei der Belagerung von Neuss präsent und tobte über die Nachricht, dass die Schweizer siegreich gewesen waren. Und als ob das noch nicht genug gewesen wäre, besiegte die Schweiz Karls savoyischen Verbündeten, Jacques von Savoyen, Graf von Romont, in den von Savoyen gehaltenen Regionen Waadt und Wallis mit Leichtigkeit. So bekam Karl keine neuen Söldner mehr aus Italien. Eine weitere Ernüchterung für Karls Truppen und Berater traf mit der Neuigkeit ein, dass Graf Galeazzo Maria Sforza seinen Bündnisvertrag nicht einhielt und sich weigerte, mailändische Truppen gegen die Schweizer auszusenden. Obwohl die Situation unhaltbar schien, entschied sich Karl dagegen, sich über den Winter in die Niederlande zurückzuziehen. Karl reagierte auf die Angriffe und den militärischen Erfolg der Schweizer, indem er seine Truppen von Deutschland nach Süden verschob, um einige wichtige Schlösser und Ortschaften am Neuenburgersee einzunehmen. So wollte er seine Position gegenüber den Schweizern im Kanton Bern stärken. Karl glaubte noch immer, er müsse die Schweizer besiegen, damit sie sich nicht mit Frankreich verbündeten. Nach seinem Sieg würde Karl gegen das seiner Verbündeten beraubte Frankreich ziehen.

Die Belagerung der Burg Grandson durch die Burgunder.
Aargauer Kantonsbibliothek, e-codices-ch

Aus dem Wald

Nach einer kurzen neuntätigen Belagerung fiel das Schloss Grandson am 28. Februar 1476 an Burgund. Im Winter konnte die Schweizer Garnison nicht gegen Karls grosse Söldnerarmee und schwere Geschütze bestehen, doch sie rechnete mit baldiger Verstärkung aus Bern. Ein Boot hatte versucht, der Garnison mitzuteilen, dass eine Truppe unterwegs war, um die Belagerung zu zerschlagen, doch die Garnison verstand die Zeichen und Gesten der Besatzung falsch. Die Garnison spielte auf Zeit, indem sie sich Karl unter der Bedingung ergab, dass ihre Leben verschont würden. Karl liess sich darauf ein, befahl dann aber, die ganze Garnison, 412 Mann, entweder aufzuhängen oder im See zu ertränken. Karl glaubte, dass die Verstärkung der Eidgenossen zu einem Angriff auf die Savoyer im Waadtland entsandt werden würde. Sollte sie aber einen Angriff auf die Burgunder versuchen, würde sie eine alte römische Strasse, die parallel zum See verlief, kreuzen müssen. Seine burgundischen Späher bestätigten diese Vermutung augenscheinlich. Karl fühlte sich in seiner strategischen Position bestärkt. Tatsächlich war ein Heer auf dem Weg nach Grandson, doch davon erfuhr Karl nichts: Die Truppe täuschte die Burgunder und liess sie glauben, das Heer würde am Ufer des Neuenburgersees zum Angriff übergehen.

Die Hinrichtung der Besatzung von Grandson in der Darstellung von Johannes Stumpf, 1548.
Zentralbibliothek Zürich, e-rara.ch

Die Verstärkung der Eidgenossen belagerte das nahegelegene Schloss Vaumarcus weiter oben am Neuenburgersee und nahm es mit Leichtigkeit ein, um die Burgunder von ihrer strategischen Position im und um das Schloss Grandson wegzulocken. Anschliessend nahm die Schweizer Streitmacht mit 20'000 Mann den Weg durch die Wälder des Juragebirges und traf ausserhalb von Concise auf die Burgunder. Die Schweizer stiessen am Morgen des 2. Mai 1476 in typischer Manier in drei grossen Marschkolonnen vor. Die Streitkräfte der Burgunder setzten sich aus flämischen und französischen Gendarmen, Pikenieren, italienischen Armbrustschützen, englischen Langbogenschützen und deutschen Kanonieren zusammen. Strategisch waren sie durch ihre Anzahl und Artillerie im Vorteil. Die Schweizer hatten weniger Armbrustschützen und Kanoniere; die Streitkräfte bestanden grösstenteils aus Pikenieren und Hellebardieren. Schnell umzingelten die burgundischen Ritter und Soldaten die kleine Schweizer Vorhut, doch Karl befahl seiner Kavallerie den Rückzug, damit er seine Artilleriegeschütze, die er auf einer verschneiten Ebene nordöstlich von Concise günstig positioniert hatte, gegen die Schweizer einsetzen konnte. Karl dachte, die Schlacht wäre schnell vorbei und die kleine Streitmacht der Eidgenossen rasch besiegt. Die Burgunder hatten bei ihren Erkundungen jedoch übersehen, dass sich der Hauptteil der eidgenössischen Streitmacht im Wald versteckt hielt, bereit für den Angriff auf die burgundische Kavallerie. Als die Schweizer Soldaten auf das Schlachtfeld stürmten, brach unter den burgundischen Streitkräften Panik aus. Die Burgunder traten den Rückzug an. Schliesslich wurden sie von den Schweizern besiegt, nachdem Karl ihnen in seiner Verzweiflung befohlen hatte, zurückzukehren und den Kampf wieder aufzunehmen. Die Schlacht war kurz und endete nach rund drei Stunden. Beide Seiten verloren 300 bis 400 Männer.

Die Flucht der Burgunder in der Silberysen-Chronik.
Aargauer Kantonsbibliothek, e-codices.ch

Die Burgunderbeute

Unmittelbar nach der Schlacht fiel den eidgenössischen Streitkräften ein Schatz in die Hände, der seitdem selbst zu einer Legende geworden ist. Obwohl die 400 Artilleriegeschütze sich in den späteren Schlachten gegen die Burgunder, in Murten und Nancy, als nützlich erweisen würden, fanden die Schweizer weitaus mehr Gefallen an den Silberwaren, den religiösen Relikten, den prachtvollen Kleidern und Schmuckstücken, die nun in ihren Besitz übergingen. Dieser Schatz war von so einem fantastischen Ausmass, dass unter den hochdisziplinierten Soldaten sogar ein Aufruhr um die Kontrolle über dessen Verteilung entstand. Aufgrund des strittigen Besitzanspruchs schmolzen die Soldaten den Grossteil der burgundischen Schätze ein oder zerteilten sie – zum Leidwesen der Historiker. Einige erhaltene Artefakte aus der «Burgunderbeute» sind heute über die ganze Schweiz verteilt. Drei schöne Stücke – Zeugen des Reichtums und der Kultiviertheit von Karls militärischer Gefolgschaft – befinden sich im Landesmuseum Zürich. Das vielleicht markanteste Objekt im Bestand des Schweizerischen Nationalmuseums ist der Schild eines Bogenschützen, der mit einem Andreaskreuz und Feuereisen bemalt ist. Er wurde zwischen 1450 und 1475 aus Buchenholz hergestellt und vermutlich von einem englischen Bogenschützen aus Karls Streitmacht eingesetzt. Zwei weitere bemerkenswerte Objekte sind ein Zeltbanner mit Karls Wappen und ein Messgewand aus Samt. Sie wurden aus Prunkgewändern von Adligen gefertigt, die mit Karl bei Grandson gekämpft hatten und der Benediktinerabtei in Rheinau angehörten.

Erhaltene Stücke der Burgunderbeute: Ein Pavese (Schild) mit burgundischen Insignien, ein religiöses Gewand und eine Zeltfahne Karls des Kühnen.
Schweizerisches Nationalmuseum

Die in Luzern ausgestellte Beute von Grandson. Illustration von Diebold Schilling dem Jüngeren, 1513.
Korporation Luzern, e-codices.ch

Wie auch die nachfolgenden Schlachten von Murten (1476) und Nancy (1477) prägte die Schlacht von Grandson die Geschichte Europas nachhaltig. Die politische Macht von Burgund wurde mit Karls Tod in Nancy zerschlagen. Burgund spielte danach nie mehr eine bedeutende Rolle in Europa. Nahezu fünf Jahrhunderte lang kämpften Frankreich und Österreich – und im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert auch Deutschland – um die grossen, heterogenen Gebiete der Burgunderherrschaft.

Dieser Artikel wurde erstmals im Magazin «Medieval Warfare», Ausgabe IX-6, publiziert.

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