Die erste weibliche Kochbuchautorin aus der Schweiz hiess Anna Wecker und stammte aus Basel. Illustration: Marco Heer
Die erste weibliche Kochbuchautorin aus der Schweiz hiess Anna Wecker und stammte aus Basel. Illustration: Marco Heer

Die Fast-Pionierin aus Basel

Anna Wecker aus Basel ist die erste, noch bekannte Kochbuchautorin der Schweiz. Sie dringt 1598 in diese männlich besetzte Domäne ein.

Michael van Orsouw

Michael van Orsouw

Michael van Orsouw ist promovierter Historiker, Bühnenpoet und Schriftsteller. Er veröffentlicht regelmässig historische Bücher.

Osterchüechli oder Osterfladen sind gerade jetzt wieder sehr gefragt. Das leckere Gebäck mit Mehl, Zucker, Butter, Konfitüre, Weinbeeren und Reis wird – logischerweise – an Ostern vielerorts genossen. Doch was nur Wenige wissen, welche diese Leckerei backen oder verzehren: Das ursprüngliche Rezept ist mehr als 400 Jahre alt und stammt von Anna Wecker. Anna wer? Sie ist heute kaum bekannt. Denn Anna Wecker war die nachweislich erste Kochautorin der Schweiz, mehr noch: Ihr Werk «Ein Köstlich new Kochbuch» war überhaupt das erste Kochbuch in deutscher Sprache, das von einer Frau verfasst wurde. Eine echte Pionierleistung war das und die Weckerin eine echte Pionierin!
Dieses Buch von 1597 machte sie zur Pionierin: Verfasst hatte es die Baslerin Anna Wecker, Reprint 1977.
Dieses Buch von 1597 machte sie zur Pionierin: Verfasst hatte es die Baslerin Anna Wecker, Reprint 1977.   Schweizerische Nationalbibliothek
Zudem war Weckers Werk nicht wie andere Kochbücher damaliger Zeiten für adelige Haushalte mit grossen Küchen und Hausangestellten gedacht, sondern für die einfache, gutbürgerliche Küche. Oder wie Foodhistoriker Rudolf Trefzer meinte: Aus Anna Weckers Rezepten spreche «der Geist protestantischer Mässigung und Nüchternheit». Deshalb ist Geschichte des Wecker’schen Kochbuchs in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Anna Wecker schreibt darin nicht nur lebenspraktisch über das Kochen von Gemüsen, Obst, Fleisch, Wild und «Gebachenes» wie eben die Osterchüechli. Sie zeigt auf, wie man Mandelmilch selber herstellen kann und gibt zahlreiche Rezepte mit Gersten wieder, dem damals wichtigsten Getreide. Die Weckerin, wie man im Spätmittelalter die weibliche Form setzte, vermittelt auch Anleitungen für den Umgang mit Obstsorten aus Südeuropa, die zu diesem Zeitpunkt noch selten waren: Sie verwendet Pomeranzen (Bitterorangen), Feigen, Datteln und Weinbeeren.
Rezept für Mandelmilch, Reprint 1977.
Rezept für Mandelmilch, Reprint 1977. Deutsches Textarchiv
Schliesslich verkündete Anna Wecker interessanterweise auch Rezepte für «Krancke», «Schwangere Weiber», «Kindbetterinnen» oder für «alte schwache Leute». Weil sie nicht nur Kochanleitungen weitergab, sondern diese quasi als Diätküche noch für bestimmte Zielgruppen massschneiderte, war sie weit ihrer Zeit voraus. Dennoch ist die Frau in Vergessenheit geraten. Warum bloss? Ein Grund liegt in der mangelhaften Überlieferung. Wie bei vielen Frauen des Mittelalters ist auch über das Leben von Anna Wecker nicht viel bekannt. Nicht einmal ihr Geburtsdatum ist verbürgt. Geboren wurde sie als Anna Keller in Basel. In erster Ehe war sie mit Israel Aeschenberger verheiratet. Dieser war Stadtschreiber von Altdorf bei Nürnberg. Mit ihm hatte sie Tochter Katharina. Nach dem frühen Tod des Gatten heiratete Anna den Basler Arzt und Professor Johann Jacob Wecker. Doch das Paar lebte nur selten in der Schweiz, sondern vor allem im elsässischen Colmar, wo Johann Jacob als «Stadtphysikus» arbeitete, quasi als Stadtarzt. Als er 1586 starb, gab Anna die Schriften ihres Mannes posthum heraus. Sie fungierte als Herausgeberin ihres verstorbenen Gatten, der sie ermuntert hatte, ihr breites Kochwissen aufzuschreiben.
Porträt von Johannes Jacob Wecker, 1660.
Porträt von Johannes Jacob Wecker, 1660. Wikimedia
Zehn Jahre nach ihrem zweiten Mann starb auch Anna Wecker, ohne je etwas Eigenes publiziert zu haben. Aber ein Jahr später – 1597 – erschien das Kochbuch von Anna Wecker, herausgegeben von Katharina Taurellus, ihrer Tochter aus erster Ehe. Eine junge Frau gab das Buch einer anderen Frau nach ihrem Tode heraus; ein überaus emanzipatorisches Vorhaben, würde man meinen. Doch Anna Wecker war zu wenig unabhängig, zu wenig frauenbewusst, weshalb sie nicht recht als Vorzeigefigur für Feministinnen taugt. Denn sie sah sich als dienende Assistentin ihres Mannes, begleitete ihn auf seinen Hausbesuchen und fühlte sich durchaus wohl am Kochherd. Ihre Haltung manifestierte sie in einem Text von 1586 für das Brautpaar Barbara und Jacob Pömern-Löffelhölzin. Sie gab darin nicht nur handfeste Tipps für die Haushaltsführung, sondern nahm die biblische Sichtweise auf, wonach Mann und Frau zwei Seelen in einem Körper seien: Anna Wecker ermahnte den Bräutigam, dass seine Barbara eine Rippe seines Körpers sei und deshalb besonderen Schutz erhalten solle.
Wahrscheinlich ist Anna Wecker die Frau links: Sie kontrolliert das Geschehen in der Küche, Reprint 1977.
Wahrscheinlich ist Anna Wecker die Frau links: Sie kontrolliert das Geschehen in der Küche, Reprint 1977.   Deutsches Textarchiv
Auch auf dem Titelbild ihres bekannten Kochbuchs gibt sich Anna Wecker wenig emanzipiert: Der Holzschnitt zeigt links eine Frau in einer grossen Küche, die linke Hand in die Hüfte gestützt und mit der Bratpfanne in der rechten Hand; es dürfte sich wohl um die Autorin selber handeln. Die Köchin überwacht das ganze Geschehen in der Küche und somit auch die zweite Frau in der Küche, die gerade mit einem Löffel das Gekochte anderer Töpfe probiert. Das offene Feuer wärmt nicht nur den Küchenraum, sondern brät auch gleich ein grosses Stück Fleisch am Drehspiess. Ob Anna Wecker in dieser Küche auch ihre Osterchüechli und Osterfladen hergestellt hat? Auch das ist nicht überliefert. Auf jeden Fall hat sie die süssen Gebäcke auf eine noch ganz einfache Art dargeboten. Ihrem bescheidenen Stil und der einfachen Küche entsprechend füllte sie die Küchlein nicht mit Süssem, sondern nur mit einer Einlage aus Brot.

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