Schloss Chillon am Genfersee. Im Hintergrund die Dents du Midi. Fotochromolithographie um 1900.
Schloss Chillon am Genfersee. Im Hintergrund die Dents du Midi. Fotochromolithographie um 1900. Schweizerisches Nationalmuseum

Schloss Chillon

Das Schloss Chillon ist für seine Schönheit bekannt und zählt zu den am besten erhaltenen mittelalterlichen Schlössern Europas. Die mittelalterliche Festung am Ufer des Genfersees in der Nähe von Montreux im heutigen Kanton Waadt war vom 12. bis ins 16. Jahrhundert Sitz der mächtigen Grafen von Savoyen, bis Berner Truppen sie 1536 eroberten. Im 18. und 19. Jahrhundert war das Schloss Inspirationsquelle für Schriftsteller und Dichter.

James Blake Wiener

James Blake Wiener

James Blake Wiener ist Autor, PR-Spezialist, Historiker und Mitbegründer der World History Encyclopedia.

Es gibt einzelne Hinweise darauf, dass die Römer nach ihrem Sieg über die Helvetier im ersten Jahrhundert vor Christus eine kleine Siedlung in der Nähe des heutigen Schloss Chillon gründeten, doch weit mehr Beweise für eine menschliche Besiedlung entlang des Genfersees gibt es bereits aus der Bronzezeit. Vor den Grafen von Savoyen kontrollierten die Bischöfe von Sion das Gebiet in und um Chillon, aber erst das Haus Savoyen erkannte die strategische Bedeutung des Ortes aufgrund seiner Nähe zur Rhône, dem Genfer See und den Alpenpässen. Im 12. und 13. Jahrhundert festigten die Grafen von Savoyen ihren Reichtum und ihre Macht rund um den Genfersee und bald erstreckte sich ihre Herrschaft über den Grossteil der heutigen Westschweiz. Natürlich brauchten die Grafen eine Burg, um die Macht der Dynastie für ihre Untertanen sichtbar zu machen.
Schloss Chillon am Genfersee. Fotodruck «Die Welt in Farben», um 1907.
Schloss Chillon am Genfersee. Fotodruck «Die Welt in Farben», um 1907. Schweizerisches Nationalmuseum
Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen über das Schloss Chillon stammen aus dem Jahr 1150. Vermutlich begannen die Savoyer aber schon mehrere Jahrzehnte früher im 11. Jahrhundert mit dem Bau. Der Bergfried und die Kapelle sind die ältesten Teile der Burg und stammen aus dem späten 11. Jahrhundert. Die Dimensionen des Schloss Chillon erinnern eigentümlicherweise an die eines Schiffes – an der grössten Stelle ist es 110m lang und 45m breit. Im Gegensatz zu anderen mittelalterlichen Burgen in Europa wurde Schloss Chillon nie durch Belagerungskriege zerstört oder ruiniert. Die Grösse und Umrisse des Schlosses blieben so mehr als acht Jahrhunderte unverändert. Wie ihre königlichen Pendants in anderen Teilen des mittelalterlichen Europas übernachteten die Grafen von Savoyen nie das ganze Jahr über in Chillon; stattdessen nutzten sie das Schloss wegen des angenehmen Klimas am See hauptsächlich als Sommerresidenz.
Roter Schild mit Silberkreuz: Das Wappen des Herzogs von Savoyen.
Roter Schild mit Silberkreuz: Das Wappen des Herzogs von Savoyen. Wappenscheibe von Herzog Karl III., 1519. Schweizerisches Nationalmuseum
Nach der Gründung der Hafenstadt Villeneuve durch Graf Thomas I. (reg. 1189-1233) im Jahr 1214, entwickelte sich Chillon zu einem wichtigen Verwaltungs- und Finanzzentrum der savoyischen Gebiete. Mit den Gewinnen aus Steuern und Handel erweiterten die Savoyer die Burg und ihre Wehrmauern. Die Grafen Thomas I. und Peter II. (reg. 1263-1268) verantworteten mit Hilfe des berühmten Architekten Pierre Mainier während einer umfangreichen Renovierungs- und Erweiterungsphase die Wiederbefestigung verschiedener Strukturen innerhalb des Schlosses. Sie verwandelten Schloss Chillon in eine prunkvolle Fürstenresidenz, in der Mitglieder des örtlichen Adels dem Haus Savoyen im grossen Stil dienten und prunkvolle Veranstaltungen organisierten. Auch Chillons Kerker stammen aus der Zeit von Peter II., ebenso die eleganten Räume mit herrlichem Blick auf den Genfersee und asymmetrischen, gepflasterten Innenhöfen. Peter II. und seine Nachfolger engagierten lokale Künstler, um die aus dem späten 13. und frühen 14. Jahrhundert stammenden Innenwände des Schlosses zu dekorieren.
Peter II empfängt die Berner
Gemäss den Berichten der Chronisten Konrad Justinger und Diebold Schilling schickten die von den Kyburgern bedrängten Berner unauffällig gekleidete Gesandte los, die nachts durch das Simmental an den Genfersee gelangten, um den Schutz der Savoyer zu erbitten. Vor dem Schloss Chillon werden die Gesandten von Peter II. und dessen Gefolge empfangen. Illustration aus der Spiezer Chronik (1485) von Diebold Schilling. Burgerbibliothek Bern, Mss.h.h.I.16, S. 85
Herzog Amadeus VIII. von Savoyen reitet nach seiner Wahl zum Papst Felix V. am 18. Juni 1440 in Bern ein.
Herzog Amadeus VIII. von Savoyen reitet nach seiner Wahl zum Papst Felix V. am 18. Juni 1440 in Bern ein. Illustration aus der Amtlichen Berner Chronik von Diebold Schilling (1483). Burgerbibliothek Bern, Mss.h.h.I.2, S. 7
Die Blütezeit von Schloss Chillon war jedoch kurz. Als die Grafen von Savoyen die wichtigsten Verwaltungs- und Finanzgeschäfte in das südliche Chambery verlegten, pendelte der savoyische Hof im 14. und 15. Jahrhundert zwischen Ripaille, Thonon und Le Bourget. Chillons Vermögen ging damit zurück. Amadeus VIII. (reg. 1391-1440), der ab 1416 als «Herzog von Savoyen» regierte, versuchte das Schloss zu altem Glanz zu zurückzuführen und beauftragte seinen Architekten Aymonet Corniaux (1402-1453) die Türme, die grossen Säle und die Verteidigungsmauern der Burg zu verändern. Die Wahl von Amadeus zum Papst Felix V. (reg. 1439-1449) – Amadeus gilt weithin als der letzte Gegenpapst – setzte dem Ausbau von Schloss Chillon aber ein Ende.

Die Berner besetzen Schloss Chillon

Im 16. Jahrhundert geriet das Haus Savoyen aufgrund seiner Position zwischen den rivalisierenden Dynastien der Habsburger von Österreich (1273-1918) und der Valois-Dynastie von Frankreich (1337-1589) unter geopolitischen Druck. Die Berner nutzten die anhaltende Schwäche der Savoyer während der Italienkriege (1494-1559), eroberten die Waadt und nahmen Schloss Chillon am 29. März 1536 nach einer ereignislosen dreitägigen Belagerung ein. Unter der Berner Besatzung diente Schloss Chillon weiterhin als Festung, als Depot und gelegentlich als Gefängnis. Ausserdem war es ein Spital und nicht zuletzt machten es die Berner zur Residenz des Landvogts von Vevey.
Eroberung der Waadt 1536 durch die Berner
Titelbild zum Volkslied, das den Krieg gegen Savoyen und die Eroberung der Waadt 1536 durch die Berner besingt, 1556. Abgebildet sind die Truppen des Hans Franz Nägeli, die dem von Schlössern gesäumten Genfersee entlangziehen. Universitätsbibliothek Bern
Obwohl das Schloss im 17. Jahrhundert dringend restauriert werden musste, veränderten die Berner wenig. Der Platz innerhalb der Burg wurde jedoch den Bedürfnissen der Soldaten und Beamten angepasst, und die Berner modernisierten die Befestigungen der Burg, um den Gebrauch von Schusswaffen zu ermöglichen. Die Kerker dienten als Magazin für lokale Schiffe und Anfang des 18. Jahrhunderts wurde die alte, mittelalterliche Zugbrücke durch eine neue ersetzt. 1733 wurde es den Bernern in Chillon zu unbequem. Sie verliessen das Schloss und zogen in komfortablere Unterkünfte in Vevey um. Die Berner Truppen erachteten die Instandhaltung des Schlosses für nicht mehr notwendig und das nutzten das Gebäude als Lager für Transportgüter und andere Materialien. Es gab sogar den Vorschlag, das Schloss 1785 in einen grossen Weizenspeicher umzuwandeln. Ermutigt durch die demokratischen Ideale der Französischen Revolution (1789-1799) und mit Hilfe französischer Truppen, stürmten französischsprachige Bürger aus Montreux und Vevey das Schloss im Jahr 1798. Die Bernischen Besatzer leisteten keinen Widerstand. Seit 1803 gehört das Schloss dem Kanton Waadt. Weiterhin wurde im Schloss Chillon Munition gelagert, darunter Schiesspulver, und es diente als Gefängnis. Der Schweizer Archäologe Albert Naef (1862-1936) spürte die grosse Bedeutung des Gebäudes und begann Ende des 19. Jahrhunderts mit ersten Restaurierungsarbeiten, die bis heute andauern.
Schloss Chillon, 2015.
Schloss Chillon, 2015. Wikimedia / Ank Kumar
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Schloss Chillon von der A9 aus gesehen, 2008.
Schloss Chillon von der A9 aus gesehen, 2008. Wikimedia / Bolla Ugo
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Luftaufnahme von Schloss Chillon, 2017.
Luftaufnahme von Schloss Chillon, 2017. Wikimedia / Akasito
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Die Südwestmauer des Schlosses. Das fragmentierte Berner Wappen erinnert an die Bernische Besatzungszeit.
Die Südwestmauer des Schlosses. Das fragmentierte Berner Wappen erinnert an die Bernische Besatzungszeit. Wikimedia / Mbarbey49
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Von Schrift­stel­lern, Philoso­phen und Dichtern gefeiert

Schloss Chillon inspiriert seit fast 300 Jahren verschiedene Schriftsteller. Rousseau war der erste, der das Schloss Chillon 1762 in seinem berühmten und beliebten Roman La Nouvelle Héloïse erwähnte. Andere, darunter Johann Wolfgang von Goethe, Percy Bysshe Shelley, Henry Wadsworth Longfellow, Victor Hugo, Alexandre Dumas, Charles Dickens, Henry James und Ernest Hemingway bewunderten die zeitlose Eleganz des Schlosses und liessen sich von seinen Legenden inspirieren. Das Leben des berühmten Genfer protestantischen Historikers, Freidenkers und ehemaligen katholischen Mönchs François Bonivard (1493-1570) diente als Hauptinspiration für Lord Byrons Gedicht «Der Gefangene von Chillon», das 1816 verfasst wurde. Dieses Gedicht war so beliebt, dass es Anfang des 19. Jahrhunderts die erste Massentourismuswelle zum Schloss Chillon auslöste. Mark Twain besuchte Chillon 1880 und bewunderte das Schloss, war jedoch verärgert über die endlosen Touristenströme. Heute gilt das Schloss Chillon als das meistbesuchte Denkmal der Schweiz. Doch weder Byrons Magie noch Chillons Schönheit tut dies einen Abbruch. Die Mauern Chillons unterwühlt Der Genfersee, der sie bespült; Es senkt wohl tausend Fuss hinab Sich dieses öde Wassergrab, In solcher Tiefe zeigt das Blei, Dass dort des Sees Boden sei; So ward dies alte Felsenschloss, Das immer rings der See umfloss, Vom Wasser und vom Wall umgeben, Zu einem Grab für jedes Leben. Und unser dumpfer Kerker lag Auszug aus Lord Byrons «Der Gefangene von Chillon»
Das Kellergewölbe des Schloss Chillon – Gefängnis des François Bonivard. Foto um 1900.
Das Kellergewölbe des Schloss Chillon – Gefängnis des François Bonivard. Foto um 1900. Schweizerisches Nationalmuseum
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Die Aula Magna.
Die Aula Magna. Fondation du Château de Chillon
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Deckenmalerei in der Schlosskapelle.
Deckenmalerei in der Schlosskapelle. Wikimedia / Marie-Lan Nguyen
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Wandmalereien: Das Reichs- und die Berner Wappen zeugen von den letzten Besitzern des Schlosses.
Wandmalereien: Das Reichs- und die Berner Wappen zeugen von den letzten Besitzern des Schlosses. Wikimedia / Marie-Lan Nguyen
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