Vincenzo Velas Denkmal «Die Opfer der Arbeit» in Airolo.
Vincenzo Velas Denkmal «Die Opfer der Arbeit» in Airolo. ETH Bibliothek Zürich

Kein grosser Bahnhof für «Die Opfer der Arbeit»

Die Eröffnung des Gotthard-Eisenbahntunnels vor 140 Jahren inspirierte auch Künstler. Der bedeutende Tessiner Bildhauer Vincenzo Vela entwarf damals das Denkmal «Die Opfer der Arbeit». Das Schlüsselwerk stiess jedoch auf wenig Gegenliebe.

Barbara Basting

Barbara Basting

Barbara Basting war als Kulturredaktorin tätig und leitet derzeit das Ressort Bildende Kunst in der Kulturabteilung der Stadt Zürich.

Auf der Kunstsektion der Schweizer Landesausstellung 1883 in Zürich traten auch Künstler auf, die sehr unterschiedlich auf den spektakulären Bau des Gotthard-Eisenbahntunnels reagierten. Der damals noch kaum bekannte Zürcher Bildhauer Richard Kissling (1848-1919) zeigte eine Skulptur von Alfred Escher. Dieser war die treibende Kraft hinter dem Bau des 1882 eröffneten Gotthard-Eisenbahntunnels gewesen. Kisslings Gipsmodell führte dazu, dass der Künstler 1884 den Auftrag für den bis heute vor dem Zürcher Hauptbahnhof befindlichen monumentalen Alfred-Escher-Brunnen erhielt. Daneben zeigte Kissling ein Modell der Figurengruppe «Zeitgeist». Es war sein Vorschlag für ein Gotthard-Denkmal. Die Plastik besteht aus einer nackten männlichen Figur, die mit enthusiastisch gerecktem Arm nach vorne blickt und auf einem geflügelten Schienenwagen sitzt. Rechts und links kauern muskulöse Arbeiter mit ihrem Werkzeug. Dieser «Zeitgeist» krönt seit 1907 das Portal des Luzerner Bahnhofs.
Richard Kisslings Gipsmodell von Alfred Escher, um 1883.
Richard Kisslings Gipsmodell von Alfred Escher, um 1883. Schweizerisches Nationalmuseum
Auch den Tessiner Bildhauer Vincenzo Vela (1820-1891) hatte der spektakuläre Tunnelbau inspiriert. Velas Vorschlag für ein Gotthard-Denkmal sprengt ästhetisch wie inhaltlich damalige Konventionen. Sein Gipsmodell eines Relief zeigt einen toten Arbeiter, den seine Kollegen mit niedergeschlagener Miene wegtragen. Velas Figuren sind, bis hin zur ärmlichen Kleidung, realistisch dargestellt. Ihre Körper sind zwar kräftig. Doch anders als bei Kissling sind sie nicht von antiken Körperidealen inspiriert. Sie sind von den Spuren schwerer Arbeit gezeichnet. Ihre Rücken sind gebeugt. Auf den kräftigen Händen treten die Adern hervor. Vela hat auch die Grubenlampe modelliert, die einer der Arbeiter auf den Toten richtet. Als wolle er dessen trauriges Schicksal besonders beleuchten. Vela bezieht sich zwar ebenfalls auf die kunsthistorische Überlieferung. Er interpretiert diese aber neu. So zitiert er das durch römische Sarkophage vermittelte, seit der Frührenaissance häufig für christliche Grabtragungsszenen aufgegriffene Motiv des Tods des Meleager. Insbesondere der herunterhängende Arm des Opfers («braccio pendente») gilt als klassische Bildformel. Zugleich sind Velas Arbeiter und ihr Elend, anders als bei Kissling, das eigentliche Thema. Damit scheint der Künstler eine Zeile aus dem berühmten Gedicht «Fragen eines lesenden Arbeiters» von Bertolt Brecht vorwegzunehmen: «Wer baute das siebentorige Theben?» Nicht der König, sondern Tausende von Arbeitern.
Bronzeguss von Velas «Die Opfer der Arbeit» in der Galleria nazionale d’arte moderna in Rom.
Bronzeguss von Velas «Die Opfer der Arbeit» in der Galleria nazionale d’arte moderna in Rom. Wikimedia
Dass beim Bau des ersten Gotthardtunnels ab 1872 sehr viele Arbeiter verunglückten, war bekannt. Laut Unfallliste gab es 171 Tote. Doch viele wurden auch verletzt und ohne jede Absicherung nach Hause geschickt. Sie kamen aus verarmten Dörfer in Norditalien. Die Spätfolgen der katastrophalen Arbeits- und Lebensbedingungen kann man sich anhand der detaillierten zeitgenössischen Berichte ausmalen: Mangelnde Hygiene- und Sicherheitsstandards auf der Baustelle, giftige Dynamitdämpfe und Bohrstaub, Unterernährung, Typhus oder Befall mit Hakenwürmern. Als ein Streik der Mineure 1875 von einer Polizeieinheit aus Altdorf blutig niedergeschlagen wurde und mehrere Arbeiter starben, erregte das europaweit Aufsehen. An den Zuständen änderte es nichts. Diese verantwortete vor allem der aus der Westschweiz stammende Ingenieur und Unternehmer Louis Favre. Favre hatte bei der Ausschreibung des Tunnelbaus seine Konkurrenz unterboten. Daher hatte er den Zuschlag bekommen. Favre starb selber bei einer Besichtigung des Tunnels 1879 kurz vor dem Durchstich an Herzversagen.
Arbeiter vor dem Gotthardtunnel. Druckgrafik, um 1875.
Arbeiter vor dem Gotthardtunnel. Druckgrafik, um 1875. Schweizerisches Nationalmuseum
Das Relief «Die Opfer der Arbeit» ist ein Spätwerk Velas, mit dem er seiner Zeit voraus war. Es gehört zur ungewöhnlichen Geschichte des Denkmals, dass der Künstler dafür keinen Auftrag hatte. Er reichte das Gipsmodell für die Landesausstellung 1883 ein. Zu dieser war er als Vertreter des Tessins eingeladen worden. Vela hoffte, dass sein Entwurf so besonders viel Beachtung fand. Er strebte an, dass er für das südliche Gotthard-Tunnelportal in Bronze gegossen wurde. Zum Zeitpunkt der Einladung zur Landesausstellung gehörte der in 1820 in Ligornetto geborene Künstler zu den auch international bedeutenden Bildhauern des 19. Jahrhunderts. Vela löste sich immer mehr vom klassizistischen Stil, der während seiner Jugend noch verbreitet war. Er wandte sich dem realistischeren Körperbild des italienischen «Verismo» zu. Heute zählt er zu dessen wichtigen Vertretern. Der «Verismo» hat der modernen Skulptur seit Rodin den Weg bereitete.
Porträt von Vincenzo Vela.
Porträt von Vincenzo Vela. Wikimedia
Noch während seiner Ausbildung an der Mailänder Kunstakademie Brera gewann Vela einige Preise. Seine Entwürfe von Statuen für monumentale Gräber und Denkmäler waren begehrt. Zu seinen frühen Meisterwerken zählt eine Marmorskulptur des Sklaven «Spartacus», der seine Ketten sprengt. Das Auftragswerk erregte an der Weltausstellung von London 1851 Aufsehen. Für die Stadt Lugano schuf er bald darauf eine Skulptur Wilhelm Tells. Vela arbeitete aber auch regelmässig im Dunstkreis der Mächtigen seiner Zeit. Der italienische König Vittorio Emmanuele II. ernannte ihn 1856 zum Professor an der Turiner Akademie. Die französische Kaiserin Eugénie gab bei ihm ein Denkmal für Kolumbus in Auftrag. Grossen Beifall brachte ihm schliesslich seine 1867 auf der Weltausstellung in Paris gezeigte Skulptur des sterbenden Napoleon Bonaparte (Versailles). Vela gab seine Lehrtätigkeit 1867 auf, um sich nach Ligornetto zurückzuziehen. Dort richtete er seine Villa mit Atelier und Privatmuseum ein. In seinem Werk gibt es etliche Hinweise darauf, dass er ein reformorientierter, politisch wacher Zeitgenosse war. Neben dem «Spartacus» schuf er in Como ein Denkmal für Garibaldi, den italienischen Befreiungskämpfer des «Risorgimento». Seine Villa samt der darin enthaltenen Kunst – darunter zahlreiche Gipsmodelle seiner berühmten Skulpturen – vermachte der Künstler, der zeitweise Tessiner Grossrat war, der Eidgenossenschaft. Im bis heute von der Eidgenossenschaft unterhaltenen Museum hat das Gipsmodell der «Opfer der Arbeit» einen prominenten Platz.
So sah Vincenzo Vela Napoleons letzte Tage. Entstanden ist das Werk in den 1860er-Jahren.
So sah Vincenzo Vela Napoleons letzte Tage. Entstanden ist das Werk in den 1860er-Jahren. Wikimedia
Vela erlebte den Bronzeguss und die angestrebte Platzierung seines Arbeiterdenkmals vor dem Gotthardtunnel nicht mehr. Er starb 1891. Auf den Friedhöfen von Göschenen und Airolo wurden durch Spendenaktionen finanzierte Gedenk-Grabmale für die Opfer des Gotthard-Tunnelbaus vom Künstler Pietro Andreoletti errichtet. Der Unternehmer Louis Favre erhielt sein Denkmal 1893 in Chêne-Bourg. Velas Entwurf hat hier immerhin Spuren hinterlassen: Das Relief auf dem Sockel lehnt sich an Velas Werk an. Das ist wenig erstaunlich. Denn Velas Entwurf erlebte seit seiner Ausstellung in Zürich 1883 eine steile mediale Karriere. Zeitschriften und Zeitungen druckten Reproduktionen davon ab. Der im Selbstmarketing erfahrene Vela hatte eine Fotografie des Modells in Umlauf gebracht. Ab 1904 taucht das Werk regelmässig in Tessiner Schulbüchern auf; und in einem Geschichtsbuch des Kantons Zürich trifft man es auch 2009 noch an.

Der Prophet im eigenen Land…

Es war die «Galleria nazionale d’arte moderna» in Rom, die 1895 den ersten Bronzeguss des Denkmals in Auftrag gab und ausstellte. Der italienische Staat hatte schon für den Bau des Gotthardtunnels einen höheren Beitrag geleistet als die Schweiz und Deutschland zusammen. Die verunglückten italienischen Arbeiter sind im kulturellen Gedächtnis des Landes bis heute präsent. Noch 2008 wurde eine Replik von Velas Denkmal vor dem römischen Hauptsitz des Nationalen Instituts für Arbeitsunfallversicherung (Inail) vom damaligen italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano eingeweiht. In der Schweiz hatte trotz des Beifalls vorerst niemand Interesse an einem Bronzeguss. Entsprechende Vorstösse scheiterten. Erst mit dem bevorstehenden 50-Jahr-Jubiläum der Tunneleröffnung 1932 änderte sich dies. Die Schweizerischen Bundesbahnen SBB, unterstützt vom Bundesrat sowie der Eidgenössischen Kunstkommission, waren nun an Velas Denkmal interessiert und berappten die insgesamt 30’000 Franken für den Guss (nach heutigem Wert rund 250’000 Franken). Das Werk wurde nach einigem Hin und Her auf dem Bahnhofsvorplatz von Airolo platziert. Doch fristete das Werk dort eher ein Schattendasein. Italienreisende stiegen in Airolo selten aus, und die Popularität des Denkmals bliebt weiterhin hauptsächlich auf das Bildsujet beschränkt, etwa für Postkarten, und 1955 wird es gar im Text einer Ovomaltine-Werbung erwähnt. Mit der NEAT hat sogar der alte Tunnel an Bedeutung verloren.
Der Eingang in den Gotthardtunnel bei Airolo auf einer kolorierten Postkarte von 1893.
Der Eingang in den Gotthardtunnel bei Airolo auf einer kolorierten Postkarte von 1893. Schweizerisches Nationalmuseum
Wenig förderlich war für Velas Denkmal auch, dass die Denkmalkultur des 19. Jahrhunderts seit der späten Moderne zunehmend kritisch betrachtet wurde. Mit der Gattung konnte man immer weniger anfangen, selbst wenn Sujet und Umsetzung wie bei Vela innovativ waren. Heute wird die Gedächtniskultur kontroverser denn je diskutiert: Sowohl der Gegenstand der Erinnerung wie auch die Auftraggeberschaft und schliesslich die künstlerische Umsetzung stehen zur Debatte. Gerade vor diesem Hintergrund jedoch lohnt sich ein frischer Blick auf Vincenzo Velas «Opfer der Arbeit», insbesondere im Vergleich mit Richard Kisslings «Alfred Escher»-Brunnen und seiner «Zeitgeist»-Skulptur. Velas Werk ist, im Unterschied zu manch allegorischem Bombast aus dem 19. Jahrhundert, gut gealtert. Es lässt sich, in Anlehnung an den Kunsthistoriker Gian Caspar Bott, sogar als Beitrag zur aktuellen Denkmal-Debatte verstehen. Vela liefert gleichsam das Gegenstück zum Escher-Monument, zumal der damit gefeierte Held der fortschrittlichen Schweiz inzwischen auch wegen der kolonialen Verstrickungen seiner Familie ins Zwielicht geraten ist. Bezogen auf Velas Karriere kann man die «Opfer der Arbeit» als kritischen, ja selbstkritischen Kommentar des alternden Künstlers zur überbordenden Denkmalkultur seines Jahrhunderts sehen. Thematisch schliesst er mit seinem Relief an den «Spartacus» aus seinen jungen Jahren an, dem er seinen fulminanten Aufstieg wesentlich verdankte.

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