Hans Holbein: Die Schweizer Jahre
Hans Holbein der Jüngere (ca. 1497–1543) reifte in einer Zeit zum Künstler heran, die durch den Buchdruck, den Humanismus und religiöse Umwälzungen geprägt wurde. Seine Jahre in der Schweiz legten den Grundstein für sein künstlerisches Geschick und seinen späteren internationalen Ruhm.
Zusammen mit seinem älteren Bruder Ambrosius verbrachte Hans seine Kindheit in der Werkstatt seines Vaters am Lechkanal. Augsburg war damals ein pulsierendes Zentrum, das sowohl durch das Geld als auch durch die Kunst geprägt wurde. Jakob Fugger, der den Beinamen «der Reiche» erhielt, leitete das mächtigste Handels- und Bankenhaus Europas von der Stadt aus und auch Albrecht Dürer, Martin Schongauer und Hans Burgkmair arbeiteten in Augsburg. In diesem Umfeld erlernten die jungen Holbeinbrüder den Beruf ihres Vaters.


Ambrosius Holbein scheint die Stadt gegen Ende 1514 als Erster verlassen zu haben, um in Stein am Rhein an einem Projekt zu arbeiten. Dort half er um 1515 vermutlich Thomas Schmid, einem Maler aus Schaffhausen, bei der Ausmalung des Festsaals des Klosters St. Georgen.
Gegen Ende 1515 zog Hans zu seinem Bruder Ambrosius nach Basel, um als Geselle zu arbeiten. Während in Augsburg eine höfisch und kaufmännisch geprägte Kultur herrschte, in der eine kleine Elite von Auftraggebern den Ton angab, war Basel eine patrizisch und gelehrt geprägte Stadt, getragen vom regen Austausch unter Humanisten. Obwohl Basel mit nur etwa halb so vielen Einwohnerinnen und Einwohnern weder so prachtvoll noch so wohlhabend war wie Augsburg, bot es reichlich Gelegenheiten für ehrgeizige und gut vernetzte junge Männer.
Jörg Schweiger, ein Basler Goldschmied, der Hans Holbein den Älteren von Augsburg her kannte, half Hans Holbein dem Jüngeren und Ambrosius, Arbeit in der Werkstatt von Hans Herbst, einem elsässischen Maler und Mitglied der angesehenen Basler Malerzunft zum Himmel, zu finden. Die Brüder erwiesen sich als fleissige Arbeiter und waren bestrebt, sich ihren Platz in der Basler Gesellschaft zu sichern. Während ihrer freien Zeit lernten sie Latein, eine wichtige Sprache für Künstler, die für die Basler Druckereien arbeiten wollten, und knüpften Kontakte zu den Mitgliedern der humanistischen Kreise der Stadt, zu denen auch der Gelehrte und spätere Reformator Oswald Myconius gehörte. In diesen Jahren versahen Hans und Ambrosius das Exemplar von Erasmus’ «Lob der Torheit», das Myconius gehörte, mit geistreichen, lebendigen Zeichnungen. Diese augenzwinkernden Kommentare unter Eingeweihten zählen heute zu den herausragendsten Randzeichnungen der Renaissance nördlich der Alpen.


[…] dem ehrbaren, ihrem lieben Bürger, Hans H[olbein], der wegen seiner Kunst vor anderen Malern weit berühmt sei […]
Durch die Vermittlung von Erasmus erhielt Holbein Zugang zu einem grösseren Netzwerk europäischer Gelehrter, Künstler und Förderer. Holbeins Freundschaft mit Myconius öffnete ihm zudem die Türen zu Basels blühendem Druckgewerbe, das das Gedankengut der Renaissance nördlich der Alpen nach Deutschland, Frankreich, Österreich und in die Niederlande verbreitete. Während der folgenden zehn Jahre erhielt Holbein häufige Aufträge von den führenden Druckereien der Stadt (Johann Froben, Adam Petri und Johann Amerbach) für den Entwurf von Titelblättern, Holzschnitten und Illustrationen. Diese Arbeiten zeigen eine Mischung aus klassischen Motiven, Satire und religiösen Themen, die sein technisches Können, seine Vielseitigkeit und seine Fähigkeit, komplexe Gedanken ins Bild zu setzen, aufzeigt.
Von etwa 1515 bis 1526 verbrachte Holbein den grössten Teil seiner Zeit in Basel, doch es ist bekannt, dass er auch an anderen Orten für ausgewählte Schweizer Auftraggeber arbeitete. Eines der ersten Werke, die Holbein in der Schweiz zugeschrieben werden, stammt von der heute zerstörten Fassade des Hertensteinhauses in Luzern. Um 1517 beauftragte der wohlhabende Händler und Rentier Jakob von Hertenstein Holbein und seinen Vater mit dem Malen von Szenen aus der klassischen Antike sowie mit einem lebendigen Portrait seines Sohnes Benedikt.
Holbeins Malereien am Hertensteinhaus in Luzern verrieten einen starken Einfluss antiker Vorbilder: klare Konturen, plastische Modellierung, kühne Perspektiven mit illusionistischer Raumwirkung und ein durchdachtes Zusammenspiel mit der Architektur. Anders als sein Vater liess sich der welterfahrenere Holbein der Jüngere für die Fassade des Hertensteinhauses von venezianischen und lombardischen Künstlern inspirieren, insbesondere von Andrea Mantegna. Ob Holbein während seines Aufenthalts in Luzern zwischen 1517 und 1519 sogar nach Mailand reiste, ist in der Forschung umstritten; einiges spricht dafür. Es ist indessen bekannt, dass Holbein neben Entwürfen für Glasfenster ein heute verlorenes Altarbild für die Franziskanerkirche in Luzern vollendete, bevor er nach Basel zurückkehrte.
Einer der wichtigsten Auftraggeber von Holbein in diesen Jahren war der Basler Händler, Söldner und Bürgermeister Jakob Meyer zum Hasen, der Holbein um 1516 zunächst beauftragte, ein Portrait von sich selbst und seiner Frau Dorothea Kannengiesser zu malen. Meyer gab später mehrere weitere Werke bei Holbein in Auftrag, darunter die sogenannte «Darmstädter Madonna» (ca. 1526), die dank ihrer Feinheit und der neuartigen Verbindung von Bildnis und religiöser Malerei als Meisterwerk gilt. Die «Darmstädter Madonna» zeigt Meyer und seine Familie, wie sie in prächtiger bürgerlicher Kleidung als fromme Stifter vor Maria mit dem Kind knien. Hier verbindet Holbeins ruhiger, fast nüchterner Realismus private Andacht und bürgerliche Selbstdarstellung zu einer Einheit.


Um 1524, als sich die Spannungen zwischen Reformierten und Katholiken in der Eidgenossenschaft verschärften, reiste Holbein zudem nach Frankreich, um die Gunst von König Franz I. zu gewinnen. Er blieb dabei zwar erfolglos, besuchte aber die prächtigen Sammlungen italienischer Renaissancekunst von Franz I. und soll Frankreichs renommiertesten Meister der Renaissance, Jean Clouet, getroffen haben. Holbein bewunderte die Miniaturen von Clouet und seine Zeichentechnik. Nach seiner Rückkehr nach Basel begann er, statt des Silberstifts Kreide zu verwenden, um wie Clouet die Umrisse der Dargestellten weicher erscheinen zu lassen.
Ihr Maler, liebster Erasmus, ist ein wunderbarer Künstler.

1532 verliess Holbein Basel in Richtung England und kehrte nur 1538 kurz in seine Wahlheimat Basel zurück. Obwohl er zweimal Vorladungen der Zunft nicht Folge leistete, ehrten ihn die Basler Bürger mit einem Strassenfest in der St. Johanns-Vorstadt. Der Stadtrat sprach ihm ein Jahrgeld von 50 Gulden zu, doch Holbein kehrte nach England zurück und setzte nie wieder Fuss auf Basler Boden.
Wisset, dass ich aus sieben Bauern in einer Minute sieben Lords, wie ihr es seid machen kann, dass ich aber aus sieben Lords von Eurem Schlage nicht einen einzigen Holbein machen kann.


