Hans Holbein der Jüngere verbrachte einen Grossteil seiner frühen Schaffensjahre in Basel. Bilder: Wikimedia / Kunstmuseum Basel

Hans Holbein: Die Schweizer Jahre

Hans Holbein der Jüngere (ca. 1497–1543) reifte in einer Zeit zum Künstler heran, die durch den Buchdruck, den Humanismus und religiöse Umwälzungen geprägt wurde. Seine Jahre in der Schweiz legten den Grundstein für sein künstlerisches Geschick und seinen späteren internationalen Ruhm.

James Blake Wiener

James Blake Wiener

James Blake Wiener ist Historiker, Mitbegründer der World History Encyclopedia, Autor und PR-Spezialist, der in Europa und Nordamerika als Dozent tätig ist.

Webseite: worldhistory.org
Hans Holbein der Jüngere kam in der Freien Reichsstadt Augsburg (im heutigen Bayern) als Sohn einer Künstlerfamilie zur Welt. Sein Vater, Hans Holbein der Ältere (ca. 1460–ca. 1524), der seine Ausbildung in Augsburg und am Oberrhein erhalten hatte, führte bis nach Ulm und Frankfurt am Main Projekte aus. Die lukrativsten Aufträge erhielt der ältere Holbein jedoch in Augsburg: Aus historischen Quellen geht hervor, dass er von den wohlhabenden Bürgerinnen und Bürgern Augsburgs regelmässig Aufträge für Altar- und Andachtsbilder, Silberstiftbildnisse und Glasgemälde erhielt.

Zusammen mit seinem älteren Bruder Ambrosius verbrachte Hans seine Kindheit in der Werkstatt seines Vaters am Lechkanal. Augsburg war damals ein pulsierendes Zentrum, das sowohl durch das Geld als auch durch die Kunst geprägt wurde. Jakob Fugger, der den Beinamen «der Reiche» erhielt, leitete das mächtigste Handels- und Bankenhaus Europas von der Stadt aus und auch Albrecht Dürer, Martin Schongauer und Hans Burgkmair arbeiteten in Augsburg. In diesem Umfeld erlernten die jungen Holbeinbrüder den Beruf ihres Vaters.
Zeichnung der Brüder Ambrosius und Hans Holbein von ihrem Vater, Hans Holbein dem Älteren, 1511.
Zeichnung der Brüder Ambrosius und Hans Holbein von ihrem Vater, Hans Holbein dem Älteren, 1511. Wikimedia
Selbstportrait von Hans dem Älteren, ca. 1516.
Selbstportrait von Hans dem Älteren, ca. 1516. Wikimedia
Der ältere Holbein war zwar ein begabter Künstler, erhalten gebliebene Rechnungsbücher zeigen jedoch, dass er sein Geld mit beiden Händen ausgab und ständig Schulden machte. Seine Geldgeber und sein Bruder Sigismund zogen ihn in Augsburg immer wieder wegen unbezahlter Schulden vor Gericht. Ausserdem führte der Stadtrat Holbein den Älteren als säumigen Steuerschuldner. Die desaströse Finanzlage der Familie zwang die Holbeins schlussendlich dazu, sich zu trennen und Augsburg zu verlassen.
 
Ambrosius Holbein scheint die Stadt gegen Ende 1514 als Erster verlassen zu haben, um in Stein am Rhein an einem Projekt zu arbeiten. Dort half er um 1515 vermutlich Thomas Schmid, einem Maler aus Schaffhausen, bei der Ausmalung des Festsaals des Klosters St. Georgen.
 
Gegen Ende 1515 zog Hans zu seinem Bruder Ambrosius nach Basel, um als Geselle zu arbeiten. Während in Augsburg eine höfisch und kaufmännisch geprägte Kultur herrschte, in der eine kleine Elite von Auftraggebern den Ton angab, war Basel eine patrizisch und gelehrt geprägte Stadt, getragen vom regen Austausch unter Humanisten. Obwohl Basel mit nur etwa halb so vielen Einwohnerinnen und Einwohnern weder so prachtvoll noch so wohlhabend war wie Augsburg, bot es reichlich Gelegenheiten für ehrgeizige und gut vernetzte junge Männer.
 
Jörg Schweiger, ein Basler Goldschmied, der Hans Holbein den Älteren von Augsburg her kannte, half Hans Holbein dem Jüngeren und Ambrosius, Arbeit in der Werkstatt von Hans Herbst, einem elsässischen Maler und Mitglied der angesehenen Basler Malerzunft zum Himmel, zu finden. Die Brüder erwiesen sich als fleissige Arbeiter und waren bestrebt, sich ihren Platz in der Basler Gesellschaft zu sichern. Während ihrer freien Zeit lernten sie Latein, eine wichtige Sprache für Künstler, die für die Basler Druckereien arbeiten wollten, und knüpften Kontakte zu den Mitgliedern der humanistischen Kreise der Stadt, zu denen auch der Gelehrte und spätere Reformator Oswald Myconius gehörte. In diesen Jahren versahen Hans und Ambrosius das Exemplar von Erasmus’ «Lob der Torheit», das Myconius gehörte, mit geistreichen, lebendigen Zeichnungen. Diese augenzwinkernden Kommentare unter Eingeweihten zählen heute zu den herausragendsten Randzeichnungen der Renaissance nördlich der Alpen.
Einige der geistreichen Randzeichnungen von Hans Holbein für Erasmus’ «Lob der Torheit», um 1515 in Basel entstanden.
Einige der geistreichen Randzeichnungen von Hans Holbein für Erasmus’ «Lob der Torheit», um 1515 in Basel entstanden. Wikimedia
Bildnis des Basler Humanisten und Juristen Bonifacius Amerbach, 1519. Schon in diesem Werk zeigt sich die Wirklichkeitsnähe, die später Holbeins Bildnisse in England auszeichnete.
Bildnis des Basler Humanisten und Juristen Bonifacius Amerbach, 1519. Schon in diesem Werk zeigt sich die Wirklichkeitsnähe, die später Holbeins Bildnisse in England auszeichnete. Wikimedia

[…] dem ehrbaren, ihrem lieben Bürger, Hans H[olbein], der wegen seiner Kunst vor anderen Malern weit berühmt sei […]

Der Rat der Stadt Basel über Hans Holbeins künstlerischen Ruf.
Holbein der Jüngere verband literarische Satire mit bildender Kunst. Die Lebendigkeit und der Einfallsreichtum seiner kleinen Skizzen sorgten in den Humanisten- und Künstlerkreisen Basels für unmittelbare Reaktionen und trugen dazu bei, dass sich Holbein in der Stadt als aufstrebender Künstler etablierte. Holbeins Gabe, humanistisches Gedankengut in lebendige Bilder umzusetzen, beeindruckte Erasmus tief. Als sich die beiden kennenlernten, entstand rasch ein persönliches Vertrauensverhältnis. Mit der Zeit brachte Erasmus’ beständige Förderung Holbein zusätzliches Ansehen und einen steten Strom von Aufträgen.

Durch die Vermittlung von Erasmus erhielt Holbein Zugang zu einem grösseren Netzwerk europäischer Gelehrter, Künstler und Förderer. Holbeins Freundschaft mit Myconius öffnete ihm zudem die Türen zu Basels blühendem Druckgewerbe, das das Gedankengut der Renaissance nördlich der Alpen nach Deutschland, Frankreich, Österreich und in die Niederlande verbreitete. Während der folgenden zehn Jahre erhielt Holbein häufige Aufträge von den führenden Druckereien der Stadt (Johann Froben, Adam Petri und Johann Amerbach) für den Entwurf von Titelblättern, Holzschnitten und Illustrationen. Diese Arbeiten zeigen eine Mischung aus klassischen Motiven, Satire und religiösen Themen, die sein technisches Können, seine Vielseitigkeit und seine Fähigkeit, komplexe Gedanken ins Bild zu setzen, aufzeigt.

Von etwa 1515 bis 1526 verbrachte Holbein den grössten Teil seiner Zeit in Basel, doch es ist bekannt, dass er auch an anderen Orten für ausgewählte Schweizer Auftraggeber arbeitete. Eines der ersten Werke, die Holbein in der Schweiz zugeschrieben werden, stammt von der heute zerstörten Fassade des Hertensteinhauses in Luzern. Um 1517 beauftragte der wohlhabende Händler und Rentier Jakob von Hertenstein Holbein und seinen Vater mit dem Malen von Szenen aus der klassischen Antike sowie mit einem lebendigen Portrait seines Sohnes Benedikt.

Holbeins Malereien am Hertensteinhaus in Luzern verrieten einen starken Einfluss antiker Vorbilder: klare Konturen, plastische Modellierung, kühne Perspektiven mit illusionistischer Raumwirkung und ein durchdachtes Zusammenspiel mit der Architektur. Anders als sein Vater liess sich der welterfahrenere Holbein der Jüngere für die Fassade des Hertensteinhauses von venezianischen und lombardischen Künstlern inspirieren, insbesondere von Andrea Mantegna. Ob Holbein während seines Aufenthalts in Luzern zwischen 1517 und 1519 sogar nach Mailand reiste, ist in der Forschung umstritten; einiges spricht dafür. Es ist indessen bekannt, dass Holbein neben Entwürfen für Glasfenster ein heute verlorenes Altarbild für die Franziskanerkirche in Luzern vollendete, bevor er nach Basel zurückkehrte.
Entwurf für das Erdgeschoss des Hertensteinhauses in Luzern.
Entwurf für das Erdgeschoss des Hertensteinhauses in Luzern. Kunstmuseum Basel
Das Jahr 1519 brachte Holbein beruflichen Aufstieg, eine Heirat und einen schmerzlichen Verlust: Er wurde als Meister in die Malerzunft zum Himmel aufgenommen, heiratete Elsbeth Binzenstock und trauerte um seinen Bruder Ambrosius. Im folgenden Jahr erwarb er das Basler Bürgerrecht. Bis dahin hatte sich Holbein mit Buchillustrationen und Glasmalerei vorwiegend dekorativen Aufgaben gewidmet, doch in den frühen 1520er-Jahren begann Holbein, sich verstärkt als Porträtist zu profilieren und Aufträge der Basler Obrigkeit zu übernehmen.

Einer der wichtigsten Auftraggeber von Holbein in diesen Jahren war der Basler Händler, Söldner und Bürgermeister Jakob Meyer zum Hasen, der Holbein um 1516 zunächst beauftragte, ein Portrait von sich selbst und seiner Frau Dorothea Kannengiesser zu malen. Meyer gab später mehrere weitere Werke bei Holbein in Auftrag, darunter die sogenannte «Darmstädter Madonna» (ca. 1526), die dank ihrer Feinheit und der neuartigen Verbindung von Bildnis und religiöser Malerei als Meisterwerk gilt. Die «Darmstädter Madonna» zeigt Meyer und seine Familie, wie sie in prächtiger bürgerlicher Kleidung als fromme Stifter vor Maria mit dem Kind knien. Hier verbindet Holbeins ruhiger, fast nüchterner Realismus private Andacht und bürgerliche Selbstdarstellung zu einer Einheit.
Die «Darmstädter Madonna» (links) und die «Solothurner Madonna», die 1526 bzw. 1522 entstanden.
Die «Darmstädter Madonna» (links) und die «Solothurner Madonna», die 1526 bzw. 1522 entstanden.
Die «Darmstädter Madonna» (links) und die «Solothurner Madonna», die 1526 bzw. 1522 entstanden. Wikimedia / Wikimedia
Holbeins in Basel entstandenes Gemälde «Der tote Christus im Grab» ist eines seiner bedeutendsten Werke. Das grosse Format und der fast anatomische Realismus verleihen dem Bild eine ungewöhnlich verstörende Wirkung.
Holbeins in Basel entstandenes Gemälde «Der tote Christus im Grab» ist eines seiner bedeutendsten Werke. Das grosse Format und der fast anatomische Realismus verleihen dem Bild eine ungewöhnlich verstörende Wirkung. Kunstmuseum Basel
Die 1520er-Jahre waren eine produktive und ereignisreiche Zeit für Holbeins Karriere. In dieser Zeit malte er den Grossratssaal im Basler Rathaus mit Szenen aus der Antike aus (ca. 1521), vollendete das Altarbild «Solothurner Madonna» (ca. 1522) und schuf eine Holzschnittfolge für Bibelausgaben (ca. 1522–1526). Holbein scheint seine religiösen Überzeugungen während seines ganzen Lebens bewusst im Unklaren gelassen zu haben. Er arbeitete gleichermassen für katholische und reformierte Auftraggeber, auch wenn seine Holzschnitte reformatorischen Ideen unverkennbar eine bildliche Gestalt gaben.

Um 1524, als sich die Spannungen zwischen Reformierten und Katholiken in der Eidgenossenschaft verschärften, reiste Holbein zudem nach Frankreich, um die Gunst von König Franz I. zu gewinnen. Er blieb dabei zwar erfolglos, besuchte aber die prächtigen Sammlungen italienischer Renaissancekunst von Franz I. und soll Frankreichs renommiertesten Meister der Renaissance, Jean Clouet, getroffen haben. Holbein bewunderte die Miniaturen von Clouet und seine Zeichentechnik. Nach seiner Rückkehr nach Basel begann er, statt des Silberstifts Kreide zu verwenden, um wie Clouet die Umrisse der Dargestellten weicher erscheinen zu lassen.

Ihr Maler, liebster Erasmus, ist ein wunder­ba­rer Künstler.

Thomas Morus in einem Brief an Erasmus.
Mit einem Empfehlungsschreiben von Erasmus reiste Holbein 1526 zum ersten Mal nach England, wo er als Gast von Thomas Morus aufgenommen wurde und bald zu seinem Kreis humanistischer Gelehrter und englischer Höflinge gehörte. Während seines Aufenthalts malte Holbein ein ausdrucksstarkes, nachdenkliches Bildnis von Morus, zusammen mit einem verlorenen Familienbildnis, das heute nur noch durch Holbeins Entwurfszeichnung und spätere Kopien überliefert ist. Erst als er 1532 ein zweites Mal und für längere Zeit nach England reiste, gelang es Holbein, eine direkte Verbindung zu Heinrich VIII. zu knüpfen und schliesslich königlicher Hofmaler zu werden.
Die Familie von Thomas Morus, Zeichnung von Holbein (links), ca. 1527, gemalt von Rowland Lockey (rechts) nach Holbeins Entwurf, 1593. Holbeins Original wurde 1752 in einem Feuer zerstört.
Die Familie von Thomas Morus, Zeichnung von Holbein (links), ca. 1527, gemalt von Rowland Lockey (rechts) nach Holbeins Entwurf, 1593. Holbeins Original wurde 1752 in einem Feuer zerstört.
Die Familie von Thomas Morus, Zeichnung von Holbein (links), ca. 1527, gemalt von Rowland Lockey (rechts) nach Holbeins Entwurf, 1593. Holbeins Original wurde 1752 in einem Feuer zerstört. Wikimedia / Wikimedia
1528 kehrte Holbein in die Schweiz zurück, um mehr Zeit mit seiner Frau und seinen Kindern zu verbringen und seine Bürgerpflichten zu erfüllen. Der Zeitpunkt war günstig: Nachdem Heinrich VIII. die Annullierung seiner Ehe mit Katharina von Aragón verlangt hatte, kippte die Stimmung in England. Doch Holbein kehrte in eine Stadt zurück, in der die Reformation mit voller Wucht Einzug gehalten hatte. 1529 erlebte Basel eine Welle von Bilderstürmen, bei denen die Anhänger der Reformation, die religiöse Bilder in Kirchen als Götzendienst betrachteten, Andachtsbilder und Wandmalereien, Kirchenfenster und Altarbilder entfernten, verunstalteten und zerstörten.
Bildnis von Holbeins Frau Elsbeth mit ihren zwei ältesten Kindern Katharina und Philipp, gemalt nach seiner Rückkehr aus England.
Bildnis von Holbeins Frau Elsbeth mit ihren zwei ältesten Kindern Katharina und Philipp, gemalt nach seiner Rückkehr aus England. Wikimedia
Viele der religiösen Wandbilder, Altarbilder und Tafelgemälde Holbeins gingen verloren oder wurden zerstört. Künstler wie Holbein, die von solchen Aufträgen lebten, mussten plötzlich einen empfindlichen Einbruch ihrer Einkünfte hinnehmen. Dennoch spricht einiges dafür, dass Holbein weiter religiöse Aufträge wahrnahm, zu denen auch das Bemalen der Südwand des Basler Münsters gehörte, an der er bis etwa 1531 arbeitete. Da grosse Aufträge jedoch zunehmend ausblieben, begann er über eine Rückkehr nach England nachzudenken, wo er sich lukrativere Projekte und die Sicherheit der königlichen Gunst erhoffte.

1532 verliess Holbein Basel in Richtung England und kehrte nur 1538 kurz in seine Wahlheimat Basel zurück. Obwohl er zweimal Vorladungen der Zunft nicht Folge leistete, ehrten ihn die Basler Bürger mit einem Strassenfest in der St. Johanns-Vorstadt. Der Stadtrat sprach ihm ein Jahrgeld von 50 Gulden zu, doch Holbein kehrte nach England zurück und setzte nie wieder Fuss auf Basler Boden.

Wisset, dass ich aus sieben Bauern in einer Minute sieben Lords, wie ihr es seid machen kann, dass ich aber aus sieben Lords von Eurem Schlage nicht einen einzigen Holbein machen kann.

Heinrich VIII. von England zugeschriebener Ausspruch über Holbeins künstlerisches Genie.
Prägende Merkmale der abwechslungsreichen Laufbahn von Hans Holbein dem Jüngeren in der Schweiz waren sein fortwährender Wandel und seine Fähigkeit, sich immer wieder anzupassen. Dies unterschied seine Laufbahn von derjenigen seines Vaters, Hans Holbeins des Älteren, dessen Werk durch verlässliche Aufträge für seine spätgotische religiöse Kunst getragen wurde. Mit der Entwicklung von der Buchillustration und der Wandmalerei hin zu Bildnissen und öffentlichen Aufträgen legten Holbeins frühe Jahre in Basel und Luzern den Grundstein für seine künstlerische Laufbahn. In diesen Jahren erwarb er das technische Können und den Ruf, die ihn später am Hof der Tudors zu einem gefragten Künstler machten.

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