Der Kriegsausbruch in Jugoslawien 1991 scheint in der schweizerischen Öffentlichkeit vergessen, jedoch hat(te) er Konsequenzen für die Menschen in der Schweiz, die aus diesem Gebiet stammen. Sie wurden während und nach dem Krieg stigmatisiert, während die postjugoslawische Migration in die Schweizer Kultur und den Alltag hineinwirkt.
Jelica Popović hat Germanistik, Osteuropäische Geschichte und BKMS-Literaturwissenschaft studiert. In ihrer Dissertation hat sie sich dem Balkanbegriff und Balkandiskurs im postjugoslawischen Rap befasst. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der PH Zürich und ist als freischaffende Übersetzerin tätig.
«Europa hat seit dem letzten Weltkrieg keinen Krieg erlebt», hiess es in einem Beitrag der Nachrichtensendung «10 vor 10» zum Angriff Russlands auf die Ukraine. Die Aussage blendet die Jugoslawienkriege von 1991 bis 2001 aus und reflektiert die heutige Wahrnehmung dieser Kriege in der Schweiz. Diese selektive Wahrnehmung irritiert und verletzt jene Teile der schweizerischen Bevölkerung, die einen Bezug zum postjugoslawischen Raum hat. Ein bitteres Gefühl. Müdes Lächeln. Ohnmacht. Empörung. Das sind in etwa die Gefühle oder Zustände, welche das Vergessen gegenüber den jugoslawischen Bürgerkriegen auslöste. Weshalb diese Amnesie? Oder ist es Ignoranz?
Was sind die Jugoslawienkriege?
Die Jugoslawienkriege begannen 1991 mit dem Zerfall des sozialistischen Jugoslawiens. Nach einem kurzen Krieg in Slowenien eskalierten die Kämpfe in Kroatien und ab 1992 besonders in Bosnien-Herzegowina. Serbische, kroatische und bosnische Streitkräfte kämpften um Territorien und politische Kontrolle. Sarajevo wurde fast vier Jahre lang belagert. 1995 beendete das Dayton-Abkommen den Bosnienkrieg. Im Kosovo führten Repression, bewaffneter Aufstand und Gegengewalt ab 1998 erneut zum Krieg. Nach NATO-Luftangriffen zog sich Serbien 1999 aus dem Kosovo zurück.
Die Kriege waren von schweren Kriegsverbrechen geprägt. Dazu gehörten Massaker, Vergewaltigungen, Lager, Folter sowie die systematische Vertreibung und Ermordung von Zivilistinnen und Zivilisten. Besonders schwer waren die sogenannten «ethnischen Säuberungen» in Bosnien-Herzegowina. Im Juli 1995 ermordeten bosnisch-serbische Streitkräfte in Srebrenica mehr als 8000 muslimische Männer und Knaben. Internationale Gerichte stuften das Verbrechen als Genozid ein.
Mit den Kriegen und dem Zerfall des Vielvölkerstaates unterlag die integrative, «ethnisch-plurale», südslawische Idee der Vorstellung vom homogenen Nationalstaat, passte sich also der europäischen Staatenkarte an.
Beitrag zum Kriegsausbruch in Kroatien vom 17. Oktober 1991.SRF
Doch wie sehen die Erinnerungen der Menschen aus (Post-)Jugoslawien in der Schweiz aus? Der Ausbruch der Jugoslawienkriege veränderte, wie Menschen mit Wurzeln in Jugoslawien und dem Kosovo vom Rest der Schweiz wahrgenommen wurden. Waren sie vor den Kriegen Mitmenschen aus einem europäischen Land, geschätzte Arbeitskräfte, die vor allem in der Gastronomie, im Gesundheitswesen oder in der Baubranche arbeiteten, wurden sie durch den Kriegsausbruch stigmatisiert. Warum?
Der Rapper Bossnak erzählt von seinen Erfahrungen als Kriegsflüchtling und wie hart er für sein heutiges Leben in der Schweiz gearbeitet hat.YouTube / SRF Bounce
Von Mitmenschen zu «Jugos»
Einerseits wähnte sich «Europa» weit weg von einem Krieg, war doch der Kalte Krieg gerade erst beendet worden. In der Schweiz lebten anfangs der 1990er-Jahre gut 350’000 Menschen mit Wurzeln in Jugoslawien in der Schweiz, eine starke Präsenz im Verhältnis zur hiesigen Gesamtbevölkerung. Bei Kriegsausbruch war die Schweiz also direkt und konkret betroffen: Auf der einen Seite befürchtete man Konflikte der «unterschiedlichen Ethnien» in der Schweiz und auf der anderen Seite suchten Menschen Zuflucht, deren Aufenthaltsstatus nicht sicher war: Saisonnières oder Saisonniers und vor allem aber diejenigen, die Verwandte in der Schweiz hatten.«Jugo» wurde zu einem Schimpfwort. «Jugo», das auf Bosnisch/Kroatisch/Montenegrinisch/Serbisch (BKMS) «Süden» heisst. Mit einem Nachnamen, der auf «-ić» endete, hatte man Schwierigkeiten bei der Arbeits-, der Lehrstellen- und der Wohnungssuche – nicht anders mit albanisch klingenden Namen. Es kam beispielsweise vor, dass man bei der Wohnungssuche gefragt wurde, ob man zu den «Karadžić-Leuten» gehöre.
Der Rapper Brazzo feat. Steveomentals unterläuft mit seinem Lied «Jugo» die rassistische Bedeutung des Begriffs: Ein Akt der Selbstbehauptung.YouTube / Loft Records
Doch nicht nur im Alltag, sondern auch auf politischer und administrativer Ebene wurden die Menschen aus Jugoslawien zurückgestuft: Gehörte Jugoslawien bis anhin zum «zweiten Kreis», also demjenigen, der «traditionelle Rekrutierungsländer», mit denen man religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Wertvorstellungen gemeinsam hatte, wurde Jugoslawien 1991 in den «dritten Kreis» befördert. Aus Ländern, die zu diesem «dritten» und äussersten Kreis gehörten, war keine Migration vorgesehen. Die Nachfolgestaaten bekamen also in der Schweiz neu den Status analog zu den heutigen «Drittstaaten», was für Menschen in der Schweiz mit (post-)jugoslawischer Herkunft beispielweise bedeutete, dass sie zehn Jahre in der Schweiz wohnhaft sein mussten, bis sie die langersehnte Niederlassungsbewilligung C bekamen. In Stellenausschreibungen hiess es meist: «nur mit C-Bewilligung». In den Medien, aber auch im Alltag war immer öfter die Rede vom «Balkan».Arbeiterinnen und Arbeiter aus Ex-Jugoslawien demonstrieren im März 1998 in Lausanne für eine Aufenthaltsbewilligung.Schweizerisches Nationalmuseum / ASL
Der «Balkan» als unzivilisierter Raum
Die Historikerin Maria Todorova hat durch den jugoslawischen Zerfall und der damit einhergehenden westeuropäischen Berichterstattung den Balkanbegriff untersucht: Mit dem Begriff «Balkan» ist nicht bloss ein geografisches Gebiet gemeint. Vielmehr birgt er eine Reihe negativer Stereotypen, genannt Balkanismen. Der «Balkan» gehört zwar geografisch gesehen zu Europa, aber kulturell wird dieses Gebiet als das «innere Andere» konstruiert. Das heisst, dem «Balkan» werden vorwiegend negative Eigenschaften zugschrieben, die der «europäische Europäer» und der «Westen» von sich weist bzw. sie längst überwunden glaubt: Das bedeutet «Jugos» sind «aggressiv», «barbarisch», «halbzivilisiert», «halborientalisch», «rückständig», «primitiv». Diese Eigenschaften haben eine lange Tradition. Sie wurden aber während der Jugoslawienkriege in den 1990er-Jahren in der Schweiz reaktiviert und verstärkt. Dies hatte zur Folge, dass die Menschen, die bereits durch ihre Herkunft angesichts der Jugoslawienkriege stigmatisiert wurden, ob vor dem Krieg in der Schweiz wohnhaft, ob geflüchtet, möglichst versuchten, nicht aufzufallen. Indem sie sich teils überanpassten, wenig über ihre Traumata sprachen – mit Ausnahme vielleicht von ein paar Fussballspielern – reagierten sie auf die diskriminierenden Vorstellungen. Denn die vorherrschende Meinung war: «Bei euch herrscht/e Krieg, weil ihr so seid: ‹Aggressiv›, ‹barbarisch›, ‹halbzivilisiert›, ‹halborientalisch›, ‹rückständig›, ‹primitiv›.» Diese Festschreibungen von Eigenschaften hallen bis heute nach. Es gibt unterschiedliche Strategien, um damit umzugehen, entweder man überkompensiert sie, indem man sich überanpasst und sozusagen mit dem Hintergrund verschmilzt oder man überidentifiziert sich mit den Zuschreibungen und münzt sie positiv um.
Spielt mit Klischees: Der Zürcher MC Hero: «erfülle s Cliché Balkaner, Trainingsahzug, Schmuck, BMW» im Track «Ok, ok».YouTube / MC Hero ft. Drini
Als der Krieg in der Ukraine ausbrach, war die öffentliche und politische Reaktion in der Schweiz geprägt von Solidarität, Betroffenheit und Empathie. Der Status S wurde glücklicherweise eingeführt. Eben, es war ein Krieg in «Europa» ausgebrochen. Zugleich stellt sich die Frage nach dem Vergessen seitens der schweizerischen Öffentlichkeit gegenüber den Jugoslawienkriegen. Denn die postjugoslawischen Communities in der Schweiz haben weder den Krieg noch die Stigmatisierung bzw. die Stereotypisierung vergessen – sie ist immer noch und immer wieder Alltag. Was heisst es europäisch zu sein? Liegt es daran, dass die Postjugoslaw/innen schlicht zu wenig europäisch sind – aber was bedeutet das? Was bedeutet das für ihre Leidensgeschichten? Wie können sie erinnert und anerkannt werden? Welche Rolle spielt die hiesige Migrationspolitik für dieses Vergessen-machen?Wie Rohit Jain festgestellt hat, richtete sich der Assimilationismus, also diese Anpassungsdoktrin, die keine hybriden Identitäten vorsieht bzw. diese problematisiert, vor allem an die sogenannte zweite Generation: Um Erfolg zu haben, muss man sich an die Mehrheitsgesellschaft (über-)anpassen. Alles, was mit der Herkunft zu tun hat, Krieg, Traumata, Sorgen, wird verdrängt, ignoriert, marginalisiert. Diese Themen werden in die Communities verlagert. Entsprechend ignorant war oder ist die Mehrheitsgesellschaft diesen Erzählungen gegenüber.Demonstration am 4. Mai 1991 auf dem Bundesplatz in Bern gegen die Unterdrückung der Minderheiten im Kosovo.Schweizerisches Nationalmuseum / ASL
Der Einfluss der «Jugos» auf die Schweizer Jugend- und Alltagskultur
In der Alltagskultur hat die (post-)jugoslawische Migration sehr wohl ihre Prägung hinterlassen. Zum einen in der Sprache: Man denke an den Jugendslang, der gerne als «Balkanslang» markiert wird und bei manchen mittelständischen schweizerischen Eltern für Empörung sorgt, wenn die eigenen Kinder ohne Präposition und mit bestimmtem Akzent sprechen. Der «Balkanslang» wurde zur Jugendsprache und somit zu einer Varietät des Schweizerdeutschen. Was das Fluchen betrifft, so hat sich der Mutterfluch, sei es gleich in Originalsprache, Albanisch oder BKMS, oder als Übersetzung ins Schweizerdeutsche eingeschlichen und etabliert. Diese sprachlichen Interferenzen (die Übertragung von Strukturen von einer Sprache in eine andere) hängen eng mit der Hip-Hop Kultur und dem Rap zusammen, für den die gesprochene Sprache, der eigene Slang signifikanter Authentizitätsmarker ist. Die MCs mit postjugoslawischen respektive albanischen Wurzeln prägen die schweizerische Rapszene entscheidend.
Der Zürcher Rapper Danase hat zwar keinen postjugoslawischen Hintergrund, integriert in seinen Auftritt im SRF Cypher 2025 aber den Fluch «Jebem ti majku» und erwähnt Duško Dugouško, wie Bugs Bunny auf BKMS heisst.YouTube/SRF Bounce
Weitere Spuren finden sich im Alltag: Beispielsweise mit der negativ konnotierten und stereotypisierten Jogginghose, die sich als «Style» durchgesetzt hat, aller Verbote in den Schulen und an Arbeitsplätzen zum Trotz. Ferner ist keine Take-away Auslage beim Grossverteiler mehr ohne pite oder burek denkbar und auch das «Balkan-Regal» darf nicht fehlen.In der Jugendkultur wird der postjugoslawische Einfluss besonders sichtbar. Junge Männer mit kosovo-albanischem Hintergrund posieren vor einem BMW. Fotografie von Paco Carascosa, 2004.Schweizerisches NationalmuseumDer Zerfall Jugoslawiens wurde im postjugoslawischen Kulturschaffen immer und immer wieder thematisiert, in der Literatur, im Film, in der Musik, in der Rapmusik, sowie in der bildenden Kunst. Es gibt auch in der Schweiz mittlerweile vor allem Kulturschaffende der sogenannten Zweitgeneration, die sich der Thematik aufarbeitend widmen, vor allem in der Literatur. So beispielsweise Tanja Miljanović «Wenn wir wieder Menschen sind», Meral Kureyshi «Elefanten im Garten», Mina Hava «Für Seka», Melinda Nadj Abonji «Tauben fliegen auf». Bei dieser Aufzählung darf die Schriftstellerin Dragica Rajčić-Holzner nicht fehlen («Post bellum»), die massgeblich aber nicht nur als Vertreterin der ersten Generation den sogenannten Gastarbeitenden eine poetische Stimme verliehen hat. Sie alle nehmen Bezug auf die Kriege im postjugoslawischen Raum. Dennoch ist diese Thematik in der schweizerischen Öffentlichkeit (noch) nicht so weit angekommen, als dass die Kriegserfahrungen von Mitmenschen mit Wurzeln in Postjugoslawien bzw. dem Kosovo als solche im schweizerischen öffentlichen Bewusstsein präsent wären. Dabei geht es um die Geschichten Betroffener; aus ihrer Sicht und mit ihrer Stimme erzählt und gerade nicht nur darum, die Postjugoslawen ausschliesslich durch die Linse des Krieges stereotypisch zu betrachten und sie darauf zu reduzieren. Vielmehr geht es darum den Zerfall Jugoslawiens bzw. die Jugoslawienkriege und den Kosovokrieg als Verflechtung mit der schweizerischen Geschichte zu sehen und Bewusstsein und Raum dafür zu schaffen.
Krieg ist ein prägendes Element der Schweizer Geschichte. Die Ausstellung zeigt aus unterschiedlichen Perspektiven, wie Kriege vom Spätmittelalter bis heute politische Strukturen, wirtschaftliche Interessen und gesellschaftliche Ordnungen in der Schweiz beeinflusst haben und lädt dazu ein, verbreitete Vorstellungen vom Verhältnis der Schweiz zum Krieg zu hinterfragen – einem Krieg, der oft als fern gilt, aber tief im kollektiven Gedächtnis verankert ist.
André Perler23.11.2023Sibirie, Afrika, Le Brésil oder Himalaia – besonders schweizerisch wirken diese Orts- und Flurnamen nicht. Und doch liegen sie in unserem Land. Wohl einige hundert solcher «exotischer» Nachbenennungsnamen gibt es in der Schweiz.
Adrian Baschung14.02.2023Das deutsche Wort «Lärm» hat seine Wurzeln wie viele andere Alltagsbegriffe im Kriegswesen. Das Wort, das wir heute mit Autoverkehr, Baustellen oder anstrengenden Nachbarn in Verbindung bringen, leitet sich aus dem italienischen Ruf zu den Waffen – «all’arme» – ab.
Benedikt Meyer20.01.2020Rätoromanisch wurde 1938 vom Schweizer Stimmvolk als vierte Landessprache angenommen. Das wuchtige Ja war auch ein kräftiges Nein gegen den Faschismus.