Spieltisch und Karten aus dem 18. Jahrhundert.
An solchen Tischen traf sich das Solothurner Patriziat zu Spielabenden. Dieser Tisch gehörte der Familie Glutz, die Kerzenständer der Familie Greder-von Stäffis. Die Spielkarten und die Jeton-Schachteln aus mit Leder überzogenem Karton sind Teile eines Tarock-Sets in Buchform aus dem Jahr 1778. Museum Blumenstein

Spielstadt Solothurn

Im 18. Jahrhundert war Solothurn ein bedeutendes Zentrum der Spielkartenherstellung. Fast die ganze Eidgenossenschaft spielte mit Solothurner Karten und auch «ennet» der Grenze waren die Kartensujets beliebt.

Andreas Affolter

Andreas Affolter

Leiter des Museums und Begegnungszentrums Schloss Waldegg.

Als Barbara Tschan am 1. August 1771 in Solothurn verstarb, hinterliess sie ihren Erben nicht nur Tausende von fertig produzierten Kartenspielen aller Art, sondern auch alle zur Produktion der Spielkarten notwendigen Werkzeuge: 118 hölzerne Druckmodel, Bürsten, Pinsel, Poliersteine, Siebe, Scheren und Pressen. Die als «Kartenbabi» bekannte Barbara Tschan war eine der erfolgreichsten Herstellerinnen von Spielkarten in Solothurn. Nach dem Tod ihres Mannes, einem stadtbekannten Trunkenbold, brachte sie die Kartenmacherwerkstatt in der Löwengasse zu neuer Blüte. Mit Tschans Karten wurde in der halben Eidgenossenschaft und darüber hinaus gespielt. Sie lieferte nach Biel, Brugg, Bern, Basel und Rapperswil, Luzern, Lenzburg, Zürich oder Neuchâtel. Ein bedeutender Absatzort für ihre Spielkarten war nicht zuletzt die Messe in Zurzach. Durch den dortigen Verkauf dürften die Spielkarten aus Solothurn auch über die Grenzen der Alten Eidgenossenschaft hinaus Abnehmer gefunden haben. Nur in Solothurn selbst waren ihre Produkte nicht erhältlich: Vor dem dortigen Rat hatte sich die erfolgreiche Geschäftsfrau bereit erklärt, den lokalen Markt ihren Konkurrenten Franz Joseph Graf und Joseph Stelli zu überlassen – mit dem selbstbewussten Hinweis, sie verkaufe ihre Karten sowieso hauptsächlich an «ausländische ohrt».
Alte Jasskarte mit dem Herzbuben.
Ein Herzbube des Freiburger Bildes, signiert von Joseph Stelli. Die Karte ist eine von ganz wenigen französischen Spielkarten, die einem Solothurner Kartenmacher zugewiesen werden können. Privatsammlung Walter Haas
Tschan, Stelli und Graf sind nur drei Beispiele für die florierende Spielkartenproduktion in Solothurn. Die Kleinstadt an der Aare entwickelte sich im 18. Jahrhundert neben Mümliswil, Lausanne, Fribourg, Neuchâtel und Genf zu einem der Zentren für die Herstellung von Spielkarten in der Alten Eidgenossenschaft. Ein gutes Dutzend von Kartenmacherinnen und Kartenmachern sind für diese Zeit in Solothurn nachweisbar. Der erste greifbare Kartenmacher in Solothurn ist Franz Joseph Heri von Biberist. Das Herstellen von Spielkarten begann der gelernte Buchdrucker wahrscheinlich aus reiner Not. Nachdem der Rat von Solothurn ihm die obrigkeitlichen Druckaufträge entzogen hatte, musste er ein anderes Auskommen finden. Heri verlegte seine Tätigkeit auf ein Feld, auf dem er seine Fähigkeiten im Umgang mit Papier und Druck ebenfalls einsetzen konnte: Er begann, Spielkarten herzustellen. Von Heri stammt das erste bekannte Tarockspiel, das im 18. Jahrhundert in der Eidgenossenschaft geschaffen wurde. Es weist die Jahreszahl 1718 auf und liegt heute in der Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums.
Franz Joseph Heris Signatur auf der Münzen Zwei seines Tarocks von 1718. Es handelt sich um das erste in der Schweiz hergestellte Tarock, das wir kennen.
Franz Joseph Heris Signatur auf der Münzen Zwei seines Tarocks von 1718. Es handelt sich um das erste in der Schweiz hergestellte Tarock, das wir kennen. Schweizerisches Nationalmuseum
Trumpf VII «LE CHARIOR» mit Heris Initialen «FH» im Schild auf der Frontseite des Wagens.
Trumpf VII «LE CHARIOR» mit Heris Initialen «FH» im Schild auf der Frontseite des Wagens. Die Qualität von Heris Karten stehen ihren zeitgenössischen Vorbildern aus Frankreich in nichts nach. Schweizerisches Nationalmuseum
Verschiedene weitere Kartenspiele aus Solothurner Produktion sind überliefert, so von Joseph Stelli, Urs Moser oder Conrad Iseli. Oft lässt sich anhand der Kartenbilder nachvollziehen, dass die Model vom einen Kartenmacher an den andern weitergegeben wurden. Mit den Werkzeugen wechselte oft auch das ganze Haus an einen neuen Kartenmacher. So verkaufte Franz Heri sein Haus mit Werkstatt in der Schaalgasse 17 dem «ehrsamen und bescheidenen» Kartenmacher Urs Moser aus Biberist, dessen Witwe Barbara Moser die Werkstatt nach seinem Tod weiterführte. Nachdem auch Witwe Moser verstorben war, gelangten Liegenschaft und Werkzeuge an ihren Gesellen Joseph Stelli, der bis zu seinem Tod 1790 weiter Karten produzierte.
Blick in eine Kartenmacherwerkstatt. Die nummerierten Figuren beschreiben die einzelnen Arbeitsmaterialien und -schritte näher. Bayerische Staatsbibliothek
Wie man sich den Blick in ein solches Kartenmacherhaus vorstellen muss, ist dank eines ausführlichen Artikels und einer Bildtafel in der Encyclopédie von Diderot und d’Alembert bekannt: Um Spielkarten herzustellen, brauchten die Kartenmacher zuerst verschiedene Arten von Papier, die sie zu Karten zusammenleimten und pressten (Fig. 7). Der Leim, bestehend aus Mehl und Stärke und wurde in einem grossen Hafen gekocht (Fig. 9). Nach dem Pressen wurden die Bögen getrocknet und geglättet und danach mit Holzmodel die Kartenbilder darauf gedruckt. Waren die Kartenbögen bedruckt, konnten sie bemalt werden. Das Anbringen der Farbe geschah mittels Schablonen, die man auf die Bögen legte (Fig. 1 und 2). Auf die nun farbige Vorderseite wurde eine Rückseite angeleimt und dann der fertige Kartonbogen erneut geglättet. Dazu erhitzten die Kartenmacher den Kartenbogen, legten ihn auf eine Marmorplatte, wichsten ihn mit trockener Seife und polierten ihn mit einem Polierstein (Fig. 3). Zum Schluss wurden die Kartonbögen mit einer Schere auf die Grösse der einzelnen Karten zugeschnitten (Fig. 4), diese dann sortiert, zu Spielen zusammengestellt (Fig. 6) und verpackt.
In ihrer Encylopédie beschrieben Diderot und d'Alembert die Arbeit eines Spielkartenmachers sehr präzise.
In ihrer Encylopédie von 1763 beschrieben Diderot und d'Alembert die Arbeit eines Spielkartenmachers sehr präzise. Bayerische Staatsbibliothek
Schön verpackt gelangten die Karten in den Verkauf. Die Nachfrage nach den Produkten aus Solothurn war gross, erfreute sich doch das Kartenspielen im 18. Jahrhundert grösster Beliebtheit. Kaum ein gesellschaftlicher Anlass ging ohne eine Partie Tarock, Médiateur, Comète oder Pharaon vorüber. Nicht wenige Spielerinnen und Spieler versuchten dabei ihr Glück mit Spielkarten aus Solothurn.

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