Die Belagerung von Messolonghi, dargestellt vom griechischen Maler Panagiotis Zographos. Wikimedia

Der falsche Doktor Meyer

Die Biografie des Zürchers Johann Jakob Meyer liest sich wie ein Abenteuerroman: Frauenheld, Hochstapler und hoch verschuldet. Wie konnte ein solcher Mann zu einem griechischen Helden werden?

Katrin Brunner

Katrin Brunner ist Chronistin von Nieder- und Oberweningen und freischaffende Journalistin.

«Wir gehen unserer letzten Stunde entgegen. Es macht mich stolz der Gedanke, dass das Blut eines Schweizers, eines Nachkömmlings von Willhelm Tell, sich mit dem Blut der Helden von Hellas vermischen wird…». Diese Zeilen schrieb Johann Jakob Meyer am 10. April 1826 an einen Freund. Kurz bevor er, zusammen mit den Einwohnern der griechischen Hafenstadt Messolonghi, einen verzweifelten Ausbruch aus der von Türken belagerten Stadt wagte.

Rückblende: 1798 wurde der Apothekersohn Johann Jakob Meyer im «Haus zur Sichel» in Zürichs Altstadt geboren. Im selben Haus, in dem elf Jahre später Schriftsteller und Politiker Gottfried Keller ebenfalls das Licht der Welt erblickte. Seine Mutter starb früh und sein Vater heiratete bald wieder. Johann Jakob machte eine Ausbildung zum Apotheker. Als die Familie die Stadt verliess, machte sich der junge Mann «selbständig». Bereit als 19-Jähriger heiratete er die vier Jahre ältere Salomea Staub. Der frischgebackene Ehemann verbrachte seine Freizeit allerdings lieber im Wirtshaus und bei anderen Frauen. Knapp ein Jahr später, wurde die Ehe bereits wieder geschieden.

Johnann Jakob Meyer schien das nicht gross zu kümmern. Er schrieb sich 1819 an der Universität Tübingen ein, um Medizin zu studieren. Allerdings ohne grossen Erfolg. Bereits vor Ende des ersten Semesters musste er die Hochschule wieder verlassen und kehrte zurück in die Schweiz. In Tübingen hatte der Lebemann einen Schuldenberg angehäuft. Ein entsprechendes – und erfolgloses – Gesuch der Uni an die Schweizer Behörden, diese Schulden zu begleichen, wurde abgelehnt mit der Begründung, dass «dieser liederliche Mensch keinerlei Vermögen sein Eigen nennt…».

Plötzlich Arzt und Chirurg

Als die Griechen 1821 gegen die osmanische Fremdherrschaft rebellieren, bietet sich dem Apothekersohn eine günstig Gelegenheit, die Schweiz und damit seine unangenehme persönliche Situation hinter sich zu lassen. In Europa war die Solidarität mit den Griechen gross. Für viele ging es um nichts weniger als die Rettung der hellenistischen Kultur vor den osmanischen Barbaren. Interessanterweise hat es mehrere Jahrhunderte gedauert, bis dieser empörte Aufschrei aus Europa kam, denn Griechenland stand seit dem Fall von Mistras 1460 unter dem Einfluss der Osmanen.

Überall entstanden «Hilfsgesellschaften für Griechenland» und «Philhellenen Vereine». Johann Jakob bewarb sich in Bern bei der dortigen Hilfsgesellschaft als Arzt und Chirurg und reiste mit deren Geld und gutem Willen in den Süden. Dass der Zürcher weder das eine, noch das andere war, merkte die Gesellschaft erst später.

Der Schweizer Hochstapler kam Ende des Jahres 1821 in Messolonghi an. Kurz darauf heiratete er Altani Inglezou, die Tochter eines angesehenen Kaufmanns. Sein Schwiegervater richtete dem «Doktor» eine Apotheke ein, die dieser mit viel Geschick führte. Johann Jakob Meyer nahm den orthodoxen Glauben an und lernte die griechische Sprache in Kürze.

Porträt von Johann Jakob Meyer.
Porträt von Johann Jakob Meyer. Wikimedia

Vom Mediziner zum Journalisten

1822 stellte sich die türkische Armee vor dem Städtchen auf und begann es zu belagern. Messolonghi war mit der stabilen Hafenanlage schwer einnehmbar. Meyer übernahm die Führung des örtlichen Lazaretts. Die Griechen wehrten mehrere Angriffe erfolgreich ab. Nach einem nassen und verlustreichen Winter gaben die Türken die Belagerung schliesslich auf. 1824 wurde Johann Jakob Meier Redaktor der soeben gegründeten Zeitungen «Telegraphen» und «Griechische Chronik». Sein Schreibstil war fantasievoll und populistisch, gefiel jedoch nicht allen Zeitgenossen.

Mit Lord George Gordon Byron kam im selben Jahr Prominenz in Messolonghi an. Der englische Dichter hatte den griechischen Widerstand lange finanziell und literarisch unterstützt und war in den Augen der Bevölkerung ein Held. Von Meyers literarischen Ergüssen hielt Byron jedoch nicht viel. Es entwickelte sich eine Rivalität zwischen den beiden Männern.

Titelblatt der Ellinika Chronika von 1824, herausgegeben von Johann Jakob Meyer.
Titelblatt der Ellinika Chronika von 1824, herausgegeben von Johann Jakob Meyer. Wikimedia
Der Empfang von Lord Byron in Messolonghi. Gemalt von Thodoros Vryzakis, 1861.
Der Empfang von Lord Byron in Messolonghi. Gemalt von Thodoros Vryzakis, 1861. Nationalgalerie Athen

1825 blockierten die Osmanen den Hafen von Messolonghi erneut. Der angebotene Waffenstillstand wurde von den Griechen abgelehnt. Johann Jakob Meyer, inzwischen zweifacher Vater, stellte seine Zeitungen Anfang 1826 ein. Die Druckerpresse war Opfer des osmanischen Beschusses geworden. Im April versuchten die Eingeschlossenen einen Ausfall. Das Vorhaben misslang und das 20'000 Mann starke osmanische Heer richtete ein Blutbad an.

Und was geschah mit Johann Jakob Meyer? Ob er im osmanischen Kugelhagel starb, oder sich zusammen mit den restlichen Einwohnern in die Luft sprengte, ist nicht bekannt. Während der «Arzt von Messolonghi» in Griechenland bis heute als Held verehrt wird, ist der Schweizer in seiner Heimat immer noch ein historisches Leichtgewicht und wird höchstens beim Thema Hochstapelei genannt.

Denkmal für Johann Jakob Meyer im Park der Helden in Messolonghi. Foto: Sibylle Hauser
Der Ausfall von Messolonghi, gemalt von Theodoros Vryzakis, 1853.
Der Ausfall von Messolonghi, gemalt von Theodoros Vryzakis, 1853. Nationalgalerie Athen

Weitere Beiträge

Adresse & Kontakt
Schweizerisches Nationalmuseum
Landesmuseum Zürich
Museumstrasse 2
Postfach
8021 Zürich
info@nationalmuseum.ch

Design: dreipol   |   Realisation: whatwedo
Schweizerisches Nationalmuseum

Unter dem Dach des Schweizerischen Nationalmuseums sind die drei Museen – Landesmuseum Zürich, Château de Prangins und das Forum Schweizer Geschichte Schwyz – sowie das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis vereint.