Schweizer Grenze, Zweiter Weltkrieg.
Die Schweizer Grenze war während des Zweiten Weltkrieges zwar gut bewacht, aber auch immer durchlässig. Schweizerisches Nationalmuseum

Schmuggel im Dreiländereck

Gerade in Notzeiten spielte der Schmuggel für die Menschen eine wichtige Rolle, so auch im Dreiländereck zwischen der Schweiz, Deutschland und Frankreich. Die unübersichtlichen Grenzverläufe machten den Schmuggel hier zusätzlich attraktiv.

Jacqueline Plum

Jacqueline Plum

Jacqueline Plum ist Historikerin und Autorin und berät Non-Profit-Organisationen in Fundraising und Kommunikation.

Während den beiden Weltkriegen herrschte in Deutschland ein besonders grosser Mangel. In der benachbarten Schweiz erhielt man Waren, die entweder im eigenen Land nur schwer zu bekommen oder sehr teuer waren. Insbesondere Kaffee, Tabak und Schokolade wurde in grossen Mengen über die Grenze nach Südbaden gebracht. Aber auch das verdeckte Einführen politischer Schriften war in diesen Zeiten nicht unüblich.
Karte mit Grenzverläufen zwischen Deutschland, Frankreich und der Schweiz.
Die Karte verdeutlicht, wie sehr die Schweiz, Deutschland und Frankreich miteinander verzahnt sind. © GE GeoRhena / GISOR - Oberrheinkonferenz
Nach dem Ersten Weltkrieg florierte der Schmuggel zwischen Südbaden und der Schweiz. Die Versorgungslage in Deutschland hatte sich infolge des Krieges stetig verschlechtert. Die wachsenden wirtschaftlichen Unterschiede zwischen beiden Ländern zeigten sich gerade im Grenzgebiet, wo Wohlstand und Armut direkt nebeneinander lagen. Während in Lörrach die tägliche Brot- und Mehlration aus 300 Gramm bestand, und Fleisch auf wöchentlich 200 Gramm rationiert war, sahen die Menschen in Südbaden im Nachbarort Riehen und in Basel volle Regale und Auslagen in den Bäckereien und Metzgereien. Nur wenige Kilometer trennten die Lörracherinnen und Löracher vom «Schaufenster zu einer besseren Welt». Der Blick über die Grenze war nicht nur verlockend, sondern auch lebensnotwendig. Jedoch wurde der Einkauf in der Schweiz durch niedrig angesetzte Freimengen erschwert. So durften 1920 im kleinen Grenzverkehr zwischen der Nordwestschweiz und Südbaden alle 15 Tage pro Haushalt nur ein halbes Kilo Kaffee und ein halbes Kilo Fleischkonserven mitgenommen werden. Hinzu kam, dass strenge Personenkontrollen den Grenzübertritt erschwerten. Waren die Grenzen noch bis 1914 offen, wurden sie im ersten Weltkrieg geschlossen und Grenzkontrollen eingeführt. Auch nach 1918 wurden die Grenzen streng bewacht und der Übertritt war reglementiert. Zu einer Öffnung kam es nur zögerlich. Die grüne Grenze hatte daher eine grosse Bedeutung, um Kaffee, Schokolade und Tabak aus der Schweiz ins Nachbarland zu bringen. Die sogenannte «Eiserne Hand», ein zwei Kilometer langes und rund 200 Meter breites Waldstück, ist eidgenössischer Boden, der wie ein Finger in deutsches Territorium hineinragt. Er gehört zur Gemeinde Riehen, die im Nordosten des Kantons Basel-Stadt liegt. Die «Eiserne Hand» war zu allen Zeiten ein Schlupfloch für Flüchtlinge und Kleinschmuggler. Aber auch professionelle Schmuggler nutzten diesen Weg und brachten die begehrten Waren Kaffee, Tabak oder Schokolade in grossen Mengen nach Südbaden.
Die Eiserne Hand auf einer Karte von 1923.
Die Eiserne Hand auf einer Karte von 1923. Sammlung Dreiländermuseum Lörrach, K 20-918
Auch das Elsass nutzte den verdeckten Warenaustausch mit der Schweiz, vor allem in der Zeit bis 1918, als es unter deutscher Verwaltung stand und die Ausfuhr von Lebensmitteln in die Schweiz verboten war. Elsässische Bauern brachten in der Nacht Käse, Kartoffeln, Milch und Eier in die Schweiz nach Allschwil und kamen unerkannt mit Schokolade, Kaffee, Saccharin, Tabak, Seife und Petrol zurück. Eine gute Gelegenheit zum Schmuggeln bot eine Lokalbahn, die für einige Kilometer auf elsässischem Gebiet fuhr – Schmuggler nutzen sie, um Schweizer Waren aus dem fahrenden Zug zu werfen. Auch während und nach dem Zweiten Weltkrieg florierte der Schmuggel an der deutsch-schweizerischen Grenze – trotz Sperren und scharfer Kontrollen. Hier muss die «Eiserne Hand» nochmals erwähnt werden. Mit Kriegsbeginn wurde die Grenze zur Schweiz geschlossen und eine Einreise war nur noch mit Visum möglich. 1942 liessen die deutschen Behörden die Grenze mit einem Stacheldrahtverhau abriegeln. Als sie im Sommer 1942 500 junge Männer des Reicharbeitsdienstes anwiesen, einen Stacheldrahtzaun zwischen Deutschland und der Schweiz zu ziehen, wollte man sich die knapp vier Kilometer Grenzzaun um das Waldstück die «Eiserne Hand» sparen und fragten bei den Schweizern an, ob sie nicht den Streifen abriegeln wollten. Sie sollten auf eigenem Gelände einen 150 Meter langen Zaun errichten. Bern lehnte dies jedoch aus territorialrechtlichen Erwägungen ab. So blieb hier trotz der Grenzabriegelung auch im Zweiten Weltkrieg ein Schlupfloch.
Schmugglerschuh mit ausgehöhlter Sohle.
Schmugglerbuch
Schmugglerschuh mit ausgehöhlter Sohle und ein Buch zum Schmuggeln. Beide Objekte wurden Anfang des 19. Jahrhunderts von einem Zöllner gesammelt, der an der französischen Grenze in Allschwil seinen Dienst geleistet hat. Allschwiler Heimatmuseum
Der zunehmende Warenschmuggel in der Zeit nach 1918 führte zu scharfen Kontrollen der Zollbehörden und zu harten Strafen. So meldete das Oberbadische Volksblatt am 25. März 1919, 100 Personen seien im Lohnhof Basel, dem damalige Gefängnis der Stadt, in Haft. Sie waren dabei erwischt worden, wie sie ohne Berechtigung die schweizerisch-deutsche Grenze übertreten wollten. Der alltägliche Warenschmuggel wurde vor allem in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg schwer bestraft. Auch in dieser Zeit waren die Freimengen so gering, dass sie die Menschen zum Schmuggeln verleiteten. Aufgespürten Kleinschmugglern stellte man frei, ob sie die Anzeige im sogenannten «Unterwerfungsverfahren» oder in einem ordentlichen Gerichtsverfahren klären wollten. Bei Ersterem musste der Reisende seine Straftat zugeben und gleichzeitig die ausgesprochene Strafe anerkennen. Nach dieser sogenannten «Unterwerfungsverhandlung» musste der «Täter» dies schriftlich bestätigen. Die Folge war, dass die «Tat» ins Strafregister aufgenommen wurde. Es kam vor, dass jemand wegen eines geschmuggelten Päckchens Zigaretten als vorbestraft galt.
Kaffeespürhund «Allo» im Einsatz. Reproduktion der Chronik Hauptzollamt Lörrach.
Kaffeespürhund «Allo» im Einsatz. Reproduktion der Chronik Hauptzollamt Lörrach. Sammlung Dreiländermuseum Lörrach
Nicht nur Lebensmittel, sondern auch politische Schriften waren Schmuggelgut. Gerade in Ausnahmezeiten war es für Parteien und politische Gruppierungen von grosser Bedeutung, Flugblätter, Zeitungen und Bücher in anderen Ländern zu drucken und sie dann in das eigene Land zu schmuggeln. Mit dem Verbot der Parteien 1933 konnten deutsche Sozialdemokraten und Kommunisten nur noch verdeckt und in der Illegalität existieren. Sie waren in der Zeit des Nationalsozialismus auf Schmuggel angewiesen. Im Ausland gedruckte Flugblätter wurden in Abfallkörben der Tramwagen zwischen Riehen und Lörrach oder in Fahrradschläuchen nach Deutschland gebracht und von der Grenze aus im Landesinnere verteilt.
Grenze zwischen Riehen und Lörrach.
Grenze zwischen Riehen und Lörrach. ETH Bibliothek Zürich, Bildarchiv
Auch Schweizer waren im politischen Grenzverkehr involviert. Beispielsweise die Basler Brüder Robert und Fritz Kehrli. Im Rollstuhl des Invaliden Fritz Kehrli schmuggelten sie mehrmals kommunistische Drucksachen nach Lörrach und brachten sie in ein nahgelegenes Frisörgeschäft. Von dort wurden sie über andere Personen in Deutschland verteilt. Im Dezember 1934 kam zu einem dramatischen Vorfall. Ein deutscher Zöllner kippte den Rollstuhl beim Grenzübertritt um und das illegale Material kam zum Vorschein. Der invalide Fritz kroch zur Grenzlinie zurück, während sein Bruder Robert sich auf deutschem Grenzgebiet schützend vor ihn stellte. Robert Kehrli wurde anschliessend verhaftet und kehrte erst nach fünf Jahren Haft in einem deutschen Gefängnis in die Schweiz zurück.

SPD-Fahne in Sicher­heit gebracht

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten und dem Verbot der SPD im Juni 1933 schmuggelten Lörracher Genossen ihre Traditionsfahne des Allgemeinen Arbeiterbundes, die bis heute als Parteifahne gilt, in einem Kinderwagen von Lörrach über die Grenze in die Schweiz. Hier war sie in Sicherheit. Schon während der Sozialistengesetze des deutschen Reichskanzlers von Bismarck hatte die Fahne in der Schweiz eine sichere Bleibe gefunden.
Parteifahne der SPD, die 1933 in die Schweiz gebracht wurde.
Parteifahne der SPD, die 1933 in die Schweiz gebracht wurde. Sammlung Dreiländermuseum Lörrach, F 105
Der Schmuggel politischer Schriften aus der Schweiz nach Deutschland hatte auch vor den beiden Weltkriegen eine gewisse «Tradition». Die Sozialistengesetze von 1878 bis 1890 verboten sozialistische, sozialdemokratische und kommunistische Vereine sowie Druck und Vertrieb ihrer Schriften. Beides war auch zu diesen Zeiten in der Schweiz legal und gegenüber Schmugglern, welche die Schriften über die Grenze nach Deutschland brachten, verhielt sich die Basler Polizei liberal. Generell kann man sagen, dass die Lörracher Sozialdemokratie, die erst 1868 gegründet worden war, ohne die Riehener und Basler Unterstützung während der Sozialistengesetze noch länger eine bescheidenere Rolle gespielt hätte. So hatte sie bei den Reichstagswahlen 1890 mit einem Stimmenanteil von fünf Prozent im gesamten Wahlkreis einen Fortschritt erzielt. Die badischen Sozialdemokraten insgesamt waren erstmalig mit einem Abgeordneten im Reichstag vertreten.

Dreilän­der­mu­se­um Lörrach

Das Dreiländermuseum Lörrach zeigt regelmässig Ausstellungen zu Dreiländerthemen. Dem Thema Grenzentwicklung und Schmuggel im Dreiland widmete es eine Sonderausstellung, die von einer Publikation begleitet wurde.

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