Sie schaffte es auf die grossen Bühnen ihrer Zeit: Rachel Félix, geboren in Mumpf im Kanton Aargau.
Sie schaffte es auf die grossen Bühnen ihrer Zeit: Rachel Félix, geboren in Mumpf im Kanton Aargau. Bilder: Wikimedia

Die jüdische Bühnen­kö­ni­gin der Schweiz

Das Leben von Rachel Félix war geprägt von gegensätzlichen Schicksalen und künstlerischen Leidenschaften. Rachel wurde in einer ärmlichen Familie von jüdischen Hausierern in Mumpf geboren und faszinierte das Theaterpublikum von New York bis Moskau mit ihrem elektrisierenden Schauspiel und ihrer bewegenden Stimme. Sie half der Comédie-Française in Paris wieder auf die Beine und erhielt allgemeine Anerkennung als Hauptdarstellerin ihrer Zeit, bevor sie im Alter von 36 Jahren auf tragische Weise an Tuberkulose verstarb.

James Blake Wiener

James Blake Wiener

James Blake Wiener ist Historiker, Mitbegründer der World History Encyclopedia, Autor und PR-Spezialist, der in Europa und Nordamerika als Dozent tätig ist.

Webseite: worldhistory.org
Élisabeth-Rachel Félix (1821–1858), besser bekannt unter ihrem Bühnennamen «Mademoiselle Rachel», wurde im Gasthof «Sonne» in Mumpf im Kanton Aargau geboren, wo ihre Mutter einen Halt einlegen musste, da sie vom ständigen Reisen erschöpft war und sich in der letzten Phase ihrer Schwangerschaft befand. Rachels Familie war auf dem Weg nach Endingen gewesen – abgesehen von Lengnau die einzige Stadt in der Region, welche die Anwesenheit von Juden duldete. Ihr Vater, Jacob Jacques Félix, verdiente seinen Lebensunterhalt als Hausierer, während ihre Mutter, Esther Thérèse Hayer, mit Secondhand-Kleidung handelte und Krimskrams verkaufte. So waren Rachels frühe Jahre von der Unsicherheit eines Lebens am Rande der Gesellschaft geprägt. Die Familie Félix zog durch die Schweiz, Deutschland und Frankreich, wo Rachel und ihre Geschwister für ein paar Münzen sangen und bettelten, während Hunger und Krankheit ihre steten Begleiter waren.
Sicht auf Mumpf und den Gasthof «Sonne» um 1880.
Sicht auf Mumpf und den Gasthof «Sonne» um 1880. Wikimedia
1831 zogen Rachels Eltern nach Paris, um sich der wachsenden jüdischen Gemeinschaft im Stadtviertel Marais anzuschliessen und in der Hoffnung, dass die Stadt ihnen neue Möglichkeiten eröffnen würde. Ein paar Monate später organisierten Jacob und Esther für ihre Kinder Privatunterricht beim Gelehrten und Musiker Alexandre-Étienne Choron, der das Pariser Konservatorium in der Zeit nach den Napoleonischen Kriegen wieder eröffnet hatte. Choron war der Meinung, dass die frühreife Rachel musikalisch talentiert, aber aufgrund ihrer Kontra-Alt-Stimme besser fürs Theater geeignet sei. Deshalb stellte Choron die junge Rachel dem französischen Schauspieler und sociétaire der Comédie-Française, Saint-Aulaire, vor. Saint-Aulaire unterrichtete Rachel am Théâtre Molière in einer Mischung aus klassischer, stilisierter Schauspielerei und naturalistischer Emotion, wenngleich sein Unterricht auch die lyrische Ausdrucksweise und melodramatische Liebe betonte. In ihrer Freizeit las Rachel die grossen Theaterstücke von Racine, Corneille und Molière und feilte an ihrem Französisch, auch wenn sie ihre Muttersprachen Jiddisch und Deutsch nie vergass.

Glaube nicht, dass es so einfach ist, Menschen meiner Rasse und meines Verdiens­tes zu begraben.

Ein Auszug aus einem Brief, den Rachel an ihre Mutter Esther schrieb.
1835 gab Rachel ihr Theaterdebüt an der Schauspielschule der Passage Molière. Erst mit ihrer gefeierten Leistung in La Vendéenne am Théâtre du Gymnase zog sie die Aufmerksamkeit der Comédie-Française auf sich, der sie sich 1838 anschloss. Vor Rachels Ankunft hatte die Comédie-Française während mehrerer Jahre am Rande des Bankrotts gestanden – heftige politische Auseinandersetzungen zwischen Zuschauerinnen und Zuschauern waren zur Routine geworden und müde Aufführungen alter Klassiker vermochten die Theaterbesucherinnen und -besucher kaum zu begeistern noch die katastrophale finanzielle Lage zu verbessern. Rachel, die immer noch eine Teenagerin war, brachte mit ihrer Darstellung von Camille in Corneilles Horace Lebenskraft und pure Emotion ins klassische Theater zurück. Ihre folgenden Rollen – Emilie in Cinna, Pauline in Polyeucte, Hermione in Andromaque, Roxane in Bajazet und die Hauptrolle in Phèdre – stellten die nationale Bedeutung der Comédie-Française wieder her.
Rachel in den Rollen der Roxane in Bajazet (links) und der Hermione in Andromaque (rechts), Lithografien von 1841.
Rachel in den Rollen der Roxane in Bajazet (links) und der Hermione in Andromaque (rechts), Lithografien von 1841. Wikimedia
Bild 01 von 03
Ein Gemälde von Rachel in der Rolle der Camille in Horace.
Ein Gemälde von Rachel in der Rolle der Camille in Horace. Wikimedia
Bild 01 von 03
Eine Aufnahme von Rachel, gedruckt auf eine carte de visite. In den Anfängen der Fotografie liessen die meisten Schauspielerinnen und Schauspieler für solche Karten Studioaufnahmen in Alltagskleidung oder Theaterkostümen machen.
Eine Aufnahme von Rachel, gedruckt auf eine carte de visite. In den Anfängen der Fotografie liessen die meisten Schauspielerinnen und Schauspieler für solche Karten Studioaufnahmen in Alltagskleidung oder Theaterkostümen machen. Wikimedia
Bild 01 von 03
Die Jahre zwischen 1840 und 1855 markierten den Höhepunkt von Rachels Karriere. Die Breite und Fülle ihrer Aufführungen brachten ihr zusammen mit ihrer eindrucksvollen physischen Präsenz und unverwechselbaren Stimme eine begeisterte und internationale Fangemeinschaft ein. Sie schlug Kapital aus ihrer Berühmtheit mit ausgedehnten Touren durch Frankreich, Grossbritannien, Benelux, Italien, die Schweiz, Österreich und das Russische Kaiserreich. Rachel trat 1841 in Windsor Castle privat vor einer gebannten Königin Victoria und einem gebannten Prinz Albert auf und entzückte Friedrich Wilhelm IV. von Preussen 1850 in Berlin. Ihr künstlerisches Talent zog auch die Bewunderung von führenden Persönlichkeiten der französischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts auf sich. Chateaubriand, Stendhal, Lamartine, Flaubert, Delacroix, Hugo und Dumas (der Ältere und der Jüngere), zusammen mit Madame Récamier, George Sand und Mathilde Bonaparte – alle lobten sie in den höchsten Tönen. Rachels Scharfsinn auf der Bühne passte zu ihrem Sinn für Humor, der auch fernab der Bühne deutlich zu spüren war. Einmal machte sie an einem freien Tag zwischen mehreren Aufführungen in Rom mit ihrem guten Freund, Marquis de Custine, eine Tour durch die Vatikanischen Gärten. Mit einem verschmitzten Funkeln in den Augen stibitzte sie zwei Orangen, die sie schnell mit Weihwasser abspülte und in ihre Handtasche steckte – «Jüdisch wie ich bin» –, weil sie glaubte, dass diese ihr Glück bringen würden.
«Moskau wird bald eingenommen; die Moskauer zahlen alles mit Zinsen zurück, was sie uns 1812 genommen haben.» – Rachel über ihren gebührenden Empfang in Moskau 1853. Nach ihrer Rückkehr nach Frankreich spielte Rachel Katharina I. von Russland in La Czarine.
«Moskau wird bald eingenommen; die Moskauer zahlen alles mit Zinsen zurück, was sie uns 1812 genommen haben.» – Rachel über ihren gebührenden Empfang in Moskau 1853. Nach ihrer Rückkehr nach Frankreich spielte Rachel Katharina I. von Russland in La Czarine. Wikimedia
Doch auch Ruhm und künstlerische Brillanz konnten Rachel nicht vor Vorurteilen bewahren. Die Reformen der Französischen Revolution hatten den Juden bereits Gleichheit vor dem Gesetz und Eigentumsrechte gewährt und Napoleon I. bestätigte diesen Status, aber viele Menschen in Frankreich stellten die Loyalität der Juden gegenüber dem Staat immer noch infrage. Die bemerkenswerten Leistungen von Halévy und Meyerbeer in der Kunst und von den Rothschilds und Foulds im Finanzbereich stellten die seit langer Zeit bestehenden sozialen Hierarchien infrage und machten die Pariser Gesellschaft nervös. Der spektakuläre Aufstieg einer «Jüdischen Königin der Tragödie» verstärkte antisemitische Angriffe gegen Rachel in der Öffentlichkeit. Rachels Vater Jacob löste durch seine geschickten Finanzmanöver und sein Beharren darauf, dass sie in der Comédie-Française den Status einer sociétaire erhalten sollte, zusätzlich Kontroversen aus. Je stärker sich die französische Presse gegen sie wandte, desto entschlossener war Rachel, Frankreichs führende Schauspielerin zu werden und niemandem ausser sich selbst Rechenschaft schuldig zu sein. Rachel konvertierte nie zum Katholizismus und suchte bewusst nach Rollen, die sich mit der jüdischen Identität auseinandersetzten — Madame Girardins Judith und Racines Athalie und Esther. Dennoch war sie ebenso entschlossen, ihrer Wahlheimat Frankreich Treue zu erweisen – während der Revolution von 1848 wurden ihre Interpretationen von La Marseillaise zu einer landesweiten Sensation.
Zeichnung von Rachel, wie sie La Marseillaise in der Comédie-Française singt.
Zeichnung von Rachel, wie sie La Marseillaise in der Comédie-Française singt. Wikimedia
Rachels Religion war nicht der einzige Aspekt in ihrem Leben, der von der Öffentlichkeit einer eingehenden Prüfung unterzogen wurde – ihr Privatleben erwies sich als genauso provokativ. Sie heiratete nie und bevorzugte es stattdessen, allein in einer Reihe wunderschöner Pariser Wohnungen zu leben, und sie machte keinen Hehl daraus, dass sie männliche Gesellschaft und Aufmerksamkeit genoss. Ihre sehr öffentlichen Liebesbeziehungen wurden bald zum Gespräch Europas. Ihr erster prominenter Liebhaber war niemand Geringeres als der dritte Sohn von Louis-Philippe I., François de Bourbon-Orléans, Prinz von Joinville. Rachels langjährige Beziehung mit dem unehelichen Sohn von Napoleon I., Graf Alexandre Colonna-Walewski, führte 1844 zur Geburt eines Sohnes namens Alexandre Antoine Walewski. Ihr zweites Kind, Victor Gabriel Félix, geboren 1848, war das Ergebnis eines leidenschaftlichen Verhältnisses mit Arthur Bertrand, dem Sohn des gefeierten französischen Generals Henri-Gatien Bertrand. Weitere bekannte Liebhaber waren der Poet Alfred de Musset, Napoleon III. und Alexandre Dumas (der Jüngere). Trotz der sensationellen Gerüchte, die über Rachels Privatleben kursierten, sind zwei Punkte besonders hervorzuheben: Sie blieb mit all ihren ehemaligen Liebhabern befreundet und ihre Söhne erhielten eine hervorragende Ausbildung und wurden katholisch erzogen.

Welch ein Schmerz, so etwas Schönes entstehen zu sehen, wenn man selbst im Sterben liegt.

Der ältere Chateaubriand über Rachel Félix in einem Gespräch mit Madame Récamier
Von Natur aus voller Energie und Ausgelassenheit, hob sich Rachel durch ihre starke Arbeitsmoral von ihren Schauspielkolleginnen und -kollegen ab. Anfang der 1840er-Jahre war Rachels Gesundheit jedoch bereits sehr angegriffen. Ihr häufiges Husten und Fieber führten zu derart langen Abwesenheiten, dass sie 1846 sogar Kündigungsschreiben an die Comédie-Française schickte. Nach einer erfolgreichen Tour durch das Russische Kaiserreich 1853 traf Rachel die schicksalhafte Entscheidung, 1855 durch die Vereinigten Staaten zu touren. Sie war die erste von der Kritik gefeierte französische Schauspielerin, die das tat, und sie glaubte, sie könne den finanziellen Erfolg der Amerikatour der schwedischen Sopranistin Jenny Lind wiederholen. Obwohl sie in New York City und Boston gut empfangen wurde, blieben die Kasseneinnahmen im Vergleich zu ihren europäischen Engagements bescheiden. Eine Lungenentzündung, die sich durch ein ungeheiztes Theater in Philadelphia verschlimmerte, zwang Rachel, ihre Aufführungen von Horace abzusagen, und amerikanische Ärzte empfahlen ihr, sich auszuruhen und in den Süden zu fahren. Rachels letztes öffentliches Engagement fand in Charleston, South Carolina, statt. Von dort aus kehrte sie über Kuba nach Frankreich zurück, wurde aber nie wieder ganz gesund und zog sich von der Bühne zurück. In einem verspäteten Versuch, ihre Lungen zu heilen, reiste Rachel nach Ägypten, aber das warme, trockene Klima trug kaum dazu bei, das Voranschreiten der Tuberkulose aufzuhalten. Rachel starb am 3. Januar 1858 im Alter von 36 Jahren in Le Cannet, Frankreich. Napoleon III. genehmigte eine grosse öffentliche Beerdigung für Rachel, bei der zehntausende Pariser an den Strassen standen, um zu trauern und ihre Ehrerbietung zu erweisen.
Heute kann man Rachels Grab im jüdischen Bereich des Pariser Friedhofs Père Lachaise besuchen.
Heute kann man Rachels Grab im jüdischen Bereich des Pariser Friedhofs Père Lachaise besuchen. Wikimedia
Rahel, die in Mumpf in Armut geboren worden und im Alter von 9 Jahren mit nichts nach Paris gekommen war – ohne Französisch, ohne Geld und ohne einen Namen, den irgendjemand kannte –, hätte allen Grund gehabt, im Marais unterzutauchen und in Vergessenheit zu geraten. Stattdessen wurde sie zur berühmtesten Schauspielerin ihrer Zeit, kämpfte gegen Antisemitismus, Skandale und gesundheitliche Probleme, während sie ihren Wurzeln, ihrer beruflichen Unabhängigkeit und ihrer Kunst mit der gleichen Entschlossenheit treu blieb. In einer Zeit, in der man sich fragte, ob eine Schauspielerin dieselbe Achtung geniessen könne wie ein Schauspieler und ob eine jüdische Frau die französische Kultur verkörpern könne, gab Rachel Abend für Abend triumphierend von der Bühne aus Antwort.

Weitere Beiträge