Ansicht des jüdischen Friedhofs von Lengnau. Die Druckgrafik stammt aus der Feder von Johann Rudolf Holzhab und entstand Mitte des 18. Jahrhunderts.
Schweizerisches Nationalmuseum

Die Synagogen von Lengnau und Endingen

Im aargauischen Surbtal wurden in den «Judendörfern» Lengnau und Endingen die ersten Synagogen der Schweiz erbaut. Sie zeugen noch heute von der bewegten Vergangenheit der jüdischen Ansiedlung in der Schweiz.

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts verzeichnet die Grafschaft Baden die Ansiedlung der ersten jüdischen Familien. Belegt sind sie namentlich seit 1622 in der Gemeinde Lengnau, und ab 1678 im benachbarten Dorf Endingen, auch wenn ihre Ankunft – auf der Flucht vor den Wirren des Dreissigjährigen Krieges – schon früher vermutet werden darf. Weitere jüdische Zugereiste gelangen aus dem Elsass und aus dem vorarlbergischen Rheintal in die – landauf, landab – schnell als «Judendörfer» verschrienen Ortschaften.

1696 stellte der Landvogt der Grafschaft Baden – in Vertretung der Acht Alten Orte − den Juden den ersten Schutzbrief aus. Dieser musste alle 16 Jahre (letztmals 1792) erneuert werden und regelt neben vielfältigsten Abgaben auch die Bestimmungen der Obrigkeit, unter denen die Juden zu leben haben. Sie dürfen keine Liegenschaften erwerben, eine ausländische Jüdin nur dann heiraten, wenn sie 500 Gulden in die Ehe bringt und es ist ihnen verboten mit Christen unter einem gemeinsamen Dach zu wohnen. Diese Einschränkung wurde einfallsreich durch zwei getrennte Hauseingänge umgangen. Eine architektonische Eigenart, die noch heute zu besichtigen ist, und die Charles Lewinsky in seinem epischen Familienroman «Melnitz» − der im Surbtal angesiedelt ist  – beschreibt: «In der anderen Haushälfte, mit eigener Eingangstür und eigener Treppe, um der Form des Gesetzes Genüge zu tun, wonach Christen und Juden nicht im selben Gebäude wohnen durften, lebte der Vermieter, der Schneider Oggenfuss mit Frau und drei Kindern, friedliche Leute, wenn man sie zu nehmen wusste. Sie pflegten eine gute Nachbarschaft, was bedeutete, dass man sich gegenseitig wohlwollend übersah. Den Tod von Onkel Melnitz und all die Trauergäste, die sieben Tage lang ins Haus gekommen waren, hatte man bei Oggenfuss geflissentlich nicht bemerkt, in der eingeübten Blindheit von Menschen, die näher aufeinander wohnen, als sie eigentlich möchten.»

Stich von Holzhab: Die Juden von Lengnau und Endingen huldigen der Helvetia. Alle 16 Jahre mussten die Juden in der alten Eidgenossenschaft beim Landvogt einen Schutz- und Schirmbrief erwerben. Im Hintergrund sieht man die Synagoge von Lengnau.
Schweizerisches Nationalmuseum

Doch weder die Einschränkungen noch die wiederholten Ausschreitungen aufgebrachter Bauern («Zwetschgenkrieg» von 1802) können das Wachstum der beiden Surbtaler Judengemeinden aufhalten. Um 1780 leben in dem 1000-Seelen-Dorf Endingen 400 Jüdinnen und Juden. Ihre Zahl wächst bis 1850 auf 1000 an, womit sie einige Jahre lang sogar die Mehrheit der Einwohnerschaft ausmachen. Ihr Auskommen verdienen sie als Vieh- und Pferdehändler, mit dem Handel und der Herstellung von Strohwaren, als Hausierer oder «Trödeljuden» oder wie Philippina Guggenheim mit dem Betrieb eines rituell geführten Wirtshauses.

Mit dem Wachstum der Gemeinden gehen auch die baulichen Anstrengungen zur Ausübung des religiösen und geistigen Lebens einher. Die erste gemauerte Synagoge von Lengnau wird im Jahr 1750 eingeweiht, jene von Endingen folgt 1764. Der Helvetische Kalender von 1786 weiss in einem antisemitisch gefärbten Aufsatz über die Juden der Grafschaft Baden zu berichten: «Die beyden Synagogen tragen ganz das Gepräge der Simplizität, des Unvermögens und des Charakters ihrer Besitzer. […] Die Gebäude sind von unbeträchtlicher Grösse, doch ist die Endinger Synagoge nicht ohne Symmetrie und Geschmack gebaut.»

Hoffnung auf Gleichstellung nach der Helvetik

Nach dem Zusammenbruch der Helvetik entsteht 1803 mit der von Napoleon Bonaparte eingesetzten Mediationsakte der Kanton Aargau. Doch für die Surbtaler Juden erfüllen sich damit die Hoffnungen auf eine zunehmende Gleichstellung nicht. Ganz im Gegenteil! 1809 erlässt der aargauische Rat ein Gesetz, das die Juden unter die Polizeiaufsicht der Regierung stellt und 1824 tritt ein Organisationsgesetz in Kraft, das die bisherige Selbstverwaltung der jüdischen Gemeinden beendet. Der Kanton verschafft sich damit das Recht, allerhand Vorschriften zu erlassen und darf sich sogar in die rituellen Angelegenheiten einmischen. Mitte der 1850er-Jahre beantragen die beiden Gemeinden die Erlaubnis, grössere Synagogen zu errichten. Dass dies nach vielen Kontroversen im Aargauer Grossen Rat befürwortet wird, ist dem Wirken des liberalen Seminardirektors Augustin Keller zuzuschreiben, der aus christlich-paternalistischer Überzeugung «die Israeliten auf die Höhe des übrigen sozialen und gesitteten Leben  bringen will, damit ihre Bildung eine andere, dem Wesen, den Sitten, den Verhältnissen unseres Landes angemessene und ähnlichere werde.»

Am 6. August 1847 findet die Einweihung der neuen Lengnauer Synagoge statt. Ein Ereignis, das in der ganzen Schweiz und auch im nahen Ausland wahrgenommen wird. Der Bau ist dem Zürcher Architekten Ferdinand Stadler übertragen worden. Stadler, der im Lauf seiner Karriere noch etliche Sakralbauten realisieren wird (Umbau Augustinerkirche Zürich, reformierte Kirche Thalwil), entwickelt eine dreigliedrige Architektur, die durch ein Satteldach und langgezogene Rundbogenfenster charakterisiert wird.

In Endingen, wo 1850 ein Drittel der jüdischen Bevölkerung der Schweiz lebt, kann die festliche Einweihung der neuen Synagoge am 26. März 1852 gefeiert werden. Der Architekt, Caspar Josef Jeuch (Kaserne Aarau) gestaltet die Fassade mit orientalischen Stilelementen und realisiert damit den ersten Synagogenbau der Schweiz, der sich dieser Ornamente bedient. Auch im Inneren werden die Malereien im «orientalischen Style» gehalten. Als Besonderheit ist auf der fein gegliederten Frontseite eine weithin sichtbare Uhr angebracht. Dies wohl auch deshalb, weil in Endingen auf dem Dorfplatz kein Kirchturm, sondern eine Synagoge die bäuerlichen Anwesen überragt.

Meschane Moukem – Meschane Massel.
Ändert man den Ort – ändert sich das Glück.
(Jüdisches Sprichwort aus dem Surbtal

Ab Mitte der 1860er-Jahre setzt die Abwanderung der jüngeren Juden aus den Surbtaler Landgemeinden ein. Die Schweiz steht ihnen nach der Emanzipation von 1867 nun offen. Sollte es den Begriff der «alteingesessenen Juden» für die Schweiz geben, so sind dies jene Familien, die noch heute auf ihr Heimatrecht in Lengnau oder Endingen – wie die ehemalige Bundesrätin Ruth Dreifuss – stolz sind.

Herrenporträt von Augustin Keller.
Schweizerisches Nationalmuseum

Die Mediationsakte von 1803.
Schweizerisches Bundesarchiv

Ruth Dreifuss nach ihrer Wahl zur Bundesrätin 1993.
Schweizerisches Nationalmuseum / ASL

Gabriel Heim
Gabriel Heim ist Buch- und Filmautor sowie Ausstellungsmacher. Er befasst sich vor allem mit Recherchen zu Themen der Neueren Zeitgeschichte und lebt in Basel.

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