Chelsea gewann im Juli 2025 die Klub-WM. Bei der Pokalübergabe stahl ihnen jedoch US-Präsident Donald Trump, der die Bühne partout nicht verlassen wollte, die Show.
Chelsea gewann im Juli 2025 die Klub-WM. Bei der Pokalübergabe stahl ihnen jedoch US-Präsident Donald Trump, der die Bühne partout nicht verlassen wollte, die Show. Dukas

Die Macht der Spiele

Immer wieder nutzen Regenten den Sport als Bühne für sich und ihre Ideale. Das begann schon in den Amphitheatern der Römer und ist bis heute gang und gäbe. Auch in der Schweiz.

Simon Engel

Simon Engel

Simon Engel ist Historiker und bei Swiss Sports History für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

US-Präsident Donald Trump hat die Fussball-WM 2026 zur Chefsache erklärt. Als Chairman der WM-Taskforce stellt er das Turnier ins Zentrum seiner politischen Arbeit. Damit ist Trump kein Sonderfall. Schon seit der Antike nutzen Herrschende die Begeisterung der Menschen für Sport, um sich selbst positiv darzustellen, Anhänger zu gewinnen oder politische Botschaften zu verbreiten. Der Sport ist dafür ideal, weil er vordergründig als Wettkampf wahrgenommen wird und nicht als politische Veranstaltung. Ein exemplarischer Streifzug durch die Geschichte.

Antike: Spiele und kaiser­li­che Gnade

Bereits in der europäischen Antike gab es grosse Sportveranstaltungen: bei den Griechen die Olympischen Spiele mit Laufrennen und Ringen, bei den Römern Wagenrennen, Tierhetzen und Gladiatorenkämpfe. Letztere fanden auch auf dem Gebiet der heutigen Schweiz statt. Bis 15 v. Chr. eroberten die Römer hiesiges Territorium, danach übernahm die Bevölkerung nach und nach römische Lebensformen. Latein verbreitete sich, Städte wurden nach römischem Vorbild mit Thermen und Amphitheatern ausgestattet. Letztere dienten als Schauplatz für Theater, aber auch für Gladiatorenkämpfe und Tierhetzen.
In den römischen Arenen starben nicht nur Menschen, sondern auch unzählige Tiere. Die sogenannten venationes waren beim Publikum äusserst beliebt.
In den römischen Arenen starben nicht nur Menschen, sondern auch unzählige Tiere. Die sogenannten venationes waren beim Publikum äusserst beliebt. Wikimedia
Ursprünglich waren Gladiatorenkämpfe vermutlich etruskische Bestattungsriten, bei denen Blut als Opfergabe für Verstorbene diente. Im antiken Rom entwickelten sie sich zu staatlich organisierten Massenspektakeln mit politischer Bedeutung, den Munera. Besonders in der Kaiserzeit wurden die Kämpfe immer pompöser inszeniert – mit immer mehr Gladiatoren und immer stärkerem Fokus auf den Herrscher. Damit wurden die Spiele auf neue Weise politisch. Sie zeigten die Macht des Kaisers unmittelbar und für alle sichtbar. Wenn er in der Arena über Leben und Tod eines besiegten Gladiators entschied, demonstrierte er entweder Gnade, die sogenannte Clementia, oder unerbittliche Strenge. Das Richten vor zehntausenden Untertanen zeigte die Macht des Kaisers unmittelbar.
Die Kaiser wussten allerdings, dass sie auf die Gunst der Bevölkerung angewiesen waren und richteten ihr Urteil deshalb oft nach dem lautstarken Willen des Arena-Publikums. Nicht zufällig waren die Spektakel für die Bevölkerung kostenlos zugänglich. los. Sie unterhielten die Massen und banden sie zugleich an den Herrscher. Gladiatorenkämpfe waren also auch ein politisches Geschenk der Mächtigen an die Bevölkerung – Stichwort: «Brot und Spiele». 
Leben oder Sterben? Im Amphitheater manifestierte sich die Macht des römischen Kaisers in einer einzigen Handbewegung. Wie hier Nero auf einem Gemälde aus dem Jahr 1900.
Leben oder Sterben? Im Amphitheater manifestierte sich die Macht des römischen Kaisers in einer einzigen Handbewegung. Wie hier Nero auf einem Gemälde aus dem Jahr 1900. akg-images / Universal Images Group
Auf dem Gebiet der heutigen Schweiz belegen acht ausgegrabene Amphitheater die Popularität dieser Spiele, besonders in Augusta Raurica. Zwar fehlen schriftliche Quellen zum genauen Ablauf der Kämpfe. Belegt ist aber, dass sich in der Spätantike zwei Kaiser dort aufhielten. Gut möglich also, dass auch in Augusta Raurica römische Herrschaftstechniken zelebriert wurden. 

Mittel­al­ter: Ritter­tur­nie­re als Machtpolitik

Im Mittelalter gehörten Schwingen, Steinstossen, Ballspiele und Schützenfeste sowie Ritterturniere zum sportlichen Repertoire. Viele dieser Wettkämpfe hatten auch eine politische Funktion. Bei Schützenfesten ging es etwa um den freundschaftlichen Austausch zwischen den eidgenössischen Orten. Es gab sogar Feste mit internationaler Beteiligung, etwa das Freischiessen in Zürich von 1504. Das «eerliche Schiessen» sollte nach dem Schwabenkrieg die Beziehungen zu Kaiser Maximilian I. und den süddeutschen Städten stabilisieren.
Gerade Maximilian I. war ein Herrscher, der den Sport stark als politische Bühne nutzte. Als Kaiser stand er an der Spitze des riesigen, aber politisch zersplitterten Heiligen Römischen Reichs, zu dem auch die alte Eidgenossenschaft gehörte. Um seine Macht zu sichern, musste er sich mit Königen, Fürsten und lokalen Eliten arrangieren. Ein Mittel dafür waren Ritterturniere. Sie brachten Hochadel, Fürsten und loyale Ritter aus allen Teilen des Reichs an seinen Hof – und stärkten ihre Bindung zu Maximilian, denn Nähe zum Kaiser bedeutete politischen Einfluss. Zugleich boten Turniere einen idealen Rahmen für informelle Gespräche mit ausländischen Gesandten abseits des steifen Hofprotokolls. 
Bild aus der Freydal, einem Turnierbuch, welches das Leben des jungen Maximilian auf allegorische Weise erzählt. Das Buch entstand Anfang des 16. Jahrhunderts.
Bild aus der Freydal, einem Turnierbuch, welches das Leben des jungen Maximilian auf allegorische Weise erzählt. Das Buch entstand Anfang des 16. Jahrhunderts. Wikimedia / Kunsthistorisches Museum Wien
Im Gegensatz zu vielen anderen Herrschern seiner Zeit nahm Maximilian selbst aktiv und bis ins hohe Alter an Ritterturnieren teil. Durch seine sportlichen Erfolge – etwa den prestigeträchtigen Sieg über den berühmten burgundischen Ritter Claude de Vauldrey auf dem Wormser Reichstag 1495 – bewies er öffentlich körperliche Stärke, Männlichkeit und Mut. In der kriegerischen Gesellschaft seiner Zeit verschaffte ihm das erheblichen Respekt. Gleichzeitig nutzte Maximilian die Arena, um kaiserliche Grosszügigkeit zu zeigen. Gewonnene Ehrenpreise verschenkte er bisweilen sofort an seine Gegner weiter.

Neuzeit: Schwingen unter politi­scher Regie

Ab dem späten 18. Jahrhundert entdeckten die europäischen Eliten im Zuge der Aufklärung die Schönheiten der Natur neu ‒ besonders die Alpen. Diese hatten bisher für Armut, Abgeschiedenheit und Naturgefahren gestanden. Nun wurden sie zu einem Sehnsuchtsraum. In der Schweiz zeigte sich diese neue Aufmerksamkeit auch in der Zuwendung zum alpinen Brauchtum: Hornussen, Steinstossen und Schwingen rückten stärker ins Blickfeld. Gepflegt wurden diese Spiele vor allem von Alphirten. Genau sie galten nun als Inbegriff des idealen Schweizers: aufrichtig, bescheiden, bodenständig – Eigenschaften, die man direkt aus der alpinen Landschaft ableitete.
Das Unspunnenfest, dargestellt von Godefroy Engelmann dem Älteren, 19. Jahrhundert.
Das Unspunnenfest, dargestellt von Godefroy Engelmann dem Älteren, 19. Jahrhundert. Schweizerisches Nationalmuseum
Zur gleichen Zeit verbreitete sich in Europa die Idee der Nation. Politische und kulturelle Eliten suchten nach Traditionen und Eigenarten, die als «typisch» für ihre Länder gelten konnten. Oft wurde dabei lokales Brauchtum zu nationalem Kulturgut erhoben. In diesem Geist stand auch das erste Unspunnenfest von 1805. Initiiert wurde es vom Stadtberner Schultheissen Niklaus Friedrich von Mülinen und weiteren adligen Berner Burgern. Zum Programm gehörten mit Schwingen und Steinstossen auch sportliche Wettkämpfe. Ziel war es, die Spannungen zwischen den Städten und den ehemaligen Untertanengebieten auf dem Land abzubauen und das Gemeinsame zu betonen.
Porträt von Niklaus Friedrich von Mülinen, 19. Jahrhundert.
Porträt von Niklaus Friedrich von Mülinen, 19. Jahrhundert. Wikimedia / Bernisches Historisches Museum
Die Ironie der Geschichte: Von Mülinen und seine Mitstreiter standen für das Ancien Régime. Sie lehnten die von Napoleon in die Schweiz gebrachten Werte der Französischen Revolution ab und damit die rechtliche Gleichstellung der Landbevölkerung. Das Unspunnenfest war deshalb eine politische Selbstinszenierung im Gewand von Brauchtum und Sport. Gezeigt wurde das Volk – Regie führte jedoch die alte Elite.

20. Jahrhun­dert: Symbol­po­li­tik im Trikot und Inszenie­rung auf der Piste

Wer an politische Sportinszenierung im 20. Jahrhundert denkt, landet schnell bei autoritären Regimen und Diktatoren. Die von den Nazis organisierten Olympischen Spiele von 1936 sind wohl das bekannteste Beispiel. Doch auch demokratische Länder und Staatsoberhäupter nutzen den Sport bis heute als Bühne. Der Personenkult ist dabei meist weniger ausgeprägt als in der Antike oder im Mittelalter. Im Zentrum steht stärker die Botschaft, die ein Staatsmann oder eine Staatsfrau über den Sport vermittelt. Es geht um Symbolpolitik.

Ein Beispiel dafür ist Nelson Mandela bei der Rugby-WM 1995. Der erste schwarze Präsident Südafrikas erschien zum Final gegen Neuseeland im Trikot der südafrikanischen Nationalmannschaft. Rugby war traditionell der Sport der weissen Bevölkerung Südafrikas. Mandela eignete sich ein Symbol an, das die schwarze Bevölkerungsmehrheit mit der Apartheid verband. Vor einem Millionenpublikum verkörperte er so die nationale Versöhnung zwischen Schwarzen und Weissen. 
Der Auftritt von Nelson Mandela gehört zu den wichtigsten in der neueren Weltgeschichte. YouTube
Einen ähnlichen Versuch von symbolischer, nationaler Integration unternehmen jeweils Mitglieder des Bundesrats,  wenn sie an Eidgenössischen Schwingfesten auftreten und die Werte des Schwingsports als staatstragend präsentieren: Ueli Maurer beschwor 2013 in Burgdorf «Wurzeln, Werte und Weitsicht» als politisches Rezept für die Zukunft der Schweiz. Karin Keller-Sutter erklärte 2025 in Mollis, Schwingerideale wie Anstand, Respekt, Kameradschaft und Bescheidenheit seien auch allgemeingültige Schweizer Werte.
Der Sport eignet sich aber nicht nur für nationale Botschaften, sondern auch für persönliche Imagepflege. Besonders wirksam ist das, wenn Politikerinnen und Politiker ihr eigenes sportliches Können unter Beweis stellen. Alt-Bundesrat Adolf Ogi war ein Meister darin. Als ehemaliger Skilehrer und erfolgreicher Direktor des Skiverbands verkörperte er den Schweizer Sport wie kaum ein anderer. Bei Sportveranstaltungen erschien er deshalb nie pro forma, sein erster offizieller Auftritt als Sportminister Anfang 1998 bei der Eröffnung des Jugend-Skilagers zeigte das besonders schön: Ogi hielt nicht nur eine Rede, sondern schnallte sich die Ski an und flitzte mit den Jugendlichen die Skipiste hinunter. Es war eine typische Ogi-Inszenierung: volksnah, sportlich und trotzdem staatsmännisch.
Fast eine Art «Publireportage» für den neuen Sportminister Adolf Ogi. SRF

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Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit Swiss Sports History, dem Portal zur Schweizer Sportgeschichte, entstanden. Die Plattform bietet schulische Vermittlung sowie Informationen für Medien, Forschende und die breite Öffentlichkeit. Weitere Informationen finden Sie unter sportshistory.ch.

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