Die Galerie von Cornelis van der Geest, Willem van Haecht (1593-1637), 1628
Die Galerie von Cornelis van der Geest, Willem van Haecht (1593-1637), 1628. Rubenshaus

Das Museum, ein globales Erfolgsmodell

Hibou Pèlerin ist durch den erneuten Lockdown auch der Museen zu einer Zwangspause verurteilt. Er nutzt sie für die Lektüre kulturhistorischer Neuerscheinungen. Eine brandneue Weltgeschichte des Museums von Krzysztof Pomian hat ihn gefesselt.

Hibou Pèlerin

Hibou Pèlerin

Seit vielen Jahren fliegt Hibou Pèlerin zu kulturhistorischen Ausstellungen. Für den Blog des Schweizerischen Nationalmuseums greift sich Pèlerin die eine oder andere Perle raus und stellt sie hier vor.

Durch die Museumsschliessungen infolge der Pandemie haben wir plötzlich gemerkt, wie selbstverständlich Museen zu unserem Leben gehören. Sie mögen nicht ganz so wichtig sein wie das Zusammensein mit Familie und Freunden oder so systemrelevant wie der Lebensmittelhändler und das Spital. Aber sie sind doch ein unentbehrlicher Bestandteil unserer Kultur. Wir besuchen Museen zur Freizeitgestaltung, in unserer Heimat und erst recht auf Reisen. Wir wollen uns dort informieren oder einfach unterhalten werden, gemeinsam mit der Familie, Freunden oder Gästen. Statistiken belegen nicht nur die Beliebtheit der Museen eindrücklich – sie zeigen indirekt auch, dass sie inzwischen wichtige Standortfaktoren sind. In den letzten Jahrzehnten und bis Ende 2019 gab es bei der Zahl der Museumsbesuche, ob in der Schweiz, in Deutschland, Italien oder Frankreich, gerade in den touristisch geprägten Zentren nur eine Richtung: nach oben. So verzeichnete die Schweiz jährlich zuletzt 14 Millionen Besuche, Frankreich 63 Millionen, Deutschland 114 Millionen und Italien gar 130 Millionen.
Der Louvre ist das mit über 10 Mio. Besuchern pro Jahr das meistbesuchte Museum der Welt.
Der Louvre ist das mit über 10 Millionen Besuchern pro Jahr das meistbesuchte Museum der Welt. Wikimedia / Pueri Jason Scott

Wurzeln im Rom der Renaissance

Die Erfolgsgeschichte, die der französische Historiker Krzysztof Pomian in seiner auf drei opulente Bände angelegten Weltgeschichte des Museums nun detailliert ausbreitet, hat schon 500 Jahre auf dem Buckel. Sie begann, folgt man seiner Kurzdefinition des Museums, in Rom. Denn die dort ab 1471 auf dem Kapitol gezeigte Antikensammlung war die erste an einem säkularen Ort allgemein zugängliche und dauerhafte Sammlung. Generell etablierten sich Museen bis zum Ende des 17. Jahrhunderts ausschliesslich in Italien. Von dort aus eroberten sie zunächst die romanische Welt und dann den germanischen und angelsächsischen Raum.
Michelangelos Entwurf für den Kapitolinischen Hügel, wo sich heute die Kapitolinischen Museen befinden. Gravur von Étienne Dupérac, 1568.
Michelangelos Entwurf für den Kapitolinischen Hügel, wo sich heute die Kapitolinischen Museen befinden. Gravur von Étienne Dupérac, 1568. Wikimedia
Den späteren kapitolinischen Museen liegt eine Schenkung zugrunde, wie vielen anderen Museen auch. Papst Sixtus IV. überliess der Stadt Rom eine Sammlung von stadtgeschichtlich bedeutenden antiken Skulpturen, namentlich die berühmte römische Wölfin und eine vergoldeten Herkulesstatue. Sie machte sie fortan in ihrem politischen Zentrum auf dem Kapitol frei zugänglich, zum Teil sogar im Aussenraum.
Die Kapitolinische Wölfin (lat. Lupa Capitolina), eine Bronzefigur, vermutlich aus dem Mittelalter.
Die Kapitolinische Wölfin (lat. Lupa Capitolina), eine Bronzefigur, vermutlich aus dem Mittelalter. Wikimedia
Die Schenkung war eine Geste des Papsts gegenüber dem Römer Patriziat, das, angeführt von Gelehrten, die Antike neu entdeckte und interpretierte. Ein besonders kunstsinniger Papst wie Julius II. (der unter anderem Michelangelos Deckenfresken in der Sixtina in Auftrag gab und die Schweizergarde ins Leben rief) liess sich von dieser Antikenbegeisterung sogar anstecken. Ein Jahrhundert später, während der Gegenreformation, bereicherte dann Pius V. die Sammlungen des Kapitols aus ganz anderen Gründen. Er empfand manche Nacktheiten in Marmor für die päpstliche Sammlung im Vatikan als unpassend und schied sie aus.
Papst Julius II, gemalt von Raphael, 1511.
Papst Julius II, gemalt von Raphael, 1511. National Gallery
Nach diesen Ursprüngen differenziert sich das Sammlungswesen aus, und es entstehen in den Jahrhunderten bis 1870 vor allem in Europa rund 1000 Museen, die immer mehr unserer heutigen Institution ähneln. Zunehmend widmen sie sich auch Themen ausserhalb der Kunst. So kamen die nationalgeschichtlich geprägten Museen, zu denen auch das Schweizer Landesmuseum gehört, erst im späteren 19. Jahrhundert auf. Im Jahr 2010 lassen sich weltweit um die 80’000 Museen verzeichnen, von denen die meisten erst nach 1960 gegründet wurden. Doch etliche der heute berühmtesten Häuser von den Uffizien über den Louvre und das Kunsthistorische Museum Wien bis zum British Museum blicken auf eine lange Tradition zurück. Sie belegen, dass Beständigkeit, gepaart mit enormer Wandlungsfähigkeit, zum Erfolgsrezept der Institution gehören.
Die Waffenhalle des Landesmuseums um 1900. Der grösste Raum des Museums war als «Ruhmeshalle der Nation» konzipiert.
Die Waffenhalle des Landesmuseums um 1900. Der grösste Raum des Museums war als «Ruhmeshalle der Nation» konzipiert. Schweizerisches Nationalmuseum

Der Magnetis­mus des Museums

Aber wie konnte das Museum ausgehend von Italien und später Europa eine solche Sogwirkung entfalten? Pomian kann als Pionier der Sammlungs- und Museumsforschung bei der Antwort aus dem Vollen schöpfen. Aufgrund der von ihm vertretenen soziohistorischen Perspektive wies er schon vor Jahrzehnten darauf hin, dass Sammlungen fast immer von Interessen geleitet sind, die mit Macht und Wertsicherung verknüpft sind. Natürlich ist es ein entscheidender Unterschied, ob diese Interessen religiöser, dynastischer oder individueller Natur sind und ob sie sich eher auf materielle oder auch kulturelle und ideelle Werte beziehen. Jede Sammeltätigkeit, erst recht eine auf Dauer zielende museale, reflektiert bestimmte Wertvorstellungen und zementiert sie nicht selten. Dies erklärt auch, warum Sammlungen und die auf ihnen beruhenden Museen auch häufig in die Strudel gesellschaftlicher Umbrüche geraten – oder, wie der Louvre nach der französischen Revolution, aus ihnen hervorgehen.
Ole Worm (1588-1654), Arzt und Professor für Naturphilosophie in Kopenhagen, nutzte seine Sammlung, um Studenten zu unterrichten.
Ole Worm (1588-1654), Arzt und Professor für Naturphilosophie in Kopenhagen, nutzte seine Sammlung, um Studenten zu unterrichten. Smithsonian Libraries

Von der Schatz­kam­mer zum Museum

Seine Wurzeln hat das Museum, wie es der Untertitel von Pomians nun erschienenem ersten Band «Du trésor au musée» bündig zusammenfasst, in den Schatzkammern von Herrscherhäusern und Kirchen. Im Mittelalter fanden sich in diesen Schatzkammern vor allem Objekte aus Gold und Edelsteinen, wie Reliquien und liturgisches Gerät – oder Herrschaftsinsignien, wie Kronen und Szepter. Die «trésors» füllten sich durch Kauf, Tausch und Beutestücke aller Art. Für den Übergang von diesen kirchlichen und weltlichen «Schätzen» zu den frühen Formen des Museums war Pomian zufolge ein neuer Sammlungszweck entscheidend. Die kultischen Gegenstände aus den Schatzkammern, den Gläubigen oft nur zu bestimmten Gelegenheiten gezeigt, verbanden den Menschen mit dem unsichtbaren Göttlichen. Der Glaube an dieses Göttliche wird aber, wie die kapitolinische Sammlung zeigt, zunehmend abgelöst von einer weltlichen Bewunderung für die Hervorbringungen von Mensch und Natur – sprich Kunst oder auch Kuriositäten aller Art. Während der Renaissance bricht dieser Bann endgültig. Eine von Neugierde geprägte Einstellung verbreitet sich. Ablesen lässt sie sich an Sammlungen von Gelehrten (wie Petrarca) oder Herrschern und Päpsten, die diese Neuorientierung spiegeln. Paolo Giovio, Bischof, Arzt und Papstgünstling, bezeichnet als erster seine entsprechende Kunstsammlung als «Museo». Das Wort kommt vom griechischen «Museion», dem Ort der Musen. Giovio richtet sein Museo in einer Villa in Como (zerstört) ein. Aufgrund seiner Bekanntheit erregt es Aufmerksamkeit und findet Nachahmer. Noch entscheidender als der Name «Museo» ist, dass Giovio als erster testamentarisch den Erhalt und die Zugänglichkeit seiner Sammlung «zum Zwecke des Vergnügens für ein Publikum» verfügt. Sein Testament wird zwar ignoriert. Doch Giovio hat darin die Essenz des Museums formuliert.
Das «Museo» von Paolo Giovio auf einem Gemälde aus dem 17. Jahrhundert von einem unbekannten Maler.
Das «Museo» von Paolo Giovio auf einem Gemälde aus dem 17. Jahrhundert von einem unbekannten Maler. Wikimedia
Aus einer mentalitätsgeschichtlichen Perspektive sieht Pomian die Ablösung der Religion durch Ideologie(n), sprich zunächst individuelle Weltanschauungen, die sich breiter durchsetzen können, als Basis des Museums. Die Gesellschaft orientiert sich fortan nicht mehr am Jenseits, sondern am Diesseits. Damit kommt auch ein völlig neuer Zeitbegriff zum Zug. Seine Bedeutung für die künftige Museumsgeschichte kann man gar nicht genug unterstreichen. Während die Schatzkammer auf die statische Ewigkeit Gottes verweist, wird das Museum zum Ort, an dem die Gesellschaft sich über ihre sehr diesseitige, in permanentem Wandel befindliche Gegenwart verständigt.

Das Museum – Türöffner zu Vergan­gen­heit und Zukunft

Zwei Blickrichtungen kommen dabei zur Geltung. Einerseits zeigt das Museum Dinge, mit denen ein Bezug zu einer idealisierten, manchmal auch problematisierten Vergangenheit hergestellt wird. Deren Studium wird den Zeitgenossen empfohlen – wie in der Frühgeschichte zunächst die verschiedenen Wellen der Antikenbegeisterung von Petrarca bis Winckelmann und zum Neoklassizismus belegen. Andererseits wird das Museum zur Institution, in der Dinge gesammelt, sortiert, systematisiert, verglichen und gezeigt werden, weil man sich aus diesem Studium Erkenntnisse für künftige Entwicklungen erhofft. Vor allem für die ab dem 17. Jahrhundert entstehenden Naturkundemuseen ist das der Motor, und es verwundert kaum, dass sie zunächst in den auf Handel und folglich Innovation ausgerichteten Nationen wie den Niederlanden und Holland aufkommen. Das Museum ist also Ausdruck einer «futurozentrischen» Gesellschaft. Gemeint ist damit eine Gesellschaft, die genügend Vertrauen in ihre eigene Bedeutung hat, um etwas von ihren Erkenntnissen und Werten an spätere Generationen weiterreichen zu wollen.
Rendezvous in den Uffizien, gemalt von Odoardo Borranti, 1878.
Rendezvous in den Uffizien, gemalt von Odoardo Borranti, 1878. Wikimedia

Ort der Emotionen und Diskurse 

Aber auch die seit der frühen Neuzeit wachsende Bedeutung des Individuums und damit des persönlichen (Kunst-) Geschmacks prägt die Geschichte des Museums. Weltliche und religiöse Herrscher und Eliten setzen auf Sammlungen, um von deren Abglanz zu profitieren. «Besitzerstolz» ist bis heute eine der zentralen Motivationen jedes privaten Sammelns und Ausstellens. Pomians äusserst detailreiches Werk, das ausdauernde Leser verlangt, soll schliesslich bis in unsere Gegenwart reichen. Damit spannt er nicht nur zeitlich einen grossen Bogen, sondern bietet auch einen umfassenden Überblick zu der inzwischen angeschwollenen Forschung zu Sammlungen und Museen. Ob die faszinierende Geschichte der Uffizien als frühem Beispiel einer öffentlich zugänglichen Sammlung, ob der Krimi um die herausragende Kunstsammlung des englischen Königs Charles I., die nach dessen Enthauptung in alle Winde zerstreut wurde und deren Prunkstücke sich heute in den wichtigsten europäischen Museen finden, ob die Darstellung der Entwicklung vom botanischen Garten zum Naturkundemuseum: Nur schon der nun vorgelegte erste Band macht klar, warum das Museum zu einer so zentralen und wirkungsvollen Institution werden konnte.
Das Montagu House, wo 1759 das British Museum erstmals seine Türen für das Publikum öffnete.
Das Montagu House, wo 1759 das British Museum erstmals seine Türen für das Publikum öffnete. British Museum
Das Treppenhaus des Montagu House. Es sind sowohl Tierpräparate, Gemälde als auch Skulpturen zu sehen.
Das Treppenhaus des Montagu House. Es sind sowohl Tierpräparate, Gemälde als auch Skulpturen zu sehen. British Museum
Gespannt erwarten darf man Pomians Blick auf die Museumsgeschichte der letzten 200 Jahre und insbesondere auf die Gegenwart. Denn gerade der Museumsboom der jüngsten Zeit wirft auch kritische Fragen auf: Wie viele Museen braucht eine Gesellschaft? Wie viele kann und will sie sich leisten? Und wie müssen diese in einer zunehmend digital geprägten Welt aussehen, um weiterhin eine breite Öffentlichkeit anzusprechen? Nur wenn ihnen letzteres gelingt, werden sie auch im 21. Jahrhundert florieren – als Orte der Emotionen, der Neugierde und der Unterhaltung, als Brennpunkte der Macht- und Herrschaftsgeschichte, als Zentren der Verständigung über ästhetische wie gesellschaftliche Fragen und ihrer Vermittlung.

Krzysztof Pomian, Le Musée, une histoire mondiale – Bd. 1 : Du trésor au musée.

Buchcover « Le musée, une histoire mondiale».
Gallimard
687 Seiten, zahlreiche Illustrationen, Gallimard, Paris 2020. Das Werk ist bisher nur auf Französisch erschienen.
Interview mit Krzysztof Pomian zu seinem neusten Werk (auf französisch). YouTube

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