George Grosz (1893–1959), Sonnenfinsternis, 1926 (Ausschnitt, ganzes Bild)
Heckscher Museum of Art, Huntington, New York

Extreme Bilder aus extremer Zeit

Auf das «Katastrophenzeitalter» 1914–1945 reagieren zwei deutsche Maler, Zeitgenossen, komplett verschieden. Der eine macht Nägel mit Köpfen. Der andere verharrt im ländlichen Idyll. Beides ist politisch.

Es gibt Sätze, die viel versprechen, aber ohne Zusätze wenig halten. Dazu gehört die Behauptung, Bilder seien Spiegel ihrer Zeit. Letztlich ist das bloss die Anweisung «Zurück auf Feld 1». Dort ist zu fragen, welche Bilder des imaginären Universums welche Facetten des jeweiligen Zeitraums spiegeln, mit welcher Absicht und für welche Adressaten.

Der Maler George Grosz deutet 1926 die angeblich goldenen Zwanzigerjahre als Sonnenfinsternis. Für Adolf Wissel scheint die Sonne 1939 nach wie vor, und erst noch auf eine heile Welt. Grosz hat schon 1933 vor den Schergen Hitlers fliehen müssen. Wissels Bild «Kahlenberger Bauernfamilie» dagegen kommt in Hitlers Reichskanzlei.

George Grosz, Sonnenfinsternis, 1926
Heckscher Museum of Art, Huntington, New York

Das hochrechteckige Gemälde misst 218 x 188 cm. Allein die Fläche wird zur Manifestation. Und hat man je ein Bild mit einem solchen Tisch gesehen? Trotzig über Eck gestellt, strebt er nach allen Bildseiten auseinander, reizt die Bildfläche förmlich aus, weist links sogar leicht über den Bildrand hinaus. Wenn ein Möbel überhaupt dynamisch sein kann, dann dieser Tisch mit seinen auffälligen Farben.

Unheimliche Tischrunde, unheimliches Ambiente

Der Vorsitzende unscheinbar, kaum auszumachen. Ein blosser Platzhalter, wie auch die verschränkten Finger andeuten: die Hände sind ihm gebunden, und wer nichts zu denken und nichts zu sagen hat, benötigt auch nicht Akten und Schreibsachen. Schreiben soll der Protokollführer neben ihm. Er ist zwar bloss zur Hälfte abgebildet, aber schon das ist eigentlich zu viel. Schliesslich zwei weitere zwergenhafte Politpappkameraden, die sich eine gewisse Mühe geben, so zu erscheinen, als gehörten sie dazu, zumindest reglementarisch. Kopflosigkeit als Markenzeichen aller vier Befrackten. Das einzig Aufrechte an ihnen: die Stehkrägen.

Das alleinige Sagen übernimmt der monströse General. Den Lorbeer hat er von Napoleon, und der wiederum hat ihn via Renaissance von Cäsar. An der Brust Verdienstkreuze ad libitum, die übliche Kilbi, dazu Epauletten eines Zirkusdirektors. Die Fäuste geballt, falls nötig donnern sie auf den Tisch. Allerdings ist der militärische Riese nur Sprachrohr. Er ordnet an, was ihm der Mann mit Zylinder und Zwicker einflüstert, ein Vertreter der Schwerindustrie, wie Lokomotive, Geschütz, Dolch und Gewehr unter seinem linken Arm andeuten. «Und der Haifisch, der hat Zääähne, und die trääägt er im Gesicht.»

Und das Volk?! Es steht als Esel mit Scheuklappen auf dem Tisch und frisst die Erlasse dieser Regierung. Wehe, wenn sich das Tier zu weit über die Futterkrippe beugt oder jemand am Strick reisst, dessen Befestigung zum Schlangenbiss wird. Dann kracht es, und der Esel fällt unter den Tisch, ins Gefängnis, wo Tod und Verderben warten. Entrinnen unmöglich, wie der Fuss des einen Ministers auf den Gitterstäben anzeigt.

Apokalyptisch auch das Ambiente. Die Sonne wird verdeckt vom Dollar. Über die Grossstadt hinweg, «Berlin Alexanderplatz», preschen Flugzeuge. Teile der Stadt stehen in Brand. Sieht Grosz bereits den Zweiten Weltkrieg heraufziehen, als wäre er Teiresias, der blinde griechische Seher?

Gedenktafel für George Grosz in Berlin-Wilmersdorf, Trautenaustrasse 12.
Wikimedia

Offene historische Rechnung

Der General erscheint als karikiertes Phantom, ist es aber mitnichten. Am Tisch sitzt seit 1925 als Reichspräsident Paul von Hindenburg (1847–1934), Nachfolger des Sozialdemokraten Friedrich Ebert, der von verleumderischen Nationalisten in den Tod getrieben worden ist. Als Mitglied der Obersten Heeresleitung ist Hindenburg im Ersten Weltkrieg mitverantwortlich für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg, der 1917 zum Eintritt der USA in den Krieg führt. Einen Verständigungsfrieden lehnt er ab, Lenin zwingt er 1918 einen Diktatfrieden auf. Als die militärische Lage für Deutschland trotzdem aussichtslos wird, verlangt er einen sofortigen Waffenstillstand, denn «jeder weitere Tag kostet weitere Tausende von Menschenleben».

Kaum haben die Demokraten den Waffenstillstand beschlossen, sprich: die Suppe ausgelöffelt, die das Kaisertum eingebrockt hat, behauptet Hindenburg das pure Gegenteil: die deutsche Armee sei «im Felde unbesiegt» gewesen, aber von der unfähigen Regierung sowie von sozialistischen und pazifistischen Kräften «von hinten erdolcht» worden.

George Grosz macht die «Dolchstoss-Legende» in seinem Bild zur öffentlichen Anklage. Mitten auf dem Tisch liegt ein überdimensionierter Dolch, mit Blut beschmiert, direkt vor dem Urheber der Lüge, Hindenburg. Unmittelbar daneben erhebt sich ein kleines Kreuz in den Farben schwarz-weiss-rot. Es sind noch immer die Farben der alten, 1918 beseitigten Monarchie. Die Republik mit ihren Farben schwarz-rot-gold hat an diesem Tisch nichts zu suchen.

Von einem Extrem ins andere

Sind wir mit dem folgenden Bild «Kahlenberger Bauernfamilie» noch im gleichen Land, in der selben Zeit? Das 150 x 200 cm grosse Gemälde von Adolf Wissel (1894–1973) datiert von 1939. Im Jahr zuvor, 1938, werden in der «Reichskristallnacht» zuhauf jüdische Geschäfte zerstört und angezündet. Die Feuerwehr rückt nicht aus – Befehl Reichsregierung! Jüdischer Besitz ist bald zum Spottpreis zu kaufen. Das lässt Proteste gegen die staatliche Pogromnacht zusätzlich verstummen.

Das gleiche Jahr, 1938, markiert den Übergang von der scheinheilig friedliebenden zur offen gewaltmässigen Aussenpolitik Hitlers. Auf den «Anschluss Österreichs» folgen die «Sudetenkrise» und die «Erledigung der Rest-Tschechei». Am 1. September 1939 wird beim Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen angeblich «zurückgeschossen und Bombe mit Bombe vergolten». Das ist die Zeit, in der Adolf Wissel das Idyll vom Kahlenberg malt. Seit 1937 hat er an diesem Bild gearbeitet.

Adolf Wissel, Kahlenberger Bauernfamilie, 1939
Deutsches Historisches Museum, Berlin

Generationenvertrag in extremer Zeit: Grossmutter, Vater, Bub – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Die Grossmutter deutlich am Rande, auch ihr Sohn nicht im Zentrum, obwohl er alle andern überragt. Im Mittelpunkt der Knabe, der Einzige, der sich direkt dem Betrachter zuwendet. Wer dereinst das Sagen hat, steht fest.

Aufschlussreich auch die andere Dreier-Gruppe. Das ältere Mädchen am linken Bildrand, die Mutter und das jüngere Mädchen auf ihrem Schoss sind alle in sich gekehrt. Die Mutter hat ihre Hände gefaltet wie zum Gebet. Ihre Arme schliessen sich liebevoll zu einem Kreis, der mehr ist als zärtlicher Schutz. Er begrenzt zugleich ihr Lebensfeld. Das wird bei der Tochter einmal nicht anders sein.

Eine Puppe lässt die künftige Mutterrolle der Mädchen ahnen, liegt aber achtlos in der Ecke, wirkt seltsam leblos, wie tot. Das Spielzeug des Knaben hingegen, ein kraftstrotzend prächtiger Schimmel, beherrscht das Zentrum. Vorwärtsgang ist angesagt. Ob dem Bub künftig keine Grenzen gesetzt sind, weder auf den Feldern noch im Felde? – Eigenartig, dieser gebogene Horizont, als wär’s der Erdkreis unseres Planeten.

Auch unpolitisch ist politisch

«Mit richtigem Instinkt», lässt Berlin 1941 verlauten, «suchen die Künstler ihre Modelle vor allem unter den Volksgenossen, die gleichsam noch von der Natur wahrhaft in Ordnung sind, sie greifen da zu, wo die Nachbarschaft des heimischen Bodens, die pflegenden Kräfte der Landschaft, der Schutz des Blutes vor Vermischungen, die Macht gewachsener Tradition und der Segen wohltätiger Arbeit die Substanz gesund erhielten.» Eine einzige braune Sosse. An der Grossen Deutschen Kunstausstellung, der offiziellen jährlichen NS-Kunstschau in München, werden 25 % Bauernbilder gezeigt, obwohl der Anteil der Bauern nur 10 % beträgt. Die Arbeiter machen 46 % der Bevölkerung aus, ihr Anteil an Bildern erreicht aber bloss 0,7 %.

Die Forschung zur NS-Malerei bezeichnet das Gemälde von Wissel als «Prototyp des ideologisch konformen Familienbildes». Nachvollziehbar. Dass Adolf Hitler das Bild für 12‘000 Reichsmark kauft, scheint diese Einordnung zu stützen. Andere Spezialisten tempieren ab, Wissel habe nach 1933 weder seinen Stil noch seine Motive entscheidend geändert, sich also nicht angepasst. In der nationalsozialistischen Kulturpolitik sei er zudem nur im zweiten Rang gestanden, ebenso in massgebenden Ausstellungen jener Jahre.

Dennoch die Frage: das ultimative Nazi-Familienbild? Bei Lichte betrachtet werden noch andere Facetten sichtbar. Wie geschieht einem Maler, der sich dem Genre bäuerlich-ländlicher Motive verschrieben hat, wenn genau dies in der NS-Diktatur nun offiziell gefragt ist? Und warum blicken vor allem die Grossmutter und ihr Sohn so seltsam ernst, fragend, schon fast bekümmert? Beklagt diese Familie am Ende einen Schicksalsschlag – oder fürchtet sie sich vor einer unheilvollen Zukunft? Ein heroischer Aufbruch mit wehenden Fahnen am Vorabend des Zweiten Weltkriegs sähe jedenfalls anders aus.

Wissel selber bezeichnete sich als unpolitischen Maler, bis an sein Lebensende. Wie weit war er als Profiteur auch Teilhaber des Unrechtsregimes? Konnten Künstler, die in der Öffentlichkeit standen, damals einfach «ihrem Beruf nachgehen»? Spiegel lügen nie. Ein Naturgesetz. Man muss jedoch wissen, was man vor den Spiegel stellt. Grosz oder Wissel, das macht den Unterschied.

PS Atlantikschwimmer

Das Wegschauen Wissels, die Verdrehung Hindenburgs, die Lüge Hitlers: nichts mehr zu machen. Und gegen die Lügen demokratisch gewählter Präsidenten unserer Zeit? Herbert Achternbusch rät dem Atlantikschwimmer: «Du hast zwar keine Chance, aber nutze sie.»

Kurt Messmer
Kurt Messmer ist freischaffender Historiker mit Schwerpunkt Geschichte im öffentlichen Raum.

Kategorien

Sharing is caring
Share on Facebook
Facebook
Tweet about this on Twitter
Twitter
Share on LinkedIn
Linkedin
Email this to someone
email

Ihr Kommentar





9 Kommentare

Boerlin Alexander sagt:

Ein eindrücklicheres Bild als das von Grosz kann ich mir für den Geschichtsunterricht kaum vorstellen. Kurt Messmer, der begnadete Geschichtsdidaktiker, konnte wieder aus dem Vollen schöpfen. Eine Parallele in der heutigen Zeit zum Bild von Wissel sehe ich in der Werbung für naturnahe Landwirtschaft und Fleischproduktion. Die Schweine und Rinder leben ein glückliches Leben. Eine Henne begibt sich persönlich in die Migros-Filiale um ihr Ei zu legen.

Heinz Gadient sagt:

Ein guter Vergleich zu Wessels Bild! Ich habe vor ein paar Tagen die Organisation „Schweizerfleisch“ gebeten, ihren Fernsehspot zur Schweinehaltung vom Netz zu nehmen, weil auch die geschönte Version nichts mit artgerechter Schweinehaltung zu tun habe. Ihre Antwort war, dass sie die Realität abbilden würden. Mag sein, hat aber mit artgerechter Haltung immer noch nichts zu tun.

Danke für die differenzierte Darstellung. Sich zu wehren war halt schon immer mit Unannehmlichkeit verbunden. Nicht Jeder und Jedem ist das Zeug zum Helden gegeben. Zu Grosz’ heroischer Unverfrorenheit dürfte der Alkohol beträchtlich beigetragen haben.

Heinz Gadient sagt:

Einmal mehr – eindringliche Bildbetrachtungen von Kurt Messmer. Ein besseres Adjektiv als „eindringlich“ fällt mir nicht ein und ich freue mich jetzt schon darauf, wenn Kurt in weitere Bilder eindringt.

Alois Burri sagt:

Ein Genuss, diese brillanten und analytischen Bildinterpretationen von Kurt Messmer über die beiden Maler Grosz und Wissel, beide in verschiedenen Tönen stellungnehmend zum NS-Regime!

Beat und Heidi Kummer sagt:

Lieber Kurt, wir möchten uns hier einmal für deine Arbeiten bedanken. Nein, wir lesen sie nicht jedes Mal. Wenn wir sie aber lesen, sind wir begeistert. Vielen Dank

Claus Niederberger sagt:

Zwei eindrückliche Bilder mit einem grossartigen aufklärerischen Kommentar, der dokumentiert, wie politisch Kunstwerke sind!

Josef Scheidegger sagt:

Ganz herzlichen Dank! Wunderbar!

Walter Steffen sagt:

Ein faszinierender Vergleich zweier Bilder: Kurt Messmer demonstriert hier auf grossartige Weise, wie Künstler am Puls der Zeit fühlen können und auf ihre ganz individuelle Weise eine Ideologie demontieren können. Hierzu gibt es ja auch zahlreiche literarische Beispiele, etwa Ulrch Bechers „Murmeljagd“. Becher war ein Schüler von Grosz, sah aber dann ein, dass er dem Meister nicht das Wasser reichen konnte und wechselte zur Literatur.