Die Heilige Idda von Toggenburg in der Klosterkirche von Fischingen.
Die Heilige Idda von Toggenburg in der Klosterkirche von Fischingen. Dominik Landwehr

Geburt einer Legende

Seit dem 15. Jahrhundert wird im Kloster Fischingen die Heilige Idda von Toggenburg verehrt. Ihre Legende wurde erfunden, um das Kloster attraktiver zu machen.

Dominik Landwehr

Dominik Landwehr

Dominik Landwehr ist Kultur- und Medienwissenschafter und lebt in Zürich.

Das Kloster Fischingen liegt im Hinterthurgau. Die Region wird wegen ihrer vielen Wäldern auch Tannzapfenland genannt. Schutzheilige des Klosters ist die Heilige Idda von Toggenburg. Ihr ist ein grosser Seitenaltar gewidmet, der mit einem merkwürdigen frommen Brauch verbunden ist: Unter dem Sarkophag der Heiligen Idda, der wegen des Klosterbrandes von 1440 leer ist, befindet sich eine kleine Türe, die sich öffnen lässt. Die Pilger sollen hier ihre wunden Füsse hineinhalten, um Linderung zu erhalten.
Linderung für die Füsse der Pilger... 
Linderung für die Füsse der Pilger... Patrick Huser
Pater Gregor, der Prior der kleinen Benediktinergemeinschaft, erzählt die Legende der Heiligen Idda: Sie beginnt 1179 mit der Heirat des Grafen von Toggenburg und einer Frau namens Idda, Tochter eines Grafen von Kirchberg bei Ulm. Eines Tages legt diese Idda ihren Ring auf ein Fensterbrett, von dort stiehlt ihn ein Rabe und trägt ihn in sein Nest. Ein junger Jäger findet den Ring und nimmt ihn an sich. Davon erfährt auch der Graf, er erkennt den Ring, den er seiner Frau geschenkt hat und glaubt, Idda habe ihn mit dem Jäger betrogen. In seiner Wut bindet er den Jäger an ein Pferd und lässt ihn zu Tode schleifen. Seine Frau wirft er über einen Felsen in ein Tobel. Wunderbarerweise überlebt sie und bleibt fortan als Einsiedlerin im Wald. Eines Tages entdeckt sie da ein anderer Jäger und meldet es dem Grafen. Dieser besucht sie in ihrer Höhle und erkennt seine Schuld. Idda aber weigert sich, mit ihm auf die Burg zurückzukommen. Sie bittet den Grafen, ihr eine Klause zu bauen. Von hier aus geleitet sie jeden Tag ein Hirsch mit zwölf Lichtern auf seinem Geweih zur Messe ins Kloster und wieder zurück in ihre Klause. Zu jener Zeit war Fischingen ein Doppelkloster. Die Frauen dort bitten Idda, sie möge sich ihnen anschliessen. Sie entspricht diesem Wunsch, besteht aber auf einer Zelle, in die keiner von aussen eintreten kann. Hier versucht sie der Teufel, er verschüttet ihr Essen und erstickt das Feuer. Idda schreit ihre Angst und Not aus dem Redfenster ihrer Klause auf den Friedhof hinaus. Da öffnet sich ein Grab und es entsteigt einer, der sich als «Toggenburger» vorstellt. In der Hand trägt er ein Licht, das er Idda überreicht.
Der Sturz aus der Burg, dargestellt auf einem Gemälde, das heute im Toggenburger Museum in Lichtensteig zu sehen ist.
Der Sturz aus der Burg, dargestellt auf einem Gemälde, das heute im Toggenburger Museum in Lichtensteig zu sehen ist. Wikimedia
Soweit die Legende. Wie aber ist sie entstanden? Pater Gregor erklärt: «Das Kloster Fischingen liegt auf dem Jakobsweg genau in der Mitte zwischen Konstanz und Einsiedeln». Ende des 15. Jahrhunderts wollte der damalige Abt Heinrich Schüchti (1466 – 1510) die Ausstrahlung des abgelegenen Klosters vergrössern. Er bestellte beim Einsiedler Dekan Albrecht von Bonstetten (1442 – 1502) eine Legende. Der Humanist hatte sich als Autor historischer Schriften einen Namen gemacht und lieferte zwischen 1481 und 1485 die bestellte Legende in mehreren Fassungen in deutscher und lateinischer Sprache. Diese Texte sind erhalten geblieben.
Albrecht von Bonstetten vor einer Marienfigur knieend.
Albrecht von Bonstetten vor einer Marienfigur knieend. Holzschnitt aus dem Jahr 1493. Wikimedia
Die Geschichte der Heiligen Idda ist also kein historischer Bericht. Albrecht von Bonstetten hat sie fabriziert und einen wahren Kern mit bekannten Motiven angereichert. Man geht heute davon aus, dass eine ehemalige Gräfin im 12. Jahrhundert nach dem Tod ihres zweiten Mannes ins Kloster ging. Das ist es aber dann schon mit den Fakten. Die Geschichte vom Hirsch mit den zwölf Lichtern dürfte von der Hubertuslegende, der Legende von Ida von Herzfeld und der Genoveva von Brabant inspiriert sein, erklärt Pater Gregor. Nachprüfen lässt sich heute nichts mehr: Das Kloster brannte im Jahr 1440 bis auf die Grundmauern nieder, es gibt keine historischen Quellen vor jener Zeit.
Trotzdem ist die Idda-Geschichte historisch interessant: Sie zeigt, dass solche Legenden ganz bewusst eingesetzt wurden, um einen durchaus profanen Zweck zu erreichen, in diesem Falle um Wallfahrer anzuziehen, die dem Kloster auch Einnahmen und Prestige einbrachten. Da keiner erwartete, dass die Legende historisch verbürgt war, konnte man sie auch erfinden. Ganz ähnlich liegt der Fall bei der Geschichte des Wallfahrtsortes Ziteil ob Savognin im Kanton Graubünden. Hier geht es um eine Marienerscheinung im Jahr 1580. Maria soll damals einem Mädchen beim Hüten von Tieren erschienen sein und habe sie mit einer Botschaft ins Tal geschickt: «Gehe hin und sage dem Volk im Land Oberhalbstein, es habe nun so viel gesündigt, dass nicht noch mehr ertragen werden könne. Wenn es sich nicht bessere, werde Gott es streng bestrafen». Das Mädchen wagte nicht, davon zu erzählen und so erschien Maria später auch einem Jungen, der die Botschaft schliesslich verbreitete. Dass sich die Geschichte gerade 1580 zugetragen haben soll, ist kein Zufall: Das war die Zeit der Gegenreformation und die katholische Kirche verteidigte sich mit allen Mitteln, um ihre Bedeutung im Volk zu stärken.
Die Erscheinung der Mutter Gottes vor dem Hirten, 1580.
Die Erscheinung der Mutter Gottes vor dem Hirten, 1580. Wikimedia
Die Reformatoren hatten generell wenig Gefallen an den Legenden und überhaupt an der ganzen Heiligenverehrung: Sie verbannten nicht nur die Heiligendarstellungen aus den Kirchen, sondern lehnten auch ihre Geschichten ab. Martin Luther nannte die Legenden «Lügenden». Auch für Zwingli war die Ablehnung der Heiligenlegenden zentral: Wer an Gott glaubt, braucht keine Vermittler in der Form von Heiligen! Was ist die Bedeutung der Idda-Geschichte heute? Es geht nicht um historische Wahrheit: «Die Legende von der Heiligen Idda ist die Geschichte einer Frau, die ein schweres Schicksal erleidet. Sie findet ihren eigenen Weg durch die Dunkelheit und gewinnt ein eigens Leben zurück». Eine feministische Heilige? «Wenn sie das so sehen wollen», meint Pater Gregor. Übrigens, der Brauch mit den Füssen im Sarkophag dürfte sich im Lauf der Zeit entwickelt haben, da der Sarkophag ja leer war. «Ich vermute, dass irgend ein Pilger mit wunden Füssen oder Blasen gemerkt hat, wie wohltuend und kühlend der Sandstein ist. Andere haben es ihm nachgemacht und schon ist eine Tradition da. Der ausgetretene Stein zeigt einfach, dass die Übung schon seit sehr langer Zeit besteht», sagt Pater Gregor. Also auch hier spielten profane Gründe letztlich die Hauptrolle...

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